Einer, der Anne Will lange kennt, sagt, er werde nie vergessen, wie sie sich ihm gegenüber einmal selbst erklärt habe: „Mein Problem ist, dass ich genau weiß, was ich nicht will. Aber ich weiß nicht, was ich will.“ Jochen Sprentzel war Sportchef des Senders Freies Berlin, ihrer ersten beruflichen Station. Er hat sie für das Fernsehen entdeckt, auch so eine Sache, die sie erst nicht wollte. „Ich habe erst lernen müssen, vor der Kamera souverän zu wirken. Ich habe das nicht in mir gehabt.“

Sie hat es erst lernen müssen – auf dieses Motiv stößt man immer wieder, wenn man sich mit der Fernsehjournalistin Anne Will beschäftigt. Indem sie die Nachfolge von Sabine Christiansen als Moderatorin von Deutschlands wichtigster Politik-Talkshow übernahm, hat Anne Will die Republik aufgefordert: Fragt mich, wer ich bin! Sie wusste das, dafür ist sie Profi genug. Wer also ist Anne Will?

Der Moment, in dem sie ganz bei sich ist, kommt um 20.30 Uhr. Es ist Ende Juni, der Donnerstag ihrer letzten Woche bei den Tagesthemen , nur noch zwei Stunden bis zur Sendung. Gerade eben war sie genervt von dem Getümmel vor ihrem Büro in Hamburg-Lokstedt, im Gebäude des NDR, wo die Tagesthemen produziert werden. Das laute Flurgeschwätz einiger Kollegen hat sie gestört. „Ich mache mal die Tür zu!“, hat sie ihrer Sekretärin zugerufen. Rums. Stille. Draußen wird es gerade dunkel, drinnen leuchtet nur noch ihr Computermonitor. Sie nimmt sich ihre Moderationstexte vor. Sie schreibt einen Satz, spricht ihn laut aus, irgendetwas stimmt nicht, klack-klack-klack machen die Tasten, löschen, umformulieren, wieder laut aussprechen, weitertippen. Es klingt jetzt, als rede sie im Schlaf. Ein Satz, klack-klack, der nächste Satz. Jetzt geht es nur noch um die richtige Formulierung, die passende Frage. Auf ihren Gesichtszügen liegt dabei eine besondere Art der Entspannung, kein Stress, keine Show.

Zwei Monate später in Berlin, nur noch drei Wochen bis zur Premiere ihrer neuen Talkshow, in ihrem neuen Büro. Wieder ist Anne Will genervt. Dieses Andauernd-über-sich-reden-Müssen. Sie steckt mitten im PR-Rummel zu ihrer Sendung, Interviews, Fototermine, Gespräch bei Beckmann . Manchmal gehe ihr das zu nahe, sagt sie, wenn jeden Tag ein anderer Mensch frage, wie sie als Kind gewesen sei. Das empfinde sie als demütigend. Man hat das Gefühl, dass sie auch jetzt am liebsten einfach die Tür zumachen würde, damit sie allein sein kann, mit sich und der Tastatur. Lasst mich doch einfach nur die Sendung machen! Reicht euch das nicht?

Warum fallen einem gerade diese Momente ein, wenn man Bilanz zieht nach einigen Gesprächen mit Anne Will? Sie zählen zu den seltenen Momenten mit ihr, bei denen man nicht das Gefühl hat, dass sich hier ein Mensch absolut unter Kontrolle hat; Regie führt bei einer Szene, an der man auch teilnimmt. Meistens nämlich, wenn man sich mit Anne Will unterhält, sieht sie einen sehr direkt mit ihren großen Augen an. Ihre Augen wirken dann wie Scheinwerfer, sie leuchten und strahlen so stark, dass man manchmal wie geblendet ist. Dieses Leuchten sagt: Glauben Sie mir, vertrauen Sie mir, mögen Sie mich! Dann schickt Anne Will ein mädchenhaftes, beinahe naiv wirkendes Kichern hinterher, oft streicht sie gleichzeitig mit ihren Händen die Haare aus dem Nacken. Es ist eine ziemlich unschlagbare Mischung. Und niemand weiß das besser als Anne Will selbst.

„Ich kann eine innere Lampe anschalten“, sagt sie, „dann leuchten meine Augen anders. Ich habe das im Fernsehen gelernt. Das geht mittlerweile auch ohne Kamera, im Alltag. Ich setze das Leuchten manchmal ein, um etwas zu erreichen, gerade erst wieder, als ich mich in Berlin auf dem Bezirksamt neu anmelden musste. Dort herrschte schlechte Laune, aber ich bin da rein und habe mir gedacht: Wollen wir doch mal sehen.“ Es hat funktioniert. Anne Will kann von einigen solcher Momente erzählen: Vor ein paar Jahren habe sie mal einen gewaltigen Kratzer an einen Mietwagen gefahren, aber nach ein bisschen Charmieren sei dem Mitarbeiter der Autovermietung der Kratzer gar nicht mehr aufgefallen.

Am Sonntag übernimmt Anne Will die Moderation der wichtigsten politischen Talkshow in der ARD , als Nachfolgerin von Sabine Christiansen. Sie produziert die Sendung, die von Politikern als „Ersatzparlament“ bezeichnet (und als solches auch kritisiert) wurde, mit ihrer eigenen Firma und 25 Angestellten für einen geschätzten Jahresetat von etwa acht Millionen Euro. Sie wird direkt nach dem Tatort ausgestrahlt, das garantiert ihr ein Millionenpublikum. Es ist ein Traumjob für jeden Fernsehjournalisten.