Raumfahrt Der rote Mond

Wie Moskaus Sputnik, der erste Satellit, vor 50 Jahren die westliche Welt schockierte und in Aufruhr versetzte

Hören Sie nun den Ton, der für immer das Alte vom Neuen trennt.« Mit dieser Ansage überraschte der amerikanische Sender NBC in der Nacht von Freitag, dem 4. Oktober, auf Samstag, den 5. Oktober 1957, sein Publikum. Es folgte ein Rauschen, aus dem eine Serie schnell aufeinanderfolgender kurzer Piepser herauszuhören war.

Das komische Geräusch kam von sehr weit her. Es stammte aus einer mit Aluminiumblech verkleideten Kugel, 58 Zentimeter im Durchmesser und 83 Kilogramm schwer. Sie war just in jener Nacht von einer sowjetischen Rakete in den Orbit geschossen worden und schwebte nun durch den Weltraum.

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Der Satellit hieß Sputnik, was sich mit »Wegbegleiter« oder, in passender Doppeldeutigkeit, mit »Weggenosse« übersetzen lässt. Seinem Namen getreu, folgte Sputnik dem Lauf von Mutter Erde und bewegte sich blinkend alle 96 Minuten auf einer elliptischen Bahn einmal um sie herum. Das amerikanische Wochenmagazin Time sprach erschrocken vom »roten Mond über den Vereinigten Staaten«, und die sowjetische Nachrichtenagentur Tass triumphierte: »Künstliche Erdsatelliten werden dem Weltraumflug den Weg bereiten, und es hat den Anschein, als werde die gegenwärtige Generation Zeuge sein, wie die befreite und bewusste Arbeit der Menschen der neuen sozialistischen Gesellschaft selbst die kühnsten Träume der Menschheit verwirklicht.«

Das Neue Deutschland in Ost-Berlin erinnerte denn auch gleich mit einem Gedicht an den Zusammenhang zwischen dem Start des Sputnik und dem 40. Jahrestag der Oktoberrevolution. Die Verse waren herzlich schlecht, aber in dem Urteil, dass eine neue Zeit begonnen habe, stimmten ND und NBC durchaus überein: »Der neue Mensch war vierzig Jahren kaum, / und seine roten Siegesfahnen wehten / von vielen mächt’gen Zinnen des Planeten: / Da stieß er vor schon in den Weltenraum. / Sein Stern umflog die Erde hoch und weit / und funkte Botschaft viele tausend Male. / Es klang wie Völker, höret die Signale! / Es war wie Anbruch einer neuen Zeit.«

Kreml-Chef Nikita Chruschtschow hörte die Signale in Kiew, auf der Rückreise von seinem Urlaubsdomizil am Schwarzen Meer. Zuerst glaubte er, Sergej Korolew, der Leiter des sowjetischen Raumfahrtprogrammes, habe wieder eines seiner »Dinger« in die Luft geschossen. Immerhin war bereits im August der erste erfolgreiche Test einer Interkontinentalrakete gemeldet worden, und Chruschtschow hatte erklären lassen: »Die Resultate zeigen, dass es möglich ist, Raketen in jeden Teil der Welt zu schicken.«

Diese Meldung aus Moskau hatten die amerikanischen Medien noch als Propaganda abgetan. Es war zu unwahrscheinlich, dass ein Staat, der seine Bevölkerung weder mit Autos noch mit Fernsehern versorgen konnte, die technische und ökonomische Fähigkeit haben sollte, in den Himmel vorzustoßen. Doch jetzt war es passiert. Die Sowjets griffen nach den Sternen, daran gab es keinen Zweifel mehr.

Das amerikanische Führungsbewusstsein kollabierte. Selbstanklagen wurden laut. Der höhere Lebensstandard schien nun kein Beweis mehr für Überlegenheit, sondern ein Dekadenzsymptom zu sein. Aber nicht nur in den USA, überall im Westen wurde darüber spekuliert, was es bedeutete, wenn der Gegner jeden Punkt der Welt mit Raketen erreichen konnte, und zwar mit Raketen, die womöglich Atombomben trugen.

