Spionageaffäre »Das schadet unendlich«
In der Formel 1 wurde in bisher unbekanntem Ausmaß spioniert – ein Gespräch mit dem Ex-Weltmeister Niki Lauda.
Vergangenen Freitag veröffentlichte der Automobilweltverband FIA Belege, auf deren Grundlage das britisch-deutsche Formel-1-Team McLaren-Mercedes aus der Konstrukteurswertung ausgeschlossen wurde. Was geschah, geht über die übliche Bespitzelung in der Formel 1 hinaus: Ein vergrätzter Ferrari-Techniker sandte einem Kollegen beim größten Konkurrenten McLaren-Mercedes geheime Dateien zu. Die Affäre blieb im Dunkeln – bis der amtierende Weltmeister Fernando Alonso, bei McLaren unter Vertrag, im Streit mit seinem Teamchef davon sprach, das Ganze zu melden. Der kontaktierte daraufhin selbst die Sportaufsicht, mit der dann auch der Fahrer kooperierte.
DIE ZEIT: Sie waren 14 Jahre lang Formel-1-Fahrer. Hat Sie die Spionageaffäre verwundert?
Niki Lauda: Es kommt in der Formel 1 vor, dass Techniker abgeworben werden und ihrem neuen Arbeitgeber Informationen übergeben. Aber so etwas dreistes wie in diesem Fall, dass ein Angestellter von Ferrari Informationen herausgibt, obwohl er dort beschäftigt ist, das hat es, soviel ich weiß, noch nicht gegeben.
ZEIT: Alonso hat anscheinend seinem Teammanager in der Spionageaffäre gedroht, selbst Indizien offenzulegen. Was ist davon zu halten?
Lauda: Es ist in Ordnung, wenn Fahrer auf der Strecke kämpfen, und zwar mit der egoistischen Brutalität, die man für den Job braucht. Denken Sie an Alonsos Manöver in der ersten Kurve des Rennens vom Wochenende…
ZEIT: …als er bis an den Randstreifen gefahren ist, um seinen Teamkollegen Hamilton abzudrängen.
Lauda: Genau. Das ist für mich ein brutales, aber normales Manöver, um Weltmeister zu werden. Das hätte ich früher genauso gemacht. Aber dass Fernando Alonso hinter den Kulissen Politik betreibt, ist eine andere Sache.
ZEIT: Dass er also seinen Teamchef gehörig unter Druck setzt.
Lauda: Es gehört sich nicht, zu sagen, ich habe das Auto um sechs Zehntel Sekunden pro Runde schneller gemacht und erwarte mir jetzt vom Team, dass es Hamilton zurückpfeift. Als Rennfahrer wollte ich immer nur mit aller Härte im Rennauto meinen Kollegen bekämpfen, aber sicher nicht mit Politik meine Position verbessern – bis zur Erpressung.
ZEIT: Schon im vergangenen Jahr hat Alonso sein damaliges Team in der Schlussphase öffentlich beschimpft.
Lauda: Vom Typ her ist er nicht ohne. Was mich besonders stört: Als er kürzlich Monza gewann, wurde er bei RTL interviewt und gefragt, ob er nächstes Jahr bei McLaren-Mercedes weiterfährt. Daraufhin sagte er wörtlich, Formel 1 fahre er sicher weiter. Das ist ein Affront seinem Team und Mercedes gegenüber.
ZEIT: Werden nun, nach dem Hickhack, die in der Formel 1 engagierten Autokonzerne ihr Investment überdenken?
Lauda: Ich will da Mercedes und anderen Sponsoren keine Tipps geben. Aber dass die Herren in Stuttgart das alles analysieren und ihre Schlüsse daraus ziehen müssen, ist meiner Meinung nach logisch. Mercedes fährt dort aus zwei Gründen mit: um Weltmeister der Hersteller zu werden und um die Fahrerweltmeisterschaft zu gewinnen. Und der erste Titel ist erst einmal weg.
ZEIT: McLaren verliert alle Punkte dieser Saison in der Konstrukteurswertung. Außerdem muss das Team 100 Millionen Euro Geldstrafe bezahlen.
Lauda: Im Zirkus Formel 1 ist es doch so: Das Kommerzielle regelt die Formel-1-Holding, aber für die Sportregeln ist allein die FIA zuständig. Und die hat in ihrem gelben Buch Regeln aufgestellt, die für alle Teilnehmer gelten. Da gibt es keine Strafauflistung wie im normalen Recht. Man weiß also nicht vorab, wie man bestraft wird, wenn man etwas falsch macht. Damit hat die FIA alle Rechte zu entscheiden, was immer sie will. Wenn sich jetzt jemand darüber aufregt, dann kennt er das gelbe Buch nicht. Jede Diskussion über das Urteil ist sinnlos.
ZEIT: Haben Sie die Logik verstanden, zwar McLaren in der Konstrukteurswertung alle Punkte abzuziehen, aber keine in der Wertung der Fahrer?
Lauda: Es sind zwar nur Gerüchte, aber die Strafe hätte wesentlich krasser ausfallen können – man hätte also das Team für die kommende Saison sperren können und unter Umständen auch den Fahrern die WM-Punkte aberkennen. Doch dann haben die 26 entscheidenden Leute einen Kompromiss gefunden, um die Formel 1 aufgrund der Spionagegeschichte nicht komplett ad absurdum zu führen.
ZEIT: Überzeugt Sie der Kompromiss?
Lauda: Darüber denke ich nicht nach. Es ist wie beim Fußball. Wenn der Schiedsrichter Ihnen die Rote Karte gibt, sind Sie draußen. Und wenn Sie dann mit ihm darüber diskutieren wollen, spielen Sie nie wieder Fußball.
ZEIT: Die Affäre wird nun bis in alle Einzelheiten bekannt. Eventuell kommt noch eine Renault-Affäre hinzu. Schadet das der Formel 1?
Lauda: Ja, unendlich. Auf einmal zeigen Leute Interesse, die absolut keine Ahnung von der Formel 1 haben, aber was von 100 Millionen Euro Strafe hören. Wir leben ja heute in einer Welt, in der uns Dinge vorgetragen werden, die meiner Meinung nach in einer Zeitung gar nichts verloren haben. Aber so ist die Medienwelt. Wir haben heute einen tollen Kampf in der Formel 1: zwischen Alonso und Hamilton von McLaren und Massa und Räikkönen von Ferrari. Doch das Bild wird jetzt getrübt durch die Spionagegeschichte.
Das Gespräch führte Uwe Jean Heuser
- Datum 19.09.2007 - 02:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 20.09.2007 Nr. 39
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