Unterricht Ohne Schule zum Abi

Freiburger Schüler haben sich aus ihren Klassen abgemeldet, um sich selbst zu unterrichten.

Wenn Schüler keine Lust mehr auf Schule haben, träumen sie in der Regel davon, dass diese abbrennen oder wenigstens bald vorbei sein möge. Lenya Bock und Alwin Franke, zwei ehemalige Waldorfschüler aus Freiburg, träumen einen anderen Traum – den von der eigenen Schule. In der jeder so lernt, wie er es für richtig hält. In der sie nicht nur Fachwissen pauken, sondern das Lernen lernen. In der die Lehrer keinen Frontalunterricht geben, sondern die Schüler beraten – und von ihnen ausgesucht wurden. Sie sind dabei, diesen Traum wahr zu machen. Mit acht anderen Zwölftklässlern, bis auf einen alle Waldorfschüler, haben sie sich von ihren Schulen abgemeldet, einen Raum gemietet und Privatlehrer angestellt, so wollen sie sich eigenständig auf das Abitur 2008 vorbereiten.

Ein Dienstagmorgen, Anfang September, der Sommer ist auch in Freiburg schon vorbei. In einem Saal der Paulusgemeinde sitzen neun Schüler in einem Stuhlhalbkreis, alle zwischen 18 und 19 Jahre alt, Kapuzenpullis, Schals, es ist kühl, man muss die Heizung aufdrehen. Das Wetter erinnert daran, dass der Winter nicht mehr weit ist, gleichzeitig aber ein neues Frühjahr näher rückt und damit das Abitur. Die Zeit läuft.

Jan Lefin sitzt den Schülern gegenüber. Er hat einige Jahre an einer Waldorfschule unterrichtet, jetzt ist er Lehrer an einem staatlichen Gymnasium. Die Schüler haben ihn für Geschichte engagiert. An diesem Morgen simuliert er mit ihnen eine mündliche Prüfung: »Definieren Sie die soziale Frage.« – »Miserable Arbeitsbedingungen der Arbeiter, schlechte Löhne«, sagt eine Schülerin. Die anderen im Stuhlkreis machen sich Notizen. »Welche Ansätze zur Lösung der sozialen Frage gibt es?«, fragt der Lehrer den Nächsten in der Runde. Einen marxistischen, einen kirchlichen. »Wie haben die Arbeiter selbst versucht, sich zu helfen?« Das Colloquium geht über eine Stunde. »Ihr müsst konkreter formulieren«, sagt Lefin am Ende der Runde, sonst haken die Prüfer nach. »Und denkt an den Bezug zur Gegenwart – ›ist die soziale Frage heute gelöst?‹ – mit so was könnt ihr rechnen.« Die simulierten Prüfungen haben sie eingeführt, »damit wir sehen können, wo wir stehen«, sagt Alwin Franke. »Die Lehrer sind unsere fachliche Hilfe und unsere Qualitätskontrolle.« Aber sie stehen eben nicht vorne an der Tafel und dozieren.

Der erste Tag in der eigenen Schule: chaotisch, keiner hat etwas kapiert

Weil sie in ihrer Schule ihre Lernvorstellungen nicht umsetzen konnten, reifte in den Schülern der Gedanke, sich von der Schule abzumelden und sich selbst zu unterrichten. Das war im März. Seitdem sind sie am austüfteln, wie sie das am besten hinbekommen. Das hat viel Zeit gekostet. Alwin hatte drei Tage Sommerferien. Lenya keinen. Sie mussten Eltern überzeugen. Sie mussten einen Stundenplan erarbeiten. Der sieht vor, dass sie in Blöcken von drei bis vier Stunden Themen durcharbeiten. Von morgens 9 Uhr bis abends 17 Uhr, sechs Tage die Woche. 25 Stunden die Woche soll ein Lehrer dabei sein. Diese Lehrer mussten sie finden. Sieben haben sie jetzt zusammen, von Waldorfschulen wie von staatlichen Gymnasien. Sie mussten sich ein Modell überlegen, wie sie diese Lehrer finanzieren. Mit Sozialabgaben kostet sie eine Stunde 36,60 Euro. Dazu kommt noch die Miete für ihr »Klassenzimmer«, 250 Euro im Monat. Die Schüler rechnen mit 50.000 Euro bis zum Abitur. Die Eltern sollen nur einen kleinen Teil übernehmen, für den Löwenanteil wollen die Schüler selbst aufkommen. Sie haben einen Verein gegründet, um Sponsorengelder sammeln zu können. Eine Bank stellt einen Kredit über 35.000 Euro. Das Regierungspräsidium hat ihr Vorhaben abgenickt. Sie haben Dinge gelernt, mit denen sie sich in der Schule nie beschäftigt hätten.

