Das Wochenende beginnt für Christian Hausy an diesem Freitag eine Stunde früher. Der Physiklehrer hat ihn gehen lassen, jetzt fährt ihn seine Mutter in die niederländische Stadt Nijmegen, damit er den Zug nach Amsterdam bekommt und von dort den Flug, der nur der erste von dreien ist binnen 48 Stunden. Amsterdam–Bournemouth–Alicante–Weeze, das sind die Koordinaten dieses Wochenendes. 337 Minuten wird er am Ende in der Luft verbracht, 3441 Kilometer Entfernung zurückgelegt haben. Ohne Ziel, außer dem, mit 900 Stundenkilometern in zwölf Kilometer Höhe unterwegs zu sein. Christian Hausy, 18 Jahre alt, ein blonder Gymnasiast aus Kleve, etwas Gel in den Haaren, leichter Bartflaum, fliegt, um zu fliegen. »Andere sammeln Briefmarken, ich sammle Flüge«, sagt er.

Seit er 15 ist, versucht Christian die niederrheinische Bodenständigkeit abzuschütteln. Mindestens einmal im Monat, manchmal auch öfter, 145-mal bisher. Insgesamt hat er anderthalb Wochen in der Luft verbracht und 4,5-mal die Erde umrundet. Er war in Mailand, Paris und London, in fast jeder europäischen Großstadt. Oder besser gesagt: auf deren Flughafen. Auf einigen hat er sogar übernachtet. Zum Beispiel im irischen Shannon, da hat er viermal übernachtet, zusammen mit Freunden, mit anderen Flugbegeisterten, einmal auch mit seiner Mutter. Tagsüber haben sie Limerick besucht, nachts im Terminal die mitgebrachten Decken ausgerollt. Ein normaler Ausflug für einen, der den Pariser Flughafen besser kennt als den Harz. Christian würde das auch öfter machen, aber: »Ryanair fliegt jetzt leider nicht mehr täglich nach Shannon.«

In einem »Haushaltsheft« trägt er Zeiten, Sitzplatz, Passagierzahl ein

Seit vor vier Jahren der Flughafen Düsseldorf-Weeze eröffnete, der viel mehr Weeze als Düsseldorf ist, liegt der Niederrhein mitten im Billigflieger-Netz. Nach der neuen Ryanair-Geografie liegen von hier aus Barcelona, Venedig und Stockholm näher als Frankfurt am Main oder Stuttgart. Mehrmals täglich schweben seitdem Flugzeuge im Sinkflug über Christians Zimmer in Kleve, wo ansonsten nur der Regionalzug aus Düsseldorf seine Endstation hat. Kein Wunder, dass einer hier abheben will. »Sumpfgermanien« nennt Christian seine Heimat: plattes Land und Bodennebel. Früher wäre einer wie er vielleicht in den Sommerferien mit Interrail-Ticket durch Europa gerollt, heute macht er mit Ryanair Tagestrips. »Natürlich sehe ich an einem Tag nicht alles«, sagt er. »Aber ich kann ja jederzeit wieder hinfliegen.«

Anfangs war Christian noch jedes Ziel recht, Hauptsache, fliegen. Inzwischen wählt er manchmal auch erst die Stadt aus – und schaut dann, »wie man da interessant hinkommt«. Dieses Wochenende aber ist das Ziel zweitrangig: Das Flugzeug ist eine Boeing 737-200, Baujahr 1974, unterwegs im Auftrag der britischen Charterlinie Palmair zwischen Bournemouth und Alicante. Nur noch sieben Maschinen dieses Typs sind in Westeuropa in Betrieb, weltweit sind nur 20 ältere unterwegs. Und vom nächsten Jahr an, hat Christian in einem Internetportal gelesen, sollen sie keine britischen Flughäfen mehr ansteuern dürfen. Die meisten Passagiere wird das freuen, Christian nicht. Er nennt die Boeing 737-200 zärtlich »Donnerschweinchen«, weil sie so laut ist, und er hat sie schon durch halb Europa verfolgt. Dreimal hat er sie verpasst, mal wurde das Flugzeug durch ein anderes ersetzt, mal hatte der Zubringerflug Verspätung. Nun ist es endlich so weit.

»Viel Spaß, Junior«, wünscht die Mutter am Bahnhof von Nijmegen, sie ist Krankenschwester, alleinerziehend, Christian ist der einzige Sohn. Ob sie sich Sorgen macht, wenn er unterwegs ist? »Ach, Sorgen mache ich mir eigentlich immer«, sagt sie fröhlich, »egal, ob er nun in der Luft ist oder nicht.« Nach einer Stunde Fahrt tauchen die Bürohäuser im Süden Amsterdams auf, aber der Zug fährt an der Stadt vorbei zum Flughafen Schiphol. Fünf-, sechsmal war Christian schon hier. Immer am Flughafen, nie in der Stadt. »Schiphol ist was Feines«, sagt er, »da sind wir oft zum Spotten.« Spotten, das heißt: Flugzeuge fotografieren. Zusammen mit seiner Mutter fährt er sonntags manchmal zum Flughafen, im Gepäck Picknickkorb und Decke. Ihr Lieblingsplatz ist eine Wiese neben der Landebahn, wo es nur einen Graben gibt, aber keinen Zaun. »Da liegst du im Gras und könntest meinen, die Flugzeuge landen direkt neben dir. Herrlich!« Am liebsten fotografiert er beim Start oder bei der Landung, »da muss Bewegung drin sein«. Wenn der Schüler von Flugzeugen schwärmt, dann klingt es, als rede er über Mädchen: »Sehr niedlich« können sie sein, mit »schönen runden Bullaugen« oder »super Kurven«.

Auf dem Flughafen zieht es ihn zuerst zur Aussichtsplattform, der Nylon-Rollkoffer schnurrt sanft hinter ihm her. Shampoo in kleinen Dosen, zwei T-Shirts und Unterwäsche, das ist alles; der Profi gibt kein Gepäck auf. Um den Hals hat er seine Kamera hängen, ab und zu nimmt er sie in die Hand und fotografiert ein Flugzeug am Himmel oder vor dem Terminal. »Ah, die Blue Islands«, sagt er dann. »Wo will die denn jetzt hin?« Oder: »Warum ist die denn immer noch hier? Die hätte doch schon längst weg sein müssen.« Bevor er irgendwohin fliegt, schaut er erst mal im Internet nach, was da am Flughafen so los ist.