Fischerei Die leeren Netze von Palamós

Lange ernährte der Rote Thun die spanischen Fischer. Dann begann die industrielle Jagd. Jetzt ist der König der Meere vom Aussterben bedroht.

Das Wunder geschieht nicht. Nicht einmal Maria del Carmen kann verhindern, dass der Thunfisch aus dem Meer verschwindet. Sie weint nicht, ihr Lächeln, eingefroren wie der letzte Fisch der Kühlfabrik, hört nie auf. Während sie hinter Glas hinaus aufs Wasser späht, trägt sie den Spross des ewigen Lebens im Schoß. Noch immer kommen die Fischer von Palamós und Barbate in die kleinen Hafenkapellen und huldigen ihrer Schutzheiligen, vor dem Schrein stehen Sträuße von Weizengelb bis Blutrot in Einweggläsern. Seit Jahrtausenden hat die Jungfrau del Carmen den Fischern von Palamós und Barbate volle Netze beschert.

Palamós liegt in Katalonien, Barbate in Andalusien. Beide Orte waren legendäre Thunfangbastionen. Beide gehören zu einem Teil Europas, der vom Fischfang lebt, der seinen Niedergang mitbetrieben und nun darunter zu leiden hat.

Die Tragödien der Meere spielen sich lautlos unter der schäumenden Oberfläche ab, unsichtbar für Fernsehkameras. Jeder Grundfisch ist in seiner Existenz bedroht. 78 Prozent der Bestände vor den Küsten der Industrieländer sind abgefischt oder bereits kollabiert, 90 Prozent aller großen Raubfische sind aus den Weltmeeren verschwunden. Scholle, Seezunge und Schwertfisch sind extrem dezimiert, die Rotbarschbestände weltweit um 90 Prozent geschrumpft. Die Lage des Seehechts ist so katastrophal wie die des atlantischen Lachses; Goldbrassen, die beim Fischhändler eintreffen, stammen ausschließlich aus Netzkäfigen und Teichen. Nach einer Hochrechnung der Dalhousie University Halifax aus dem vergangenen Jahr wird es 2048 weder Kabeljau noch Heilbutt mehr geben. Überfischung gilt neben dem Klimawandel als größte Gefahr für die Weltmeere.

Der Rote Thunfisch ist die Allegorie dieser Erschöpfung, weil er das Symbol des Mythenraums Europa ist, das Symbol mediterraner Traditionalität und Grazie, der Weisheit, der Nachlässigkeit, der Gier. Ein Fisch, der als transatlantischer Langstreckenschwimmer mit bis zu 90 Stundenkilometern die Meere durcheilt, der eilt, um sein eigenes Absinken zu verhindern. Ausgewachsen kann ein einziges Exemplar bis zu fünf Meter lang und 600 Kilogramm schwer werden; sein natürliches Höchstalter liegt bei 30 Jahren. Er hat ein großes Herz, runde Augen und eine blaumetallisch glänzende Haut. Sein Körper ist torpedoförmig, die Schwanzflosse gleicht einer Sichel. Nach Einschätzung der International Union for Conservation of Nature and Natural Resources (IUCN) steht seine Auslöschung kurz bevor.

In der Hafenkneipe beschwören Schwarz-Weiß-Fotos die guten Zeiten

Mitte Juli hatten sie wieder ihre Boote geschmückt und waren in einer Prozession durch die Häfen der Küstendörfer und Kleinstädte hinaus aufs Meer gefahren, die Statue aus kitschigem Gips in Hellblau und Milchweiß irgendwo in ihrer Mitte. Es war ein blumenreiches Spektakel, Tausende in den Städten hatten in heiterer Folklore gejubelt. Kein Fischer versäumt diesen Tag, denn die Virgen del Carmen sichert von jeher das Überleben ihrer Familien. Doch jetzt, am Ende der Fangsaison, muss gesagt werden, dass sie in Palamós nicht einen einzigen Thunfisch gesehen haben. Es ist kaum noch etwas zu retten. Sie ahnen, dass ihre Kultur zu Ende geht: das Duell des Einzelnen mit dem Tier, der Mythos vom alten Mann und dem Meer, das Glücksgefühl der Erschöpfung nach dem Sieg über den wertvollsten und anmutigsten Fisch des Mittelmeers. Wer an die Jungfrau glaubt, hat noch Hoffnung auf ein Wunder. Wer nicht, hofft auf die Europäische Union. Wer das tut, muss verzweifeln.

Früher war Palamós ein großer Ort der Thunjäger. Die Schwarzweißfotografien an den Holzwänden der Fischerkneipe Casa del Mar beschwören eine herrliche, vergilbte Vergangenheit. Palamós scheint geübt in der nostalgischen Verklärung seiner selbst, jener goldenen Zeit, als Enrique und Pedro, die Heroen der letzten Generation, noch ihre Leinen auswarfen, umflort von Geheimnissen zur Überlistung des Königs der Meere, die nur sie kannten.

In der Casa del Mar frühstücken die heimgekehrten Fischer eine Flasche Bier. Keiner sitzt mit dem Rücken zur Tür, alle sehen hinaus. Das Meer in seiner Pracht! Einer liest die Sportzeitung, die anderen schweigen. Um neun Uhr sind es 28 Grad Schwüle. Der letzte Thun, den ein Mann aus dem Meer der Costa Brava holte, erreichte zweieinhalb Meter und wog 250 Kilogramm. Eine im Verblassen begriffene Aufnahme zeigt Enrique mit dem weißen Haarkranz, sie ist von Anfang 1990. Er war es, der den letzten König vor Palamós besiegt hat. Enrique posiert neben dem an der Hinterflosse aufgehängten Fisch und raucht Pfeife. In seinem Gesicht verbrüdern sich Stolz, Demut und ein bisschen Schüchternheit.

