AIDS »Lasst uns über Sex reden«

Mit Theater, Tanz und Rollenspielen kämpfen Sozialarbeiter in Malawi gegen die Ausbreitung des HI-Virus. Tradierte Sexmythen und uralte Riten machen ihnen die Arbeit schwer

Die Notiz ist handgeschrieben. »Pride is a poor substitute for intelligence.« Stolz ist ein schlechter Ersatz für Klugheit. Geschrieben mit einem dicken braunen Filzstift, hängt der Spruch am Eingang der Family Planning Association of Malawi. »Höchste Zeit, offen über Sex zu sprechen«, sagt Bessie Nkhwazi, die den Zettel aufgehängt hat. Die 30-Jährige ist eine von 60 »Gesundheitshelfern«, die für die Family Planning Association of Malawi, eine Nichtregierungsorganisation, »up-to-date sex education« anbietet.

Nach dem Motto »Sex hat man, aber man spricht nicht darüber« waren Familienplanung und Verhütung bis vor Kurzem Fremdwörter in Malawi, genauso Safer Sex. Und das, obwohl es seit Jahren viel zu viele Teenager-Schwangerschaften gibt. Die Müttersterblichkeit in Malawi gehört zu den höchsten der Welt. Womöglich noch schlimmer ist die Bedrohung durch Aids. Von zwölf Millionen Malawiern sollen rund eine Million das HI-Virus in sich tragen. Aber Aids ist genauso ein Tabuthema wie Verhütung. Damit sich das ändert, entwirft Bessie seit einem Jahr Safer-Sex-Shows und Aids-Aufklärungskampagnen für Jugendzentren, Schulen, Marktplätze und Bordelle. »Nach Kondomen zu fragen ist ein Menschenrecht«, heißt es auf einem Plakat, das hinter ihr an der Wand hängt. »Verzichte auf Sex« steht auf einem anderen daneben.

»Niemand will sofort über Sex reden. Deshalb verteile ich Fußbälle und Frisierutensilien. Erst dann komme ich, fast beiläufig, auf Sex zu sprechen«, sagt Bessie. Die gelernte Krankenschwester trägt ein knöchellanges Kleid und flache Sandalen. Ihre schwarz glänzenden Haare sind glatt gebürstet und zu einem perfekten Pagenkopf frisiert. Nur am Hinterkopf ragen einige widerspenstige Strähnen heraus. Ihre Safer-Sex-Show präsentiert sie auch im Youth Life Center in Kwale, einem ärmlichen Stadtteil im Westen der malawischen Hauptstadt Lilongwe.

Vorn auf der Veranda des Jugendzentrums spielen junge Männer Schach. Im Hinterhof fängt jemand an zu trommeln. Junge Frauen und Männer tanzen. Dann singt ein Chor. Übersetzt lautet der Text des Liedes: »Auf, auf zum Aids-Test. Wer nicht geht, ab auf den Friedhof.« »Wenn es dieses Jugendzentrum nicht gäbe, würde ich nur herumhängen und mit Sex anfangen«, sagt Kathie Chikonyo, eine der Tänzerinnen.

Die energische 19-Jährige hat sieben Geschwister. Ihr Vater ist Hilfsarbeiter, die Mutter verkauft selbst gebackene Kuchen auf dem Markt. Mit einigen Unterbrechungen hat Kathie es gerade bis zum Abitur geschafft. Jetzt bemüht sie sich, ein »Sponsorship« zu finden, um Rechnungswesen zu studieren. Kathie ist überzeugt davon, dass Sex auf Mädchen wie eine Droge wirkt. »Frauen kommen von den Folgen nicht mehr los, und dann war alles für die Katz. Schule, Ausbildung, alles«, sagt sie.

In Mangiri, einem Dorf, 15 Kilometer von Lilongwe entfernt, ist mittwochs und freitags Markt. Heute ist Bessie zum ersten Mal mit ihrer Safer-Sex-Show hier. Kalanga heißt Geschlechtsverkehr auf Chichewa, der Amtssprache Malawis. Kein Kalanga ohne Kondom. Die Botschaft ist einfach, doch schwer zu vermitteln. Denn schnell kommen am Markttag Internatsschülerinnen auf die Idee, sich ein wenig Taschengeld dazuzuverdienen. Und schnell erkennen sie, dass der Verdienst höher ist, wenn sie kein Kondom verlangen, hat Bessie beobachtet.