Der erste Schultag Ende August an ihrer eigenen Schule war chaotisch, erzählt Lenya Bock. Es ging um die Voraussetzungen für die industrielle Revolution in Europa. Gemeinsam haben sie ein Tafelbild entworfen, keiner hat etwas kapiert. Aber sie haben gelernt, dass es so nicht geht. Jetzt gibt es immer einen Schüler, der sich besonders intensiv mit dem Lernstoff auseinandersetzt und für den Tagesablauf verantwortlich ist.

Dienstag, kurz vor 12 Uhr. Die Schüler sind bei Lehrplaneinheit 12.1, »Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft durch die Industrialisierung«. Sie haben sich eingelesen, jeder in dem Geschichtsbuch, mit dem er am besten zurechtkommt. Alwin erklärt den historischen Materialismus. »Ich geh dann mal an die Tafel«, sagt er und lacht. Er schreibt: Produktionsverhältnisse und Produktivkräfte. Er redet von Widerspruch und Überbau. Er kann schlüssig erklären. Trotzdem kommt ein »blick ich jetzt nicht« von den Stühlen. Also noch einmal. »Jetzt hab ich verstanden, wie der historische Materialismus funktioniert, warum er so genannt wird, aber nicht.« Darüber werden sie später noch einmal reden.

Haben sie manchmal Angst vor der eigenen Courage? Nein, sagt Lenya Bock, wir lernen intensiver als andere Abiturienten, das hatte ihnen auch der Geschichtslehrer nach der ersten Woche gesagt. Er sagt auch: »Das ist der steinigste Weg zum Abitur, den ihr euch ausgesucht habt.« Sogenannte externe Abiturienten müssen wesentlich mehr Prüfungen ablegen, weil ihnen die Leistungsnachweise aus der zwölften und dreizehnten Klasse fehlen. Die Regelung über das externe Abitur ist ursprünglich für Berufstätige gedacht. Voraussetzung ist, dass die Prüflinge volljährig, an keiner Schule angemeldet und noch nicht zweimal durchs Abi gerasselt sind.

Ob das Experiment geglückt ist, wird sich im Frühjahr zeigen

Dienstag, kurz vor der Mittagspause. Für den Nachmittag stehen Theater und Mathematik auf dem Stundenplan. Jetzt geht es noch einmal um Organisatorisches. Es gibt gute Nachrichten: Ein Freiburger Verlag stellt die Pflichtlektüren fürs Abi umsonst. Morgen kommt jemand von einem Wirtschaftsmagazin vorbei, sagt Alwin Franke, wer redet mit denen? Dann sagt er ein paar Worte zur Stiftungslage: »Wir haben einmal 1.000 Euro bekommen, einmal 6.000.« Das sei schon gut, »aber wir brauchen mehr Sponsoren«.

Es gibt nicht nur Befürworter des Experiments, es gibt auch einige Kritiker. Karl-Heinz Wurster gehört zu ihnen. Er ist Vorsitzender des Philologen-Verbandes Baden-Württemberg. Er hält das Unterfangen zwar für mutig, ist aber überzeugt, dass »das nach einer Selbstfindungsphase auf nichts anderes als einen einjährigen Chrashkurs hinauslaufen wird«. Genau das sei es nicht, sagen Alwin Franke und Lenya Bock, sie lernten viele Dinge über das Prüfungswissen hinaus.

Ob ihr Experiment glückt, wird sich im Frühjahr zeigen. Dann werden die autonomen Abiturenten ihre Prüfungen ablegen, am Faust-Gymnasium in Staufen bei Freiburg. Lenya will das Abitur nicht nur bestehen, sie will ein gutes Abi machen, um dann, genau wie Alwin, in Tübingen Philosophie zu studieren.

 
Leser-Kommentare
  1. Dass die Vorbereitung auf das Abitur nicht auf einem staatlichen Gymnasium geschehen muss, ist nichts neues. Ebensowenig die Tatsache, dass recht viele Schüler einen groll gegen das bestehende Schulsystem hegen, weil sie sich in ihrer Individualität eingeschränkt fühlen. Das ist in den verschiedenen Bundesländern natürlich entsprechend unterschiedlich ausgeprägt, da wir ja bekanntlich 16 verschiedene Schulsysteme aufweisen können, die sich zum Teil nur wenig aber dennoch unterscheiden.