Die Bilder daneben rücken einen grauhaarigen Mann mit Sonnenbrille ins Blickfeld. Jeder in der Casa del Mar kennt ihn. Es ist Pedro Cubo Ramos, gerade so groß wie ein mittlerer Thunfisch. Ihm gehört das einzige rot gestrichene Boot im Hafen, man erkennt es sofort. Es ist nach dem Großvater benannt und heißt L’Avi Chichi. Pedro war der beste Thunfischer von Palamós. Von seinem epochalen Kampf sprechen sie noch heute. »Ja, es ist wahr, am 8. Juni 1982 habe ich so viele Stunden mit einem 300 Kilo schweren Thun gerungen, dass ich schließlich in meinem Boot lag und keine Kraft mehr hatte, das tote Tier hereinzuziehen.« Nie redet Pedro lauter als nötig, und morgens scheint er so gefasst zu sein wie abends, als könne ihn um der Heiligen Jungfrau willen nichts aus der Ruhe bringen.

Von jeher kommt der Thun aus dem Atlantik zum Laichen ins Mittelmeer

Als die L’Avi Chichi an jenem Junitag 1982 in den Hafen einlief, jubelten die Fischer von Palamós, und gemeinsam zogen sie den Thun an Land. Der Fisch war so lang wie Pedros Boot, Pedro bekam umgerechnet 600 Euro. Heute wäre derselbe Fisch 6000 wert. Damals lebten 400 Fischer in Palamós. Heute sind es 250. Die anderen haben resigniert, viele von ihnen arbeiten auf dem Bau. Früher haben die Fischer den ins Boot gespülten Restfisch mit nach Hause genommen. Heute wird sogar der versteigert. Palamós lebt jetzt von Touristen und dem großen Kreiskrankenhaus.

Seit Jahrtausenden kamen zum ersten Vollmond im April die Schwärme des Thunnus thynnus auf dem immergleichen Weg vom Atlantik durch die Meerenge von Gibraltar, um in den warmen Gewässern des Mittelmeers ihre Nachkommen zu zeugen. Das Wort Thun entstammt dem Griechischen und bedeutet »eilen« oder »rasen«. Der größte Thun ist der Blauflossenthun, der seines tiefroten Fleisches wegen auch Roter Thun genannt wird. In die Dosen globaler Supermärkte kommt der pazifische Bonito, Filets im eigenen Saft, abgepackt in Thailand. Der Rote Thun ist zu wertvoll.

Das Mittelmeer hat den weltweit größten Bestand. Immer schon waren neben dem Golf von Mexiko nur die balearischen Gewässer um Ibiza, Mallorca und Menorca seine Geburtsstätte und Wiege. Jeden Juni pflegt der Rote Thun dort zu laichen, dann entlassen die Weibchen Millionen von Eiern aus ihren Körpern, und die Männchen stoßen ihren Samen in großen Wolken aus.

Sein Weg zu den Laichgebieten nördlich der Balearen führt den Thun von Süden hinauf zuletzt die Costa Brava entlang, an Palamós vorbei. Ende Juli verlassen die Schwärme das Mittelmeer wieder durch Gibraltars Meerenge, hinaus in den Atlantik, wo sie Barbate passieren. Auf dieser Präzision der Natur konnten die Fischer von Palamós ihre Kultur errichten, und sie warfen ihre Langleinen so hoffnungsvoll aus wie die Almadraberos in Barbate ihre monströsen Netze.

Jene vierhundert Anker, die sich stramm wie Regimentssoldaten im Hafen von Barbate reihen, sind von oben bis unten mit Rost bezogen; das Netz daneben riecht nach Tang und Tod. Das Blut Tausender Thunfische ist in seine Fasern gedrungen, jetzt liegt es schlaff in der unbarmherzigen Sonne Andalusiens, umschwirrt von Myriaden hysterischer Fliegen. Man spürt die metaphysische Kraft, die sich entfaltet, wenn es, straff wie ein Sprungtuch, von 130 Almadraberohänden gespannt und zugleich gezogen wird.

Im Hafen von Barbate ist es still, eine Stille, die benommen macht. Aus dem Pinienhain über der Stadt strömt harziger Duft herab, vermischt sich mit Teer und Öl – Barbate, atlantisch rau, unsinnlich, maskulin. Die Konservenfabrik ist schon lange dicht, die Salzfirmen sind pleite. Das flache kalkweiße Gebäude, in dem die Fischer und Netzflicker nebeneinander ihre Werkstätten haben, wird bald abgerissen. Am Ende des Hafens, vis-à-vis einer stillgelegten Thunverarbeitungsfabrik ohne Fenster, toben Hunde an der Kette, und zwei Fischerbootwracks stecken im Boden, die Holzrippen ihrer Brustkörbe zersplittert. Auf dem verlassenen Platz gegenüber hat der italienische Wanderzirkus Gottani seine sonnenblumengelben Zelte aufgebaut. Ein Mann mit kurzer Hose und Schlappen, aus dessen Transistorradio der schmerzhafte Gesang einer von der Liebe enttäuschten Frau kriecht, schlurft mit seinem Kampfhund zum Security-Kabuff der Kühlfabrik Frialba. Sonst ist niemand zu sehen. Im Hafen von Barbate herrschen Ruin und Rost. 38 Grad und manchmal eine Böe Wind, die man vor Hitze nicht spürt.

Almadraba heißt das Netz der Thunfischfänger von Barbate, ebenso wie die Tradition des Thunfischfangs in Andalusien. Der Almadrabero ist eine Art Torero des Meers. Er trägt den Stolz einer sehr männlichen Tradition in sich. Die Almadraberos sind eine archaische Jagdgemeinschaft. Wie der Torero den Stier erlegt der Almadrabero den Thun mit höchstem Respekt, auch wenn es den Anschein von Blutdurst hat und der Fisch stets das Nachsehen.

Die Almadraba ist ein fixiertes Fangsystem aus verzweigten Gängen und Kammern, ein Stellnetzlabyrinth, ein insgesamt sieben Kilometer langes System aus Täuschung und List dreißig Meter unter null, ein gewaltiges Konstrukt aus Tausenden Ankern und Bojen, Bleigewichten, Stahltauen und Netzteilen. Jede Almadraba wird von 400 bis 500 Eisenankern im Boden fixiert, ein Anker wiegt 450 Kilogramm, die Strömung ist stark. Vor 80 Jahren gab es mehr als 100 Almadrabas an den Küsten, dort, wo der Atlantik zum Mittelmeer kommt und mit ihm der Thun. Jetzt gibt es noch vier: in Tarifa, Conil de la Frontera, Zahara de los Atunes – und Barbate.

