Sexualwissenschaft Kannibale und Liebe

Der Sexualwissenschaftler Klaus M. Beier hat den Fall des »Kannibalen von Rotenburg« untersucht und nun ein Buch über sexuellen Kannibalismus geschrieben. Ein Interview

Herr Beier, wie war Ihre erste Begegnung mit dem Täter Armin Meiwes?

Recht bizarr. Das lag allerdings nicht an ihm, sondern daran, dass man mir in der Justizvollzugsanstalt zwei Wachleute zur Seite gestellt hatte, die mich auf Schritt und Tritt begleiten sollten. Man hat dort offensichtlich angenommen: Der Mann fällt mich an und isst mich als Nächstes auf, ähnlich wie Hannibal Lecter aus dem Film Das Schweigen der Lämmer, der Menschen gegen ihren Willen tötet und verspeist. So etwas würde Meiwes nie tun. Er ist weder ein geistesgestörter Mörder noch ein Sadist.

Was waren dann seine Motive?

Meiwes leidet an einer schweren Bindungsstörung und einer extremen Form von Fetischismus. Diese richtet sich auf Fleisch, das von Männern stammen muss, die ihm sympathisch sind und sich freiwillig zur Verspeisung anbieten. Er hatte schon vor der Pubertät das Gefühl, dass er eine echte Bindung nur erreicht, indem er sich den anderen einverleibt. Um das zu verstehen, muss man sein Verständnis von Sexualität erweitern. Die meisten verbinden damit ausschließlich Lust. Aber zur Sexualität gehört auch die Beziehungsdimension. Mit dem Schlachten seines Opfers wollte Meiwes keinen Lustgewinn erreichen, wie es bei Sadisten der Fall wäre, sondern eine Bindung eingehen.

Und da ist er auf Bernd Brandes gestoßen, der sich bereit erklärt hatte, sich schlachten und essen zu lassen. Ein abstruses Traumpaar?

Nein. Zwar waren beide mit den Taten einverstanden, aber ihre Ziele deckten sich in keiner Weise. Sie haben sich gegenseitig etwas vorgemacht. Brandes wollte sich den Penis abtrennen lassen und Qualen erleiden, ein extremer Fall von Masochismus. Dafür hat er seinen Tod in Kauf genommen und so getan, als wäre es das Größte für ihn, wenn Meiwes ihn sich einverleibt. Dem wiederum waren die quälenden Handlungen zuwider, aber er nahm sie in Kauf, um an sein Ziel zu kommen. Im Grunde genommen handelte es sich um gegenseitiges Instrumentalisieren; ein Phänomen, das wir auch in normalen Partnerschaften finden.

Welche Rolle spielte das Internet in dieser fatalen Beziehung?

Letztlich die entscheidende. Die beiden haben sich ja über ein Forum kennengelernt. Im Internet bildet sich einfach ein viel größerer Pool an Menschen mit abweichenden Neigungen. In der Folge entstehen dort Gruppennormen, die das Pathologische mehr und mehr als normal erscheinen lassen. Dadurch sinkt die Schwellenangst, Fantasien in die Tat umzusetzen. Das war auch bei Meiwes und Brandes so.

Wie entstehen solche bizarren Neigungen überhaupt?

Es ist schwer zu erklären, warum ausgerechnet bei den beiden diese spezifische neuronale Verschaltung im Hirn zustande gekommen ist. Natürlich finden wir Erklärungsansätze in ihren Biografien. Aber das ist zu wenig. Denn wie bei vielen Störungsbildern gilt: Es gibt immer andere Menschen, die ganz ähnliche Risikofaktoren aufweisen und keine derartige Störung herausbilden.

Hätte man die beiden therapieren können?

Die sexuelle Präferenz können wir nicht ändern. Aber man muss Menschen damit aussöhnen und ihnen ihre Schuldgefühle nehmen, weil sich niemand seine sexuellen Neigungen aussucht. Und man muss vor allem dafür sorgen, dass solche Menschen anderen keinen Schaden zufügen. Das bedeutet natürlich, dass sie ihre Fantasien nicht realisieren können. Es gilt: Vorstellen kann man sich alles, tun nichts. Verändern können Sie die Impulse also nicht, wohl aber vollständig kontrollieren, gegebenenfalls auch mit Medikamenten.

Hätte das in einem solchen Extremfall etwas genützt?

Grundsätzlich können wir Menschen erreichen, deren sexuelle Neigungen andere gefährden – wenn sie zu einer Therapie motiviert sind. Denn in ihrem Erleben und Verhalten sind sie anderen Menschen ansonsten völlig vergleichbar, meist unterscheiden sie sich nur, was ihre besonderen sexuellen Präferenzen angeht.

Waren Sie von Meiwes’ Neigung und Tat überhaupt nicht schockiert?

Man muss an die Welt der sexuellen Abweichungen nüchtern herangehen. Das will ich auch mit meinem Buch zeigen. Zum einen muss man bei allen Menschen beachten, dass die Beziehungsebene großen Einfluss hat und Menschen auf Bindungen programmiert sind. Zum anderen muss man akzeptieren, dass wir alle in bestimmter Weise determiniert sind, auch sexuell. Wir müssen aber die Verantwortung für diese Determinierung übernehmen, wenn wir damit anderen schaden können. Dazu müssten Betroffene ohne moralische Bewertung professionelle Hilfe in Anspruch nehmen können – und zwar im Vorfeld. Wenn wie bisher vor allem Internetforen als Anlaufstelle dienen, dann blüht da die Subkultur. Daraus erwachsen die nächsten Taten.

Interview: Alexandra Frank

 
Leser-Kommentare
  1. Was Kannibalismus und Sexualität miteinander verbindet, ist schon seit ca. 40 Jahren bekannt. 1971 verfasste Oscar Kiss Maerth das Buch "Der Anfang war das Ende - Der Mensch entstand durch Kannibalismus". In diesem Buch stellt er eine brisante - aber bis heute unbeachtete - These auf: unsere Affenvorfahren töteten aus sexuellen Gründen ihre Artgenossen, um deren Gehirne zu verzehren. Dies taten sie, um ihre sexuellen Impulse zu steigern. Gerade die Hypophyse mit ihrem Hormon-Cocktail war das begehrte Beutestück. Das interessante ist, dass sich dies mit vielen "Kannibalen-Geschichten" aus dem 19. Jahrhundert deckt: für fast alle kannibalistischen Stämme ist die Hypophyse das begehrte Objekt, weil sie sexuell aktiv macht.Man kann also fast behaupten, dass Kannibalismus und Sexualität zwei Geschwister sind. Wobei der Kannibalismus unter Affen / Menschen aus sexuellen Gründen begann,  und über einen Zeitraum von ca. einer Million Jahre lückenlos fortgeführt wurde.Besonders interessant ist an der These von Maerth die Parallelität, die er zur biblischen Genesis mit der Ursünde zieht: Die ersten Affen griffen - verführt von der Schlange (einem alten Symbol für Sexuelle Kraft) -  nach der Frucht vom Baum der Erkenntnis (dem Gehirn der Artgenossen). Daraufhin wurden sie klug und nackt. Dies erscheint mir die einzig sinnvolle und logische Deutung des Sündenfalls zu sein.Wer sich also ein bisschen mit der Historie des Kannibalismus beschäftigt, dem erscheint der Zusammenhang zwischen Sexualität und Kannibalismus als logisch.Hans-Werner

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  • Quelle DIE ZEIT, 13.09.2007 Nr. 38
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  • Schlagworte Technik | Kannibalismus
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