Ehe »Viele Paare wollen noch einmal blühen«

In einer unsicheren Welt wächst die Sehnsucht nach einem privaten Schutzraum – Gespräch mit einer Pastorin, einem Ehetherapeuten und einer Scheidungsanwältin

DIE ZEIT: Frau Gidion, Frau Klein, Herr Marry, Sie alle haben mit Ehepaaren in verschiedenen Stadien zu tun – bei der Hochzeit, in der Krise, vor der Scheidung. Raten Sie zur Ehe?

Anne Gidion: Ja, wenn Menschen so weit sind, dass sie sich mehr oder weniger exklusiv füreinander entschieden haben. Dann sage ich: Traut es euch doch! Vor allem, wenn ohnehin eine standesamtliche Trauung geplant ist.

Anne Klein: Bei mir ist das sehr zwiegespalten. Noch vor wenigen Monaten hätte ich zumindest jungen Frauen mit Kinderwunsch zugeraten, weil der Ehevertrag des Familienrechtsgesetzbuchs doch einige Sicherheiten für Mütter und Ehefrauen geboten hat. Inzwischen, nach der Reform des Unterhaltsrechts…

ZEIT: …die finanzielle Ansprüche von geschiedenen Ehepartnern begrenzt…

Klein: …bin ich eher skeptisch und denke, dass die Ehe, zumindest materiell betrachtet, fast keinerlei Vorzüge für Frauen mehr hat. Eher im Gegenteil. Dank ihrer Gebärfähigkeit sind die Frauen Kern der Familie, was sie zu einer neuen Doppelrolle verdammt: grundsätzliche Eigenverantwortung plus Verantwortung für die von ihnen gewünschten Kinder. Die Verantwortung des Mannes tritt in den Hintergrund.

Edouard Marry: Ich bin kein Moralapostel, sondern Psychologe. Ich beschäftige mich nicht mit dem, was sein sollte, sondern mit dem, was ist. Fakt ist: Trotz der sehr hohen Scheidungsraten heiraten die Leute. Es gibt eine Zeit, in der die Ehe sehr schön ist, und es gibt eine Zeit, in der sie fürchterlich ist. Die Frage ist, ob man durch diese Zeit zusammen hindurchgeht. Ich mache die Erfahrung: Man kann aufhören und neu anfangen, aber dann sitzt man vier Jahre später wieder bei mir in der Therapie, mit einem anderen Partner und demselben Problem.

Gidion: Zeigt die Erfahrung nicht, dass die Ehe ambivalent ist? Nicht nur Konflikt oder Glück, sondern ein bisschen schön und ein bisschen schrecklich. Als Pfarrerin erlebe ich Menschen, bevor sie sich entscheiden oder wenn sie entschieden sind und nun über die Gestaltung der Hochzeit nachdenken. Und da hat sich etwas verändert: Kein Mensch muss heute mehr heiraten, weder aus rechtlichen noch aus moralischen oder religiösen Gründen. Mein Eindruck ist, dass die Menschen sich mit der Ehe eine Art von magischem Schutz geben wollen. Und viele Paare wollen noch einmal blühen; die meisten heiraten nicht zu Beginn ihrer Beziehung, es ist kein Initiations-, sondern mehr ein Vergewisserungsritual. Es geht auch nicht unbedingt um Kinder, eher um die Frage: Wer sind wir voreinander? Wer sind wir vor der Welt, vor Gott?

Klein: Einspruch! Wir können die Ehe nicht als Selbstzweck sehen oder nur als Regulativ eines Binnenverhältnisses. Die meisten Beziehungskonflikte sind Ausdruck gesellschaftlicher Verhältnisse. Sie entstehen etwa durch Arbeitslosigkeit oder wenn Frauen Beruf und Kinder haben wollen, dann aber feststellen, dass sie mit diesem Wunsch allein gelassen werden.

