Alter Länger, nicht leichter!
Was die neuere Literatur uns über das Altern erzählt, ist ehrlich, ungeschönt und deprimierend.
In dem Werbefilm für irgendeinen Schokoladenriegel, der vor Jahren in den Kinos gezeigt wurde, sieht man einen alten Indianer, der sich von seinem Stamm entfernt, um sich, wie es Brauch bei gewissen Naturvölkern ist, das Leben zu nehmen und niemandem mehr zur Last zu fallen. Der Alte findet am Rand der Klippe das Schokoding, verzehrt es und kehrt verjüngt zu den Seinen zurück.
Das Versprechen der Moderne besteht eben darin, dass sie uns Mittel an die Hand gibt (und sei es nur ein Stück Schokolade), den eigenen Niedergang aufzuhalten. Es ist ein Glück, dass dieses Versprechen, dank des technischen und medizinischen Fortschritts, sehr oft wahr gemacht werden kann. Dieses Glück aber ist tückisch, denn je gesünder wir leben und je mehr die ärztliche Kunst unser Leben zu verlängern vermag, desto sicherer ist zugleich, dass es sich nur um einen Aufschub handeln kann. Und nun geht der Kampf um diese Gnadenfrist. Er ist, wie es in dem grandiosen Klagegesang Jedermann von Philip Roth heißt, »ein unerbittlicher Kampf, und zwar gerade dann, wenn man am schwächsten und am wenigsten in der Lage ist, den alten Kampfgeist heraufzubeschwören«.
Der Kampf ist nicht zwingend. Eine andere Haltung bestünde in »Ergebung, Vertrauen, Warten«, wie der alte Risach in Adalbert Stifters Nachsommer sagt. Das wäre, wenn es gelänge, ein schönes Altern. Friedrich Schleiermacher kommt zu dem Schluss, der Tod sei notwendig, »und dieser Notwendigkeit mich näher zu bringen, sei der Freiheit Werk und Sterbenwollenkönnen mein höchstes Ziel« – ein Gedanke, der auf Platon zurückweist. Auch das ist eine schöne Philosophie.
In Wahrheit aber haben die Menschen nie sterben wollen, jedenfalls in der Regel nicht. Woody Allen hat gesagt: »Ich habe nichts gegen das Sterben, ich will nur nicht dabei sein, wenn es so weit ist.« Weil es früher fast keine lebensverlängernden Techniken gab, war es ein Akt der Weisheit, sich ins Unvermeidliche zu fügen, und die Literatur hat diese schmerzhafte Übung in unendlichen Variationen dargestellt, hat Einverständnis gepredigt und häufiger noch auf bitterste Weise damit gehadert. Sie hat uns das glückliche Altern von Philemon und Baucis gezeigt, aber auch das Elend des alten Lear. Neben der Liebe sind Alter und Tod das fundamentale Thema der Dichter und Denker, sie sind ihre eigentliche Antriebskraft. Wenn wir nicht älter würden und sterben müssten, gäbe es keinen Grund für Literatur.
Junge Geliebte sollen die Vitalität des alternden Mannes verewigen
In der neueren Literatur aber hat sich etwas verändert. Sie spiegelt unsere vom Kampf gegen das Alter geprägte Lebenswirklichkeit, jedenfalls die in der westlichen Welt, wo Fitness und Wellness an die Stelle von Resignation oder Entsagung getreten sind. Der Jedermann in dem Roman von Philip Roth gehört zu jenen Männern, die ihre Vitalität in der Begegnung mit jüngeren Frauen verewigen wollen. Er erinnert sich an eine gewisse Phoebe, mit der er »unbeschwerten Sex zu allen Tageszeiten« hatte. Danach gehen sie spazieren: »Das dunkle, mit Wucht an den Strand brandende Meer und der mit Sternen übersäte Himmel versetzten Phoebe in Begeisterung, ihn jedoch in Angst. Die verschwenderische Fülle der Sterne machte ihm unzweideutig klar, dass er sterben musste. Er verstand nicht, wo diese Angst plötzlich herkam, und er musste seine ganze Kraft aufbieten, um sie vor Phoebe zu verbergen. Warum musste er seinem Leben gerade dann misstrauen, wenn er es besser im Griff hatte als seit Jahren?«
