Stunden, Tage, Wochen, die Kunst will einfach kein Ende nehmen. Längst sind die letzten Besucher gegangen, es wird Nacht im Museum, doch in den Sälen von Stan Douglas ist immer noch Licht. Die Projektoren spulen unverdrossen vor sich hin, lassen die Filme flackern, tagein, tagaus, fast als sollten sie ihrer eigenen Flüchtigkeit entkommen.

Stan Douglas liebt das Unaufhörliche und hat es sich ausbedungen, dass manche seiner Werke rund um die Uhr laufen. Er schickt seine Filme, die oft nur wenige Minuten lang sind, in die Endlosschleife, wenn auch in eine recht spezielle. Per Computer bringt er die Filmszenen in eine stetig wechselnde Reihenfolge, und so kommt es dem Betrachter vor, als blicke er in ein Kaleidoskop – das Immergleiche immer anders.

Douglas, 1960 in Vancouver geboren, gilt als der große Intellektuelle unter den Video- und Fotokünstlern, manche nennen ihn den Meister des Undurchdringlichen. Denn je verwickelter, je widerborstiger seine Werke im Lauf der Jahre wurden, desto erstaunlicher waren die Erfolge. Schon mit den ersten Kurzfilmen machte er vor gut 20 Jahren von sich reden; seit seinem Auftritt auf der Documenta 1992 ist er auch international bekannt, und viele wichtige Museen zeigen seine Arbeiten. Jetzt ist in Stuttgart erstmals eine Überblicksschau der Filme und Fotografien zu sehen, ein Künstlerkosmos, in dem E.T.A. Hoffmann und Kafka ebenso zu Hause sind wie Beckett, Freud oder Schönberg.

Für diesen steht eigens ein Konzertflügel parat, halb unter einer Filmleinwand verborgen, ein schwarzes, stummes Ausstellungsstück, denkt der Besucher. Dann erklingt mit einem Mal, wie von Geisterhand, eines der aufbrausenden Schönberg-Stücke, seine Begleitmusik zu einer Lichtspielscene von 1930. Der Effekt ist verblüffend, obwohl man natürlich weiß, dass ein Computer dahintersteckt: Niemand scheint das Klavier zu spielen, die Tasten drücken sich wie von selbst – und das darf man durchaus als eine Art Selbstbeschreibung des Künstlers Stan Douglas verstehen.

Seine Kunst soll sich vom Autor befreien. Douglas stiehlt sich aus der Rolle des großen Interpreten, des genialischen Schöpfers, und greift lieber nach dem, was es schon gibt: Nimmt sich literarische Vorlagen oder Spielfilme, zerlegt, verkürzt, ergänzt sie, bis ein Wust aus Anspielungen entsteht. Alle Logik treibt er seinen Werken aus, er verknäult die Erzählfäden ins Unentwirrbare.

Auch werStunden über Stunden vor den Filmen zubringt, findet darin keinen überwölbenden Sinn, nichts, was festen Halt böte. Und gerade das ist es, was viele an Douglas schätzen: Sie loben ihn, weil er den Film aus dem Zwang des Narrativen befreie, weil er das Prinzip des klaren Anfangs und Endes aufbreche und jeden Anspruch auf die eine Wahrheit zurückweise.

Douglas will, dass wir uns vor seiner Kunst fühlen wie ein Chamäleon, das in alle Himmelsrichtungen gleichzeitig schaut. Manchmal zeigt er zwei Filme zum selben Thema auf der Vorder- und Rückseite der Leinwand, manchmal zieht er Trennlinien ein, sodass verschiedene Zeitzonen, das Vorher und das Nachher, aufeinanderstoßen. Manchmal lässt er eine Geschichte aus mehreren Perspektiven erzählen, etwa in seinem jüngsten Film, Klatsassin, in dem alle Westernhelden ihre eigene Version des Geschehens erzählen. Es ist eine Kunst, die emsig darauf aus ist, sich selbst zu entlarven, und die manchmal vor lauter Selbstentlarvung kaum noch zum Sprechen kommt.