Die Diva, göttlich und irdisch zugleich, ist eine Auserwählte im Starsystem. Wie aus dem Nichts erscheint sie plötzlich im öffentlichen Raum und zieht unsere Aufmerksamkeit auf sich. Zwar wissen wir, dass sie wie jede andere Berühmtheit das Produkt einer geschickt gesteuerten Starmaschinerie ist. Doch die Diva ist kein bloß manipulierter Kunstkörper. An ihr zieht uns etwas an, dessen wir nicht habhaft werden können. Im Timbre ihrer Stimme, im Ausdruck ihrer Gestik liegt eine Authentizität, die Voraussetzung für das Starimage ist und Bedingung für unseren Genuss. Ihre außerordentliche Begabung sowie die tragischen Umstände ihres Lebens sorgen dafür, dass die persönliche Geschichte vom Image nie zu trennen ist. Dadurch stellt sich bei der Diva die Frage nach der existenziellen Substanz, von der ihr Starkörper zehrt, mit besonderer Brisanz. Sie verkörpert nicht nur Glamour, sondern auch einen Schmerz: Der reale Leib in seiner Versehrtheit hat am verführerischen Spiel immer teil. Weil die Diva bereit ist, in ihrer Kunst alles zu riskieren und sich uneingeschränkt zu verausgaben, sind wir bereit, sie grenzenlos zu bewundern. Doch dieses Tauschgeschäft hat einen hohen Preis. Nicht ganz von dieser Welt, ist die Strahlkraft der Diva immer gefährdet.

Kaum eine Sängerin hat uns den Glanz und das Leid der Diva so vollkommen vorgeführt wie Maria Callas. Der veralteten Operntradition des Belcanto hat sie den Einzug in die Massenkultur ermöglicht, weil sie über ein rein vokales Feuerwerk hinaus in der dramatischen Intention der Musik eine emotionale Wahrheit entdeckte, der sie mit ihrem expressiven Gesicht, glamourösen Körpergesten und einer makellosen Gesangstechnik Ausdruck verlieh. Ihre subtile schauspielerische Darbietung der melodramatischen Heroinen des 19. Jahrhunderts ließ erkennen, wie modern diese Frauen in ihrer Lebenslust, ihrer Eifersucht, ihrer Verzweiflung und in ihrem Selbstopfer sein konnten. Darin glich Callas ihren Rollen, war doch auch sie bereit, aus einer grenzenlosen Liebe für die Musik selbst ihre Stimme nicht zu schonen und sich den Forderungen ihres Gesangs wie eine Hohepriesterin zu unterwerfen. Von einem ausgeprägten Perfektionswahn und der Begeisterung für die Opern von Bellini, Rossini und Verdi getrieben, fand ihre Leidenschaft als Sängerin und als Frau in den Emotionen der Norma, Medea und Traviata die perfekte Ausdrucksform. Callas machte sich das Schicksal dieser Frauenfiguren zu eigen und war zugleich von diesem selbst besessen.

Der Kunsthistoriker Aby Warburg spricht von Pathosformeln, um jenes Zusammenspiel von rauschhafter Ergriffenheit und Besonnenheit zu benennen, das die Oper auszeichnet. Auf der Bühne setzen sich große Emotionen in Gestik um. Die Intensität des Pathos und die musikalische Formalisierung halten sich jeweils die Waage. Nachhaltig berühmt bleiben die Auftritte der Callas, weil sie ihre persönliche Leidenschaft in die der von ihr verkörperten Heroinen übergehen lassen konnte. In der Distanz zu sich selbst, die über das Anlegen der Rolle gewonnen wurde, lag jene Intimität, die ihrem Publikum den Eindruck vermittelte, dass sie die Emotionen nicht nur darstellt, sondern mit ihnen verschmilzt. Zugleich blieben diese Darbietungen eine Pose, aus der die Callas nie herausfiel. In der Rolle der Tosca in Zeffirellis Inszenierung in Covent Garden 1964 – ihrer letzten Opernaufführung überhaupt – erscheint sie nicht als souveräne Diva, sondern als hilflose und verzweifelte Liebende, die scheinbar wirklich weint, während sie singt. Dennoch besteht kein Zweifel: Diese erstaunliche Vermengung von Sängerin und Bühnengestalt ist zugleich Ausdruck ihres Diventums: Sie scheute nie davor zurück, in ihren Auftritten bis an die Grenze ihrer stimmlichen und dramatischen Möglichkeiten zu gehen – und dennoch blieb sie immer unnahbar.

