Stefan Zweig schrieb eine Schachnovelle, von Schnitzler stammt die Traumnovelle, Goethe nannte eine seiner Novellen schlicht Novelle, um ihren exemplarischen Anspruch zu betonen. Die Gattung neigt dazu, ihre Bedeutsamkeit schon im Titel zu tragen. Botho Strauß, in seiner unnachahmlichen Begabung zum klassischen Erbe, hat nun eine Bewußtseinsnovelle nachgeschoben. Man könnte meinen, dass damit des Guten zu viel getan sei, insofern ein jedes Stück Literatur nun einmal, so oder so, Bewusstsein gestaltet. Da hätte man sich allerdings getäuscht, denn auch vom Bewusstsein kann man mehr oder weniger herstellen. Bei Strauß geht es tatsächlich um das Ganze, um eine Art Homestory des Bewusstseins. Das Bewusstsein bei sich selbst zu Haus, und der Autor exklusiv dabei.

Aber wo wohnt das Bewusstsein, und wer stellt es uns vor? Bei Botho Strauß wohnt das Bewusstsein in einem alten Fabrikgelände am Stadtrand, und eingeführt werden wir von einem sympathischen Behinderten im Rollstuhl, Albrecht sein Name, mit dessen Schwester wir seit Kurzem liiert sind. Wie bitte? Ja, in der Tat. Der umsichtige Strauß, damit wir ihm ins hoch abstrakte Gelände der geistigen Selbsterforschung folgen, hat eine Art Rahmenerzählung konstruiert: Der Erzähler, eine Art Scout und Stellvertreter der Leser, soll die Familie seiner geliebten Nadja kennenlernen und wird von besagtem Albrecht in das Zimmer geführt, in dem sich die Geschwister und ein früherer Liebhaber Nadjas, gewissermaßen sein Vorgänger, aufhalten – übrigens fast unterbrechungslos, und noch dazu pausenlos redend.

Die Familie führt eine philosophische Großdebatte um die letzten Fragen unserer Zeit, die sich mit Frühstückspausen oder psychologischen Wahrscheinlichkeiten nicht aufhalten kann. Die Figuren haben keinen menschlich-individuellen Charakter, sie ändern sogar ihre Meinungen gern und oft, aber ihre einzelnen Wortwechsel beanspruchen exemplarischen Rang. Die Dialoge sind Muster von Argumentation, wie Tanzfiguren oder besser: wie Fechtübungen, die idealtypische Beispiele von Paraden, Finten, Klingenschlägen, Ausfallschritten vorführen.

Es braucht nicht lange, bis der bestürzte Erzähler und mit ihm der Leser bemerkt, dass er aus der Realität plausibler Verhältnisse herausgefallen und in einer sonderbar surrealen, wenn nicht sogar rein symbolischen Welt angekommen ist. Was wäre auch von einer Person zu halten, die folgendermaßen Konversation zu machen versucht: »Das Mir der Widerfahrnis ist nicht so sehr das äußere Schicksal, dem ich ausgeliefert bin, sondern vielmehr das hier: mein Ober-Haupt«, und dabei die rechte Hand mit gespreizten Fingern über den Kopf hält, »so dass sie halb Krake, halb Krone vorstellte«?

Eine solche Person entspringt keiner Psychologie, sondern einer allegorischen Konstruktion. Die allerdings ist verwickelt. So gibt es zum Beispiel unter den Geschwistern eine Elena und eine taube Ilona (ungarisch ebenfalls für Elena), die noch dazu Zwillinge sind – und vielleicht für Traditionen des griechischen Mythos stehen, wer weiß. Es gibt auch Anspielungen auf Wilhelm Meisters Wanderjahre, die den Gedanken nähren, es könne sich beim Haus der Geschwister um etwas Ähnliches wie den Klosterbezirk St. Josephs des Zweiten handeln, in dem »das Gebäude eigentlich die Bewohner gemacht hat« (Goethe).

Aber gesetzt den Fall, es wäre so, wie müssten wir uns das vorstellen? Wäre das Gebäude hier der Kopf, und der Besucher fände darin das Gewimmel der Gedanken vor, die dieser Kopf produziert? Den Mittelteil des Buches bildet eine große kulturkritische Klage über unsere Gegenwart, die den Verdacht nährt, es handele sich um die Gedanken von Botho Strauß und der Autor habe in einem Anfall exhibitionistischer Gastlichkeit uns, seine Leser, zu einem Besuch in sein Hirnstübchen eingeladen. In der Tat kommen im Verlauf der Großdebatte alle Lieblingsmotive des Autors vor, der Hass auf die Medien, die Verachtung für eine Zeit, die sich allen anderen Zeiten überlegen fühlt, aber sich über ihre eigenen Begrenztheiten nicht aufzuklären vermag; schließlich die Trauer über den Untergang des genuin Deutschen in der deutschen Literatur. Strauß diagnostiziert eine Krise des zeitgenössischen Bewusstseins, die sich darin zeigt, dass es von einer Krise nichts weiß. Die Welt hat sich schrecklich verändert, man müsste sie vollkommen neu denken, besser noch: in ein Symbol fassen, aber die Leute sind blind, sie folgen ideologischen Reflexen, den »Gesinnungsderivaten« abgelebter Epochen.