Hören Sie nun den Ton, der für immer das Alte vom Neuen trennt." Mit dieser Ansage überraschte der amerikanische Sender NBC in der Nacht von Freitag, dem 4. Oktober, auf Samstag, den 5. Oktober 1957, sein Publikum. Es folgte ein Rauschen, aus dem eine Serie schnell aufeinanderfolgender kurzer Piepser herauszuhören war.

Das komische Geräusch kam von sehr weit her. Es stammte aus einer mit Aluminiumblech verkleideten Kugel, 58 Zentimeter im Durchmesser und 83 Kilogramm schwer. Sie war just in jener Nacht von einer sowjetischen Rakete in den Orbit geschossen worden und schwebte nun durch den Weltraum.

Der Satellit hieß Sputnik, was sich mit "Wegbegleiter" oder, in passender Doppeldeutigkeit, mit "Weggenosse" übersetzen lässt. Seinem Namen getreu, folgte Sputnik dem Lauf von Mutter Erde und bewegte sich blinkend alle 96 Minuten auf einer elliptischen Bahn einmal um sie herum. Das amerikanische Wochenmagazin Time sprach erschrocken vom "roten Mond über den Vereinigten Staaten", und die sowjetische Nachrichtenagentur Tass triumphierte: "Künstliche Erdsatelliten werden dem Weltraumflug den Weg bereiten, und es hat den Anschein, als werde die gegenwärtige Generation Zeuge sein, wie die befreite und bewusste Arbeit der Menschen der neuen sozialistischen Gesellschaft selbst die kühnsten Träume der Menschheit verwirklicht."

Das Neue Deutschland in Ost-Berlin erinnerte denn auch gleich mit einem Gedicht an den Zusammenhang zwischen dem Start des Sputnik und dem 40. Jahrestag der Oktoberrevolution. Die Verse waren herzlich schlecht, aber in dem Urteil, dass eine neue Zeit begonnen habe, stimmten ND und NBC durchaus überein: "Der neue Mensch war vierzig Jahren kaum, / und seine roten Siegesfahnen wehten / von vielen mächt’gen Zinnen des Planeten: / Da stieß er vor schon in den Weltenraum. / Sein Stern umflog die Erde hoch und weit / und funkte Botschaft viele tausend Male. / Es klang wie Völker, höret die Signale! / Es war wie Anbruch einer neuen Zeit."

Kreml-Chef Nikita Chruschtschow hörte die Signale in Kiew, auf der Rückreise von seinem Urlaubsdomizil am Schwarzen Meer. Zuerst glaubte er, Sergej Korolew, der Leiter des sowjetischen Raumfahrtprogrammes, habe wieder eines seiner "Dinger" in die Luft geschossen. Immerhin war bereits im August der erste erfolgreiche Test einer Interkontinentalrakete gemeldet worden, und Chruschtschow hatte erklären lassen: "Die Resultate zeigen, dass es möglich ist, Raketen in jeden Teil der Welt zu schicken."

Diese Meldung aus Moskau hatten die amerikanischen Medien noch als Propaganda abgetan. Es war zu unwahrscheinlich, dass ein Staat, der seine Bevölkerung weder mit Autos noch mit Fernsehern versorgen konnte, die technische und ökonomische Fähigkeit haben sollte, in den Himmel vorzustoßen. Doch jetzt war es passiert. Die Sowjets griffen nach den Sternen, daran gab es keinen Zweifel mehr.

Das amerikanische Führungsbewusstsein kollabierte. Selbstanklagen wurden laut. Der höhere Lebensstandard schien nun kein Beweis mehr für Überlegenheit, sondern ein Dekadenzsymptom zu sein. Aber nicht nur in den USA, überall im Westen wurde darüber spekuliert, was es bedeutete, wenn der Gegner jeden Punkt der Welt mit Raketen erreichen konnte, und zwar mit Raketen, die womöglich Atombomben trugen.