Maria Callas hat zwar für den Einzug des Schauspiels in die Opernwelt gesorgt, doch mit ihr ist die Diva von dieser Bühne verschwunden. Erfolgreiche Sängerinnen wie Cecilia Bartoli oder Anne Sophie von Otter geben sich bodenständig und planen in weiser Voraussicht. Klug berechnen sie ihre Karriere und wollen lieber den Weg einer Christa Ludwig einschlagen, die noch im hohen Alter Konzerte meistern konnte, als sich zu verausgaben und vorzeitig zu erlöschen.

Doch auch auf anderen Schauplätzen unserer zeitgenössischen Medienlandschaft taucht die Diva nicht auf, als wäre ihre Kompromisslosigkeit aus der Mode geraten. So sehr Callas sich zeit ihres Lebens gegen die Vorwürfe von Operndirektoren und Musikkritikern zur Wehr setzen musste, so sehr vertrat die in Brooklyn aufgewachsene Tochter griechischer Einwanderer die Pathosgeste des individuellen Widerstands. Gern behauptete sie von sich: »Ich bin frei, weil ich keine Konzessionen mache.« Diese Souveränität hat in unserer Welt, deren liberalisierte Ökonomie immer mehr Flexibilität von den Menschen fordert, kaum Platz. Jede Diva zeichnet eine strenge Disziplin aus, die dazu führt, dass sie sich ihrer Arbeit gänzlich verpflichtet, und Callas forderte von sich selbst, ihrer Vorstellung von künstlerischer Perfektion immer treu zu bleiben. Sie wollte sich nicht geschmeidig den Belangen der Opernwelt anpassen und reibungslos in dieser funktionieren. Deshalb war sie unnachahmbar.

Ungeachtet jeglicher Konsequenzen, verfolgt eine Diva hartnäckig ihr Ziel. In eine Öffentlichkeit, in der Meinungsumfragen alles beherrschen, passt eine solche Aufrichtigkeit schlecht. Vermarktungsstrategien sind überall sichtbar, alles wird im Voraus genau berechnet. Funktionieren kann eine Berühmtheit heute, wenn sie gefällig ist. Selbst eine Kontroverse muss den Befindlichkeiten des Publikums angepasst sein. Eine begabte Politikerin wie Hillary Clinton sichert ihre öffentlichen Auftritte mit derselben Absolutheit ab, mit der eine Diva bereit ist, alles aufs Spiel zu setzen. Jede Reaktion, die die Senatorin mit ihren Aussagen auslösen könnte, ist immer schon mitkalkuliert. Dies mag zwar für eine Anwärterin auf die US-Präsidentschaft pragmatisch sein, führt jedoch auch zum Vorwurf fehlender Glaubwürdigkeit. Aus Hillary Clinton sprechen so viele fremde Stimmen, dass man den Eindruck gewinnt, sie spreche als politischer Automat aus, was ihre weltklugen Berater ihr eingeflößt haben. Zugleich gelingt es ihr nicht, die eigene Machtlust zu verbergen, sodass jede Selbstkritik, mit der sie eine frühere Entscheidung in der öffentlichen Meinung zu korrigieren sucht, als reine Markttauglichkeit begriffen wird. Das perfekte Kalkül stützt zugleich unwillentlich jenen paranoiden Hang unserer zeitgenössischen Kultur, der mit Vorliebe alles unter Verdacht stellt, hinter allem eine Verschwörung wittert und deshalb allen öffentlichen Personen misstraut.