Antiterrorkampf Panik an der Macht

Im Kampf gegen den Terror machen sich die Minister Schäuble und Jung auf den Weg in eine andere Republik

Starker Tobak! Notfalls werde er ein entführtes Flugzeug auch ohne gesetzliche Grundlage abschießen lassen, plaudert Verteidigungsminister Franz Josef Jung. Und Wolfgang Schäuble sattelt noch drauf, gleichfalls öffentlich, die größte Sorge aller Sicherheitskräfte sei ein terroristischer Anschlag mit schmutzigen Nuklearwaffen. Als reiche das nicht, schiebt der Bundesinnenminister ein Plädoyer für Gelassenheit nach, weil es keinen Zweck habe, »dass wir uns die verbleibende Zeit auch noch verderben, weil wir uns vorher schon in eine Weltuntergangsstimmung versetzen«.

Was treibt sie zum Dampfplaudern über Hochbrisantes? Dass die Risiken real sind, kann das Motiv kaum sein, es hat sich herumgesprochen. Der Sicherheitsstaat wird immer weiter ausgebaut – und es wird akzeptiert. Wenig kann einem Bundesinnenminister daran liegen, dass ein grassierendes Bedrohungsgefühl umkippt in Hysterie. Fahrlässig wäre es, sie herbeizureden.

Oder ist alles nur Parteitaktik? Man könnte so denken – aber ein solches Kalkül wäre unter Schäuble-Niveau. Plausibel wäre eventuell, dass eine neue Faktenlage eingetreten ist, die zum Sprechen veranlasst. So war es im Onlinedurchsuchungsstreit, Schäuble wusste, was wir nicht wussten – junge Bombenbastler wurden observiert, und das würde ihm Argumente liefern. Beschwichtigend reicht sein Haus jetzt aber nach, es gebe bislang »keinen einzigen konkreten Hinweis«, dass Terroristen über schmutzige Nuklearwaffen verfügten.

Welches Motiv bleibt, außer dass im Kabinett jeder so reden darf, wie er will? Wenn es eine Ratio dafür gibt, das Orchester auf der ohnehin sinkenden Titanic aufspielen zu lassen, dann die, dass damit eine Art geistig-politischer Paradigmenwechsel forciert werden soll. Fürchten musste man immer, die Mixtur aus realen Bedrohungen und der Reaktion auf den 11. September in Washington würde auch anderswo Folgen zeitigen. Dieser Fall tritt jetzt ein. Das schlechte Beispiel leuchtet. Der deutsche Innenminister möchte offenbar den »amerikanischen Weg« gehen, den Rechts- und Verfassungsstaat umfunktionieren zum Diener der Kriegführung, obwohl er es nicht so sagt. Motto: Die erklären uns den Krieg – sie können ihn haben! In der Logik gibt es zwischen äußerer und Innerer Sicherheit keine Trennlinie mehr. Jung wäre dann Schäubles »militärischer Arm«.

Die liberale Rechtsstaatskritik hat zu lange darauf gestarrt, wann jeweils die »rote Linie« zum Law-and-Order-Staat überschritten werde. Nur, ein Polizeistaat wurde die Republik nicht. Im Gegenteil, sie blieb leidlich liberal. »Welche Worte haben wir bei so viel falschen Alarmrufen und angesichts wirklich größerer Risiken, wenn der Wolf tatsächlich einmal in die Schafherde einbricht?«, hat jüngst ein Londoner Menschenrechtsprofessor die britischen Liberalen und Linken gefragt.

Das ließe sich übertragen. Der Notstand ist da!, proklamiert Schäuble. Politik muss sich einrichten auf diese Realität! Wenn diese Überhöhung ins Missionarische endlich in die Köpfe eingebläut ist, so kann man vermuten, möchte er die letzte Bastion schleifen: das Verfassungsgericht. Mit dem Supreme Court in den USA ist das bereits geschehen. Die Karlsruher Richter sind es, die das Recht nicht zum Kampfmittel umbiegen wollen, wie sie mit ihrem Nein zum rot-grünen Luftsicherheitsgesetz demonstrierten. Damit sollte der Flugzeugabschuss ja legalisiert werden. Sie verhindern, dass die Politik sich rüstet zum großen Gefecht. Auf sie zielt – ohne das auszusprechen – Schäuble. Jung macht nur mit.

Aber der Innenminister irrt, realitätsblind sind nicht die Karlsruher. In eine virtuelle Welt redet sich hinein, wer »in der verbleibenden Zeit« die Verhältnisse derart dramatisiert, als würde »der Staat« vom »Feind« attackiert. Das ist fundamentalistisches Denken. Davon handelt dieser Konflikt, in dem die liberale Öffentlichkeit entschieden Widerspruch anmelden muss – gegen Schäuble. Nicht der jeweils nächste Schritt, nicht die Sanktionierung von Terrortrainings, nicht Onlinekontrollen sind das ultimative Rechtsstaatsproblem, sondern ein solcher prinzipieller Mentalitätswechsel, der die Republik auf den Kopf stellt, zur Freude der Terroristen. Krieg ohne Rechtsstaatsprinzipien, das wollen sie provozieren. Jung kann man vergessen, er tut nichts ohne den stärksten Unionsmann im Kabinett. Es geht also um ihn, um Schäuble. Der Verfassungsminister rührt an den Geist der Verfassung.