Marry: Natürlich sind unsere Erwartungen an die Ehe Ausdruck unserer Kultur, entsprechend groß sind die internationalen Unterschiede. Bei Paaren aus Ghana beispielsweise rechnen die Frauen damit, verlassen zu werden, weil es üblich ist, dass der Mann sich nach spätestens zehn Jahren eine andere, oft jüngere Frau sucht. Also bereitet die Frau das vor, sammelt Gold. Die islamische Familie ist das genaue Gegenteil. Obwohl die Vielehe theoretisch erlaubt ist, wird sie nicht praktiziert. Bei uns dagegen sind die Menschen auf sich gestellt. Es gibt wenig regulierende Maßnahmen durch die umgebende Gruppe…

Gidion: …und das bedeutet Freiheit, aber auch Unsicherheit. Ich glaube, gerade weil die Lebensformen heute so vielfältig sind, sucht man eine Instanz, vor der das eigene Leben Bestand hat. Ich erlebe ja oft Paare, die sich vor ihrem ganzen säkularen Freundes- und Familienkreis hinknien. Sie liefern sich bis zu einem gewissen Grad aus. Es geht nicht nur um das Verhältnis zwischen zwei Menschen, sondern um ein Versprechen vor der Welt und Gott.

Klein: Das hört sich ziemlich pathetisch an. Auch Ihre Darstellung anderer Kulturen in Ehren, Herr Marry, aber in Deutschland haben wir vor allem die rechtsphilosophische Vorstellung, dass die Ehe auch eine Ordnungseinheit ist. Und schließlich erwartet die Familie, dass geheiratet wird, der Arbeitgeber erwartet in Stellenausschreibungen »gesicherte Verhältnisse«. Die Ehe ist immer noch ein Statussymbol.

ZEIT: Soll der Staat die Ehe schützen oder nur die Kinder? Dann müsste beispielsweise das Ehegattensplitting verändert werden.

Klein: Ich halte die Institution Ehe an sich nicht für schützenswert, sondern die Familie, also alle Beziehungen, in denen Kinder leben und erzogen werden. Alle Gesetze, die eine Unselbstständigkeit von Frauen bewirken, sollten abgeschafft werden, nicht nur das Ehegattensplitting. Wie die Binnenverhältnisse zwischen Mann und Frau geregelt werden, ist zweitrangig.

Gidion: Das sehe ich anders: Wir brauchen Schutz nicht nur für die Familie, sondern auch für die Ehe. In einer Gesellschaft, die tendenziell auseinanderfliegt, sollte der Staat es generell unterstützen, wenn Menschen sich binden und Verantwortung füreinander übernehmen. Etwas anderes ist die Frage, ob eine zivile, vor dem Staat geschlossene Ehe Voraussetzung für eine kirchliche Ehe sein muss. Das leuchtet mir nicht ein. Paare, die kirchlich heiraten wollen, sollten dies tun können, ohne vorher einen amtlichen Schein vorzulegen. Wir könnten verschiedene Formen der Ehe durchaus vertragen.

Marry: Ich bin auch dafür, dass nicht nur die Familie, sondern auch die Ehe geschützt wird. Aber in erster Linie sollte der Staat alleinerziehenden Müttern helfen. Besser als das Ehegatten- oder Familiensplitting fände ich deshalb ein Erziehungsgehalt, das jeder bekommt, der Kinder erzieht.

ZEIT: Welche Rolle spielen überhaupt ökonomische Motive bei der Eheschließung?

Klein: Ich würde sagen: In 95 Prozent der Fälle entscheidet der Faktor wirtschaftliche Sicherheit.

Marry: Da trennen sich unsere Wege, Frau Klein!

Klein: Das kann sein, Sie müssen allerdings bedenken, dass ich vor allem mit gescheiterten Ehen zu tun habe. Ich erlebe oft, dass in einem Trennungsverfahren der Mann oder die Frau sagt: Wie wäre es, wenn wir unsere Ehe auf ein neues Fundament stellen? In 80 Prozent der Fälle ist ein neuer Beziehungsversuch möglich, wenn die wirtschaftlichen Verhältnisse der Ehegatten geklärt sind und der Partner sich gesichert, nicht mehr abhängig und unterlegen fühlt.

