USA Viele Fragen an den Maestro

Alan Greenspan veröffentlicht seine Memoiren. Seine Kritiker meinen: Der ehemalige Notenbankchef war verantwortlich für Finanzkrisen und die US-Immobilienblase.

Der Eintrag vom 31. August 2007 geriet um 11.05 Uhr pazifischer Küstenzeit ins Internet und war wohl das ungewöhnlichste Finanzmarkt-Weblog aller Zeiten. Erstens blieb es bei einer einzigen Wortmeldung, fünf Absätze über Finanzcrashs, Booms und die Wirtschaftsaussichten für das Jahr 2030. Zweitens war der Autor Alan Greenspan. Der Maestro, der Mister Dollar, der Master of the Universe, wie sie ihn nannten, als er zwischen 1987 und 2006 der Chef der amerikanischen Notenbank war.

Das war eine kleine Sensation. Eine klar verständliche Äußerung von Greenspan! Von dem Mann, der 18 Jahre lang voller Absicht verschlüsselt und unverständlich vor sich hin gemurmelt hatte! An einer Stelle stand sogar ein Ausrufezeichen!

Der plötzliche Mitteilungsdrang des 81-Jährigen hat seine Gründe: Greenspan ist auf Werbetournee. Am 17. September 2007 erscheinen seine Memoiren mit dem Titel The Age of Turbulence – Adventures in a New World (in der deutschen Übersetzung heißt es etwas langweiliger Mein Leben für die Wirtschaft ). Das britische Verlagshaus Penguin soll ihm einen stolzen Vorschuss von 8,5 Millionen Dollar gezahlt haben, und die müssen sich erst mal lohnen. Darum schrieb er das Weblog, darum plant er eine Serie von Auftritten in amerikanischen Fernsehshows, darum versucht der Buchhandel einen Hype, um eine angebliche »Sensation« im Herbstgeschäft zu entfachen.

Ravi Batra weiß schon länger darüber Bescheid, dass man mit dem Namen Greenspan trefflich Bücher verkaufen kann. Der Ökonom von der unbekannten Southern Methodist University in Dallas ist nämlich ein Bestsellerautor in den Vereinigten Staaten, seine fünf Bücher über die Wirtschaft und die Politik der USA haben sich gut verkauft. Und das hat viel mit Batras beißenden Attacken auf den angeblichen Meister des Geldes zu tun.

2005 erschien Batras Buch Greenspan’s Fraud (Greenspans Betrug), die unfreundlichste Biografie, die je über den Chef der Federal Reserve Bank geschrieben wurde. Im Januar dieses Jahres würzte Batra auch seine neueste Schrift über Das neue Goldene Zeitalter – die Revolution gegen politische Korruption und wirtschaftliches Durcheinander mit bösen Kapiteln über den pensionierten Notenbankier. Was Batra von Greenspans Memoiren hält? »Ich wünsche ihm viel Glück«, sagt er. »Soll er sich ruhig ein Denkmal setzen und viel Geld verdienen. Es tut mir nur leid für all die armen Leute, die bis heute unter seinen Entscheidungen zu leiden haben.«

Das muss man erst einmal wegstecken. So viel Bitterkeit gegen den Mann, dem Anleger, Bankiers und Finanzjongleure 18 Jahre lang fast grenzenloses Vertrauen entgegenbrachten? Unter Greenspan lief die amerikanische Wirtschaft rund. Die Nachfrage aus den USA zog manche festgefahrene Volkswirtschaft aus dem Dreck. Greenspan sei der »größte Zentralbanker, der je gelebt hat«, gewesen, schrieb der Geldtheoretiker Alan Blinder von der Universität Princeton. In Greenspan We Trust, fasste das Magazin Fortune einmal die Stimmung zusammen.

Ist er ein Held, oder hat er die Probleme verursacht?

