Riester-Rente Niemand kennt die Kosten genau
Das Riester-Sparen ist populär geworden. Aber die Kritik der Verbraucherschützer verstummt nicht.
Sie war gerade ein paar Monate in dieser Welt, da hagelte es schon Schmähungen: Einen »Riesenflop« nannten die Zeitungen sie, ein »Bürokratie-Monster«, später bekam sie den Spitznamen »Riester-Reinfall« verpasst. So gebrandmarkt, erwartete keiner mehr viel von ihr. Doch jetzt, fünf Jahre später, sieht es so aus, als würde sie noch zum Renner: Die Rentenförderung mit dem Namen des Exministers Walter Riester hat im vergangenen Jahr einen unerwarteten Aufschwung erlebt.
Während 2002 noch 72 Prozent der Bürger die Riester-Rente ablehnten, wie das Deutsche Institut für Altersvorsorge (DIA) damals ermittelte, zog sie nach dem diesjährigen Familienreport der Cosmos-Direktversicherung sogar knapp an der Lebens- und Privatrentenversicherung vorbei: 42 Prozent der befragten Familien haben einen Riester-Sparplan, 41 Prozent verfügen über eine Kapitallebensversicherung, und nur 36 Prozent haben eine private Rentenversicherung abgeschlossen. Allein in den ersten sechs Monaten dieses Jahres stieg die Zahl der Riester-Sparverträge um 1,2 Millionen auf mittlerweile rund neun Millionen an. »Langfristig halte ich es für durchaus möglich, dass sich der Gesamtbestand noch verdoppelt«, prognostiziert DIA-Sprecher Bernd Katzenstein.
Dass das Riester-Programm plötzlich so beliebt ist, beruht wohl nur zu einem kleinen Teil darauf, dass die Deutschen vermehrt Lust auf private Zusatzvorsorge bekommen haben. Vielmehr hat die Regierung dem Riester-Kind auf die Beine geholfen.
Schon zum Jahresbeginn 2005 gab es Bonbons für alle. Zum einen für die Anbieter: Aus bislang elf Zertifizierungskriterien für Riester-Produkte wurden fünf – das machte die Entwicklung neuer Angebote einfacher. Die Vermittler durften sich darüber freuen, dass die Gebühr, die sie für den Abschluss kassieren, nur noch auf fünf und nicht mehr auf zehn Jahre verteilt werden muss. Seither fließt nach dem Vertragsabschluss die Provision schneller. Schließlich bedachte die Regierung auch die Anleger: Seit 2005 können sie sich das mühsame Ausfüllen der jährlichen Zulagenanträge sparen, indem sie das ihrem Finanzdienstleister übertragen. »Die Kombination neuer Anreize hat sicher wesentlich dazu beigetragen, dass die Riester-Rente in Schwung gekommen ist«, sagt Katzenstein.
Weitere Zulagen für Kinder und junge Sparer sind in Planung
Die Konkurrenzprodukte Lebens- und Privatrentenversicherung hatten lange davon profitiert, dass ihre Erträge steuerfrei waren. Damit ist seit 2006 Schluss, für neu abgeschlossene Verträge gilt das Steuerprivileg nicht mehr. Auch dadurch ist Riestern attraktiver geworden, zumal die Zulagen planmäßig weiter gestiegen sind. In diesem Jahr zahlt der Staat jedem Sparer 114 Euro plus 138 Euro pro Kind, wenn er drei Prozent seines sozialversicherungspflichtigen Bruttoeinkommens in einen Riester-Vertrag einzahlt. Von 2008 an gibt es höhere Zulagen, wenn die Einzahlungen von bis zu vier Prozent des Einkommens subventioniert werden. Die maximal erreichbaren Förderbeträge liegen dann bei 154 Euro Grundzulage pro Sparer und 185 Euro Kinderzulage. Der Staat holt sich die Zuschüsse wieder zurück, weil die Auszahlungen im Rentenalter in voller Höhe als steuerpflichtiges Einkommen gelten.
Nach dem Willen von Bundesfinanzminister Peer Steinbrück soll es nächstes Jahr weitere Aufstockungen geben; die Kinderzulage für Neugeborene soll dann 300 Euro betragen. Und wer einen Riester-Vertrag abschließt und jünger als 21 Jahre alt ist, soll 100 Euro sozusagen als Startgeld erhalten.
Den Riester-Renten-Anbietern hat zudem die Stimmung am Kapitalmarkt geholfen. Vor allem Riester-Investmentfonds konnten die Gunst der steigenden Kurse nutzen und ihre Produkte in der Kundschaft besser platzieren. Die aktuellen Zahlen aus dem Bundesarbeitsministerium zeigen zwar, dass von den bis Ende März dieses Jahres abgeschlossenen 8,5 Millionen Verträgen 80 Prozent auf die Versicherungsunternehmen entfallen. Doch die Investmentbranche holt auf: Sie konnte in den vergangenen zwei Jahren ihren Marktanteil im Riester-Geschäft von acht auf 16 Prozent verdoppeln. Gleichwohl ist der Kreis der Fondsanbieter noch klein: Nach Angaben des Branchenverbands BVI offerieren nur acht Fondsgesellschaften Riester-Sparpläne.