    Neu hingegen ist die Kombination von beidem. Einige nennen es "mutig". Ich würde eher den Ausdruck "Verantwortnugsbewusstsein" verwenden. Ganz offensichtlich sind die Zweifel, welche die Schüler innen und Schüler zu dieser neuen Vorbereitungsform bewogen haben, so groß, dass sie nicht nur große finanzielle Anstrengungen unternehmen (geplante Kosten: 50.000 €), sondern auch - bei nicht oder schlechter bestandenem Abitur - ein entsprechendes Risiko für das spätere Berufsleben bereit sind zu tragen.

    Was an diesem Beispiel aber so wichtig ist, die Initiative wurde von den Schülern übernommen, ebenso wie die Verantworung. Letzteres ist natürlich immer der Fall. Aber die Initiative wird sonst von überehrgeizigen Eltern übernommen, die der Meinung sind mit genügend Druck und Geld ihre Kinder zu Genies heranzüchten zu können. Dass es auch anders geht, beruhigt mich sehr! Vielleicht wird es in einigen Jahren ja usus sein, dass engagierte Schülerinnen und Schüler sich selbst auf ihr Abitur vorbereiten. Eventuell sollte der Staat zumindest das finanzielle Risiko soweit eindämmen, dass der Start in das Berufsleben nicht mit dem Antrag auf Privatinsolvenz beginnt.

  2. Hut ab für diese mutige und Hoffnung machende Entscheidung. Selbst die, die möglicherweise das Abitur nicht beim erstenmal packen, gewinnen durch das Konzept. Wer aus diesem Kurs kommt, hat auf jeden Fall Studierreife und wahrscheinlich auch eine ganze Menge mehr Lebensreife, als das, was unsere öffentlichen Schulen so an die Unis schicken. Hat der Herr vom Philologen-Verband Angst um seine Pfründe?
    Ich wünsche den Schülern jedenfalls alles Gute. Das habt Ihr (jetzt schon) gut gemacht.

  3. Nicht die Schulen sollten einen Anspruch auf das Schulgeld haben sondern die Schüler. Natürlich muss das Geld zweckgebunden verwendet werden. Natürlich kann auch mal was schief gehen, aber das passiert ja laufend auch in den bestehenden Schulen. Die Schulen müssten sich dann ein bisschen mehr anstrengen um Schüler zu bekommen.
    Der Staat könnte wirklich so ein innovatives Projekt unterstützen. Hoffentlich gehen einige von diesen jungen Leuten in die Politik, damit sich auch dort mal was bewegt.
    Alles Gute!

  4. Hut ab vor diesem unbequemen Weg.

    Ich hoffe, die Desillusionierung kommt nicht in der Uni, wo man dann wieder (und besonders seit der Einführung der modularisierten BA-Studiengänge) in ein Raster gepresst wird, in dem Frontalunterricht leider keine Seltenheit ist, und links und rechts Studierende sitzen, die es gern bequem und einfach hätten.

    Ich würde übrigens gern helfen, wenn ich kann. Zum Beispiel über ein E-Mail oder Skype Tutorium in Englisch? (die notwendigen Qualifikationen sind vorhanden, allerdings lebe ich seit Januar nicht mehr in Freiburg, sondern in Canberra/Australien.) Also: meldet Euch, wenn ihr Hilfe bracht.

    • Kometa
    • 18.09.2007 um 8:10 Uhr

    Was für ein unsachlich-eitles, unvollständiges Bericht-chen; was für vermessene Kommentare von völlsüchtigen, schulisch Unzufriedenen & eigenvermöglichen Helden!

    Money and Vitamin B fürs Eigenblut:

    Woher und in welcher Verantwortung das Geld von einer Sparkasse kommt; wieso Lehrereltern aus der Waldorferei für ihre Infantilitäten, die Schulprobleme haben, ihre chaos-Bildnerei finanziell, mit allgemein-staatlichen Mitteln aufpeppen können – kein Wort der Erklärung dazu!

    Dort werden einige Lehrkräfte als Tagelöhner geheuert und gefeuert, wie es die Dummlage und die Aversisonen vorgeben; und die Unerzogenheit von hochbürgerlichen „Studis“ wird zum Maßstab für das, was verfassungsrechtlich in die staatliche Kompetenz der Erziehungsinstitutionen gehört, in eine Verwaltung, der man sich hier zum eigenen Nutz und Vorteil und Un-Frommen zu entziehen verhebt.

    Analoge Muster des Aufhebens der gesellschaftlichen Verantwortung gibt es ja schon bei Sekten und Gene(i)al-Kapitalisten, die der Anpassung unfähig sind: im Rechtswesen, in der Heilkunst - neuerdings in eigenmächtiger Militärdoktrin: Doping allüberall. Man kennt die Quellen und die öffentlich einsehbaren und einübbaren Anforderungen der Zentral-Abitur-Aufgaben. Das als Qualifikationsnachweis traut man sich zu. Einschließlich Wiederholung.

