Anne Will
"Ich kann eine innere Lampe anschalten"
Anne Will hat die wichtigste Talkshow des Landes übernommen. Alle kennen sie - aber wer ist sie wirklich? Ein Porträt
Einer, der Anne Will lange kennt, sagt, er werde nie vergessen, wie sie sich ihm gegenüber einmal selbst erklärt habe: „Mein Problem ist, dass ich genau weiß, was ich nicht will. Aber ich weiß nicht, was ich will.“ Jochen Sprentzel war Sportchef des Senders Freies Berlin, ihrer ersten beruflichen Station. Er hat sie für das Fernsehen entdeckt, auch so eine Sache, die sie erst nicht wollte. „Ich habe erst lernen müssen, vor der Kamera souverän zu wirken. Ich habe das nicht in mir gehabt.“
Sie hat es erst lernen müssen – auf dieses Motiv stößt man immer wieder, wenn man sich mit der Fernsehjournalistin Anne Will beschäftigt. Indem sie die Nachfolge von Sabine Christiansen als Moderatorin von Deutschlands wichtigster Politik-Talkshow übernahm, hat Anne Will die Republik aufgefordert: Fragt mich, wer ich bin! Sie wusste das, dafür ist sie Profi genug. Wer also ist Anne Will?
Der Moment, in dem sie ganz bei sich ist, kommt um 20.30 Uhr. Es ist Ende Juni, der Donnerstag ihrer letzten Woche bei den Tagesthemen , nur noch zwei Stunden bis zur Sendung. Gerade eben war sie genervt von dem Getümmel vor ihrem Büro in Hamburg-Lokstedt, im Gebäude des NDR, wo die Tagesthemen produziert werden. Das laute Flurgeschwätz einiger Kollegen hat sie gestört. „Ich mache mal die Tür zu!“, hat sie ihrer Sekretärin zugerufen. Rums. Stille. Draußen wird es gerade dunkel, drinnen leuchtet nur noch ihr Computermonitor. Sie nimmt sich ihre Moderationstexte vor. Sie schreibt einen Satz, spricht ihn laut aus, irgendetwas stimmt nicht, klack-klack-klack machen die Tasten, löschen, umformulieren, wieder laut aussprechen, weitertippen. Es klingt jetzt, als rede sie im Schlaf. Ein Satz, klack-klack, der nächste Satz. Jetzt geht es nur noch um die richtige Formulierung, die passende Frage. Auf ihren Gesichtszügen liegt dabei eine besondere Art der Entspannung, kein Stress, keine Show.
Zwei Monate später in Berlin, nur noch drei Wochen bis zur Premiere ihrer neuen Talkshow, in ihrem neuen Büro. Wieder ist Anne Will genervt. Dieses Andauernd-über-sich-reden-Müssen. Sie steckt mitten im PR-Rummel zu ihrer Sendung, Interviews, Fototermine, Gespräch bei Beckmann . Manchmal gehe ihr das zu nahe, sagt sie, wenn jeden Tag ein anderer Mensch frage, wie sie als Kind gewesen sei. Das empfinde sie als demütigend. Man hat das Gefühl, dass sie auch jetzt am liebsten einfach die Tür zumachen würde, damit sie allein sein kann, mit sich und der Tastatur. Lasst mich doch einfach nur die Sendung machen! Reicht euch das nicht?
Warum fallen einem gerade diese Momente ein, wenn man Bilanz zieht nach einigen Gesprächen mit Anne Will? Sie zählen zu den seltenen Momenten mit ihr, bei denen man nicht das Gefühl hat, dass sich hier ein Mensch absolut unter Kontrolle hat; Regie führt bei einer Szene, an der man auch teilnimmt. Meistens nämlich, wenn man sich mit Anne Will unterhält, sieht sie einen sehr direkt mit ihren großen Augen an. Ihre Augen wirken dann wie Scheinwerfer, sie leuchten und strahlen so stark, dass man manchmal wie geblendet ist. Dieses Leuchten sagt: Glauben Sie mir, vertrauen Sie mir, mögen Sie mich! Dann schickt Anne Will ein mädchenhaftes, beinahe naiv wirkendes Kichern hinterher, oft streicht sie gleichzeitig mit ihren Händen die Haare aus dem Nacken. Es ist eine ziemlich unschlagbare Mischung. Und niemand weiß das besser als Anne Will selbst.