Unterdessen wurde es wieder still im All. Die Senderbatterie im Bauch des »Weggenossen« war nach drei Wochen erschöpft, das Piepsen verstummte. Doch in den Köpfen vieler Westeuropäer und Amerikaner war es längst zu einem Heulen und Brüllen angeschwollen, zum Brüllen der »bolschewistischen Bestie«. Als der Satellit nach 92 Tagen der Anziehungskraft seines Heimatplaneten erlag und beim Eintritt in die Atmosphäre verglühte, widmete ihm der amerikanische Radiokommentator Gabriel Heatter einen Nachruf voll sarkastischer Selbstkritik: »Thank you, Mr. Sputnik. Sie werden nie wissen, welch ungeheuren Lärm Sie gemacht haben. Sie haben uns einen Schock verpasst, der viele Leute so hart traf wie der von Pearl Harbor. Sie haben unserem Stolz einen schrecklichen Schlag versetzt.«

Der Vergleich mit dem japanischen Überfall auf den Marinestützpunkt auf Hawaii war keine Übertreibung. Der Physiker Edward Teller, berühmt als einer der Entwickler der Wasserstoffbombe, hatte im Fernsehen sogar verkündet, der Sputnik-Schock sei schlimmer als der von Pearl Harbor. Die traumatisierende Wirkung jenes Luftangriffs, dem im Dezember 1941 die mächtige Pazifikflotte der USA zum Opfer gefallen war, rührte daher, dass die Amerikaner hier die Erfahrung gemacht hatten, auf dem eigenen Territorium durch einen äußeren Feind verwundbar zu sein. Und nun konnten sie mit bloßem Auge sehen, wie von hoch oben am Firmament ein sowjetischer Satellit beim Überqueren ihres Staatsgebiets auf sie herabblinkte.

Aus der V2 der Wehrmacht wird die Jupiter C

Senator Lyndon B. Johnson, zu diesem Zeitpunkt noch nicht von John F. Kennedy als demokratischer Präsidentschaftskandidat für die nächsten Wahlen verdrängt, verglich den Sputnik ebenfalls mit Pearl Harbor und polterte: »Bald werden die Russen Bomben aus dem Weltraum schmeißen wie Kinder Steine von Autobahnbrücken.« Johnson beharrte darauf, man habe im Kalten Krieg mit der Sowjetunion nicht so viel Zeit wie im zurückliegenden heißen gegen Japan. Er spielte mit der Angst der Bevölkerung, dass es diesmal nicht die Amerikaner sein könnten, die zuerst eine Atombombe einsetzen würden, sondern »die Russen«. Schließlich hatten sie in den Jahren seit 1945 im atomaren Rüstungswettlauf jeden amerikanischen Vorsprung rasch eingeholt und 1953 sogar eine Wasserstoffbombe gezündet. Jetzt sah es so aus, als könnten die Sowjets Amerika mit Raketen angreifen, während für Amerika das sowjetische Gebiet nur mit Langstreckenbombern zu erreichen war. Ein Albtraum.

Der Kalte Krieg drohte ständig zu eskalieren, von »Entspannungspolitik« war noch lange keine Rede. Chruschtschow hatte mit seiner Parteitagsrede im Februar 1956 zwar die Entstalinisierung eingeleitet, der sowjetische Dominanzanspruch nach außen aber blieb bestehen. Im November 1956 waren auf Weisung aus dem Kreml Truppen in Budapest einmarschiert und hatten den Versuch der Ungarn beendet, sich aus dem sowjetischen Imperium zu befreien; bereits wenige Monate zuvor war ein Aufstand in Posen vom polnischen Militär blutig niedergeschlagen worden.

Präsident Eisenhower entschied sich in der angespannten Lage dafür, staatsmännische Gelassenheit zu demonstrieren und die Bedeutung des Sputnik herunterzuspielen – zumal die USA just in jenen Tagen von heftigen Rassenkonflikten bewegt wurden. Journalisten gegenüber machte er die Bemerkung, die Sowjets hätten die ganze Sache ohnehin nicht aus eigener Kraft, sondern nur mit Hilfe gekaperter deutscher Wissenschaftler gestemmt.

Die Öffentlichkeit reagierte konsterniert. Schließlich wusste jeder Zeitungsleser, dass Wernher von Braun und andere Spitzentechniker des »Dritten Reichs« sich zuletzt in die Arme der Amerikaner geflüchtet hatten, um nicht den Russen in die Hände zu fallen. Seit Anfang der fünfziger Jahre war der smarte und, wie man heute sagen würde: medienkompatible Braun eine Berühmtheit in Amerika.

