Herr Beier, wie war Ihre erste Begegnung mit dem Täter Armin Meiwes?

Recht bizarr. Das lag allerdings nicht an ihm, sondern daran, dass man mir in der Justizvollzugsanstalt zwei Wachleute zur Seite gestellt hatte, die mich auf Schritt und Tritt begleiten sollten. Man hat dort offensichtlich angenommen: Der Mann fällt mich an und isst mich als Nächstes auf, ähnlich wie Hannibal Lecter aus dem Film Das Schweigen der Lämmer, der Menschen gegen ihren Willen tötet und verspeist. So etwas würde Meiwes nie tun. Er ist weder ein geistesgestörter Mörder noch ein Sadist.

Was waren dann seine Motive?

Meiwes leidet an einer schweren Bindungsstörung und einer extremen Form von Fetischismus. Diese richtet sich auf Fleisch, das von Männern stammen muss, die ihm sympathisch sind und sich freiwillig zur Verspeisung anbieten. Er hatte schon vor der Pubertät das Gefühl, dass er eine echte Bindung nur erreicht, indem er sich den anderen einverleibt. Um das zu verstehen, muss man sein Verständnis von Sexualität erweitern. Die meisten verbinden damit ausschließlich Lust. Aber zur Sexualität gehört auch die Beziehungsdimension. Mit dem Schlachten seines Opfers wollte Meiwes keinen Lustgewinn erreichen, wie es bei Sadisten der Fall wäre, sondern eine Bindung eingehen.

Und da ist er auf Bernd Brandes gestoßen, der sich bereit erklärt hatte, sich schlachten und essen zu lassen. Ein abstruses Traumpaar?

Nein. Zwar waren beide mit den Taten einverstanden, aber ihre Ziele deckten sich in keiner Weise. Sie haben sich gegenseitig etwas vorgemacht. Brandes wollte sich den Penis abtrennen lassen und Qualen erleiden, ein extremer Fall von Masochismus. Dafür hat er seinen Tod in Kauf genommen und so getan, als wäre es das Größte für ihn, wenn Meiwes ihn sich einverleibt. Dem wiederum waren die quälenden Handlungen zuwider, aber er nahm sie in Kauf, um an sein Ziel zu kommen. Im Grunde genommen handelte es sich um gegenseitiges Instrumentalisieren; ein Phänomen, das wir auch in normalen Partnerschaften finden.

Welche Rolle spielte das Internet in dieser fatalen Beziehung?