Mathematik : Ein etwas anderer Streber

Er war schon als Schüler ein Überflieger und machte eine Blitzkarriere an der Universität. Günter Ziegler will im Mathematik-Jahr 2008 die Deutschen für ihr Angstfach begeistern

»In Mathe war ich immer schlecht«, steht auf einem von Günter Zieglers T-Shirts. Genauso heißt auch eine Kolumne, die er in den DMV-Mitteilungen schreibt, dem Zentralorgan der Deutschen Mathematiker-Vereinigung. Aber natürlich war er nie schlecht in Mathe. Günter Ziegler ist Präsident der DMV, und er bekennt: »Ich war in der Schule ein Streber.« Fünfmal nahm er als Schüler am Bundeswettbewerb Mathematik teil, die letzten beiden Male wurde er Sieger. Dreimal beteiligte er sich an »Jugend forscht« und bekam auch da einmal den ersten Preis. Wenn neben der Mathematik noch Zeit war, dann hat er »gelesen wie ein Staubsauger«. Literatur, nicht Mathematik.

Das äußere Erscheinungsbild will zum Streber-Image nicht so recht passen. Ziegler ist jetzt 44, aber er sieht immer noch jungenhaft aus. Die Haare kurz geschoren, manchmal auch strohblond gefärbt, im rechten Ohr ein auffälliger Ohrring. Selbst unter den Mathematikprofessoren mit ihrem informellen Dresscode ist er ein Paradiesvogel.

»Hier ist ein ganz toller Student, der will zurück nach Deutschland«

Der Käfig dieses Vogels ist aus Beton, ein leicht bröckliger Zweckbau der Technischen Universität Berlin an der Straße des 17. Juni, gebaut in den achtziger Jahren. In seinem von Büchern überquellenden Büro versucht Ziegler die vier Jobs unter einen Hut zu bringen, die er zurzeit macht: Neben der Professur und dem Vorsitz der Mathematikervereinigung leitet er noch die Berlin School of Mathematics (BSM), eine neue Graduiertenschule der drei Berliner Universitäten. Und im nächsten Jahr wird er die deutsche Mathematik repräsentieren. 2008 ist vom Forschungsministerium zum »Jahr der Mathematik« bestimmt worden, Ziegler soll die Idee nun mit Inhalt füllen.

Die Streberkarriere des Schülers Ziegler ging auch nach dem Abitur im Turbotempo voran: Nach drei Semestern Mathematik in München hatte er das Vordiplom. Nach sechs Semestern ging er in die USA, ans Massachusetts Institute of Technology (MIT), und machte dort die Doktorprüfung – das Diplom ließ er einfach aus.

Die Chancen standen gut für eine Hochschulkarriere in den Vereinigten Staaten. Aber dann nahm der junge Wissenschaftler an einem Literaturseminar in Deutschland teil, es ging um Rilkes Duineser Elegien . »Deutscher bist du nicht, oder?«, fragte ihn ein anderer Teilnehmer, als er Zieglers amerikanischen Akzent hörte. »Da dachte ich: Jetzt war ich lange genug weg.« Er nahm eine Stelle an der Universität Augsburg an. Das Angebot kam von Martin Grötschel, Spezialist für mathematische Optimierung, und es war der Beginn einer mathematischen Partnerschaft, die bis heute andauert. »Ein amerikanischer Kollege schrieb mir eine E-Mail«, erinnert sich Grötschel. »›Hier ist ein ganz toller Student, der zurück nach Deutschland will, hast du nicht eine Stelle für ihn?‹« Grötschel hatte.

Das Spezialgebiet von Günter Ziegler sind Polytope. In der Ebene sind das Vielecke, im dreidimensionalen Raum Polyeder wie Würfel oder Fußbälle. Aber Mathematiker betrachten Polytope auch in höherdimensionalen Räumen. Wenn man dabei nur die Ecken, Kanten und Flächen ansieht und nicht das Maß ihrer Länge oder des Rauminhalts, dann ist das ein Zweig der sogenannten diskreten Mathematik – eigentlich reine Forschung, die zweckfrei neue Erkenntnisse gewinnt.

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