Gidion: Ich glaube auch, dass die meisten Menschen sich freier fühlen, wenn man ihnen Ängste vor materieller Abhängigkeit nimmt. Trotzdem geht das, was Ehe ausmacht, über das Materielle weit hinaus. Im Vordergrund steht meiner Erfahrung nach die Sehnsucht nach einem Schutzraum, gerade, wenn die Welt immer unsicherer wird und das subjektive Gefühl von Bedrohung wächst.

Marry: In den USA haben Lebensversicherer eine Studie über die häufigsten Ursachen von Selbstmord gemacht. Ganz vorne rangierten Verlust des Partners, Scheidungskonflikte, Tod des Partners, Streit in der Familie. Das zeigt, wie wichtig die Beziehung für viele Menschen ist und dass es nicht um Materielles geht. Manchmal kommen ganz nüchterne Bankdirektoren zu mir, die nur in Zahlen denken, und heulen Rotz und Wasser, weil ihre Frau sie verlässt. Obwohl sie abgesichert sind – sie kriegt eine Million, er zwei. Die Ehe befriedigt auch Abhängigkeitswünsche. Sich mit jemand dauerhaft zusammentun zu wollen ist eine instinktgesteuerte Handlung.

ZEIT: Derzeit sind in Filmen und Serien jede Menge romantische Hochzeiten zu sehen. Nützt das der Ehe, weil es Lust auf das Jawort macht?

Gidion: Ich fürchte, es schadet oft eher, weil es falsche Vorstellungen weckt. Natürlich kann es schön sein, ein tolles Kleid anzuziehen. Irreführend ist aber die Vorstellung, dass sich dann automatisch ein bestimmtes Gefühl einstellt, das fürs ganze Leben reicht.

Klein: Ich bin da etwas anderer Ansicht. Schon 1969 bei der Hochzeit meiner Schwester kamen 200 Gäste, es gab eine Prozession zur Kirche, also in der Öffentlichkeit, ich war die »Vorbraut«, so hieß das damals. Bei einer großen Feier steckt auch die Idee dahinter, der Außenwelt zu zeigen, dass man es ernst meint. So eine Inszenierung soll die Scham vor einem Scheitern der Ehe erhöhen und wirkt daher stabilisierend.

Gidion: Moment, mir ging es um die kommerzielle Ausschlachtung. Ich mag große Hochzeitsfeiern sehr gern, weil das einen Solidarraum schafft. Die Gäste, die dabei gewesen sind, sind im Grunde alle Trauzeugen dieser neuen Wirklichkeit.

Marry: Zugleich idealisiert das Zeremonielle und auch das Medienspektakel die Ehe noch mehr. Dabei ist die Ehe schon überfrachtet wie eine Fußgängerbrücke, über die Lastwagen fahren. Sie ist überladen mit Erwartungen. Die Eltern fragen: Wann kommt das erste Kind, wann das zweite, wann wollt ihr bauen? Spätestens nach zwei Jahren kommt die Entidealisierung. Das halten viele Paare nicht aus.

ZEIT: Haben Sie eine Erklärung dafür, dass die gescheiterte Ehe trotz hoher Scheidungsraten als Thema fürs Kino verschwunden ist?

Gidion: Stimmt das denn? Es gibt doch beides: Dogma-Filme, gefilmt mit der wackelnden Handkamera, die das Leben samt vieler Ehedramen so zeigen, wie es ist – und gleichzeitig die Blockbuster, die eine Liebesgeschichte mit Happy End erzählen. Die Sehnsucht nach Glück und Gelingen gab es immer und wird es hoffentlich immer geben…

Marry: …und eine simple Vorstellung von Idylle, in der ich geschützt bin, mit einer guten Ehefrau, die für mich kocht, und einem guten Gott, der über mich wacht. Je bedrohlicher die Außenwelt erscheint, desto stärker sind solche Wünsche. Und so steigt auch die Wahrscheinlichkeit des Scheiterns.