„Ich kann eine innere Lampe anschalten“, sagt sie, „dann leuchten meine Augen anders. Ich habe das im Fernsehen gelernt. Das geht mittlerweile auch ohne Kamera, im Alltag. Ich setze das Leuchten manchmal ein, um etwas zu erreichen, gerade erst wieder, als ich mich in Berlin auf dem Bezirksamt neu anmelden musste. Dort herrschte schlechte Laune, aber ich bin da rein und habe mir gedacht: Wollen wir doch mal sehen.“ Es hat funktioniert. Anne Will kann von einigen solcher Momente erzählen: Vor ein paar Jahren habe sie mal einen gewaltigen Kratzer an einen Mietwagen gefahren, aber nach ein bisschen Charmieren sei dem Mitarbeiter der Autovermietung der Kratzer gar nicht mehr aufgefallen.
Am Sonntag übernimmt Anne Will die Moderation der wichtigsten politischen Talkshow in der ARD , als Nachfolgerin von Sabine Christiansen. Sie produziert die Sendung, die von Politikern als „Ersatzparlament“ bezeichnet (und als solches auch kritisiert) wurde, mit ihrer eigenen Firma und 25 Angestellten für einen geschätzten Jahresetat von etwa acht Millionen Euro. Sie wird direkt nach dem Tatort ausgestrahlt, das garantiert ihr ein Millionenpublikum. Es ist ein Traumjob für jeden Fernsehjournalisten.
Seitdem bekannt wurde, dass Will die Nachfolgerin von Christiansen wird, haben wir uns zunächst in ihrem Tagesthemen -Büro in Hamburg getroffen, dann in Berlin-Mitte, in ihrem neuen Büro in der Mauerstraße. Beide Räume waren ziemlich leer. Anne Will musste selbst darüber lachen. In Hamburg meinte sie, „das persönlichste hier ist wohl meine Handtasche“. In Berlin sagte sie: „Die Blumen sind bislang das einzig Persönliche hier, und die hat mir eine Kollegin mitgebracht, damit mal etwas Farbe reinkommt!“
Nicht dass Anne Will bei der ersten Begegnung unfreundlich oder distanziert wäre, nein, sie wirkt gleich von Anfang an geradezu herzlich. Sie lacht viel. Sie nickt. Sie hört zu. Sie lässt ihre Augen leuchten. Man versteht, warum Gerhard Schröder und Angela Merkel sich von ihr so gerne für die Tagesthemen haben interviewen lassen, trotz mancher schnippischen Frage, trotz der Distanz einer Live-Schaltung. Anne Will kann einem Aufmerksamkeit schenken.
Es ist nur so, dass man bei einem Gespräch über sie von ihr zunächst vor allem Harmloses zu hören bekommt, am liebsten Karnevalsanekdoten. Will ist Rheinländerin, aufgewachsen in Hürth bei Köln, der Karneval ist dort zu Hause. Sie erzählt so oft davon, in welcher Verkleidung sie wie und wann aufgetreten ist, dass man irgendwann stutzig wird. Vielleicht gehört das zu ihren Erfahrungen mit den Medien: Gib ihnen etwas scheinbar Persönliches, etwas Konkretes – „Ich war verkleidet als Kuh“ –, dann sind sie glücklich und haben doch nichts über dich erfahren.
Nach diesem Prinzip hat sie der Öffentlichkeit in den Vergangenheit durchaus einiges über sich erzählt. Sie kann nicht kochen. Sie fährt gerne Auto. Sie joggt gerne. Sie mag den FC Bayern München nicht. Sie wollte mal Schreinerin werden, mal Lehrerin, mal Fahrradmechanikerin. Sie kann „zickig sein und launisch und auch still“. Manchmal grübelt sie. Und am liebsten entspannt sie zu Hause auf dem Sofa. Das kann fast jeder über sich sagen.
Wie viele ehrgeizige Menschen sagt auch Anne Will über sich, dass sie gar nicht ehrgeizig sei. Sie wolle nur ihre Sache gut machen. „Ich habe nie einen Karriereplan gehabt.“ Andererseits hat sie sich in der Zeit vor den entscheidenden Probeaufnahmen, damals für den Job bei den Tagesthemen , Ratschläge von Günther Jauch geholt, dem beliebtesten Moderator des Landes. Sie bekam den Job.