An einer Almadraba arbeiten 60 bis 80 Männer. 400 Fischer, dazu Netzflicker, Salzfabrikarbeiter, Tiefkühlfirmenbeschäftigte und ihre Frauen und Kinder, sind in Andalusien noch vom Thun abhängig. Von alters her warten Barbates Almadraberos auf zwei Fangtermine: im April, wenn der Thun kommt, und im Juli, wenn er wieder geht. 1000, 2000, 5000 Tonnen waren es früher. Im Juli vergangenen Jahres fingen sie einen einzigen Thun.

Fast alle Thunfische der Welt enden in Tokyo. Japan importiert jährlich 28000 Tonnen. Seine eigenen Küsten sind leer gefischt. Wie kein anderer Fisch exemplifiziert der Thun marktwirtschaftliche Logik. Der Grad seiner Ausrottung entspricht der gestiegenen Nachfrage der vergangenen 20 Jahre. Seit Anfang der 1980er Jahre sind Sushi und Sashimi vom Distinktionsmerkmal der japanischen Oberschicht zur Massenware geworden. Die Nachfrage hat das Angebot erweitert, das erweiterte Angebot die Preise sinken lassen, wodurch wiederum die Nachfrage erhöht wurde. Japanische Multis haben in die Infrastruktur seiner Verfrachtung investiert. Neben Kaviar ist Roter Thun die zurzeit teuerste und also lukrativste Delikatesse. Wer eine Lizenz als Lieferant am Tokyoter Fischmarkt haben will, muss tief in die Tasche greifen.

Jede Nacht werden aus aller Welt per Schiff, Lkw oder Flugzeug bis zu 80 Tonnen Thun angeliefert, und jeden Morgen ab 5.30 Uhr werden auf dem weltgrößten Fischmarkt an die 3000 schockgefrorene Exemplare versteigert. Mit Äxten werden Spalten in die Rücken getrieben, damit die Zwischenhändler die Güte des Fleischs erkennen, wenn sie um 4 Uhr mit der Taschenlampe eine erste Besichtigung vornehmen. Je heller das Fleisch, je fettreicher, desto edler und teurer. Für ein Kilo werden bis zu 500 Dollar geboten, der Preis hängt von der Qualität ab und variiert erheblich. Innerhalb einer Stunde ist alles versteigert. Die Händler holen ihre Ware, filetieren sie, zerschneiden die Körper mit elektrischen Sägen. Dann wird die Fracht an die Restaurants des Landes geliefert.

Die Fischer fuhren dorthin, wo die Möwen waren und das Wasser quirlte

Am anderen Ende der Welt tuckert die L’Avi Chichi früh am Morgen mit 50 PS aus dem Hafen von Palamós. Fünf Kilometer vom Ufer entfernt, um kurz nach sechs, wenn die Sonne aufgeht, wirft Pedro sein Netz aus. Jetzt ist der ehemalige Thunjäger Pedro einer von drei Langustenfischern. Es sind ihrer nicht mehr, weil nur drei wissen, wo die Langustengründe liegen. Um sein Wissen vor der Konkurrenz zu schützen, täuscht Pedro die anderen mit Hunderten bunter Bojen ohne Netz. Früher, als er Thunjäger war, der berühmteste von Palamós, da hat er oft gesehen, wie einen Kilometer von der Küste entfernt die Thunmännchen aus dem Wasser sprangen, um sich den Weibchen zu empfehlen, wie sie sprangen, wenn sie auf Makrelen- oder Sardinenschwärme stießen und ihren Hunger stillten. Und wenn sie sprangen, kamen die Möwen, und wo die Möwen waren und das Wasser quirlte, da fuhren die Fischer hin und täuschten den Thun, indem sie eimerweise Makrelen auskippten und ihn, den Fisch, in Sicherheit wiegten, ehe sie ihre Angel auswarfen und die Leine so über das Wasser zogen, dass der Thun denken musste, der Köder am Haken lebe noch. Wie man den Thun überlistet, hat Pedro von seinem Vater und dieser von seinem Vater gelernt. Die Thunfischer von Palamós waren schon immer einsame Männer, je größer der eigene Fang und je kleiner jener des Nachbarn, desto besser war es.

»Anfang der Neunziger kamen die ersten Industrieflotten aus Frankreich zu uns und jagten die Schwärme um Mallorca herum. Das war die Zeit, da ich zum letzten Mal einen Thun aus dem Wasser springen sah, hinter dem Hafen von Palamós«, sagt Pedro. Es hat nichts Elegisches, wenn er über den König spricht. Als junger Mann, mit 15, ist er schon zum Thun hinausgefahren. Das Meer ist sein Arbeitsplatz, das Meer ist sein Leben.

Er ist jetzt 55. Pedro hat eine tiefe, heisere Stimme und ist von zurückhaltender Natur. Nach drei Stunden holt er das Netz ein, Meter um Meter nichts, er kurbelt, aber keine Languste hat sich verheddert, er kurbelt weiter, stoisch, in weiser Gelassenheit, während die Sonne tausend Brillanten auf dem Meer zum Tanzen bringt. Drei Seeteufel stecken in den Maschen, ein Großer Drachenkopf, eine Seezunge. Da endlich kommt die erste Languste. Die Fühler sind lang. Den Körper einer Languste findet Pedro graziös. Sechs Langusten werden es an diesem Morgen. Die größte wiegt zwei Kilo, sie muss um die 20 Jahre alt sein. Wenn Pedro sie dem Luxusrestaurant La Gamba wie immer direkt verkauft, wird er dafür 60 Euro erhalten. Von diesem geheimen Abkommen soll die Fischereigenossenschaft nichts erfahren. Pedro trägt eine Ray Ban. Er liebt das Meer.