Das Leben im Griff haben? Das ist die Selbsttäuschung, die der Roman unerbittlich bloßlegt. Der Jedermann wird noch einige andere und immer jüngere Frauen haben, er wird durch eine Reihe von Infarkten und Operationen hindurchgehen und schließlich in einem Seniorenheim Quartier nehmen, wie man es sich luxuriöser kaum vorstellen kann. Aber er langweilt sich. »Wie viel Zeit konnte ein Mann damit verbringen, an die schönsten Tage seiner Kindheit zurückzudenken? Wie wärs damit, die schönsten Tage des Alters zu genießen? Oder bestanden die schönsten Tage des Alters eben daraus – aus der Sehnsucht nach den schönsten Tagen der Kindheit, nach der schlanken Gerte, die sein Körper damals war und die sich von weit draußen, wo die Wogen sich aufbauten, auf den Wellen zum Strand tragen ließ.«
Der Blick auf das Alter scheint unausweichlich von einer Utopie permanenter Jugendlichkeit geprägt. Daraus folgt Kampf, und wer die Mittel dazu hat, führt ihn – vor allem in jenem Land, dessen Verfassung das Versprechen von »Life, Liberty and the Pursuit of Happiness« enthält. Die Romane von John Updike, Richard Ford, Louis Begley oder Philip Roth erzählen unablässig davon. In Begleys Roman Schmidt tut sich der aus einer New Yorker Kanzlei ausgeschiedene Senior mit einer reschen Kellnerin zusammen, und im Menschlichen Makel, dem Roman von Philip Roth, findet der 71 Jahre alte emeritierte Professor mit Hilfe von Viagra sein Glück bei einer 34 Jahre alten Putzfrau. Beide sind sie auf verschiedene Weise gestrandet, und sie trösten einander in der sexuellen Begegnung. Dort erfahren sie beides: das Leben in höchster Gegenwärtigkeit – und den kleinen Tod, der den großen hinauszögert.
Ältere Frauen scheinen anderes wichtiger zu finden als Sex
Warum ist Sex so wichtig? Weil er das »Gefühl sublimer Einzigartigkeit« vermittelt (so heißt es im Jedermann) und das Gegenteil »der lähmenden Entpersönlichung« bedeutet, wie sie der kranke und alternde Mensch erfährt. Und natürlich ist Sex der Ausweis jugendlicher Vitalität. Man findet den Gedanken auch bei Martin Walser. In seinem Roman Der Augenblick der Liebe verliebt sich ein alternder Privatgelehrter in eine halb so alte amerikanische Dozentin. Er erlebt Augenblicke höchster Lust, denen er sich aber auf Dauer nicht gewachsen fühlt. Zurück im ehelichen Hafen und im Kreis der Freunde entspinnt sich zufällig ein Gespräch über Altersgeilheit. »Er hätte die Damen wirklich fragen müssen, warum ein Älterer, wenn er denn das war, was sie geil nannten, nicht einfach geil, sondern altersgeil war. Die haben da eine Ahndung parat. Du sollst nicht mehr, du darfst nicht mehr. Es ist ekelhaft, alt und geil zu sein.« Gegen diese sittliche Restriktion empört sich Walser auch in seinem anderen Roman Der Lebenslauf der Liebe. Hier ist es eine »altersgeile« Witwe, die Lust nicht allein in der Selbstbefriedigung findet, sondern am glücklichen Ende auch in der Liaison mit einem jungen Türken.
Obwohl Walser hier die Umkehrung des üblichen Verhältnisses zwischen altem Mann und junger Frau vorführt, scheint es doch so zu sein, dass ältere Frauen anderes wichtiger finden als Sex. In Joan Didions autobiografischer Erzählung Das Jahr des magischen Denkens lässt die Trauer über den Tod ihrer Tochter und ihres Mannes keinen Platz für Frivolitäten. Monika Marons Endmoränen sind von sarkastischer Entsagung bestimmt, und in ihrem neuen Buch Ach Glück flieht die ältere Frau aus einer langjährigen Beziehung – nicht in die Arme eines jungen Mannes, sondern zu einer Freundin nach Mexiko. Beim Abschied von ihrem Mann heißt es: »Sie hatte sogar flüchtig daran gedacht, die ganze kindische Flucht abzublasen, weil auch ein paar Wochen Mexiko nichts daran ändern konnten, dass sie alt wurde, dass ihrer beider Leben ein für alle Mal seine Richtung genommen hatte und ihre Wünsche nicht mehr die gleichen waren.« Das ist aus emotional härterem Stoff gewebt als bei Walser oder selbst bei Philip Roth. (Aber Härte ist natürlich kein literarisches Kriterium.)