Weil sie selbst zu den Gründen ihres beruflichen Erfolgs schweigt, muss man sich bei Wegbegleitern erkundigen. Da ist zum Beispiel der Hamburger Medienanwalt Mark Nowak, der sie seit ihrer Zeit bei den Tagesthemen berät. Nowak erinnert sich an ihre erste Begegnung. „Sie hat noch nicht geahnt, was auf sie zukommt“, aber sie habe gleich wissen wollen, welche Fallstricke im Sender auf sie warteten. Als Tagesthemen -Moderatorin, sagt Nowak, „ist man von heute auf morgen sehr gefragt, also muss man sich darüber klar werden, wie stelle ich mich dar, was mache ich und, vor allem, was nicht“? Anne Will wollte es von Anfang an genau wissen. Nowak war dafür kein schlechter Gesprächspartner, er berät auch Ulrich Wickert. Den Kontakt zu Nowak hat Anne Will über seine Mutter geknüpft, die Sekretärin ist bei den Tagesthemen . Will und Nowak verstanden sich auf Anhieb. Beide haben im Frühjahr die Firma Will Media gegründet, die nun ihre Sonntags-Talkshow produziert.
Der Fernsehmoderator Andreas Schneider kennt Anne Will seit gemeinsamen Tagen beim Sender Freies Berlin. Acht Jahre lang hatten sie eine Sendung, sie hieß Mal ehrlich . Wenn Schneider über den Weg nachdenkt, den seine Kollegin seit damals gegangen ist, fällt ihm als Erstes ein: „Natürlich war Anne hoch ehrgeizig.“ Und sie habe früh begriffen, was man öffentlich sage und was nicht. „Die Öffentlichkeit weiß ja nicht viel über sie. Das macht sie schon sehr gut.“
Ihre Ambitionen sind auch anderen aufgefallen, früher, schon zu Schulzeiten. Als Anne Will 40 wurde, kamen zwei Schulfreundinnen zu Besuch nach Berlin, aus denen es irgendwann im Laufe des Treffens herausgebrochen sei: „Wir amüsieren uns übrigens immer prächtig, wenn du in Interviews sagst, dass du nicht ehrgeizig warst!“ Anne Will schüttelt den Kopf, während sie diese Geschichte erzählt. „Sie haben mich in der Schule offenbar als ehrgeizig wahrgenommen. Ich habe sie gefragt, wie sie darauf kamen.“ Die Schülerin Anne Will war gut in allen Fächern, Leistungskurse Mathe und Englisch, in beiden Fächern 13 Punkte im Abitur. Vor den mündlichen Prüfungen, daran erinnerten ihre Freundinnen sie, habe sie immer wieder gerechnet, ob sie anstelle des Notendurchschnitts von 1,5 doch noch 1,4 erreichen könne. Warum 1,4? „Es gab keinen besonderen Grund“, sagt sie heute, „es ging nur um das Spiel, ich wollte sehen, ob ich es schaffe.“ Ist das nicht die Definition von Ehrgeiz? Was ist daran eigentlich so schlimm? Anne Will lacht, leuchtet, wirft die Haare nach hinten. „Ich glaube, das ist nur eine Projektion meiner Schulfreundinnen.“ Im Abitur ist es bei 1,5 geblieben.
Anne Will wurde am 18. März 1966 in Köln geboren, 1985 begann sie Geschichte, Politologie und Anglistik zu studieren, zunächst in Köln, später in Berlin. Während des Studiums schrieb sie für Lokalzeitungen, danach volontierte sie beim Sender Freies Berlin, der heute RBB heißt. An ihren ersten Fernsehauftritt Ende 1992 erinnert sie sich mit Entsetzen. „Ich war noch so jung, gerade mal 26. Ich war thematisch und handwerklich überfordert. Das hat mir Angst gemacht.“
Als die Sendung vorbei war, rief eine Freundin sie an und fragte: „Hattest du Zahnschmerzen?“ Es war eine Talkshow mit mehreren Gästen, live. Sie hatte keinen guten Eindruck von sich, „ich habe mich unwohl gefühlt, es war alles zu viel auf einmal. Eine Talkshow ist kompliziert, ständig fragst du dich, wie viel Zeit habe ich noch, wann kommt der nächste Beitrag, man muss auf irre viel achten. Ich war kolossal überfordert.“ Von Talkshow zu Talkshow. Wird sie sich jetzt wieder unwohl fühlen? „Nach außen mag ich in solchen Phasen für manche entspannt gewirkt haben, aber innerlich fühle ich mich wie ein gejagtes Tier.“ Jetzt ist kein Leuchten in den Augen zu sehen, die Arme sind verschränkt.
