Das Wunder geschieht nicht. Nicht einmal Maria del Carmen kann verhindern, dass der Thunfisch aus dem Meer verschwindet. Sie weint nicht, ihr Lächeln, eingefroren wie der letzte Fisch der Kühlfabrik, hört nie auf. Während sie hinter Glas hinaus aufs Wasser späht, trägt sie den Spross des ewigen Lebens im Schoß. Noch immer kommen die Fischer von Palamós und Barbate in die kleinen Hafenkapellen und huldigen ihrer Schutzheiligen, vor dem Schrein stehen Sträuße von Weizengelb bis Blutrot in Einweggläsern. Seit Jahrtausenden hat die Jungfrau del Carmen den Fischern von Palamós und Barbate volle Netze beschert.

Palamós liegt in Katalonien, Barbate in Andalusien. Beide Orte waren legendäre Thunfangbastionen. Beide gehören zu einem Teil Europas, der vom Fischfang lebt, der seinen Niedergang mitbetrieben und nun darunter zu leiden hat.

Die Tragödien der Meere spielen sich lautlos unter der schäumenden Oberfläche ab, unsichtbar für Fernsehkameras. Jeder Grundfisch ist in seiner Existenz bedroht. 78 Prozent der Bestände vor den Küsten der Industrieländer sind abgefischt oder bereits kollabiert, 90 Prozent aller großen Raubfische sind aus den Weltmeeren verschwunden. Scholle, Seezunge und Schwertfisch sind extrem dezimiert, die Rotbarschbestände weltweit um 90 Prozent geschrumpft. Die Lage des Seehechts ist so katastrophal wie die des atlantischen Lachses; Goldbrassen, die beim Fischhändler eintreffen, stammen ausschließlich aus Netzkäfigen und Teichen. Nach einer Hochrechnung der Dalhousie University Halifax aus dem vergangenen Jahr wird es 2048 weder Kabeljau noch Heilbutt mehr geben. Überfischung gilt neben dem Klimawandel als größte Gefahr für die Weltmeere.

Der Rote Thunfisch ist die Allegorie dieser Erschöpfung, weil er das Symbol des Mythenraums Europa ist, das Symbol mediterraner Traditionalität und Grazie, der Weisheit, der Nachlässigkeit, der Gier. Ein Fisch, der als transatlantischer Langstreckenschwimmer mit bis zu 90 Stundenkilometern die Meere durcheilt, der eilt, um sein eigenes Absinken zu verhindern. Ausgewachsen kann ein einziges Exemplar bis zu fünf Meter lang und 600 Kilogramm schwer werden; sein natürliches Höchstalter liegt bei 30 Jahren. Er hat ein großes Herz, runde Augen und eine blaumetallisch glänzende Haut. Sein Körper ist torpedoförmig, die Schwanzflosse gleicht einer Sichel. Nach Einschätzung der International Union for Conservation of Nature and Natural Resources (IUCN) steht seine Auslöschung kurz bevor.

In der Hafenkneipe beschwören Schwarz-Weiß-Fotos die guten Zeiten

Mitte Juli hatten sie wieder ihre Boote geschmückt und waren in einer Prozession durch die Häfen der Küstendörfer und Kleinstädte hinaus aufs Meer gefahren, die Statue aus kitschigem Gips in Hellblau und Milchweiß irgendwo in ihrer Mitte. Es war ein blumenreiches Spektakel, Tausende in den Städten hatten in heiterer Folklore gejubelt. Kein Fischer versäumt diesen Tag, denn die Virgen del Carmen sichert von jeher das Überleben ihrer Familien. Doch jetzt, am Ende der Fangsaison, muss gesagt werden, dass sie in Palamós nicht einen einzigen Thunfisch gesehen haben. Es ist kaum noch etwas zu retten. Sie ahnen, dass ihre Kultur zu Ende geht: das Duell des Einzelnen mit dem Tier, der Mythos vom alten Mann und dem Meer, das Glücksgefühl der Erschöpfung nach dem Sieg über den wertvollsten und anmutigsten Fisch des Mittelmeers. Wer an die Jungfrau glaubt, hat noch Hoffnung auf ein Wunder. Wer nicht, hofft auf die Europäische Union. Wer das tut, muss verzweifeln.

Früher war Palamós ein großer Ort der Thunjäger. Die Schwarzweißfotografien an den Holzwänden der Fischerkneipe Casa del Mar beschwören eine herrliche, vergilbte Vergangenheit. Palamós scheint geübt in der nostalgischen Verklärung seiner selbst, jener goldenen Zeit, als Enrique und Pedro, die Heroen der letzten Generation, noch ihre Leinen auswarfen, umflort von Geheimnissen zur Überlistung des Königs der Meere, die nur sie kannten.

In der Casa del Mar frühstücken die heimgekehrten Fischer eine Flasche Bier. Keiner sitzt mit dem Rücken zur Tür, alle sehen hinaus. Das Meer in seiner Pracht! Einer liest die Sportzeitung, die anderen schweigen. Um neun Uhr sind es 28 Grad Schwüle. Der letzte Thun, den ein Mann aus dem Meer der Costa Brava holte, erreichte zweieinhalb Meter und wog 250 Kilogramm. Eine im Verblassen begriffene Aufnahme zeigt Enrique mit dem weißen Haarkranz, sie ist von Anfang 1990. Er war es, der den letzten König vor Palamós besiegt hat. Enrique posiert neben dem an der Hinterflosse aufgehängten Fisch und raucht Pfeife. In seinem Gesicht verbrüdern sich Stolz, Demut und ein bisschen Schüchternheit.

Die Bilder daneben rücken einen grauhaarigen Mann mit Sonnenbrille ins Blickfeld. Jeder in der Casa del Mar kennt ihn. Es ist Pedro Cubo Ramos, gerade so groß wie ein mittlerer Thunfisch. Ihm gehört das einzige rot gestrichene Boot im Hafen, man erkennt es sofort. Es ist nach dem Großvater benannt und heißt L’Avi Chichi. Pedro war der beste Thunfischer von Palamós. Von seinem epochalen Kampf sprechen sie noch heute. »Ja, es ist wahr, am 8. Juni 1982 habe ich so viele Stunden mit einem 300 Kilo schweren Thun gerungen, dass ich schließlich in meinem Boot lag und keine Kraft mehr hatte, das tote Tier hereinzuziehen.« Nie redet Pedro lauter als nötig, und morgens scheint er so gefasst zu sein wie abends, als könne ihn um der Heiligen Jungfrau willen nichts aus der Ruhe bringen.