Die Literatur unserer Tage bildet das Drama des Alterns getreulich ab, sie zeigt seine Unausweichlichkeit und Vergeblichkeit. Aber sie bietet keinen Trost mehr. Der Trost könnte nur in jener Transzendenz liegen, wie sie uns aus alten, fremd gewordenen Texten entgegentritt. Gleich zu Beginn des mittelalterlichen Versepos Der arme Heinrich des Hartmann von Aue lesen wir die mahnenden Zeilen »media vita in morte sumus«, mitten im Leben sind wir vom Tod umgeben. Der Dichter durfte mit gläubigen Christen rechnen, denen die Botschaft vertraut erschien, nicht vernichtend. Heute heißen die Götter Sex und Geld, Jugend und Gesundheit. Wenn wir gut drauf sind, können wir über Susanne Fröhlichs Runzel-Ich schmunzeln und uns damit trösten, dass der Fortschritt das Altern zwar nicht leichter macht, aber länger.
- Datum 21.09.2007 - 02:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 20.09.2007 Nr. 39
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scheint das altsein noch nicht zu sein, aber es koennte es eines tages sein . sind dies die ersten zeichen eines wandlungsprozesses, erste schritte in richtung einer philosophie des alters . wenn wir es noch schaffen sollten unserer welt und damit uns vor gesundheitsschaedlichen einfluessen zu verschonen, also nicht mehr jeder zweite an deren folgen am krebs stirbt, wtrd eine noch groessere menge alter unsere gesellschaft bilden, als wir uns im moment vorstellen koennen. eine intensive gedankliche auseinandersetzung mit dem alter erfolgen also wie von selbst. selbstausgrenzung durch alter wird selten werden. gesundheit wird immer ein hoechstes gut bleiben,wenn auch kein gott, aber jugend ist jetzt schon ein relativer begriff und in fast jeder hinsicht aehnlich problematisch, ausser in wirtschaftlicher, in der sie schlicht einen potenteren und leichter zu beeinflussenden konsumenten darstellt.
wir werden uns also von vielen vorurteilen, gewohnheiten und gesellschaftlichen regelungen trennen muessen und uns bereit machen die monate september bis dezember noch einmal zu ueberdenken.
über das Altern zu sprechen, ist als ob meine Worte zu Staub sich verwandeln. in jedem Wort, in jedem Satz, in jeder Idee spüre ich die Sinnlosigkeit darüber zu sprechen. es gibt kein genaues Datum, wann man zu sich sagt, ich bin alt geworden aber sicherlich mit 60 Jahren ist es so weit u. man weiss, man ist nicht mehr jung. Warum sich ältere Männer o. Frauen im Sex vorm Altern "retten" wollen, wie in der erwähnten Literatur des Artikels, lässt einen nur über uns alle rätseln. der Mensch wähnt sich mehr als die Tiere auf Erden aber im Grunde, wie jedes Tier, jedes Lebewesen auch, weiss er nicht woher er kam o. wohin es geht. noch peinlicher, der Mensch weiss auch nichts über... warum er gelebt hat. Dieses innere Wirrwarr ist den meisten Tieren sicherlich erspart geblieben. Was wir wissen ist daher nicht viel. Und schon in unserer schönsten Lebensmitte fangen wir an darüber zu grübeln, dass unser dunkeles Ende immer schneller sich naht. Man vesteckt diese Angst und tut als ob man davon nichts wüsste... die jungen Menschen neben uns aber sehen's sofort: der da, der stirbt vor mir, armer Kerl!
bis zur Bahre ein Wirtschaftsfaktor,erst für die Lebensversicherer und Rentenkassen,dann für andere Institutionen die es uns ermöglichen so lange wie möglich zu vegetieren immer den Blick voraus,sterben können wir später.Was haben wir dabei übersehen,das Leben im hier und jetzt.
klar, dass sich die Weiblichkeit im Alter nicht so sehr für Sex interesiert, denn die interessanten Männer sind entweder schwul oder sie sind ins "Liebesleben" mit Jüngeren verstrickt......
Frauen schätzen es aus ästhetischen Gründen meist nicht sonderlich, mit Männern ins Bett zu gehen, die ihre Söhne sein könnten, also schreiten wir zur "Selbstverwirklichung" und füllen die Hörsäle deutscher Hochschulen- immerhin noch besser als nix!
Man sollte die Jugend verlängern können, nicht das Alter. Welcher Neunzigjährige möchte schon 100 werden?
Junge AlteWenn ich mir ansehe wie konsum-ätherisiert die Jungend weitgehend ist,dann frage ich mich wer hier alt ist.Gewiss, es ist keine Null-Bock-Generation.Für ihren Geldbeutel tun sie (zumGlück) was, ihren Spass und ihre Moral-Verklärung tun sie viel.Doch ist das schon ausgeglichenes Leben ???
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