Mit den Fischen sterben die Traditionen. »Mein Sohn wollte nicht mehr fischen«, sagt Pedro, »er macht in Immobilien. Es ist normal geworden, dass unsere Kinder die Mühsal nicht mehr auf sich nehmen wollen. Als Fischer arbeitet man wie ein Sklave, manchmal am Tag, manchmal nachts. Die Jungen wollen Sicherheit, Bequemlichkeit, Unabhängigkeit und vor allem ein festes Gehalt.«

Im Winter leben die Fischer von dem, was sie im Sommer gefangen haben, und im Sommer fangen sie längst zu wenig, um es noch ehrenvoll Fischen zu nennen. In guten Jahren verdiente Pedro 18000 Euro netto, in schlechten die Hälfte davon. Der Preis für Dieselöl hat sich in den letzten Jahren verdoppelt, der für eine Languste ist stabil geblieben. Auf den Booten arbeiten jetzt Einwanderer aus Marokko und Arbeiter aus Russland und der Ukraine, die es hinnehmen, dass ihre Löhne an die Fangmenge im Netz geknüpft sind. Wenn Pedro in zehn Jahren zu arbeiten aufhört, wird er vielleicht der letzte Fischer gewesen sein.

In den vergangenen zehn Jahren wurde die legale Fangquote für den Roten Thun regelmäßig um bis zu 40 Prozent überschritten. Seit 20 Jahren ist die Anzahl zeugungsfähiger Großtiere in Mittelmeer und Atlantik um 80 Prozent gesunken. Der Rote Thun steht an der Spitze der Nahrungskette. Stirbt er, profitieren seine Beuteopfer davon, die Quallen und Tintenfische. Ihre Invasion ist schon jetzt Sommeralltag im spanischen Süden. Tintenfische ernähren sich von Sardinen. Stirbt der Thun, sterben die Sardinen. Sterben die Sardinen, gehen die Sardinenfischer vor die Hunde.

Jedes Jahr verzweifelter empfehlen Wissenschaftler des Standing Committee on Research and Statistics (SCRS) der ICCAT eine niedrigere Fangquote. Die ICCAT, die Internationale Kommission zum Schutz des Atlantischen Thunfischs, wurde 1969 als Tochter der Welternährungsorganisation (FAO) der Vereinten Nationen gegründet, hat ihren Sitz in Madrid und vertritt 41 Mitglieder. Jedes von ihnen muss ihr Jahr für Jahr den Umfang seines Thunfischfangs berichten. Die ICCAT legt auf ihrer jährlichen Sitzung eine für alle Mitglieder verbindliche Quote fest und teilt sie auf. Innerhalb der ICCAT spricht die EU mit nur einer Stimme, und innerhalb der EU-Delegation sind die Thunfischereiländer Frankreich, Italien und Spanien die einflussreichsten Kräfte.

In Farmen an den Küsten wird der Thunfisch heute gemästet

Im Oktober 2006 hatten die SCRS-Wissenschaftler eine Reduzierung der Thunfischfangquote von damals 32000 auf maximal 15000 Tonnen empfohlen. Ihren Schätzungen zufolge sind im vergangenen Jahr sogar 50000 Tonnen Thun aus dem Mittelmeer geholt worden. Schon die erlaubten 32000 Tonnen für die Jahre 2003 bis 2006 lagen um 23 Prozent über dem, was Wissenschaftler für das vertretbare Maximum halten, um die Auslöschung der Art Thunnus thynnus zu verhindern.

Dann kam Dubrovnik. Alle Betroffenen starrten auf die kroatische Hafenstadt, in der vor knapp einem Jahr die ICCAT-Konferenz stattfand. Das Wort vom »Schicksal« machte die Runde, manche sprachen von der letzten, andere von der allerletzten Chance für den Roten Thun, der nach Ansicht Dritter ohnehin keine mehr hatte.

Auf Panel 2 fanden sich die 19 Vertreter der Sektion Atlantischer Blauflossenthun zusammen, darunter die Europäische Union, Algerien, Libyen, Marokko, Tunesien, Türkei, die Vereinigten Staaten, China, Kanada. Sebastián Losada, Meeresbiologe und Ozean-Kampaigner bei Greenpeace Spanien, war Zeuge, wie die norwegische EU-Delegierte, nachdem sie öffentlich einen strikten Erholungsplan für den Roten Thun gefordert hatte, heftig attackiert wurde. »Die Thunfischindustrie«, sagt Losada, »stellt innerhalb der EU-Delegation eine sehr mächtige Lobby dar, der es Jahr für Jahr gelingt, biologisch vernünftige Quoten zu verhindern.« Thunfischerei ist die weltweit profitabelste Fischindustrie. Der legale Thunfischfang des Jahres 2004 war 2,5 Milliarden Euro wert, inklusive der illegalen Erträge sind es 4 Milliarden.

Nach neun Tagen rang sich die ICCAT zu einer verbindlichen Quote durch: 29500 Tonnen für das Jahr 2007. Für Greenpeace, den WWF und Rafael Marquez Guzman war das die Fortsetzung des darwinistischen Albtraums.

Da stand er wie jeden Tag am Netz, in orangefarbenem Gummi, mit 64 Kollegen, die Freunde waren, Alte und Junge, den ganzen Mai hindurch, und es herrschten ein Schweigen und eine Stille mitten auf dem Atlantik, ein Moment der Andacht, 39 Grad am frühen Mittag. Dann hob der Kapitän die Hand, und gleichzeitig zogen sie das Netz aus 30 Meter Tiefe hoch, Meter für Meter. Keiner sprach, und dann kam die Minute, da Rafael zur Jungfrau del Carmen betete, es möge ein reicher Fang sein, und er war sich sicher, dass alle anderen ebenso beteten, weil sie schwiegen wie er. Sie sahen die ersten Flossen, die Fische sprangen um ihr Leben, das Wasser schien zu kochen wie ein Geysir. Er hüpfte hinunter, mit drei anderen, hinein ins Netz, ins Thungewühl und tötete jeden der Könige mit zwei gezielten Stichen, dass das Blut spritzte, während die anderen die Tiere über Bord in die Boote zogen und jeder Einzelne genau wusste, was er zu tun hatte. Rafael hat ein Foto von sich als Henker als Bildschirmschoner auf seinem PC, und was in seinen rehbraunen Augen schimmert, ist das Fluoreszieren archaischer Romantik.