    Wer das von einem „Zukunftsmodell für die Verantwortungsbewussten“ spricht, hat einen kapitalen, asozialen Knall; da denkt schon einer mit dem Schwips der Neureichen, dass er wirtschaftliche Vorrechte reklamieren muss – mit garantierter Vermeidung von „Insolvenz“.
    ZEIT? … Tempora!
    Bisher haben ständisch Privilegierte und Kapitalbeuter diskreter ihre ökonomischen Tendenzen für den derangierten Nachwuchs aktiviert, in Internaten oder mit Privatlehrern. Jetzt nutzen sie ihr Wissen und ihre Beziehungen für unverschleierte Machenschaften.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ich stimme Ihnen zu, wenn Sie sagen, daß die Freiburger Aussteiger nicht das "Zukunfstmodell für Verantwortungsbewusste" darstellen dürfen -- gute Schüler haben auch eine gewisse soziale Verantwortung gegenüber weniger guten und solche Eigentouren sind in gewisser Hinsicht auch nicht unegoistisch.

    Die Vorwürfe, die sie den Jugendlichen und ihren Eltern machen, sind allerdings schwerer nachzuvollziehen, geht's etwas genauer?

    Ich stimme Ihnen zu, wenn Sie sagen, daß die Freiburger Aussteiger nicht das "Zukunfstmodell für Verantwortungsbewusste" darstellen dürfen -- gute Schüler haben auch eine gewisse soziale Verantwortung gegenüber weniger guten und solche Eigentouren sind in gewisser Hinsicht auch nicht unegoistisch.

    Die Vorwürfe, die sie den Jugendlichen und ihren Eltern machen, sind allerdings schwerer nachzuvollziehen, geht's etwas genauer?

  5. Ich stimme Ihnen zu, wenn Sie sagen, daß die Freiburger Aussteiger nicht das "Zukunfstmodell für Verantwortungsbewusste" darstellen dürfen -- gute Schüler haben auch eine gewisse soziale Verantwortung gegenüber weniger guten und solche Eigentouren sind in gewisser Hinsicht auch nicht unegoistisch.

    Die Vorwürfe, die sie den Jugendlichen und ihren Eltern machen, sind allerdings schwerer nachzuvollziehen, geht's etwas genauer?

    Antwort auf "Bildungsmachenschaften"
    • nerone
    • 11.10.2007 um 12:11 Uhr

    Dass die Schüler ihr Schicksal selbst - und sicherlich mit Hilfe - in die Hand nehmen ist zunächst einmal ausschließlich Lobenswert. Ihre Initiative hat nichts von dem was Kometa da theoretisiert, was stark nach Verschwörung und Dünkel klingt. Schade eigentlich das Kometa so tönt. Anderseits steckt in ihrer Kritik durchaus sinnvolles. Das Ausscheren aus den öffentlichrechtlichen Systemen kann nicht gesellschaftliches Modell werden. Warum sich allerdings öffentlichrechtliche Systeme einer ganz eigenen Vernunft verschreiben ist auch nicht einleuchtend. Selbst die dem Rationalen verschriebenen Frontal21-Redakteure verfassen entsetze Berichte über die Folgene einer kurzsichtigen Bildungspolitik, die zu überforderten Kindern mit bis zu 40 Stunden Bildungsarbeit die Woche führen, ohne Bildung für künstlerische, philologische und musische Inhalte! Ziel ist Bildung Produktionsbedürfnissen unterzuordnen. Was aber wenn dieselben Schüler dann eines Morgens aufwachen und feststellen dass sie als Produzenten nicht gebraucht werden? Kritik muss den Gestaltern aufgebürdet werden, jene die mit ihren Mitteln Gesellschaft lenken. Dass ist m.E. die Politik. Solange sie sich als unfähig erweist zerbricht vor unseren Augen auch gesellschaftlicher Zusammenhalt. Jeder sucht dann die Nische, die er für sich und die Seinen förderlich findet. Letztlich geschieht da in Freiburg, was sich die Politik wünscht: Eigeninitiative. Sehr liberal, Kapital und Beziehungsgesteuert - bestimmt - und auch: Elite bildet Elite aus - aber vielleicht werden dass jene sein, die Systeme ändern können, weil sie selbst etwas probiert haben. Ich bin übrigens überzeugt, dass die das packen können.

    Beste Grüße

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  • Quelle DIE ZEIT, 13.09.2007 Nr. 38
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  • Schlagworte Bildung | Lernen | Schule
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