„Immer wenn ich etwas Neues gemacht habe, auch am Anfang bei den Tagesthemen , habe ich plötzlich so eine Vorsicht und Zurückhaltung in mir gehabt, die mich defensiv erscheinen lässt. Ich bin dann unbeweglich, fast steif.“ Und es könne auch diesmal wieder passieren. Dann geht ein Ruck durch ihren Körper, die Arme lösen sich aus der Verschränkung. „Wollen Sie vielleicht noch einen Kaffee?“ Es leuchtet wieder.
Wie bereitet sie sich auf diese Situation vor? „Ich habe mittlerweile selbst geschaffene Bezüge, die mich davor bewahren“, sagt sie. Bezüge aus ihrem Leben? Nein, „Pannen, Fehler, die ich vor der Kamera gemacht habe“. Fehler, die ihr nie wieder passieren sollen, „denn Fehler zu wiederholen finde ich doof“.
Da war zum Beispiel, es ist ein paar Jahre her, eine Live-Sendung, ein Eishockeyspiel. In einer Pause sollte Anne Will im Studio den Direktor eines Berliner Tennisturniers interviewen, Eberhard Wensky. Anne, hieß es aus der Regie, Wensky ist noch nicht eingetroffen, bereite dich mal lieber mit ein paar Meldungen vor, falls er es nicht rechtzeitig ins Studio schafft. Ach was, dachte Anne Will, wieso sollte der Wensky nicht kommen? Herr Wensky kam nicht. Und plötzlich hieß es: Anne, du bist gleich auf Sendung, fülle mal die nächsten fünf Minuten. Das Rotlicht ging an. Und Anne Will verkrampfte sich. Sie war nicht vorbereitet, las Meldungen vom Blatt ab, die sie nicht redigiert hatte, stotterte, jedes zweite Wort ein „Äh“. Wenn sie heute daran denkt: „Ein Albtraum“. Was hat sie daraus gelernt? „Du musst darüber reden, es zur Sprache bringen, das Problem benennen und es damit von dir selbst weggeben.“ Sie hat die Souveränität nicht in sich gehabt, sie hat sie lernen müssen.
In Stressphasen träumt Anne Will den immergleichen Traum, auch jetzt, nach der ersten Probesendung der Talkshow (Thema war die Familienpolitik der CSU, in der zweiten Probesendung ging es um den Linksruck in Deutschland). In dem Traum geht sie wieder zur Schule. „Ich sitze im Deutsch-Leistungskurs, den ich gar nicht hatte, und frage, wann ist denn eigentlich die Klausur? Ich bekomme keine Antwort. Ich suche einen Stundenplan, finde ihn nicht. Also schlendere ich völlig unorganisiert durch die Schule und denke noch, was soll’s, ich habe ja längst mein Abitur. Ich mache das ja nur zum Spaß ein zweites Mal. Und trotzdem stresst es mich, dass ich unvorbereitet bin.“ Das alles denkt Anne Will noch während des Traums, dann erst wacht sie auf und sagt sich: „Bitte, Süße! Du hast dein Abitur doch längst!“
Die Karriere der Anne Will ist nach einem interessanten Muster verlaufen. Sie selbst war mit neuen Aufgaben zunächst innerlich unglücklich, fand sich nicht gut, zweifelte. Der Blick von außen war ganz anders. Dieter Gruschwitz etwa, heute Sportchef des ZDF, war Co-Moderator ihrer ersten Sendung 1992. „Mir war danach klar, die kann nicht nur Sport“, erinnert er sich, „Anne war von Anfang an klasse.“ Zunächst moderierte Will Sportsendungen, dann Mal ehrlich mit Andreas Schneider, später eine Talkshow über Medien, im WDR. Schon früh bot man ihr die Sportschau an, als erste Frau sollte sie Deutschlands bekannteste Sportsendung präsentieren. Doch es dauerte Jahre, bis sie 1999 schließlich einwilligte.