Eisenhowers ostentativer Gleichmut beruhte auch darauf, dass für ihn der Start des Satelliten nicht so überraschend gekommen war wie für die Öffentlichkeit, die schon damals trotz ihrer Erregungsbereitschaft starke Aufmerksamkeitsdefizite hatte und vieles unterhalb der Schlagzeilen kaum wahrnahm. Satelliten in den Orbit zu schießen war von Amerikanern wie Sowjets nahezu gleichzeitig angekündigt worden. Im Juli 1955 bereits hatte Eisenhower eine Politik der »Offenen Himmel« vorgeschlagen, um die Militarisierung des Alls zu verhindern. Es sollten zwar Interkontinentalraketen entwickelt werden, aber einem rein militärischen Satellitenprogramm stand der Präsident skeptisch gegenüber.

Wenige Tage nach dem »Open Skies«-Vorschlag kündigten amerikanische Wissenschaftler an, innerhalb des »Internationalen Geophysikalischen Jahres«, eines vom 1. Juli 1957 bis zum 31. Dezember 1958 dauernden Gemeinschaftsprojekts von 67 Staaten, einen unbemannten Raumkörper in die Erdumlaufbahn zu schießen. Daraufhin meldeten auch sowjetische Wissenschaftler einen Satelliten an, und am 30. August 1955 bekam Korolew intern grünes Licht, einen richtig »dicken Brummer« mit einem Gewicht von 1327 Kilogramm zu lancieren.

Während Korolews Programm innerhalb des sowjetischen Militärsystems konkurrenzlos war, kämpften in den USA die Army, also das Heer, die aus ihr hervorgegangene Air Force, die Luftwaffe, und die Navy, die Marine, um eigenständige Raketenprogramme. Wernher von Braun stand im Dienst der Army, hatte mit seinem Team die V2 der Wehrmacht zur amerikanischen Jupiter C weiterentwickelt und schon 1954 in einem Interview versprochen: »Gebt mir fünf Jahre und fünf Milliarden Dollar, und wir können auf dem Mond landen.«

Der aus einer deutsch-amerikanischen Familie stammende Eisenhower, in den letzten Jahren des Zweiten Weltkriegs Oberbefehlshaber der alliierten Truppen in Europa, konnte den Mann aus Peenemünde nicht ausstehen. Er wollte amerikanische Satelliten nicht von Raketen in den Orbit bringen lassen, die von einer Naziwaffe abstammten, von einer Waffe, die Hitlers Wehrmacht in den letzten Wochen des Krieges auf die alliierten Truppen, auf London und Antwerpen abgefeuert hatte. Wegen der dezidiert militärischen Ausrichtung des Jupiter-Programms bevorzugte Eisenhower das stärker wissenschaftlich orientierte Vanguard-Programm der Navy.

Dennoch wurde im Februar 1956 eine Projektgruppe eingerichtet, der auch das Team um Wernher von Braun angehörte, und bereits am 20. September 1956 startete die erste Jupiter-Rakete von Cape Canaveral. Allerdings war ihre vierte Stufe statt mit Treibstoff mit Sand gefüllt. Ohne diese der Army-Navy-Konkurrenz geschuldete, politisch erzwungene technische Selbstbehinderung wären die Amerikaner vor den Sowjets ins Weltall vorgestoßen.

Als Korolew von den US-Programmen erfuhr, stellte er die Arbeit an seinem Großsatelliten zurück und arbeitete stattdessen an einem erheblich kleineren Objekt. Er hatte die symbolische Bedeutung des ersten menschengemachten Monds genau erkannt und wollte den ihm sicher scheinenden Sieg nicht im Endspurt verspielen. Mit einer Perfektionsversessenheit, wie sie der Vorstadtamerikaner beim Wienern seines Autos entfaltete, ließ er die Aluminiumverkleidung des Sputnik auf Hochglanz polieren und genoss nach dem geglückten Abschuss seinen Triumph.