Ganz vorne ist die zum genossenschaftlichen Finanzverbund zählende Union Investment, deren Riester-Fonds UniProfiRente mit mehr als einer Million Verträgen klarer Marktführer bei den fondsgebundenen Riester-Produkten ist. »Damit haben wir die meisten Versicherer hinter uns gelassen«, sagt Hans-Joachim Reinke, Vorstand der Union Investment. Die Fondsgesellschaft der genossenschaftlichen Banken spielt damit beim Verkauf von Riester-Sparplänen in der gleichen Liga wie die Marktführer der Versicherungsbranche.
Die kontern den Vertriebserfolg der Investmentbranche mit fondsgebundenen Riester-Versicherungen. So haben die Versicherer Swiss Life und LV 1871 vor Kurzem Riester-Sparpläne auf den Markt gebracht, bei denen das Geld der Sparer nicht in den Kapitalstock des Versicherers, sondern in Fonds fließt. Andere Konzerne wie Allianz, Axa und Victoria sind schon seit Längerem mit solchen Modellen am Markt präsent.
Für den Sparer ist die Vorsorgewelt damit zwar bunter, aber auch unübersichtlicher geworden. Gerade bei den Versicherungs- und Fondsmodellen gerät der Produktvergleich zum Ratespiel. So lässt sich kaum prognostizieren, welche Versicherung oder Fondsgesellschaft auf Sicht der nächsten 20 oder 30 Jahre am Kapitalmarkt besonders erfolgreich agieren wird. Im schlimmsten Fall bleibt dem Sparer der Erhalt der eingezahlten Beiträge, den jeder Riester-Anbieter garantieren muss. Im besten Fall vervielfacht sich das Kapital.
Manche Gebühreninformation ist ein reiner Wirrwarr
Nachdem der Gesetzgeber den Riester-Anbietern vorschreibt, ihre Kunden über die Höhe der Kosten zu informieren, liegt der Kostenvergleich als Alternative zum kaum realisierbaren Renditevergleich eigentlich nahe – denn je geringer die Nebenkosten, umso mehr Geld bleibt für die gewinnbringende Kapitalanlage übrig. Allerdings: Die Transparenz bleibt vor allem bei Versicherungsmodellen ein frommer Wunsch. »Selbst für Experten ist es oft schwierig, auf Basis des Kleingedruckten im Vertrag die tatsächliche Kostenbelastung zu errechnen«, sagt Niels Nauhauser, Finanzexperte bei der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Die Gebühreninformation manches Anbieters präsentiert sich als völlig intransparentes Wirrwarr unterschiedlicher Prozentsätze auf Sparraten, Deckungskapital und Zulagen.
Weitaus einfacher ist die Kostenrechnung bei reinen Fondsmodellen, bei denen Ausgabeaufschlag, Verwaltungshonorar und Depotgebühr zu addieren sind. Die Vermittler von Riester-Angeboten bevorzugen häufig eher die Versicherungsmodelle. Der Grund: Bei den Fondsmodellen fließt die Provision zeitgleich mit den Sparraten und verteilt sich somit oftmals auf 20 oder 30 Jahre. Versicherungen zahlen hingegen die gesamte Provision schon in den ersten Jahren aus und belasten im Gegenzug das Riester-Konto des Kunden in den Anfangsjahren mit hohen Gebühren.
Für den Anleger sei daher die Riester-Versicherung nicht immer die optimale Lösung, warnt Nauhauser. »Wer die ursprünglich zu erwartenden Raten nicht in vollem Umfang zahlt und längere Zeit pausiert, zahlt Abschlussprovisionen für Sparraten, die nie entrichtet werden.« Gerade die mit dem Riester-Sparen verbundene Flexibilität, die schwankende Beitragszahlungen und Sparpausen ermöglicht, kann dann für den Anleger zur Kostenfalle werden.
Damit erhöht sich die Kostenbelastung, und die Rendite rutscht in den Keller. Doch die Verkäufer von Riester-Policen kümmere dies oft wenig, und entsprechend mangelhaft sei vielerorts die Qualität der Informationsgespräche, so Nauhauser: »Viele Berater bevorzugen eben Anlageprodukte, bei denen möglichst schnell eine hohe Provision fließt.« Vor diesem Hintergrund seien auch die in Mode gekommenen fondsgebundenen Versicherungsprodukte wenig empfehlenswert, weil hier sowohl auf Versicherungs- wie auch auf Fondsebene Kostenbelastungen entstünden.
