Das Gemeine an der Depression ist, dass sie so schleichend beginnt: Der Anrufbeantworter voll und keine Lust, zurückzurufen. Nicht einschlafen können und vor dem Wecker aufwachen – mit dem Gefühl, nicht aus dem Bett zu wollen. Sich nicht zum Sport aufraffen, keine Freude am Essen haben, nicht einmal Lust auf Sex. Jedes Symptom für sich nur eine »Befindlichkeitsstörung«, aber zusammen entwickeln sie einen Sog.

Psychische Probleme sind in Deutschland inzwischen die vierthäufigste Diagnose bei Krankmeldungen. Schon jetzt machen sie den größten Anteil der Fehlzeiten aus. Wer depressiv wird, fällt in der Regel länger aus als jemand, der sich erkältet, einen Nerv eingeklemmt oder ein Bein gebrochen hat. Viele kehren gar nicht in den Beruf zurück: In der aktuellen Statistik der Rentenversicherer sind seelische Krankheiten die häufigste Ursache für Berufsunfähigkeit: Für 27 Prozent der männlichen und 38 Prozent der weiblichen Frührentner war dies der Grund, aufzuhören. Und Auslöser ist immer öfter die Arbeit selbst.

Ob jemand unter beruflichem Stress zusammenbricht, hängt von der Arbeitsbelastung genauso ab wie von persönlichen Voraussetzungen und sozialen Faktoren. »Stress lässt sich nicht mit dem Fieberthermometer messen«, sagt Hans-Peter Unger, Leiter der psychiatrischen Abteilung am Asklepios-Klinikum Hamburg-Harburg. »Aber mit der Globalisierung sind die psychischen Anforderungen allgemein gestiegen.« Der Wandel in der Arbeitswelt wird für viele zur Belastung: Ständig erreichbar zu sein, ob per E-Mail und Mobiltelefon, lässt die Grenzen von Arbeit und Freizeit verschwimmen. Auf den weltweiten Märkten ist der Konkurrenzdruck groß – für die Unternehmen, aber auch für die Arbeitnehmer. Zwischen 1997 und 2004 ist der Krankenstand laut einer Statistik der Deutschen Angestellten Krankenkasse stetig gesunken, die Zahl der Krankschreibungen aufgrund psychischer Probleme aber um 70 Prozent gestiegen. Bei anderen Krankenkassen zeigt sich ein ähnliches Bild.

Soweit die Zahlen eine Analyse zulassen, sind bestimmte Berufe besonders betroffen: Ärzte und Pflegepersonal, Lehrer, Banker, Journalisten, Angestellte der öffentlichen Verwaltung, aber auch Dienstleister aus der Post- und Telekommunikation. Johannes Siegrist, Direktor des Instituts für Medizinische Soziologie an der Universität Düsseldorf, warnt vor falschen Rückschlüssen: »Es gibt nicht den Beruf, der krank macht.« Zwar sei in einigen Berufen Dauerstress häufiger, es spielten aber auch andere Faktoren eine Rolle. Im öffentlichen Dienst oder in der Post- und Telekommunikationsbranche etwa seien die Unsicherheiten durch Privatisierung und Rationalisierung besonders groß. Selbst wer nach dem Stellenabbau seinen Arbeitsplatz behält, unterliegt laut Siegrist in den Folgejahren einem höheren Risiko, an einer Depression zu erkranken. Siegrist spricht drastisch von denen, die Entlassungswellen »überlebt« haben. Wie die Überlebenden einer Katastrophe werden sie mit dem Gefühl, noch einmal davongekommen zu sein, ihres Lebens nicht mehr froh.

Doch es ist nicht nur die schiere Existenzangst, die seelisch krank machen kann. »Denken Sie an den Banker, der seine ganze Energie in die Karriere steckt, und dann fusioniert die Bank, und jemand anderes bekommt den Posten«, sagt der Stressforscher. Schädlicher Stress entstehe vor allem dann, wenn hohe Verausgabung mit geringen Belohnungschancen verbunden sei. Der Soziologe hat dafür den Begriff »Gratifikationskrise« geprägt. Auslöser solcher Krisen ist oft schlechte Mitarbeiterführung. Denn manchmal könnte ein anerkennendes Wort Wunder tun, wenn es denn ernst gemeint ist: In Umfragen waren Angestellte trotz guter Gehälter mit ihren Jobs unzufrieden, weil sie sich von den Chefs nicht gesehen fühlten. Umgekehrt kann Lob schlechten Lohn zumindest eine Zeitlang vergessen machen. Wissenschaftler halten die ideelle Wertschätzung deshalb für mindestens so wichtig wie finanzielle Anerkennung.

Schmerzhaft sind Gratifikationskrisen vor allem dann, wenn sich Menschen stark mit ihrem Beruf identifizieren. »Gefährdet sind diejenigen, die einen sehr hohen Anspruch an sich und ihre Arbeit haben«, sagt Hans-Peter Unger. Wer Arzt werde, Lehrer oder Journalist, der wolle meist etwas bewirken. Viele litten dann darunter, wenn Anspruch und Wirklichkeit auseinanderklafften. Manche würden aggressiv, andere zynisch, bis sie schließlich alle Freude am Arbeiten verlören.

Hohe berufliche Motivation, die in totale Abneigung gegen die Arbeit umschlägt – dieses Phänomen wird mittlerweile mit einem eigenen Krankheitsbild bezeichnet, dem Burnout-Syndrom. Im fortgeschrittenen Stadium ist es von der Depression kaum zu unterscheiden. Zu Beginn ist Burnout aber zum Teil auch hausgemacht: weil Menschen zu viel von sich verlangen oder sich zu sehr in die Arbeit stürzen. Der Manager, der von der Brücke springen will, weil seine Familie ihn verlassen hat – für Hans-Peter Unger ist das keine Szene aus Hollywood, sondern ein Fall aus der Praxis. »Dass sie sich zu sehr auf die Arbeit konzentriert haben, merken viele erst, wenn das Privatleben schon zerstört ist«, sagt der Hamburger Chefarzt.