K ifi heißt in der Sprache der Haussa in Westafrika die lesbische Liebe. Kifi kann aber auch eine Männerbeziehung meinen, nämlich dann, wenn zwei Männer eine gleichberechtigte erotische Freundschaft führen (statt des ebenfalls sexuellen, aber streng hierarchischen masu harka- Verhältnisses). Sofern denn die Übersetzung erlaubt ist, könnte man also sagen: Echte schwule Liebe nennen die Haussa lesbisch.

Es gibt mehr Geschlechter zwischen Mann und Frau, als unser Schulwissen in Schubladen zwängen kann. Auch, wenn sich viel geändert hat, seit an diesen Schubladen gezimmert wird: Seit der ungarische Autor Károly Kertbeny 1869 den Begriff der Homosexualität erfand, der eine Kategoriennot auslöste, welche, um auch den Normfall zu benennen, das Wort »heterosexuell« gebar. Womit es noch nicht getan war, nicht getan sein konnte, wie überall, wo Gesellschaft und Politik sich des Menschen und seiner Gefühle zu bemächtigen suchen. Im Letzten bleibt da eine Kluft. Auch heute, da sich die Identitäten vervielfältigt haben, kann keine Typologie die Wirklichkeit des Liebens einfangen.

Der BandGleich und anders, herausgegeben von dem australischen Historiker Robert Aldrich, ist ein Atlas dieser Wirklichkeit. Er zeichnet in vierzehn klug und bunt bebilderten Kapiteln, die renommierte Forscher aus Europa und den USA beisteuerten, eine globale Geschichte der Homosexualität. Eine kulturhistorische Weltkarte, die den Überblick wagt: Trotz Schwerpunkts auf Europa (unvermeidlich, da am besten erforscht), geht es kapitelweise um Asien, Afrika, das alte Amerika und den pazifischen Raum – wo homosexuelle Verhaltens- und Lebensweisen oft weithin akzeptiert waren. Die Tsonga in Mosambik kannten neben (auch anderswo verbreiteten) drastischen sexuellen Initiationsriten auch Ehen zwischen Männern, Scheidung bei Untreue inbegriffen. Bei über dreißig afrikanischen Völkern existierte die Frauenheirat, wobei die den Brautpreis zahlende Frau als »Vater« jener Kinder galt, welche ein vor ihr gutgeheißener Mann mit der Mutter zeugte – ein Modell, das auch die Mohave-Indianer kannten und so weiter. Der üppig und unzimperlich illustrierte Band überwältigt mit zahllosen Beispielen der geduldeten, institutionalisierten und künstlerisch expressiven Gleichgeschlechtlichkeit, vom effeminierten Mahoo Polynesiens bis zur chinesischen Pornoliteratur, die schon im 17. Jahrhundert als Anthologie erschien.

Häufig beendete die Kolonisierung solche Traditionen. Und auch ohne Zwang ging Heteronormativität oft mit Modernitätsstreben einher, wie in Japan, wo mit dem Ende des Shogunats 1867 auch die alte, in der Samuraikaste übliche nanshoku- Sitte verdammt wurde – über die Hälfte der Shogune seit 1338 hatten Beziehungen mit jüngeren Männern unterhalten. Dabei ging es natürlich auch um Sex, doch wer was mit wem, das legten statuswahrende Regeln fest, und Liebe zu Frauen war keinesfalls ausgeschlossen. Ist nanshoku nun also eine schwule oder eine bisexuelle Sitte? Wohl keines davon. Schwul und lesbisch sind Worte für moderne, westliche Erfahrungs- und Lebensweisen, und ein großes Verdienst von Gleich und anders ist, falsche Gleichsetzungen und peinliche Identifikationen zu vermeiden. Im Gegenteil, die skrupulöse Sexualitätsforschung der letzten Jahre wird sehr genau und überaus verständlich aufbereitet – ein kleines Wunder bei einer Disziplin, der die Klarheit oft als Gräuel gilt. Was allerdings auch eine Spätfolge Kertbenys bzw. Michel Foucaults ist, der den Grundunterschied zwischen dem »Homosexuellen« und dessen jahrhundertealten Vorgänger, dem »Sodomiten« erkannte: Der Sodomit war ein Todsünder und Verbrecher, weil er gewisse Handlungen getan hatte, er galt aber nicht, wie der Homosexuelle, als ein in ganzer Person andersgeartetes Individuum. Sodomie war eine Untat – Homosexualität ein Identitätsmal.

In Foucaults Nachfolge haben die Gender Studies solche Modelle geschlechtlicher Identität aufs Genauste analysiert und gezeigt, wie historisch und kulturell unterschiedlich sie ausfielen. Und, wie sehr politisches Kalkül die Ächtung der Normabweichler forcierte – etwa die Ermordung »sodomitischer« Indianer durch die Konquistadoren in Südamerika. Welche »teuflischen und abscheulichen Tätigkeiten« sie genau begangen hatten, ist übrigens unklar. Sodomie war ein recht nebulöses Verbrechen, ein Angst- und Geißelwort für vieles, das man brandmarken wollte.

Es lässt sich ausmalen, wie kompliziert erst die Beschreibung historischer und fremder sexueller Kategorien wie kifi sein muss. Die Gender-Theorie flüchtete deshalb zuweilen in offene, dadurch von Bedeutungslosigkeit bedrohte Label wie queer. Gleich und anders nun löst die Begriffsfrage pragmatisch und wirksam. Man geht schlicht von der kleinsten Gemeinsamkeit aus, dem gleichgeschlechtlichen Sex – hütet sich aber vor identitärer Gleichsetzungen der Akteure. Man erörtert die kulturelle Einbettung, die den Kuss zweier Lippen zu einer ganz unterschiedlichen Erfahrung machen, je nachdem, ob er im späten Mittelalter oder bei den Haussa stattfand. Weitere Nöte einer Homosexualitätsgeschichte werden nicht verschwiegen. Denn es ist eine Geschichte, die sich aus vergifteten Quellen speist: Aus eifernden Pamphleten, aus schaudernd sprachlosen Reiseberichten, aus Gerichtsakten. Es ist eigentlich keine Geschichte, sondern ein Scherbenhaufen der Skandale, der hassenden Verfolgung, der gebrochenen Biografien, des Mordes (zumindest in Europa). Und weibliche Sexualität galt meist als so unwichtig, dass sie nicht mal zum Skandal taugte – das Buch räumt den Frauen einigermaßen erfolgreich Platz ein. Dass all diese Probleme erklärt werden, ist eine Stärke des Bandes.