Die Almadraba ist mehr als nur das Netz. Sie ist das Medium zur Antike und zu den phönizischen, griechischen und römischen Thunfischern, eine Kultur-, mehr noch: eine Lebensform. Der Thunfischfang geht zurück bis zu den Phöniziern, man hat 3000 Jahre alte Münzen mit aufgeprägtem Thun gefunden, und die römischen Ruinen von Bolonia ein paar Kilometer südwärts waren einst Gemäuer einer Thunverarbeitungsfabrik. In die Seelen der Almadraba ist die Weisheit ökonomischer Logik eingewebt, dem Meer mehr zu lassen, als ihm zu nehmen. Was unter 70 Kilogramm dick ist, schlüpfte schon immer durch die extragroßen Maschen der Almadraba hindurch.

Rafael ist der jüngste Almadrabero von Barbate. Er ist 37 und bereits Unterkapitän. Wenn er erzählt, flüstert er, als berichte er einem Kind von einem Wunder. Am Tag, als sein Vater Paco, ein der Ehre ergebener Almadrabero, vor 14 Jahren plötzlich starb, fragte Diego, der Chef, als Ersten ihn, Rafael, den Sohn, ob er auf Pacos Platz am Netz wolle, weil die Almadrabero-Söhne das Recht auf den Arbeitsplatz des Vaters haben, der schon jener des Großvaters und Urgroßvaters war; so ist das hier im Süden. So wurde der Autolackierer Rafael ein Almadrabero und nahm den Spitznamen Rafa an, und seine Mutter sagte nach dem ersten Tag mit ganzem Stolz: Sohn, du riechst ja wie der Vater!

Rafa raucht nicht, und er trinkt kein Bier. Seinen drahtigen Körper trainiert er mit dem Mountainbike. Sein elfjähriger Sohn Francisco will Almadrabero werden. Rafa will, dass sein Sohn glücklich wird.

Als Reaktion auf die Verluste haben sich ab 1996 Mastfarmen an den Mittelmeerküsten angesiedelt. Weil sich Thunfisch nicht aus Fischeiern züchten lässt, wurden mehr und mehr Jungfische aus dem Meer geholt. Sogenannte Ringwadennetzboote, ausgerüstet mit neuester Echolottechnik, Radar und Satellitenkarten der Wassertemperaturen, können jeden Thun vom ersten bis zum letzten Moment seiner mediterranen Anwesenheit aufspüren. Unter Wasser werden die Fische von Tauchern aus den »Geldbeutel«-Netzen in Großkäfige geleitet, welche sogenannte TAC-Boote zu den küstennahen Mastfarmen ziehen. In den Farmen werden die Fische in stationäre Käfige verladen und mit Sardinen und Heringen gemästet, bis sie ausreichend gewachsen sind und nach Japan verkauft werden können. 80 Prozent des Thunfangs aus dem Mittelmeer durchlaufen diese Farmen.

Nach einer ICCAT-Studie aus dem vergangenen Jahr betreiben elf Mittelmeeranrainer 58 Mastfarmen mit einer Gesamtkapazität von 51000 Tonnen; 13 davon sind allein in Spanien zu finden. Ihr Selbstverständnis unterliegt kapitalistischem Kalkül: Mehr Nachfrage heißt mehr Thunfisch heißt abermals gesteigerte Nachfrage heißt größere Fangflotten; heißt größere Umsätze; heißt steigender Gewinn. Wichtigste Voraussetzung war bislang, dass die Fänge undokumentiert, also unkontrolliert bleiben. »Fünf verschiedene Methoden, den illegalen Transport zu verfolgen, haben zu den gleichen Ergebnissen geführt«, sagt Susana Sainz-Trápaga, Fischerei-Ozeanografin im WWF-Büro Barcelona: Ein Zehntel des nach Japan verkauften Roten Thuns stammt aus illegalem Fang. Durch den Vergleich der Export- und Importbilanzen lässt sich die Höhe der illegalen Fangquote errechnen, und mit Hilfe der Fahrpläne japanischer Kühlschiffe konnten die Wege der Thunpiraten nachgezeichnet werden.

Mediterraner Mastfarm-Oligopolist ist die andalusische Firma Ricardo Fuentes e Hijos, ansässig in Cartagena, Provinz Murcia. Der Thunmast-Baron ist nicht geneigt, Fragesteller zu empfangen. Dem einflussreichen Schweiger gehören nach Beobachtungen von WWF und Greenpeace die meisten Thunfischfarmen von Spanien über Tunesien bis Italien und Zypern; angeblich kontrolliert er bis zu 70 Prozent des gemästeten Thuns im gesamten Mittelmeerraum. Laut dem WWF Spanien ist der Wert der Thunfischproduktion allein in der Region Murcia von 3 Millionen Euro 1996 auf 107 Millionen Euro 2002 gestiegen.

Für alle, die sich um das Sterben des Thunfischs sorgen, liegt das Schlüsselproblem in der Überkapazität der Fangflotte, die auf das Vierfache des maximal Vertretbaren berechnet wird. Es ist die Masse jener äußerst mobilen Ringwadennetzschlepper mit ihren enormen, bis zu zwei Kilometer langen Netzen, die an der unteren Leine zugezogen werden wie eine Geldbörse. Zurzeit jagen 1707 kommerzielle Schiffe den Thun im gesamten Mittelmeer, auf denen 3768 Fischer beschäftigt sind. Einige ihrer Besitzer chartern Flugzeuge, die die Thunschwärme ausspähen, was offiziell verboten ist, und die Routen über Funk an die Schiffe weitergeben, welche dann in die Laichgebiete eilen. Unerwünschter Beifang sind Delfine und Schildkröten, die halb verendet ins Meer zurückgekippt werden.