Wernher von Braun bezeichnete zu Eisenhowers Ärger den sowjetischen Erfolg als »nationale Katastrophe« für Amerika und nutzte die Gelegenheit, erneut für das Jupiter-Programm zu werben. Während die Konkurrenzkämpfe zwischen Heer und Marine andauerten, verblüffte Korolew nur einen Monat nach der Premiere mit einem weiteren Coup: dem Abschuss des 508 Kilogramm schweren Sputnik II, in dessen Kapsel die Hündin Laika eingeschlossen war. Der arme Hund war übrigens nicht das erste Tier, das Menschen in die Luft schossen. Schon 1948 hatten die Amerikaner einen Affen an Bord einer umgerüsteten V2 in den Tod geschickt.

Korolews Energie setzte die amerikanische Seite dermaßen unter Druck, dass wider alle technische Vernunft bereits der erste Test einer Vanguard als offizieller Start inszeniert wurde, noch dazu vor der eingeladenen Weltpresse. Am 6. Dezember 1957 hob die Rakete von der Rampe ab – stürzte zurück und explodierte. Der Hohn über den »Kaputnik« der Marine ließ nicht lange auf sich warten. Das Heer und damit Wernher von Braun profitierten von dem Desaster. Endlich erhielten sie Carte blanche für das eigene Programm. Am 31. Januar 1958 brachte eine in Juno umgetaufte modifizierte Jupiter-Rakete den Satelliten Explorer in die Umlaufbahn. Anderthalb Monate darauf gelang der Navy die Rehabilitierung mit dem geglückten Start einer Vanguard.

Korolew indes blieb völlig unbeeindruckt. Er präsentierte am 15. Mai seinen 1327 Kilo schweren dritten Sputnik, der ursprünglich als der erste vorgesehen gewesen war.

Im Oktober 1958, ein Jahr nach Sputnik I, wurde mit der Gründung der Nasa der Zersplitterung der amerikanischen Raumfahrtprogramme ein Ende gemacht. Die Juno, vormals Jupiter, einstmals V2 ging als Saturn in die Oberhoheit der neuen Behörde über. Trotz des Aufbaus der Nasa bekam die Air Force noch eine Chance und startete am 18. Dezember 1958 eine Atlas, die dreimal so schwer war wie Korolews Sputnik III. Sie hatte ein Tonband mit einer Friedensrede Eisenhowers an Bord, die aus dem Orbit zur Erde gesendet wurde.

Die knisternde Stimme des amerikanischen Präsidenten übertönte den Nachhall des Sputnik-Piepens. Sie klang den Amerikanern wie Sphärenmusik, und doch gab es bald schon neue Demütigungen aus Moskau zu verkraften. Am 2. Januar 1959 passierte die sowjetische Lunik I als erste Sonde den Mond, die amerikanische Pioneer 4 folgte am 3. März 1959; am 12. September 1959 prallte Lunik II auf den Mond, und am 19. August 1960 brachte Sputnik IV Laikas Kolleginnen Belka und Strelka ins All und holte sie heil wieder herunter.

Am 12. April 1961 dann, Triumph aller Triumphe, flog der 27-jährige Jurij Gagarin als erster Mensch ins All. Sein Flug in einer Wostok war 89 Minuten lang. Der Amerikaner Alan Shephard folgte am 5. Mai in einer Mercury, sein Forschungsaufenthalt dauerte bloß eine akademische Viertelstunde.

Jetzt heißt es: Arbeiterkinder aufs Gymnasium!

Um Amerika endlich aus der Rolle des ewigen Zweiten zu befreien, verkündete John F. Kennedy, der Eisenhower als Präsident abgelöst hatte, am 25. Mai 1961 das Ziel, innerhalb eines Jahrzehnts auf dem Mond zu landen. Doch Jahr für Jahr behielten die Sowjets die Nase vorn: 1963 schickten sie die erste Frau ins Weltall, 1964 die erste dreiköpfige Besatzung, 1965 folgte der erste Weltraumspaziergang, 1966 die erste weiche Landung einer Sonde auf dem Mond, 1968 die erste Mondumkreisung.

Erst 1969 gelang den Amerikanern ihr erster großer Sieg in diesem bizarren Rennen. Als Neil Armstrong in der Nacht vom 20. auf den 21. Juli das auswendig gelernte Sätzlein vom kleinen Schritt, der ein großer Sprung für die Menschheit sei, aufgesagt hatte, war Amerika endlich in der ersehnten leading position .