Und ihr Leben außerhalb des Berufs? Sie ist in einem katholischen Elternhaus aufgewachsen, der Vater erst Schreiner, später Architekt, die Mutter half dem Vater im Büro und zog die beiden Kinder groß, Anne und ihren Bruder Martin. Er ist zwei Jahre älter und ihr anfangs immer einen Schritt voraus. Er bringt ins Elternhaus den verhassten Spiegel mit, es kommt darüber zum Streit mit den Eltern, auch Anne streitet sich mit ihnen. Ihre Mutter beschimpft sie als „linksradikal“. Sie will so sein wie Martin. „Ich habe alles meinem Bruder nachmachen wollen“, hat sie Alice Schwarzer einmal in einem Gespräch für die Zeitschrift Emma erzählt. „Alles, was Mädchen damals noch nicht machen durften: Messdiener sein, im Fußballverein sein… dem ging das total auf den Geist.“ Ihr Bruder Martin, das Vorbild ihrer Jugend, fährt heute Taxi. Doch Anne Will will nicht über ihn reden, sie verschränkt die Arme.
Hamburg, Ende Juni, in der Redaktion der Tagesthemen . Heute moderiert Anne Will ihre viertletzte Ausgabe von „TT“, wie man hier sagt. In der Vormittagskonferenz ist die Stimmung mittelprächtig, die Quote der Sendung vom Vorabend war schlecht, wie so oft mittwochs. „Den Mittwoch kann ich als Sendetermin nicht empfehlen“, sagt sie und grinst. Alle grinsen. Mittwochabends wird von Oktober an ihr Kollege Frank Plasberg ebenfalls eine politische Talkshow in der ARD moderieren. Der Sender hat sich in eine merkwürdige Situation begeben: zwei neue politische Talkshows, die sich um dieselben Themen und Gäste bemühen werden. Mit Maybrit Illner vom ZDF versteht Anne Will sich gut, mit dieser Konkurrenz ist auch Sabine Christiansen zurechtgekommen. Frank Plasberg ist im Ersten hingegen neu. Er ist Anne Wills Gegner im eigenen Haus.
In ihrem Tagesthemen -Büro geht Anne Will an diesem Tag Mappen durch, die ihre Sekretärin vorbereitet hat. Darin liegen Briefe, Anfragen, auch Zeitungsartikel, in denen sie erwähnt wird. Auf einem steht in Großbuchstaben „Wir heiraten“. Ihre Vorgängerin Sabine Christiansen kündigt ihre Hochzeit an. Sie blättert weiter. Sie hat sich entschieden, einen anderen Weg zu gehen. Über ihr Privatleben will sie schweigen, auch wenn sie weiß, dass sie mit einer Sendung, die ganz auf sie zugeschnitten ist, noch mehr Interesse an ihrer Person wecken wird.
Nur selten lässt sie Einblicke zu. Park Avenue berichtete im vergangenen Jahr darüber, dass Anne Will einmal mit ihrer Freundin Miriam Meckel auf einem Presseball getanzt hatte. Will bestätigt das, mehr aber auch nicht. „Ich werde mein Privatleben weiterhin privat halten“. Dem Tagesspiegel erzählte sie 1996, dass ihr damaliger Freund, ein Sportreporter beim SFB, schon Scherze mache, wenn sie auf der Straße erkannt werde. Er nenne dies den „Anne-Effekt“. Irgendwann im Laufe der Jahre danach muss sie sich entschlossen haben, nichts mehr über ihr Privatleben öffentlich zu machen. Sie erwähnt nur, dass sie das meiste über die Liebe gelernt habe, als sie einmal verlassen wurde. Da habe sie verstanden, wie sorgsam man damit umgehen müsse. Durch den Verlust sei ein Bewusstsein entstanden für die eigene Verletzlichkeit, eine tiefe Wunde.
Wie aus Anne Will „Anne Will“ wurde? Durch lernen. Sie hat rasch begriffen, dass es sich lohnt, öffentlich untertourig aufzutreten. Sie geht nicht oft auf Galas. Als sie bei einer Preisverleihung auf der Bühne ihren Eltern dafür dankte, dass sie so „ein warmherziger Mensch“ geworden sei, machte sie Harald Schmidt noch am selben Abend mit einer Parodie zum Gespött des Saals. „Das ist mir nachgegangen“, sagt sie heute, „weil es so unprofessionell war. Ich wollte etwas ganz anderes sagen, aber dann stapfe ich auf die Bühne und sage diesen Klassiker.“ Wieder ein Fehler, den sie auf keinen Fall wiederholen möchte.