Bevor sie sich ins Gewimmel stürzt, wickelt sie sich ein bunt bedrucktes Baumwolltuch um die Jeans. »Frauen in Röcken werden mehr respektiert«, erklärt sie. Es riecht nach Bratfett, Ziegen und Zwiebeln. Sorgfältig stapeln Gemüsehändler Zitronen und Tomaten zu Türmchen auf, Metzger zerteilen ein Rind, Heilerinnen bieten Knollen feil. Berge von Bananen und Flip-Flops warten auf Kundschaft. »Ich bin Geschäftsmann« , erklärt ein Mann. Acht Kilometer ist er zum Markt gelaufen, um einen Sack Kartoffeln zu kaufen. In Lilongwe will er Pommes frites daraus machen. Für die 15 Kilometer dorthin gönnt er sich, wenn das Geschäft gut läuft, den Bus. Läuft es nicht so gut, mietet er sich ein Fahrrad oder geht zu Fuß. Von Aids hat der Mann schon gehört. »Gefährlich«, sagt er.

Am Rande des Marktplatzes bieten zwei Sanitäter der Family Planning Association Aids-Tests an. Wer sich in dem betongrauen fensterlosen Raum testen lässt, weiß eine halbe Stunde später Bescheid. Fünfzehn Leute wollen es an diesem Morgen wissen, zwei von ihnen – eine 25-jährige Frau und ein 24-jähriger Mann – sind positiv.

»Lasst uns einen Kreis bilden!« , ruft eine Anti-Aids-Aktivistin aus Bessies Team durchs Megafon. »Einen großen Kreis!« Marktfrauen und Händler strömen herbei. Wieder wird getrommelt und gesungen. »Kümmert euch um eure Ausbildung, ihr Mädchen. Heiratet nicht zu früh. Kein Sex vor der Ehe«, lautet der Refrain. Mit Sketchen, Plakaten und Rollenspielen verkünden die Helfer: Kondome sind kostenlos, geht zum Aids-Test, wer infiziert ist, kann Medikamente bekommen.

Anders als in Europa und Nordamerika stecken sich in Afrika die meisten Menschen über heterosexuelle Kontakte mit HIV an. Frauen sind unter den Neuinfizierten deutlich in der Mehrzahl. »Sich hierzulande für Frauenrechte einsetzen heißt Leben retten«, sagt Bessie. Oft hört man die Losungen »Be faithful« und »Condomize«, sei treu und benutze Kondome. Aber solche Botschaften gehen an der Realität der Frauen vorbei. Auch eine treue Frau kann sich anstecken, wenn der Mann fremdgeht.

Vor allem aber erschweren die traditionellen Riten und Bräuchen den Kampf gegen Aids. Viele Menschen in Malawi glauben, dass das Sperma des Mannes heilende Kräfte hat. Babys werden damit eingerieben, Mädchen vor der Ehe »ausgespült«. Fisi oder Cleansing nennt man diesen Brauch, bei dem ein Mann – nicht der Bräutigam – mit der Braut Sex hat, um sie vor der Hochzeit zu »reinigen«. Auch werdende Mütter sollten, so eine verbreitete Meinung, möglichst oft mit Sperma gestärkt werden. Und wird eine Frau Witwe, muss sie erneut »gesäubert« werden – von einem Verwandten des Mannes und am besten sofort, noch bevor der Verstorbene unter der Erde ist.

Solcher Aberglaube ist mit dem Gebrauch von Kondomen nicht zu vereinbaren. Hinzu kommen viele andere vormoderne Sexmythen, die sich gegen den Einsatz von Kondomen richten. Etwa die Mär vom »Spermarückstau«, der den Mann krank mache. Oder der Glaube, dass sich mit dem Gebrauch von Kondomen Unfruchtbarkeit einstelle. Nicht wenige halten Sex ohne Kondom auch für einen Liebes- und Vertrauensbeweis, den man vom Partner einfordern darf, hat Bessie beobachtet. »Angesichts dieser Vorstellungen ist es oft leichter, gar keinen Sex zu haben, als lange Auseinandersetzungen auszufechten«, sagt sie. »Es gilt, die Frauen zu stärken. Nur selbstbewusste, gut ausgebildete und ökonomisch unabhängige Frauen können wirklich selbst bestimmen.«