Hier beißt sich, wie eine Redensart aus Palamós besagt, der Fisch in die Schwanzflosse, denn die ICCAT als Dachorganisation aller mit Thunfisch befassten Länder legt jene Quoten fest, die ihre Mitglieder ausgehandelt haben. Ist Frankreich oder Italien an hohen Quoten interessiert, hat der Fisch das Nachsehen. Die EU teilt die ihr zugedachte Menge unter ihren Mitgliedsstaaten auf. 2006 wurden der EU 18300 Tonnen zugestanden, für 2007 sind 16779 ausgewiesen. Auf Spanien entfallen dabei 5568 Tonnen, auf Italien 4336 und auf Frankreich 5493. Mit Rücksicht auf Rentabilität erteilen die nationalen Ministerien Lizenzen für ihre Langleinen- und Festnetzfischer, für die Schleppnetz- und die Ringwadennetzboote.

Jüngst haben auch die Chinesen das edle Fleisch für sich entdeckt

Für Letztere hat Madrid 6 Lizenzen vergeben, Paris 38, Rom 72. Wenn Spanien für die gleiche Fangmenge 6, Frankreich aber 38 und Italien 72 Lizenzen ausstellt, gibt es neben dem wirtschaftlichen auch ein ethisches Problem. »Die Franzosen und Italiener geben ihrer Fischereiindustrie die Lizenz zur illegalen Überfischung«, sagt Sebastián Losada. Damit jedes Ringwadennetzboot rentabel bleibt, muss es eine weit größere Menge Fisch fangen, als der Quotenanteil erlaubt. Jedes der 38 unter französischer Flagge fahrenden Schiffe beschäftigt eine Crew von vier bis zehn Mann, dazu kommen Jobs in den Fischfarmen, beim Bootsbau, auf den Werften, bei den Netzbauern, den Konservenfabriken und allen Zulieferern. Drohungen, Hunderte von Arbeitsplätzen abzubauen, beeindrucken heute jede Regierung, zumal Firmen, die an den Thunfischunternehmen beteiligt sind, auch kräftig in die Infrastruktur der Küsten investieren.

Piraterie ist der Angelpunkt des Dramas um den König des Mittelmeers. Was nicht gemeldet wird, ist nicht zu dokumentieren. Was nicht zu dokumentieren ist, kann nicht reguliert werden. Was nicht reguliert ist, wird nicht kontrolliert. Nimmt man einen durchschnittlichen Preis von 4,50 Euro pro Kilogramm Thun an, setzt ein Ringwadennetzschlepper, wenn er im Schnitt 200 Tonnen Roten Thun im Jahr fängt, etwa 900000 Euro um. Abzüglich der Instandhaltungs- und Fixkosten, die auf 800000 Euro veranschlagt werden, erzielt ein einziges Boot einen Jahresgewinn von 100000 Euro. Beschränkten sich die Lizenzbesitzer auf das legale Maximum von 128 Tonnen pro Schiff, hätten sie einen Nettoverlust von 224000 Euro pro Jahr zu verbuchen.

Die meisten Almadraberos arbeiten das halbe Jahr: im Februar und März das Netz zusammenbauen, im April und Mai fischen, im Juni und Juli das Netz abmontieren. Wer, wie fast alle hier, nicht noch Autolackierer, Mechaniker, Bauarbeiter oder Nachtportier ist, wird sechs Monate minimal vom Staat unterstützt. Rafa hat ein Festgehalt von jährlich 11000 Euro netto, dazu kommen Prämien: sechs Prozent bei 1000, zwölf bei 2000 Fischen.

Noch hat Crespo niemanden entlassen, aber es sieht nicht gut aus. Eine Almadraba ist auch ein soziales Netzwerk, und Crespo, sagen die Almadraberos, setze seine Leute nicht einfach auf die Straße, Crespo habe Anstand, Crespos ganze Familie arbeite für die Almadraba, Crespo achte Tradition und Ehre, und weil dieser Crespo ein feiner Kerl ist, wollen alle Fischer von Barbate einen Job an seiner Almadraba, obwohl es keinen Thun mehr gibt.

Diego Crespo ist Chef der Almadraba Cabo Plata in Barbate, der ältesten Spaniens, und seit 1999 ist er Präsident der OPP51, der Vereinigung aller vier verbliebenen Almadraba-Gesellschaften an der Küste von Cádiz. Er ist Ende 40, hat schwarze, gewellte Haare, trägt ein gestreiftes Hemd und besitzt ein erstaunlich gelassenes Gemüt. Lachen sieht man ihn selten. Hinter seinem Schreibtisch hängt ein Kalender von Tokyo Seafoods, daneben befinden sich große und kleine Bildchen der Virgen del Carmen im Goldrahmen. Crespo leugnet keineswegs Direktverträge mit japanischen Importfirmen, deren Vertreter extra Spanisch gelernt hätten. 80 Prozent des Thuns aus Barbate gehen direkt ins Kühlhaus Frialba und dann nach Tokyo, der Rest zur morgendlichen Auktion im Ort.

»Seit 2001«, sagt Crespo, »ist die Almadraba-Fischerei in einer schweren Krise.« Er spricht vom steten Niedergang. »Das Meer ist tot.« Das Meer, aus dem die Almadraberos im Jahr 1950 noch 15000 Tonnen Thun fischten, 1800 im Jahr 2000 und 1100 im vorigen Jahr. Crespo ist zu diplomatisch, um schäumende Anklagen vorzubringen. »Es hat ein Wettrüsten ohne Ende gegeben«, sagt er nur.

Der einst beste Thunfänger von Palamós möchte nicht mehr 15 Stunden täglich arbeiten. Wofür? Lieber sitzt er in der Casa del Mar mit der scheppernden Klimaanlage und redet über die großen Legenden, als dass er die kleinen Fische fängt, von denen er weiß, dass sie nie eine Chance hätten, sich zu vermehren. Die Maschen seiner Netze bleiben grob, auch wenn sie überall sonst die Maschen enger ziehen. »An den Mittelmeerküsten lebt noch die alte Fischermentalität fort: Ziehe heute so viel aus dem Meer, wie du kannst; morgen könnte es leer sein.« Dieses Denken, sagt der alte Pedro, sei so urtümlich, dass die Fischer Europas nicht auf die Idee kämen, den Fischmarkt, von dem sie alle lebten, gemeinsam zu erhalten und zu regeln.