Klein: Natürlich ist eine Scheidung heute nicht mehr so interessant wie in den Siebzigern, als es für Scheidungsfilme wie Kramer gegen Kramer ein Massenpublikum gab. Man weiß, wie es in kriselnden Ehen zugeht. Ich habe in den vergangenen dreißig Jahren etwa zehntausend Scheidungen als Anwältin begleitet. Etwa bei jeder zweiten Scheidung sagen die Frauen: Mein Mann redet nicht mit mir über seine Probleme. Und er hört nicht zu.

ZEIT: Lassen Sie uns raten: Die Männer beklagen sich, dass sie ständig alles ausdiskutieren müssen?

Klein: Genau. Die Männer sagen: Ich komme nach Hause und werde überfrachtet. Ich habe keinen Freiraum, noch nicht mal in meinem Arbeitszimmer. Ich muss immer da sein.

Marry: Und sie sagen: Ich werde funktionalisiert. Ich soll das Auto reparieren, mit den Kindern schimpfen, den Rasen mähen. Es bleibt zu wenig, was Spaß macht.

ZEIT: Hat Ihr Beruf eigentlich Ihre ganz persönliche Lust auf die Ehe geprägt?

Klein: Bei mir schon. Ich bin nicht verheiratet, obwohl ich seit 21 Jahren in einer Partnerschaft lebe. Als ich Rechtsanwältin wurde, war für mich klar, dass eine klassische Frauenrolle in einer Ehe nicht infrage kam. Dabei spielte auch eine Rolle, dass ich damals schon so viele Scheidungsfälle mitbearbeitet habe, dass ich dachte: »Lieber nicht.«

Marry: Ich bin zum dritten Mal verheiratet, obwohl ich Katholik bin. Meine dritte Ehe hält seit 14 Jahren. Meine Frau behauptet, ich hätte bei jeder der Ehen dazugelernt. Vielleicht hat das mit dem Beruf zu tun.

Gidion: Ich bin seit eineinhalb Jahren verheiratet, kirchlich und standesamtlich, und ich bin ein Fan von Ehe. Das war ich allerdings schon, bevor ich Pastorin wurde.

Das Gespräch führten Tina Hildebrandt und Elisabeth Niejahr

Die drei Eheexperten
Edouard Marry, 61, Diplom-Psychologe, leitet die Erziehungs- und Familien- Beratungsstelle der Caritas in Berlin- Wilmersdorf und bildet Eheberater aus
Anne Gidion, 36, ist Pastorin in Hamburg. Zuvor war sie Referentin für Kirchenfragen im Bundespräsidialamt
Anne Klein, 53, arbeitet seit mehr als 30 Jahren als Scheidungsanwältin und Notarin. 1989 bis 1990 war sie für Bündnis 90/Die Grünen Justizsenatorin in Berlin

 
Leser-Kommentare
    • Rellem
    • 22.09.2007 um 21:36 Uhr
    1. Ehe

    Hi @ll
    Nettes Geschwafel.
    Fakt ist schlicht folgendes.
    Als Mann muss man es sich finanziell leisten können eine Ehe in den Sand zu setzen.
    Überbordende Unterhaltsforderungen der Ex müssen nähmlich erst mal verdaut werden, und wer das nicht kann sollte es besser lassen.
    Im Falle einer Scheidung mutiert die selbstständige/selbstbewusste/emanzipierte Powerfrau in null komma nichts zum hilflosen Weibchen, das permanent gefüttert werden möchte.
    Eine Scheidung geht im überwiegendem Maße vom weiblichen Teil der Partner aus, und der andere bekommt die Quittung.
    www.trennungsfaq.de
    Gruss
    Rene

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  • Quelle DIE ZEIT, 20.09.2007 Nr. 39
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