Kino Zu erschöpft für all den Sex
Ausgebrannte Typen ohne Familienleben: Ein Irakkriegsfilm von Paul Haggis und Ang Lees Widerstandsschnulze "Lust/Caution" bei den Filmfestspielen in Venedig.
Die Filmfestspiele von Venedig haben schon die Vermutung genährt, dass derzeit das amerikanische Kino von resignierten und psychotischen Helden, von großen Depressiven bevölkert wird ( ZEIT Nr. 37/07). Nun stellt sich die Frage, wie es bei den Helden zu Hause aussieht. Wer wartet eigentlich auf Brad Pitt, wenn er als Jesse James heimreitet? Und warum kommen Susan Sarandon und Tommy Lee Jones als Ehepaar aus In the Valley of Elah nicht auf die Idee, sich dem Tod des Sohnes gemeinsam zu stellen?
In Paul Haggis’ Irakkriegsfilm ist Sarandon nur in drei, vier Kurzauftritten und zumeist am Telefon zu sehen. In ihrer Familie wird alles, auch die Dosierung von Trauer und Verzweiflung, vom Vater und Exmilitär geregelt. »Nie wäre unser Sohn in den Krieg gezogen«, sagt Sarandon einmal, »wäre es in diesem Haus nicht die einzige Möglichkeit gewesen, sich als Mann zu fühlen.« Ähnlich schattenhaft und irgendwie ungeschlechtlich wirkt die Ehe des großen Räubers und Revolvermannes in Andrew Dominiks Spätwestern Die Ermordung von Jesse James durch den Feigling Robert Ford. Wenn Brad Pitt, der für die Rolle mit dem Darstellerpreis ausgezeichnet wurde, im Film einmal allerliebst mit seinen Kindern spielt, fragt man sich, wie diese wohl entstanden sind. Halb unsichtbar schleicht Frau James mit ihrer Schürze durch ein seltsam steriles Haus. Und George Clooney hat in dem Thriller Michael Clayton einen Sohn, aber schon lange keine Frau mehr.
Leider können wir uns nicht damit beruhigen, all diese Ex-, Halb- und Nichtbeziehungen als populärkulturelles Krankheitsbild der angeschlagenen amerikanischen Nation abzutun. Nicht hoffnungsfroher sah auf den Lido-Leinwänden das internationale Geschlechterverhältnis aus. Das Kino, so scheint es, hat als Schlachtfeld der Liebe ausgedient. In Venedig begegnete man nur noch müden und enttäuschten Kriegern und Kriegerinnen.
Dass Ang Lees Film Lust/Caution , dem Gewinner des Goldenen Löwen, der Ruf seiner Sexszenen vorauseilt, führt zu falschen Erwartungen. Lees Kostümfilm spielt im japanisch besetzten Shanghai der vierziger Jahre. Eine junge Widerständlerin inszeniert eine Affäre mit einem Kollaborateur, um dessen Ermordung vorzubereiten. Aber gegen ihren Willen entwickelt sie Gefühle für den verschlossenen Mann, einen Sadisten und Folterer. Jawohl, die Sexszenen sind lang und beeindrucken durch die Spannung zwischen Entfesselung und ornamentaler Inszenierung. Und ja: Einmal ist Tony Leungs Penis im Halbschatten zu sehen. Aber Lust/Caution handelt keineswegs von der Überwindung der Fronten und Ideologien, kurz: der Fremdheit durch sexuelle Obsession. In diesem Film ist Sex die einzig mögliche Sprache zwischen einem Mann und einer Frau, die in zwei verschiedenen Welten leben. Es ist eine Sprache ohne Zukunft oder Vergangenheit, eine Beschwörung des reinen Moments, ein verzweifeltes Körpertreffen im Zentrum einer Geschichte, die nur in Tod und Trauer enden kann.
So überhöht die Orgasmen, so perfekt das Licht, so symmetrisch und gummigleich sich Ang Lees Paar in fantasievollen Stellungen arrangiert – manchmal ist man auch froh, wenn ein Film seine Hauptfigur auf den schnöden Boden der Tatsachen führt. In Abdellatif Kechiches Film La Graine et le mulet (Spezialpreis der Jury) ist der Held so sehr mit Überleben beschäftigt, dass ihm für Sex keine Kraft bleibt. Unermüdlich läuft Herr Slimane durch die südfranzösische Hafenstadt Sète, um Lebensgefährtin und Exfrau, Töchter und Stieftochter, Enkel und Schwiegersöhne zu einem großen Familiengewebe zu verbinden. Was er an der einen Stelle flickt, reißt an der anderen wieder ein.
Ein schwimmendes Couscous-Restaurant soll das große Projekt am Ende seines Lebens werden. Aber auch hier kommt Slimane seine Familie in die Quere, deren Zukunft er doch eigentlich sichern will. La Graine et le mulet ist das lebendige, mit ungemein agiler Kamera gefilmte Porträt eines Mannes, der nicht aufgibt, obwohl er eigentlich keine Chance mehr hat. Am Ende wird ein junges Mädchen mit einem langen Bauchtanz die Geschichte retten.
Erotik als Mittel zur Betriebs- und Familienrettung, Sex als Waffe, erstarrte Ehen, Paare, die nach der Reproduktion nur noch nebeneinander herleben. Wie erholsam ist es doch, dass Todd Haynes das alte Geschlechtergewurschtel in seinem Bob-Dylan-Film I’m not there (ebenfalls Spezialpreis der Jury) von Anfang an transzendiert. Er verteilt Dylans Lebens- und Schaffensphasen auf sechs Darsteller; Cate Blanchett übernimmt die Rockphase. Sie ist ein zugleich ruppiger und zerbrechlicher Dylan. Ein Dylan, der schon immer eine Frau, oder Cate Blanchett, die schon immer ein Mann war. Danach erschien es ganz natürlich, dass sich Brad Pitt bei der Entgegennahme des Darstellerpreises von einer Frau und Blanchett von einem Kollegen vertreten ließ. Hätte Heath Ledger seine/ihre Dankesrede nicht mit einer freundlichen, aber überflüssigen Feststellung begonnen, wir hätten es fast nicht bemerkt: »Ich bin nicht Cate Blanchett.«
- Datum 27.09.2007 - 02:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 13.09.2007 Nr. 38
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