Weil die Fischer von Palamós den Fisch nicht in die Schwanzflosse beißen lassen wollen, haben sie doch tatsächlich die Regierung in Madrid um die Einrichtung eines »Bio-Reservats« an ihrer Küste gebeten, das für die Fischerei entweder geschlossen bleiben oder nur unter strenger Aufsicht befischbar sein soll. Geht es nach Pedro Cubo Ramos, darf man das als neue Meeres-Moral bezeichnen, eine, die sich zwar zaghaft entwickelt, aber Besinnung und Verstand zu ihren Verbündeten zählt. War die Saison 2007 nicht die beste seit Jahren? Hat die Virgen del Carmen die Fischer für ihren Wagemut nicht belohnt? Und werden die Industrieflottenunternehmer jetzt nicht wieder sagen, die Kassandras schrien umsonst, alles sei doch in bester Balance?

Bestenfalls unbeabsichtigt, gewiss mit fataler Ironie nährt die Europäische Kommission das Desaster, indem sie den Geist der Nachhaltigkeit zu unterstützen vorgibt. In den Jahren 2000 bis 2006 hat der EU-Strukturfonds Financial Instrument for Fisheries Guidance die europäische Fischwirtschaft mit 4,1 Milliarden Euro subventioniert. Die jeweiligen Mitgliedsstaaten können über die Zuschüsse frei verfügen; je nach nationaler Agenda gehen sie in Küstenschutzmaßnahmen, den Schiffsbau, die Modernisierung der Flotte oder den Mastfarmbetrieb. Nach Schätzungen des WWF haben Ringwadennetzflotten- wie Mastfarmindustrie in Europa in den Jahren 2000 bis 2003 mindestens 30 Millionen Euro erhalten.

Seit dem 1. Januar 2007 heißt der EU-Strukturfonds European Fisheries Fund (EEF); die Ziele des Fonds sind dieselben geblieben – laut der »Common Fisheries Policy«-Reform von 2002 die nachhaltige Nutzung der Ressourcen; eine stabile Balance zwischen den Ressourcen und der Flottenkapazität; stärkerer Wettbewerb und Förderung umweltfreundlicher Fischerei. Die Subventionen des EEF für die Periode 2007 bis 2013 belaufen sich auf 3,89 Milliarden Euro, wovon Spanien rund 1 Milliarde, Frankreich 192 Millionen und Italien 376 Millionen Euro einstreicht.

Jetzt zieht die Karawane ostwärts, weil der Westen erschöpft ist. In Spanien wurden sogar Mastfarmen geschlossen, in Zypern und der Türkei werden neue errichtet. Zurzeit arbeitet die Bootsbauindustrie an Thunfangflotten für Tunesien und Algerien. Das letzte Thunfischreservat liegt in den unregulierten Gewässern vor Libyen. Seit Europäer und Amerikaner Sushi für trendy erachten, ist die Nachfrage nach Rotem Thun weiter gestiegen, und nun haben vor allem die Chinesen sein edles Fleisch für sich entdeckt.

Sogar Maria del Carmen ist machtlos gegen die instrumentelle Unvernunft in den Köpfen der Fischer, Konzernlenker, Mastfarmbetreiber und Regionalpolitiker. Was neben der angebrachten Huldigung der Heiligen Jungfrau zu tun wäre, ist seit Langem bekannt. Francesc Benaiges, Präsident der Fischereigenossenschaft von Palamós, fordert die EU auf, das gesamte Mittelmeer mit Schonzeiten zu überziehen und ein Sanktions- und Strafenregister aufzubauen. Er und Diego Crespo, der WWF, Greenpeace und das Wissenschaftskomitee der ICCAT – sie alle fordern von der Europäischen Kommission endlich ein verbindliches Regelwerk samt Kontrollsystem: ein vorübergehendes Thunfangverbot für den Monat Juni im gesamten Mittelmeerraum, da der Juni die Hochphase der Reproduktion ist; ein Fanggrößenminimum von über 30 Kilogramm; die Reduktion der Flottengröße; Kennzeichnung aller auf den Markt gelangten Fische; die Annahme des »Plans zur Erholung« der SCRS auf der nächsten ICCAT-Konferenz im kommenden November in Antalya und vor allem eine Beschränkung der jährlichen Fangquote bis mindestens 2010 auf 15000 Tonnen.

Nachdem die EU Nationen wie Frankreich und Italien, die in den Jahren 2005 und 2006 eine deutlich überhöhte Fangquote auf ihrem Konto hatten, zum Entsetzen der Kritiker in Dubrovnik pauschal amnestiert hat, existiert seit Anfang 2007 die Community Fisheries Control Agency, die noch aus Brüssel operiert, in Kürze aber in der galicischen Hafenstadt Vigo ansässig wird. Sie soll ein Kontrollsystem aus Bluebox-Schallwellentechnik, Satelliten- und Flugzeugüberwachung, aktiver Bordbeobachtung sowie statistisch fundierter Dokumentation aufbauen und Sanktionen EU-weit harmonisieren. Für Aktivisten und Ozeanologen ist das die erste gute Nachricht seit Jahren.

Rafa steht am Fluss Barbate, ein paar Meter vor der Mündung ins Meer, neben den Schiffen, deren halb versunkene Rümpfe aussehen wie Dinosaurierskelette. Seit vierzehn Jahren ist er Almadrabero. Kein Beruf könnte härter sein, keinen würde er mehr lieben. Der Thun prägt seine ganze Familie, prägt die Küstendörfer und die Kleinstadt Barbate, die in den 1930er Jahren vom Generalísimo Franco als bedeutsamer Fischerort entworfen wurde und deren Avenidas noch immer die Namen von Faschistengenerälen tragen. Die Mütter und Großmütter sprechen von den Netzen, den Kabeln, den Ankern, den Werkzeugen; die Kinder kennen die Fahr- und Fangzeiten, das Leid der Fischer, die Freude, die Sorge, und wenn der Fang gut war, redet davon die ganze Stadt, und die Gastronomen im Luxusrestaurant Campero richten ihre Speisekarte nach dem Thun aus, »Ventresca de Atún de Almádraba a la plancha: 20,90 Euro«.