Der Sputnikschock indes hatte nicht nur zur Gründung der NASA geführt. Im September 1958 unterzeichnete Eisenhower den National Defense Education Act (NDEA), mit dem Highschools, Colleges und Universitäten modernisiert werden sollten. Dutzende von Kommissionen zur Reform der Lehrpläne wurden eingerichtet, überall installierte man Sprachlabore und eröffnete Sommerschulen. Bis zum Jahr der Mondlandung pumpten die NDEA-Programme drei Milliarden Dollar ins Bildungssystem.

Auch in der Bundesrepublik Deutschland, deren Kanzler Konrad Adenauer 1957 noch mit dem Slogan »Keine Experimente!« einen überwältigenden Wahlsieg errungen hatte, wurde Bildung plötzlich zu einem wichtigen Thema. Wissenschaftler streckten aufgeregt die Köpfe aus dem Elfenbeinturm und erklärten, dass die technologische Entwicklung nicht von der Elite allein geleistet werden könne, sondern auf ein breites Fundament allgemeiner Bildung angewiesen sei. Um mit den »Soffjets« (Adenauer) Schritt halten zu können, so lautete bald der allgemeine Konsens, müsse man erheblich mehr junge Leute auf höhere Schulen und Universitäten schicken als bisher. Das Bildungssystem sei zu reformieren, die Begabungsreserve im Volk auszuschöpfen. Kurz: Arbeiterkinder aufs Gymnasium!

So wurde eine ganze Generation von westdeutschen Kindern zu wahren Kalter-Kriegs-Gewinnlern. Doch der große Schwung erlahmte schon in der Mitte der siebziger Jahre. Erst der Pisa-Schock holte kurz nach der Jahrtausendwende jene Themen zurück, die einst der Sputnik-Schock schon einmal auf die Tagesordnung gesetzt hatte. Was damals der »Wettstreit der Systeme« war, hieß jetzt »Globalisierung«. 2002 brachte es der damalige Ministerpräsident von Niedersachsen, Sigmar Gabriel, in einem Gespräch mit der ZEIT auf den Punkt: »Die Politik spürte zu lange keinen wirtschaftlichen Druck, sich mit mangelnden Qualifikationen auseinanderzusetzen. Die Globalisierung zwingt uns jetzt dazu. Wir erleben so etwas wie einen zweiten Sputnik-Schock, denn wir sehen: Die anderen sind besser.«

Auch in den USA kreist der rote Weggenosse weiter im Orbit der kollektiven Fantasie. Der Publizist Paul Dickson beispielsweise, der ein faszinierendes Buch über ihn geschrieben hat, stellt »9/11« als dritte große Verwundung des amerikanischen Selbstbewusstseins neben Pearl Harbor und den Sputnik.

Dessen Piepen übrigens ist jetzt wieder zu hören. Es genügen ein paar Klicks im Internet, das wie so manch andere Entwicklung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts letztlich auf seinen überraschenden Höhenflug zurückzuführen ist. Schließlich war die Gründung der Advanced Research Projects Agency im Januar 1958, einer Koordinierungsstelle im Pentagon für militärisch geförderte Forschungsvorhaben, eine unmittelbare Reaktion auf die sowjetische Herausforderung. Das Akronym dieser Koordinierungsstelle lautet ARPA, und das ARPA-Net, das 1968/69 die vier Rechnerknoten der assoziierten Universitäten miteinander verknüpfte, bildete neben den in den späten Achtzigern am europäischen Zentrum für Nuklearforschung CERN entwickelten Programmen http und html die Grundlage, aus der dann das world wide web hervorging. Sputnik sei Dank.

Der Autor ist Schriftsteller und lebt in Berlin

Wer den Sputnik einmal piepen hören möchte, der klicke auf http://commons.wikimedia.org/wiki/Sputnik?uselang=de

 
Leser-Kommentare
    • T.M.
    • 24.09.2007 um 8:47 Uhr

    Alles schön und gut, nur das da im Bild ist auf den ersten Blick zu erkennen *nicht* "der Sputnik", d.h. der erste Sputnik von 1957, der den Schock auslöste, sondern ein späteres Modell (Sputnik 3 ?). Ein Blick auf Wikipedia zum Thema Sputnik hätte genügt. Aber offenbar ist es heute schlichtweg einfach nicht mehr möglich, mit journalistischen Methoden ein historisch korrektes Bild neben einen Text über ein historisches Thema zu montieren.