Das große Vertrauen hatte vor allem mit einer Reihe von Finanzkrisen zu tun, die in Greenspans Amtszeit fielen – und die er allesamt mit ruhiger Hand einzudämmen wusste. Nach ein paar Wochen im Amt musste Greenspan 1987 gleich mit dem berüchtigten Schwarzen Montag umgehen, einem Rekordeinbruch am Aktienmarkt. Auf manch einem Börsenparkett brachen Faustkämpfe aus, aber Greenspan blieb cool und rettete die Konjunktur durch Finanzspritzen und beruhigende Worte.

Das wiederholte er immer wieder: bei den Währungskrisen der späten 1990er Jahre in Lateinamerika, Asien und Russland, auch beim Zusammenbruch des großen Hedgefonds LTCM im Jahr 1998, beim Platzen der Internetblase zur Jahrtausendwende und nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001.

Kritiker wie der Ökonom Batra sehen die Sache hingegen ganz anders: Greenspan mag der Retter in der Not gewesen sein – hat aber manche Krise selbst erst verursacht. Batra ist zum Beispiel davon überzeugt, dass Greenspan in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts die Spekulationsblase mit Technologieaktien erst so richtig befeuert hatte. »Mitten in der Dotcomblase sagte der Mann, dass die Gewinnerwartungen dieser Firmen solide seien«, schimpft der Ökonom. »Danach ist der Dotcomboom abgegangen wie eine Rakete.«

Tatsächlich: Greenspan war damals vom New-Economy-Fieber angesteckt. Er sagte unter anderem voraus, dass das Internet die Unternehmen produktiver machen werde und behielt damit auf längere Sicht sogar recht. Viele Kritiker werfen ihm aber vor, dass solches Gerede von einem Notenbankchef die Finanzmarktspekulanten zum Übermut verleitet habe.

Und dann senkte er im Jahr 1998 auch noch die Leitzinsen, um auf die damaligen Finanzmarktunruhen zu reagieren. Das heizte den Aktienboom zusätzlich an. Wenn die Zinsen fallen, steigen ja meistens auch die Aktienkurse. Immerhin versuchte Greenspan dem entgegenzuwirken: Der für seine verklausulierten Formulierungen bekannte Maestro schimpfte bald in klaren Worten über den »irrationalen Überschwang« vieler Marktteilnehmer.

2001 holte Greenspan wieder das gleiche Rezept zur Krisenbewältigung hervor. Die Technologieblase war geplatzt, die amerikanische Konjunktur drohte zu kollabieren, und im Herbst steuerten Al-Qaida-Piloten drei Flugzeuge ins World Trade Center und das Pentagon. Greenspan ließ in dieser Situation den Leitzins rapide fallen, von 6,5 Prozent auf bloß noch 1 Prozent in den folgenden Jahren. Viele Kritiker sagen heute: Das sei die Voraussetzung für die aktuelle Immobilienblase in Amerika gewesen. Greenspan war schuld an den Kreditproblemen, die im Augenblick die Weltfinanzmärkte erschüttern.

Greenspans Entscheidungen trieben die Hauspreise in die Höhe

Tatsächlich sind die amerikanischen Hauspreise seit dem Jahr 2001 rasant gestiegen. Der Grund: Die Zinsen fielen, also konnten sich mehr Leute einen Hypothekenkredit leisten, und ihre steigende Nachfrage nach Immobilien trieb wiederum die Hauspreise. Diese hohen Hauspreise verleiteten Immobilienfirmen dann dazu, weitere Gebäude hochzuziehen. Außerdem entstand der berüchtigte subprime - Markt für Hypotheken, der heute so vielen Banken und Investoren Ärger bereitet. Geld wurde auch an immer mehr Leute mit geringer Kreditwürdigkeit verliehen. Greenspan selbst lobte das im Jahr 2004 als willkommene, soziale Entwicklung. Eine Immobilienblase mochte er nicht erkennen. Da habe sich höchstens »Schaum« gebildet.