An jenem Tag bei den Tagesthemen Ende Juni kommt es dann doch fast wieder zu einem solchen Moment, wenn auch in viel kleinerem Rahmen. Ein Kollege feiert an dem Tag seinen Abschied (er wechselt zu ihrer neuen Redaktion nach Berlin). Er hat die Redaktion auf ein Glas Sekt eingeladen. Alle warten nach dem Abspann nur noch auf die Moderatorin, die aus dem Studio nebenan in die Redaktionsräume zurückgeht. Als sie die Tür öffnet und die Redaktion sieht, die Gläser und den Sekt, will sie gerade ansetzen zu einem „Das ist aber…!“. Bis sie begreift, dass sie gar nicht gemeint ist, nach der Schrecksekunde sich sammelt, den Rest des Satzes herunterschluckt und sich verlegen unter die Gratulanten mischt.
Ihren Ehrgeiz hat sie dagegen in der Öffentlichkeit immer im Griff gehabt. Sie hat nie „Ich will hier rein!“ gerufen, aber sie hat bei guten Gelegenheiten zugegriffen. Sie hat klug ein Netzwerk aufgebaut, hat Freunde bei beiden mächtigen ARD-Sendern, dem WDR und dem NDR. Und sie hat sich politisch nie festgelegt. Zur Frage, wo sie sich politisch einordne, sagt sie: „Darauf zu antworten ist für mich gefährlich.“
Das ist geschickt, aber auch profillos. Kann das zum Problem werden? Cathrin Kahlweit, die Redaktionsleiterin von Anne Will , sie kam von der Süddeutschen Zeitung, beobachtet an der Generation ihrer neuen Chefin, den um die 40-Jährigen, „eine gewisse Alterslosigkeit, einen manchmal fast ungeheuerlichen Pragmatismus. Ich vermisse die Bereitschaft, auch mal alles infrage zu stellen.“ Kahlweit ist sieben Jahre älter als Will. Sie halte „zwar auch nichts von langen Debatten über Marx und Moral, aber eine Grundhaltung gehört dazu, um Konflikte zu schüren!“.
Wo ist diese Grundhaltung bei Anne Will zu sehen? Was sagt es aus über das Land, wenn eine nach außen hin ideologiefreie Journalistin die wichtigste politische Sendung des Landes übernimmt? Anne Will wusste schon als Schülerin, dass sie Journalistin werden wollte. Sie ist über den Journalismus zur Politik gekommen, nicht über die Politik zum Journalismus.
Laut einer Forsa-Umfrage aus diesem Sommer vertrauen Anne Will 57 Prozent der Bevölkerung. Sie liegt damit auf Platz 13 einer langen Liste, nur knapp hinter dem Papst. Es scheint, als wünsche sich das Publikum in Zeiten einer ideologiefreien Großen Koalition, die perfektes Politik-Handwerk betreibt, eine ebenso ideologiefreie Moderatorin, die eben auch perfektes Handwerk betreibt, die an ihren Formulierungen bis ins Letzte feilt, nicht mehr, nicht weniger. Darin ähneln sich die Erfolgsmodelle Angela Merkel und Anne Will. Sie sind Lernmaschinen. Sie geben sich beide unendlich pragmatisch. Und halten ihr Privatleben privat. Damit kommen sie unglaublich gut an.
Wie damals vor dem Start der Tagesthemen hat sich Anne Will auch diesmal mit den Fallstricken beschäftigt, die vor ihr liegen. Nur keine Fehler machen. Wenn mittwochs Frank Plasberg sendet und donnerstags Maybrit Illner, dann muss sie sehen, welches Thema sie sonntags setzen kann. Bleiben da noch interessante Gäste übrig? Gut möglich, dass sie oft freitags alles umwerfen muss.
Natürlich wird auch ihr Erfolg in Einschaltquoten gemessen. Acht Millionen Zuschauer kommen vom Tatort, danach beginnt der Zuschauerschwund. Es folgen drei Programmhinweise, noch mehr Schwund, dann beginnt Anne Will . Es ist also ein Kampf gegen das Verschwinden, und Mark Nowak, ihr Geschäftspartner, skizziert das Ziel ganz konkret: „Die jungen Zuschauer kennen das Gesicht von Anne Will. Wenn von ihnen 500000 mehr hängen bleiben als zuvor, wäre das ein großer Erfolg.“
Am Sonntag von 21.45 Uhr an in der ARD wird Fernseh-Deutschland sehen, ob Anne Will die nächste Hürde ihrer Karriere nimmt.