Bessies Sex-Arbeiterinnen-Projekt in Chigiwirizano, einem Stadteil von Lilongwe, beginnt am späten Abend. »Edzi, edzi, edzi!«, schreit ein DJ ins Mikrofon. Das heißt nicht Aids, sondern Kondom. »Kondom, Kondom, Kondom!«, tönt es weiter. Die Boxen wummern. Vor der Bühne stehen ein paar stiernackige Männer und halten nach willigen Frauen Ausschau. Ein Mädchen in engen weißen Jeans und rosa Top umwickelt mit ihrem Schal einen dicken Mann. Neben der Bühne verkauft jemand Eier. Willkommen im »Culture Club of Malawi«.

50 Kwacha kostet ein Kuche Kuche, das malawische Bier. 200 bis 500 Kwacha eine Nummer mit einer der vielen Sexarbeiterinnen. 200 malawische Kwacha sind etwa ein Euro. Als Bessie hier im November 2006 zum ersten Mal auftrat mit ihrer Safer-Sex-Show, spöttelten die Frauen: »Süßigkeiten in der Verpackung, die schmecken doch nicht.« Heute gebe es bei ihnen keinen Sex mehr ohne, sagen sie.

»5.000 ohne, 500 mit, so versuchen manche Freier uns zu ködern«, erzählt Brandinah Khulamba, eine 18-jährige Sexarbeiterin, die wie ihre Kolleginnen auf keinen Fall als Prostituierte bezeichnet werden will. »5.000 Kwacha – da kann ich nur lachen. So viel hat hier nämlich sowieso keiner.«

Brandinahs Geschichte ist typisch für die Frauen, die vom Sex leben. Ihre Eltern sind tot. Mit ihren zwei Schwestern und den beiden Brüdern kam sie zu einem Onkel. »Uns Mädchen behandelte er schlecht«, sagt sie. Als es auch in der Schule nicht klappte, lief sie aus ihrer Heimatstadt Blantyre im Süden des Landes weg. Seither bringt sie sich und ihre zwölfjährige Schwester, die ein Internat besucht, als Sexarbeiterin durch.

Auf der Bühne startet ein Tanzwettbewerb. Frauen tanzen beckenbetont in Richtung Boden. Männer springen hoch in die Luft. Eine Frau und ein Mann demonstrieren – als Trockenübung –, wie man Kondome für Männer und Frauen benutzt. Die Vorführung erinnert an das Luftgitarrenspiel von Rockstars.

Unter den Sexarbeiterinnen ist die HIV-Infektionsrate extrem hoch , berichtet Bessie. Von 451 Getesteten waren 393 positiv. »Ja, ja«, antwortet lachend ein Mann auf die Frage, ob er an Aids denkt, wenn er mit einer Frau weggeht.

Am Nachmittag sieht es anders aus im Culture Club: Kleinkinder laufen umher, Babys werden gestillt. Etliche Sexarbeiterinnen wirken jetzt wie biedere Hausfrauen. Sie haben mit Bessie ein Theaterstück einstudiert, vor der Aufführung wird gemeinsam gebetet. Das Stück spielt im Milieu und handelt von einem Mädchen, das versucht, einem Freier klarzumachen, dass er ein Kondom benutzen soll. Es gibt Streit, aber das Mädchen setzt sich durch. Die Zuschauerinnen klatschen Beifall.

Bessie hat es geschafft, zwölf Sexarbeiterinnen dazu zu bringen, dreimal wöchentlich Fußball zu spielen. Nach dem Spielen sind sie dann oft zu müde zum Arbeiten; aber trotz der finanziellen Einbuße wollen sie auf das Gefühl körperlicher Fitness nicht mehr verzichten.

Auch die 18-jährige Mary Duikumba hat ein Faible für Fußball. Am liebsten würde sie Profi werden. Ihre beiden Altersgenossinnen Joyce Amonie und Wongari Mbenje träumen von einer Zukunft als Soldatinnen. Die drei haben die Schule beendet, jetzt wissen sie nicht recht, wie es weitergehen soll. Oft sitzen sie im Friseursalon des Youth Life Center in Kwale, obwohl sie pefekt frisiert sind. Sie kommen hierher, um zu reden. Ungestört – ohne Männer.