Für diejenigen, denen die Versicherungssparpläne zu intransparent und Fonds zu schwankungsanfällig sind, gibt es noch einen dritten Weg: den Riester-Banksparplan. An dieser Sparform ist der Boom fast völlig vorbeigegangen. Lediglich einige Sparkassen und Genossenschaftsbanken bieten das Riester-Sparen auf einem Bankkonto mit variablem Zins an. Diesen koppelt etwa die Mainzer Volksbank mit einem Abschlag von einem halben Prozentpunkt an die von der Bundesbank errechnete Umlaufrendite inländischer Schuldverschreibungen. Derzeit bietet das Institut 3,83 Prozent Zins. Dazu kommen pro Jahr zehn Euro für die Kontoführung und 150 Euro Bearbeitungsgebühr, wenn das Guthaben zu einem anderen Anbieter übertragen wird.
Solche Modelle sind vor allem für ältere Riester-Einsteiger interessant, bei denen sich die hohen Nebenkosten der Versicherungsprodukte besonders unangenehm bemerkbar machen. Je kürzer die noch verbleibende Arbeits- und Einzahlungszeit, umso interessanter die Banksparverträge: Der vergleichsweise bescheidenen Verzinsung stehen immerhin minimale Provisions- und Verwaltungsgebühren gegenüber.
- Datum 25.09.2007 - 02:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 20.09.2007 Nr. 39
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die Zulagen werden durch die Bürokratie und Provisionen aufgefressen. Lukrativ wird die RR erst wenn man für mindestens 2 Kinder Zulagen bekommt. Wer aber so mit Kindern gesegnet ist, der hat meist nicht zuviel Geld zum Sparen. Dann sollte zumindest ein kleines Häuschen zuerst auf der Liste stehen, denn DASS ist inflationssicher.
wie bei allen staatl. geförderten Produkten muss die wirtschaftlichkeit stark bezweifelt werden. Natürlich kann es Gruppen geben bei denen es sich rechnet. "Späte Eltern mit 2-3 Kindern (Riesterzulage), älterer Single mit hohen Einkünften (Steuergutschrift) usw.
Was viele jedoch nicht verstehen! Der Staat stellt bei Förderprodukten von Gewinnbesteuerung auf Substanzbesteuerung um. Sind dann genügend Bürger in den Fördermassnahmen zahlt man anschliessend nicht nur Steuern sondern höchst wahrscheinlich auch sämtliche Sozialabgaben. Siehe Direktversicherung. Was sich daran noch rechnen soll ist mir Schleierhaft. Am besten noch mit einer klassischen Rentenversicherung dann braucht man noch zwanzig Jahre bis die eingezahlten Beiträge genauso hoch sind wie der Rückkaufwert. Glauben sie nicht? Ist aber so.
Zahlen Sie Ihren "Finanzberater" als Dienstleister sprich über Honorar dann erhalten sie auch entsprechend gute Produkte. Wer nur nach dem Motto handelt "Geiz ist Geil" wird immer in den Fängen der Versicherungen (größte Aufkäufer staatlichen Papiergeldes) und Banken landen. Ganz nach dem Motto "der Kunde ist bei uns im Mittelpunkt und damit im Weg"
Frank Bühler
Die Versicherungen und Banken reiben sich die Hände: dicke Provisionen und die meisten Leute dürften sich erst im Alter darüber klar werden, dass der ganze Spaß versteuert wird (wer weiß zu welchem Steuersatz), denn davon steht in den Hochglanzprospekten idR nichts (bzw. nur im Kleingedruckten). Danke an die ZEIT, ich hatte nämlich gerade überlegt, ob ich so ein Ding abschließe.
Na jedenfalls hat der Herr Riester ordentlich profitiert von seiner Reform:
Walter Riester ist ständig als Vortragsreisender unterwegs: Von der Volksbank Lahr erhielt er im April 2007 mindestens 7000 Euro für einen Vortrag. The London Speaker Bureau in Karlsruhe vergütete Riester im März seinen Auftritt ebenfalls mit 7000 Euro. Weitere Auftraggeber u.a.: AWD Holding, Badischer Genossenschaftsverband, BBBank, Bundesverband deutscher Vermögensberater, Delta Lloyd Deutschland AG, DEVK Versicherungen, Feuersozietät Berlin-Brandenburg, Focus Magazin Verlag GmbH, Nürnberger Versicherungsgruppe, Öffentliche Versicherungen Sachsen-Anhalt, Saarland Versicherungen, Sparda-Bank Baden-Württemberg, Sparkasse Einbeck, Union Investment Privatfonds. Die Liste der Auftraggeber mit insgesamt 31 Auftritten legt den Schluss nahe, dass Riester wohl nicht zuletzt über die nach ihm benannte Rente referiert hat. Insgesamt hat ihm seine Vortragstätigkeit seit Beginn der Wahlperiode mindestens 174 000 Euro eingebracht, also mehr als seine Abgeordnetentätigkeit.
Zitat aus:
http://www.tagesspiegel.d...
MfG
AKu
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