Je tiefer jetzt die Krise, desto lauter wird allerdings auch die Kritik am Maestro. Im Internet gibt es neuerdings eine Diskussions-Webseite, die sich ausschließlich diesem Thema widmet. Sie heißt »Das Durcheinander, das Greenspan hinterlassen hat«. »Er glaubt sicher fest daran, dass er die Finanzmärkte gerettet hat«, sagt der Greenspan-Kritiker Batra, »aber sein wahres Erbe ist ein anderes: eine starke Wirtschaft, die auf gewaltige Schulden gebaut ist.«

Für ein Urteil, ob das nun gut oder schlecht war, ist es freilich noch zu früh. Es gilt abzuwarten, ob sich die derzeitige Immobilienkrise in Wohlgefallen auflöst. Tut sie es, ist Greenspans Heldenstatus bis auf Weiteres gesichert. Tut sie es nicht, ist auch das Erbe des Maestro in ernster Gefahr. »Die menschliche Spezies hat noch kein Rezept gegen Blasen gefunden«, verteidigte sich Greenspan selbst erst Anfang des Monats in einer Ansprache vor Ökonomen in Washington. Tatsächlich hat er schon immer behauptet, dass ein Notenbankchef nicht viel gegen die Auswüchse der Spekulation tun könne. Besser warte man das Platzen der Blasen ab, sammle hinterher die Reste auf und schütze die Konjunktur. Viele Ökonomen sehen das ähnlich, übrigens auch Greenspans Amtsnachfolger Ben Bernanke.

Es gibt aber noch einen zweiten Vorwurf gegen den ehemaligen Fed-Chef: Er sei allzu eng mit der Regierung Bush verbandelt gewesen und habe ihr den einen oder anderen politischen Gefallen getan. Beweise dafür haben die Kritiker nicht, aber sie stützen sich auf Indizien. So durchforstete Kenneth H. Thomas von der Wharton School in Philadelphia im Jahr 2004 Greenspans Terminkalender und ermittelte, dass der Notenbanker ungewöhnlich häufig im Weißen Haus und in den Ministerien der Bush-Regierung ein- und ausging. Jedenfalls häufiger als Fed-Chefs zuvor. Donald Kettl von der University of Wisconsin in Madison sprach von einem »schockierenden Anstieg der Kommunikation (zwischen Notenbank und Regierung, Anm. d. Red .), sodass man sich nur fragt, worüber die eigentlich reden.«

Haben sie darüber geredet, dass Greenspan die Zinsen seit dem Jahr 2001 besonders kräftig senken sollte, auch um der Bush-Regierung zu helfen? Und wie stand es um Greenspans öffentliche Unterstützung für Bushs großes Steuersenkungsprogramm, das vor allem den wohlhabenderen Schichten zugute kam? Greenspan hatte Bushs Pläne öffentlich und mit Verve unterstützt. Einige Spitzenpolitiker der Demokratischen Partei zweifelten danach seine Unabhängigkeit an. Der Ökonom und Bush-kritische Kommentator Paul Krugman warf Greenspan sogar einen »Mangel an Seriosität« vor. Er habe »das Vertrauen in das Amt des Fed-Chefs verspielt«.

Der Zeitpunkt für die Veröffentlichung der Greenspan-Memoiren könnte also brisanter nicht sein. Zum Jahresbeginn schien sich der frühere Herr des Geldes bereits selbst abzusichern, als er eine ungewöhnlich pessimistische Konjunkturprognose abgab. Er sagte, dass es Ende 2007 oder Anfang 2008 »vielleicht« eine Rezession geben könne. Der Aktienmarkt brach daraufhin kurz ein. Und Greenspan war wieder in seinem alten Geschäft. Bevor er ökonomischer Berater von Präsidenten und schließlich Notenbankchef wurde, hatte er in Washington eine Firma für Konjunkturprognosen betrieben. Nur – in diesem Punkt sind sich seine Biografen ziemlich einig – Greenspans Prognosen waren nie besonders zutreffend.

 
Leser-Kommentare
  1. "I am saddened that it is politically inconvenient to acknowledge what everyone knows: the Iraq war is largely about oil.."

    http://www.timesonline.co...

    Könnte bitte Herr Joffe die Buchbesprechung übernehmen?

    v.

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  • Quelle DIE ZEIT, 13.09.2007 Nr. 38
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  • Schlagworte Wirtschaftspolitik | Kapitalmarkt | Zinsen
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