Klassiker der Moderne (78) Hopplahopp
Leonard Bernstein arbeitete schon wie ein Popmusiker, bevor der Rock'n'Roll erfunden war. In "Wonderful Town" erzählt er die Geschichte Amerikas aus der Küchenperspektive
Auf dem Papier spricht das Werkverzeichnis eine deutliche Sprache. Leonard Bernstein, der sich selbst immer zuerst als Komponisten betrachtete, während die Öffentlichkeit ihn lieber als Dirigenten sah, beginnt drei Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg mit dem nicht eben klein dimensionierten Psalm 148, der dem ganzen Weltall Lobpreis singt. Vierzig Schaffensjahre später endet Bernstein mit einer Missa Brevis, und auch zwischendurch stellt der 1918 in Lawrence/Massachusetts geborenen Sohn russisch-jüdischer Einwanderer immer wieder eigenwillige religiöse Betrachtungen an. Sein ganzes Leben lang sucht Bernstein mit seiner Musik nach Gott – an dem er freilich von Anfang an seine Zweifel hat.
Sowohl die frühe Klagesinfonie Jeremiah wie auch The Age of Anxiety (nach düstersten Texten von W. H. Auden) sehen den Menschen in seiner Qual oft verstummen, und nur Bernsteins Musik gibt ihm gerade noch zu sagen, wie er leidet. Anfangs orientiert er sich noch an Strawinsky, um später – in der dritten Sinfonie Kaddish und den Chichester Psalms aus den sechziger Jahren – auch mit der Zwölftontechnik zu kokettieren. Doch ist Bernstein kein Akademiker, sondern ein theatralischer Mensch, ein Bühnentier auf dem Sprung. So bleibt es bei reizvollen Experimenten.
Der Rest ist – wenn man den begnadeten Dirigenten und wunderbaren Pädagogen Bernstein einmal ganz außer Acht lässt – Entertainment, und selten hat sich einer auf diesen Zweig in der E-Musik so gut verstanden wie er. Noch vor der Erfindung des Rock’n’Roll arbeitet Leonard Bernstein wie ein Popmusiker. Er nimmt an Musikmaterial, was er kriegen kann, und macht es für seine Zwecke, also den Broadway, passend. Nicht zufällig scheitert Bernstein niveauvoll, wenn er sich, wie mit der Operette Candide, bildungsbürgerlich bei Voltaire versichert, und nicht von ungefähr fliegen ihm die Herzen nicht nur der Amerikaner zu, wenn er die Geschichte(n) des Landes aus der Küchenperspektive erzählt wie in Wonderful Town aus dem Jahre 1953.
Hopplahopp geschrieben, verquirlt die Partitur auf raffinierte Weise die letzten musikalischen Reste der Swing-Ära mit Bernsteins ureigenem sinfonischen Großstadtsound. Ma(n)n liebt New York, das ist deutlich zu hören, und der Rest der simplen Story, in der sich Ruth und Ellen Sherwood aus Ohio aufmachen, um in Greenwich Village ihr Glück zu suchen, ist schnell überzeugend erzählt: Beide finden es. Die eine bei der Zeitung, die andere als Sängerin.
Und Bernstein? Hat seine Freude daran, jederzeit aufs Handlungstempo zu drücken und gute Laune zu verbreiten, während das Orchester munter und rhythmisch raffiniert vor sich hin rattert.
Wonderful Town
markiert gleichzeitig aber auch so etwas wie das Ende von Bernsteins Unbekümmertheit. Schon
West Side Story
ist ein erheblich verschraubteres Stück. Leonard Bernsteins größte Kunst aber bleibt: seine Ungekünsteltheit.
Leonard Bernstein:
Wonderful Town Original Broadway Cast 1953; mit
Rosalind Russell und Edith Adams; Dirigent: Lehman Engel; Naxos 8.120846
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- Datum 24.09.2007 - 02:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 20.09.2007 Nr. 39
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