  1. Oh je, oh je. Bei "http" und "html" handelt es sich nicht um "Programme", sondern bei ersterem um ein sog. "Protokoll" und bei zweiterem um eine sog. "Sprache".

    • Crest
    • 24.09.2007 um 12:10 Uhr

    Die im Text gemachte Aussage

    Doch Jahr für Jahr behielten die Sowjets die Nase vorn: 1963 schickten sie die erste Frau ins Weltall, 1964 die erste dreiköpfige Besatzung, 1965 folgte der erste Weltraumspaziergang, 1966 die erste weiche Landung einer Sonde auf dem Mond, 1968 die erste bemannte Mondumkreisung.

    liest sich doch so, dass den Sowjets die erste bemannte Modumkreisung gelungen ist. Die erste Modumkreisung gelang 1968 den Amerikanern. Die Russen sind (bis jetzt) noch nicht über den erdnahen Orbit hinausgekommen.

    Ab ca. 1967/68 hatten die Amerikaner im Mondrennen die Nase vorn und die Mondlandung selbst war nur noch das i-Tüpfelchen.

    Zwei allgemeine Bemerkungen:

    1. Die mit 'Sand gefüllte oberste Stufe der Jupiter Rakete' ist doch bezeichnend für Fehlschläge, die daraus resultieren, dass Politiker Technikern und Ingenieuren politisch motivierte Vorgaben machen. Ein Menetekel sozusagen. Das ist heute in der Energie- und Vekehrspolitik (Kernenergie Transrapid z.B.) nicht anders. Zum Haare ausraufen!

    2. Die strategische Potenz unserer Politiker (hier Gabriel): Die Politik spürte zu lange keinen wirtschaftlichen Druck, sich mit mangelnden Qualifikationen auseinanderzusetzen. ist zum Gotterbarmen.

    Können Politiker nicht mal von sich aus, proaktiv sozusagen, richtige strategische Weichenstellungen initiieren?
    (Nein, können sie nicht - jedenfalls nicht die auf den real existierenden Karrierepfaden sozialisierten Politiker.)

    Ein letzter Punkt, der in den Artikel gut hineingepasst hätte: die zunehmende Bedeutung der bemannten Raumfahrt weltweit. Es ist doch faszinierend, welche Staaten mittlerweile ehrgeizige Raumfahrtprogramme initiieren - und mit welchem nationalen Stolz.

    Und wir? Wir betreiben bei dem Gedanken an Peenemünde höchstens eine verschämte Nabelschau. Dabei könnten wir mit führend sein bei der Eroberung des Weltraums.

    Wie gesagt: Die USA fliegen in den Weltraum, Indien fliegt in den Weltraum, China fliegt in den Weltraum, Russland fliegt in den Weltraum, Japan fliegt in den Weltraum.

    Und Deutschland - fliegt nach Mallorca.

    Herzlichst Crest

  2. Das Bild im Online-Artikel zeigt die Sonde Lunik 1 oder Lunik 2, welche 1959 am Mond vorbei flog bzw. dort aufschlug.
    Wie schon oben erwähnt, übernahmen die Amerikaner die Führung im Rennen nicht erst 1969. Schon 1965, mit dem Gemini-Programm, überholten sie die Möglichkeiten der sowjetischen bemannten Raumfahrt.
    Die erste Frau ins All zu schicken, war keine technische Leistung, sondern ein politischer Stunt. Erst als die Amerikaner daran gingen auch eine Frau mitfliegen zu lassen, durfte wieder eine sowjetische Frau ins All fliegen. Ein technischer Stunt war der erste Dreimannflug. Ohne Raumanzüge und mit einem Minimum an Ausrüstung quetschte man drei Mann in eine umgebaute Wostok-Kapsel.
    Die Aussage, Armstrong hätte seinen berühmten Satz auswendig gewusst (also von jemandem anderen formuliert bekommen), wird auch durch ständige Wiederholung nicht richtig. Es gibt keinerlei Hinweis dafür, dass Armstrong diesen Satz nicht selbst gefunden hätte.
    Ergänzend: HTML ist kein Programm und auch keine Programmiersprache, sonderen eine deskriptive Auszeichnungssprache.

  3. Sozialismus sei Dank.

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  • Quelle DIE ZEIT, 20.09.2007 Nr. 39
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  • Schlagworte Technik | Raumfahrt
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