Jeden Morgen um fünf ist Rafa mit den Kollegen rausgefahren, jeden Abend kamen sie zu ihren Frauen zurück. Jeden Tag sah er die Sonne aufsteigen aus den Tiefen des Meers bei Zahara de los Atunes. Die Almadraba werde es nicht mehr lange geben, sagt er. Die Almadraba werde sterben wie der König des Mittelmeers. Vielleicht ist er der letzte Fischer von Barbate. Aber vielleicht kommt der Thun auch zurück, wenn man ihn lässt. Vielleicht vergibt er ihnen.

Die Fischer am Hafen bekreuzigen sich vor der Heiligen Jungfrau aus Gips in Hellblau und Milchweiß. Wenn die ICCAT den Plan zur Erholung sofort umsetzt, wird es frühestens in zehn Jahren wieder jene Roten Thunfische geben, die die großen Maschen der Almadraba nicht mehr durchlassen. Ja, es ist eine traurige Zeit. Eine Zeit für Wunder.

 
Leser-Kommentare
  1. Die "Weissagung der Cree" wird sich wohl oder übel für den Fisch erfüllen. Ich verstehe zwar nicht wie man mit so wenig Weitblick handeln kann, aber ich bin auch kein Ökonom.

  2. Immer wieder hoert und liest man von Ueberfischung und dass sich die Menschheit in ca. 40 Jahren wohl auf andere Nahrungsmittel einstellen muss. Aber nie hoert man etwas von Politikern und Konzernlenkern, ob dagegen etwas gemacht wird, als ob das ueberhaupt kein Thema waere. Dabei ist Fischfang fuer grosse Teile der Weltbevoelkerung immer noch die wichtigste Proteinquelle.

    • amras
    • 18.09.2007 um 11:45 Uhr

    Da auf Vernunft und Einsicht wohl nicht mehr zu hoffen ist (zumindest nicht von allen Beteiligten), hilft wohl wirklich nur noch rücksichtsloses staatliches Durchgreifen.
    Zum Glück liegen die Hauptfanggebiete im Zugriffsbereich der EU - da ist man also nicht von Anderen abhängig und den Nordafrikanern und Türken gegenüber hat man genügend Druckmittel in der Hand.
    Maßnahmen wären z.B.:
    - totales Exportverbot
    (wenn die Japaner ihren eigenen Thunbestand bereits ausgerottet haben ist das schlimm genug, aber ihre Sache. Doch müssen wir ihnen das nicht auch noch bei uns erlauben; wenn's um maritime Köstlichkeiten geht schalten Japaner leider Gottes ihren Verstand komplett ab, sh. Walfang)
    - totales Fangverbot für mind. die nächsten 10 Jahre
    - Kontrolle der Schutzgebiete durch Küstenwache + Marine welche illegale Fischer sofort aufbringen und verhaften; Schiffe werden beschlagnahmt
    - drastische Strafen bei Zuwiderhandlung - z.B. Geldbeträge die so hoch sind, dass sie jeden Thunpiraten finanziell ruinieren; und wenn sie nicht bezahlen langjährige Gefängnisstrafen

    Zur Legalität dieser Maßnahmen:
    Wenn Island die 200 Seemeilen-Zone durchsetzen kann, kann die EU das auch. Und solange die EU-Mittelmeranrainer wie Spanien Subventionen kassieren, werden sie es sich überlegen, wegen ein paar Mio Gewinn aus dem Thungeschäft, auf Mrd EU-Subventionen zu verzichten.

  3. Vielleicht bleibt ja noch Hoffnung auf die Europäische Union. Die hat in der Vergangenheit durchaus Beeindruckendes in Sachen länderübergreifender Zusammenarbeit geleistet: Vor kurzem beispielsweise hat sie die europaweite Strafverfolgung von EU-Bürgern ermöglicht, die im europäischen Ausland falschparken. Jetzt findet sie vielleicht Zeit für die weniger drängenden Probleme, wie etwa den roten Thun vor der Ausrottung zu bewahren.
    Auch das französische Militär dürfte noch einige Trümpfe in der Hand halten: Wer Greenpeace-Schiffe abschießt, sollte auch die Courage besitzen, eine irrwitzige Fischbestands-Vernichtungsflotte wenigstens ein paar Monate lang in ihren Häfen festzusetzen.

  4. bis vor ein paar Jahren hatte Spanien die größte Fischfangflotte der Welt die im letzten Winkel der Welt präsent und keineswegs zimperlich war.Zu erwarten, dass deshalb gerade Spanien den Fisch schützt dürfte zuviel verlangt sein. Bei meinem ersten Besuch in Palamós im Jahre 1968 lag da noch eine große Fangbootflotte im Hafen und die Stadt war vom Fischfang geprägt. Es gab kaum Hotels und ein, zwei Freiluftdiscos. Heute hat sich das auf den Kopf gestellt ...

  5. Viele Arten sind wegen zu hoher Fangquoten und umweltzerstörender Fangtechniken nahezu ausgerottet.
    Aquafarmen sind keine Alternative, da sie im höchsten Maße umweltgefährdend und tierquälerisch sind. Weltweit werden so ca. 16 Mio. Tonnen Fisch gezüchet. Meist wird nur eine einzige Art in Monokultur mit umfangreicher Technik und Chemikalien auf engstem Raum herangezogen. Kraftfuttercocktails sollen die Fische schnellstmöglich verkaufsreif wachsen lassen. Die Stoffwechselprodukte der Fische verursachen eine explosionsartige Ausbreitung der Algen und eine ökologische Zerstörung des Gewässers.
    In Anbetracht der Schadstoffbelastungen der Meere wird deutlich, daß Fisch kein gesundes Nahrungsmittel sein kann, denn aus verschmutzten Gewässern können keine "unverschmutzten" Fische kommen. Die in den Wassertieren abgelagerten Schadstoffe wie Arsen, Blei, Cadmium, Quecksilber und Pestizide werden mitgegessen, ebenso wie die in den Aquafarmen den Tieren zugeführten Wachstumshormonen und Antibiotika.

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  • Quelle DIE ZEIT, 13.09.2007 Nr. 38
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  • Schlagworte Fischerei | Artensterben
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