Hat sie eigentlich noch Wünsche, abgesehen davon, dass ihr Anne Will , die Sendung, gelingt? Es ist ein letztes Mal Zeit für ihr Leuchten. Sie strahlt, wirft die Haare zurück. Regie: Anne Will. „Ich würde gerne Trompete spielen können.“ Das Mädchenlachen. „Und ich wäre gerne größer, nicht nur 1,69 Meter. So 1,74 Meter, 1,75 Meter, das wär’s.“ Sie wirkt jetzt sehr zufrieden mit sich. Dann klopft es an der Tür, es ist die Sekretärin. Sie schaut auf die Uhr, der nächste PR-Termin wartet schon.
- Datum 21.9.2007 - 12:07 Uhr
- Quelle ZEITmagazin LEBEN, 13.09.2007 Nr. 38
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„Ich kann eine innere Lampe anschalten“, sagt sie, „dann leuchten meine Augen anders. Ich habe das im Fernsehen gelernt..." Ist da etwa doch noch genügend Raum hinter den Augen für Beleuchtung und Projektion? Toll, da wäre Sabine Christiansen auch nicht drauf gekommen.
Seit wann wird es in Hamburg "Ende Juni gegen 20.30 Uhr gerade dunkel"?
Rendite statt Respekt - wenn Arbeit ihren Wert verliert
Es ist die 12. oder die 13. Lall-Runde (Talk-Show) die nach der Sommerpause auf uns Zuschauer herrein prasselt.
Alles ist neu bei Anne Will. Von den Sitzmöglichkeiten bis zur Fersehnausstattung. Alt geblieben sind die Gäste und die Themen. So ist auch heute, die "Linke-Runde" von Rütgers bis Käsmann dem Niveau des NDR (ARD) entsprechend.
Zuschauerbefragung, Einspieler, E-Mails und Statistiken in Power-Point-Präsentation sind in der Sendung bei "Anne Will" etwas völlig Neues?
Kurt Beck, der neue zukünftige Sektenführer der alten Arbeiterpartei SPD erzählt die selbe Sülze wie die anderen Gäste auch - "Alles ist ungerecht und Schuld ist die einheimische Bevölkerung selber. So oder so ähnlich kennen wir das seit Jahren, diese Sprechblasen.
Dafür geht es dann in der nächsten Sendung hochher, wenn die Gäste Elke Heidenreich und Uschi Glas sind und Wolfgang Jopp und Karl Lagerfeld aufeinandertreffen. Viel Spaß dabei?
was für ein gefühlskalter artikel!!! Es ist ok, wenn Amend Frau Will nicht so recht leiden mag, aber dann sollte er nicht so einen aufgeblähten Artikel schreiben, immer hochnäsig und oft arrogant - was zusammen dann doch ein wenig dümmlich daherkommt.
Diese Amendsche Handschrift findet sich leider auch beim Leben-Magazin wieder. Schade drum.
uns von diesen staatssendern schon verdummdeubeln lassen sollen, dann aber doch wenigstens mit mitspracherecht bei der auswahl dieser hohepriester staatlicher dummdeutschpropaganda.
Also die erste "Anne Will" Sendung kann man wohl einen Flop nennen. Einen Unterschied zu Christiansens Show war eigentlich nicht zu erkennen, die Informationsdichte marginal (das wären vor 2 Jahren neue Erkenntnisse für die Zuschauer gewesen).
Weichgespültes PR-Gelaber der bekannten Lobbyisten. Eine Diskussion war das nicht.
Ja und heute haben wir 2008, November, kurz nach Ypsilantis Fall ...
Anne Will hat nicht nur durch und durch alle Erwartungen enttäuscht, die sie als strahlende NDR/WDR-Vertreterin erweckt hatte, sondern ihre Redaktion schafft ganz nebenbei auch noch die Meinungsfreiheit ab, in dem sie sauber und ohne Beleidigungen abgefasste Kommentare im "AnneWill-Blog" löscht, also verbietet!
Und dies in einer Zwangsgebührenanstalt!
Das ist einfach kriminell.....
danke - so gut gelacht habe ich selten nicht mehr; allein das hier:
als wünsche sich das Publikum in Zeiten einer ideologiefreien Großen Koalition, die perfektes Politik-Handwerk betreibt,...
die bessere Version gibt's übrigens hier: http://www.titanic-magazin.de/ard-girls.html
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