Als Gazale Salame im ersten Licht des Wintertages begreift, was die Bundesrepublik Deutschland, vertreten durch zehn Polizisten, von ihr verlangt, fängt sie an, sich selbst zu schlagen. Sie hämmert gegen ihren Kopf. Sie beißt in ihre Hände. Sie reißt an ihren Haaren.

Dann stürzen die Wörter aus ihr heraus. Sie sagt, schiebt mich nicht ab, ich habe drei Kinder, zwei gehen hier zur Schule, das dritte ist noch ein Baby, ihr könnt mich doch nicht von meinen Kindern trennen. Sie sagt, ich bin keine Türkin, ich kenne die Türkei nicht, ich spreche kein Türkisch, ich lebe seit 17 Jahren in Deutschland, das ist meine Heimat. Sie sagt, ich bekomme wieder ein Kind, ich bin schwanger, im dritten Monat, schiebt mich nicht ab, bitte. Das waren ihre Sätze damals, sie erinnert sich noch heute. Einer der Beamten sagt: „Bitte packen Sie jetzt Ihre Koffer, wir haben keine Zeit.“

Ihr Mann kommt nach Hause, Ahmed Siala, er hat die zwei älteren Töchter zur Schule gebracht. Er sieht die Beamten, er weiß, was die Bundesrepublik Deutschland seiner Frau vorwirft: dass sie 17 Jahre lang zu Unrecht in Deutschland gelebt habe. Dass sie, die als achtjähriges Mädchen aus dem libanesischen Bürgerkrieg ins Land kam, die Behörden getäuscht habe. Dass sie in Wahrheit türkische Staatsbürgerin sei.

Siala greift zum Telefon und wählt die Nummer seines Anwalts. Der ist im Urlaub. Er ruft die Landrätin an. Nicht zu sprechen. Die Ausländerbehörde. Endlich, ein Sachbearbeiter hebt ab. Siala beginnt zu reden, versucht zu verhandeln, zu erklären. Er bekommt nur eine Antwort: „Nein.“

Ein Baby schreit. Schams ist aufgewacht, die jüngste Tochter, 14 Monate alt. Sie brüllt, sie hat Hunger. Gazale Salame läuft zu ihr, hebt sie aus dem Bett. Das Schreien des Kindes mischt sich mit dem Weinen der Mutter. Die Koffer sind noch immer leer. Die Sache gerät ins Stocken. Einer der Polizisten läuft nach draußen, telefoniert, kommt zurück. Er sagt, das Baby könne mitkommen in die Türkei, aber sie müssten sich beeilen. Er sagt: „Wir haben keine Zeit mehr für eure Spielchen.“

Gazale Salame nimmt ihre kleine Tochter auf den Arm. Sie steigt in den Polizeibus. Ein Beamter schlägt die Tür zu, ein zweiter stellt ihr Gepäck in den Kofferraum, ein dritter startet den Motor.

Ahmed Siala steht vor dem Haus. Er schaut dem Wagen hinterher. Es ist der 10. Februar 2005. Es ist halb neun Uhr morgens. In ein paar Stunden wird er seinen Töchtern erklären müssen, dass ihre Mutter nicht mehr da ist. Dass sie abgeschoben wurde, so wie jedes Jahr etwa 15000 Menschen aus Deutschland abgeschoben werden. Manche von ihnen haben schwere Straftaten begangen, manche kamen mit Schlepperbanden über die Grenze. Gazale Salames Fall ist anders. Es ist der Fall einer Frau, die von ihrem Mann und ihren Kindern getrennt wurde, weil sich ein paar Paragrafen in einem deutschen Gesetzbuch mit dem Leben einer jungen Familie verhakten. Weil diese Paragrafen es nicht vorsehen, dass es Menschen gibt, deren Heimat nicht dort ist, wo sie geboren wurden. Und auch nicht dort, woher ihre Vorväter irgendwann kamen. Sondern dort, wo sie jetzt leben. Aber dort dürfen sie nicht bleiben.