Werbeposter für Haarverlängerungen hängen hier, Pappschachteln mit Kondomen stehen herum . Auf einem wackeligen weißen Plastikstuhl in der Ecke sitzt eine junge Frau unter einer Trockenhaube. Dicht gedrängt schauen Kinder durch das vergitterte Fenster. Hinter ihnen ruft der Muezzin zum Gebet. »Rede darüber. Schütze Deine Zukunft. Ein Kondom zu benutzen ist ein moralisches Gebot« steht auf einem Plakat neben dem Frisierspiegel. Was bespricht Bessie hier mit den Frauen? »Sex schadet, besonders den Frauen. Das sage ich ihnen«, antwortet sie. »Wer eine Ausbildung will und ein Auskommen, sollte ganz einfach die Finger davon lassen. Es kommt nicht nur darauf an, was ich sage, ich bin einfach hier. Ein Vorbild. Ich bin für viele Frauen wie ein seltenes Tier im Zoo«, fügt sie lächelnd hinzu. Sie sei eines der wenigen Beispiele dafür, dass es für eine Frau möglich ist, allein zu leben – ohne Mann, ohne Teenager-Schwangerschaft und den damit verbundenen Schulverweis. »Ich lebe, also geht es.«

Schnickschnack heißt auf Chichewa Pascha Pascha. Und Pascha Pascha kann Bessie sich nicht leisten. »Aber das Notwendigste zum Leben haben wir schon«, sagt sie. Wir? Sie lebt doch allein. Aber »allein« heißt in Malawi nur so viel wie »nicht verheiratet«. Zu Bessies Single-Haushalt gehören insgesamt acht Personen: minderjährige Schwestern, ein Cousin und »andere Kinder«. Auch für eine Großmutter und einen Onkel, die woanders leben, kommt sie auf. Dass die Größe ihres Haushalts Europäer befremdet, bleibt Bessie nicht verborgen. Um abzulenken, erzählt sie aus ihrem Leben. Und wieder ist es dieses stereotype Schicksal, das so viele Frauen in Malawi trifft. Auch Bessies Eltern sind tot. Auch sie kam zu einem Onkel, den sie nicht mochte und von dem sie wegwollte.

Anders als die Sexarbeiterin Brandinah hatte sie allerdings das Glück, eine Ausbildung zu haben. Es war ihre Großmutter, die darauf bestand, dass sie und ihre Schwestern die Schule besuchten. »Frauen, die etwas können, lassen sich nicht so schnell auf etwas ein, was sie nicht wollen«, sagte die Oma. Bessie ist bis heute fest davon überzeugt, dass sie recht hat.

Und irgendwann in diesem Gespräch kommt die Frage auf, ob auch aus Bessies Familie schon einmal jemand an den Folgen von Aids starb. »Ja«, antwortet sie und schaut traurig zu Boden. »Alle.«

 
Leser-Kommentare
  1. 1. XXX

    -

    • otto_B
    • 20.09.2007 um 9:43 Uhr
    2. zu XXX

    Ja was soll den das? Natürlich sind die Jahrtausendealten Riten nicht gut. Ich hätte da auch erhebliche Zweifel, ob der afrikanischen Aids-Pandemie "nur" mit der Kondom-Propaganda beizukommen ist. Sicher, dies mag das erste sein, was eine liberal gesinnte Öffentlichkeit anzubieten hat. Fragt sich nur, ob dies viel hilft. Verschiedene Kulturen gehen verschieden mit Sex um. Man vergleiche mal die hier beschriebenen Verhältnisse mit einem islamischen, oder auch orthodox-jüdischen Kontext. Dort reiben "wir" uns zwar auch an diesem und jenem, aber zumindest dieses Problem wie hier beschriebenen scheinen sie dort nicht zu haben. Um's nochmal auf den Punkt zu bringen: Promiskuität als Voraussetzung für Aids, und Kondome ein fragwürdiger Versuch der Eindämmung. Die beschriebenen Verhältnisse - offensichtlich auch aus der lokalen Tradition resultierend - sind defizitär. Vielleicht wird's auf einem langen, mühsamen Weg besser.

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  • Quelle DIE ZEIT, 13.09.2007 Nr. 38
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