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Leser-Kommentare
  1. Kriegsveteranengetratsche auf hohem Niveau?
    alle waren doch dabei, wissen was läuft. der Mann will jagen..... sogar die Handys von Tschibo sind jetzt silbergrau. Imponiergehabe. Schäuble jagt, Jung denkt!
    danke Jung!

  2. Vielleicht erklärt die "Sendung mit der Maus" in der nächsten Sendung der Frau Merkel, dass sie ihren Amtseid auf die Verfassung geschworen hat und sie endlich zu diesen Vorgängen Stellung beziehen sollte.

  3. Schäuble warnt vor DEM TERROR und möchte alles mögliche verschärfen oder ändern.
    Wenn Herr Schäuble bei den (Neo-)Nazis und deren Umtriebe auch so aktiv wäre, dann wäre vielleicht vieles mit den (Neo-)Nazis gelöst. Sie säßen in einer Art Guantanamo, würden keine PC´s besitzen und die Musikanlagen für ihre rassistischen Konzerte wären ihnen weggenommen.

    • AchimW
    • 21.09.2007 um 9:15 Uhr

    Im Kopf des deutschen Innenministers Wolfgang Schäuble dreht sich offenbar alles um die Szenarien Terror, Krieg und Katastrophen. Einerseits verständlich, weil die innere Sicherheit sein Ressort ist. Andererseits ist er – wie die Mehrheit der deutschen Parlamentarier – offenbar blind und taub gegenüber der Tatsache, dass die steigende Terrorgefahr von der deutschen Regierung durch ihre fatale Nibelungentreue zu US-Amerika selbst verschuldet ist. Der jahrzehntelange weltweite US-Staatsterror hat doch schlussendlich zu den Anschlägen am 11. September 2007 geführt. Das zu erkennen und sich endlich von den verbrecherischen Machenschaften der USA abzugrenzen, dazu ist aber die Bundesregierung offenbar zu unfähig, zu dumm und zu opportunistisch und somit zu feige gegenüber der Wahrheit, zu verantwortungslos gegenüber der wahren Menschlichkeit und zu kriecherisch angesichts der US-Macht, die von Freiheit, Frieden und Gerechtigkeit spricht, jedoch selbst tausendfach Tod, Krieg und Terror verbreitet.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Zion
    • 21.09.2007 um 9:41 Uhr

    Was willst du damit sagen das die USA selbst die Anschläge verursacht hat! und was ist mit Madrid und London hat das die USA auch gemacht.
    Die Anschläge hier in Deutschland die vereitelt wurden waren das Amerikaner die es geplant haben Nein es waren Terroristen! mein Freund, und sogar auch Deutsche die Gott sei DANK! gefasst wurden und ihre gerechte Strafe erhalten werden.

    • Zion
    • 21.09.2007 um 9:41 Uhr

    Was willst du damit sagen das die USA selbst die Anschläge verursacht hat! und was ist mit Madrid und London hat das die USA auch gemacht.
    Die Anschläge hier in Deutschland die vereitelt wurden waren das Amerikaner die es geplant haben Nein es waren Terroristen! mein Freund, und sogar auch Deutsche die Gott sei DANK! gefasst wurden und ihre gerechte Strafe erhalten werden.

    • Zion
    • 21.09.2007 um 9:16 Uhr

    Hallo,
    Was muss erst passieren das die Menschen hier im Lande begreifen das die Gefahr von Anschlägen real ist und existiert.
    Der Staat soll sich nicht zu einen Polizeistaat entwickeln das wäre absolut falsch.
    Was würden Sie den sagen wenn es zu einen erfolgreichen Anschlag kommen würde mit schmutzigen A.Waffen?-Ja Amerika ist daran schuld das so was passiert ist!
    Die Terroristen konzentrieren sich nicht nur auf Amerika sondern auch auf seine Verbündete und das sind wir Deutsche, wir dürfen nicht vergessen wer für Deutschland da war. Amerika hat uns geholfen dieses Land wieder aufzubauen und hätte uns in Extremfall gegen die Russen verteidigt.
    Die Gefahr von Terroristen ist groß, man sollte Sie auch ernst nehmen und den Staat auch die nötigen RECHTLICHEN mittel auch geben.

    • Anonym
    • 21.09.2007 um 9:16 Uhr

    ein Terroranschlag aus der Horror-Phantasie des Innenministers? Nein, darum geht es mir nicht! Ich frage mich ernsthaft, welche Folgen und welche Spuren hat der frühere Anschlag auf das Leben des Ministers hinterlassen, um seine jetzige Handlungsweise zu verstehen? Das zu erklären und zu beantworten, wäre ein med. Sachverständiger erforderlich.

  4. Schäuble, Jung, Beckstein, Kauder, Pofalla u.a. ... eine Clique wie vor 70 Jahren?

  5. solange es Menschen in Deutschland gibt, die denken

    "wer nichts getan hat braucht nichts zu befürchten"

    so lange wie die Meinung herrscht, es gehe mich nichts an, so lange wird uns Stück für Stück die Freiheit geraubt.

    Wer Freiheiten aufgibt, um Sicherheiten zu gewinnen, verdient weder Freiheit noch Sicherheit.

    *Benjamin Franklin*

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  • Quelle DIE ZEIT, 20.09.2007 Nr. 39
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