Kaleidoskop

Moral für Millionen

Ein Telefongespräch mit dem in den USA lebenden afghanischen Bestsellerautor Khaled Hosseini.

Khaled Hosseini ist ein Schriftsteller fürs 21. Jahrhundert. Er ist Mediziner, Exilafghane und reist für das UNHCR nach Darfur; er lebt in San José in Kalifornien mit seiner afghanischen Frau, trifft sich vier- bis fünfmal die Woche mit Vater, Vettern und Verwandten und bekommt die Nachrichten von daheim über den Satelliten; er hat ein Buch geschrieben, das von der Freundschaft zweier Jungen in Afghanistan erzählt, das sich weltweit sieben Millionen Mal verkauft hat und gerade verfilmt wurde; er hat noch ein Buch geschrieben, das von der Freundschaft zweier Frauen in Afghanistan erzählt, das sofort ganz oben auf der amerikanischen Bestsellerliste stand und dessen Filmrechte gerade verkauft wurden. Er ist sympathisch, er ist scheu, er ist der Botschafter und gleichzeitig die Botschaft. Er ist eine Hybridbegabung mit einer Hybridbiografie in einer Hybridzeit. Und seine Moral verkauft sich besonders gut in Flughafenbuchhandlungen.

Für die Strecke von Berlin nach New York eignet sich zum Beispiel sein neuer Roman Tausend strahlende Sonnen, der jetzt auf Deutsch erschienen ist. Im Irak werden gerade wieder ein paar hundert Menschen zerfetzt, in Afghanistan wird gerade wieder eine Deutsche entführt, in Köln wird gerade wieder über eine Moschee diskutiert – aber vierhundert Seiten und ein paar Stunden später hat die Freundschaft doch gesiegt. Es wurde viel gelitten in Afghanistan, es wurde viel geweint, es wurden viele Frauen geschlagen, es gab Hoffnung, Betrug und wieder Hoffnung, die Russen kamen, die Russen gingen, die Burka blieb, es gab die Liebe und die Lüge, wie das eben so ist, wenn das Leben in ganz prallen Farben gemalt wird: »Startauflage 150000«, das sagt der Aufkleber, der irgendwie bedrohlich auf dem Cover des Buches klebt, wie eine rote Sonne auf dem gelblich-braunen Cover, das eine Frau im Profil zeigt, sie trägt ein Cape, das sie über den Kopf geschlungen hat, sie trägt hochhackige Sandalen. Wohin führt der Weg, in die Freiheit, ins Glück?

»Alle fragen zuerst nach der Burka«, sagt Khaled Hosseini am Telefon, es ist bei ihm halb acht Uhr in der Früh, seit halb fünf Uhr gibt er Interviews, weltweit, es sind nicht viele, die diesen Termin bekommen, zwanzig Minuten, sagt die Agentin, maximal eine halbe Stunde, der Takt des Erfolges. Die Burka also, da seufzt Hosseini und formuliert dann seinen Weg geradeaus durch die Klischees: »Im Westen nehmen das die Leute manchmal zu wichtig, die Burka ist so ein starkes Bild, es ist so einfach, zu sagen, dass damit Frauen eingesperrt werden. Aber die Burka gab es schon Jahrhunderte, bevor es die Taliban gab. Und Afghanistan hat dringendere Probleme als die Burka und die immer gleichen Fragen von westlichen Journalisten. Zum Beispiel Essen, Trinken, Sicherheit.«

Das sagt der Mann, der in seinem Buch beschreibt, wie Frauen in Afghanistan leiden, wie sie in die Schande getrieben werden und in den Selbstmord, wie sie Besitz sind der meistens sehr viel älteren Männer, wie sie im Unwissen gehalten werden. »Ja«, antwortet er da, »das ist natürlich eine Cause célèbre im Westen, die afghanischen Frauen, da gibt es sehr viel guten Willen, weil es so einfach ist, eine Meinung zu haben. Aber wir müssen schon realistisch sein – und nicht so viel darüber nachdenken, was uns selbst im Leben wichtig ist und wie wir leben wollen, sondern mehr darüber, wie wir dem Land und den Menschen dort helfen können.«

Der Mittelweg also zwischen Universalismus und Kulturalismus, zwischen Engagement und Empathie, zwischen Moral und Melodram, zwischen einer Art emotionalisiertem Leitartikel mit einer sehr einfachen Botschaft und einer berührenden Geschichte mit archaisch klaren Charakteren – das ist das Geheimnis des Khaled Hosseini und der Grund, warum seine Romane Tausend strahlende Sonnen und der Drachenläufer so sehr, so überraschend erfolgreich sind: In einer Welt der kulturell überlagerten Konflikte scheint die Poetisierung der Politik die angemessene Antwort zu sein.

Auch andere Schriftsteller sind mit dieser Methode erfolgreich. Feridun Zaimoglu zum Beispiel hat es auf seine Weise gemacht, in seinem türkisch-deutschen Erinnerungsroman Leila, wie bei Hosseini ist es ein rhetorisch-literarischer Doppelansatz, im Buch die Beschreibung einer türkischen Realität, die wie eine Anklage wirkt, in Interviews und Zeitungstexten eine Verteidigung der jeweiligen kulturellen Vorstellungen , die dann fast provokant scheint. Zufälligerweise nun heißt auch Hosseinis Hauptfigur Leila, die junge, schöne Leila, deren Eltern Anfang der neunziger Jahre von einer Rakete getötet werden, deren Jugendliebe nach Pakistan geht, die sich in die Ehe mit einem Tyrannen rettet, die sich mit dessen zweiter Frau Mariam anfreundet – Mariam, die sich schließlich opfert, für Leila, für Leilas Tochter, für die Zukunft der Frauen in Afghanistan, ach.

Khaled Hosseini erzählt all das mit schlichten, geraden Worten, was ihn nicht vor gelegentlichen Ausrutschern bewahrt, links und rechts des manchmal holprigen Terrains wartet auf ihn immer wieder der Kitsch; er schafft es dabei, bei aller souverän vermiedener Subtilität, Charaktere, Situationen, Stimmungen zu erzeugen, die den Reiz des Bekannten und Erwartbaren haben und dennoch, oder gerade deshalb, in Erinnerung bleiben. Im Drachenläufer waren es die zwei Jungen, die den Leser mitnahmen ins Kabul, wie es vor dem Einmarsch der Russen 1979 war, ein fast nostalgischer, melancholischer Blick auf eine untergegangene Epoche, eine untergegangene Stadt voll Liberalität und Zivilisation; in Tausend strahlende Sonnen nun zeigt sich Hosseini bitterer, kämpferischer, ambitionierter als in seinem ersten Roman, er verfolgt das Schicksal seiner Figuren über vier Jahrzehnte hinweg und verbindet Politisches und Privates auf meistens sehr geschickte Art und Weise. Das Buch bleibt aber, wegen der stilistischen Schlichtheit, die Teil des Erfolgsgeheimnisses ist, im Guten wie im Schlechten eine Seifenoper für politisch aufgeklärte Leser.

Den Reiz und die Dynamik bezieht es dabei eher aus der Wirklichkeit als aus der Fiktion: Das Titanic- Fieber in Kabul im Sommer 2000, der Alltag vor den Taliban und danach, die Dunkelheit, die Enge, die Fremde, die vertraut wird. All das sind Elemente, die in der Beschreibung lebendig werden und selbst in der plakativen Verpackung von Hosseinis Romanen ihre eigene Neugier erzeugen, ein Realitätsfunkeln in den künstlichen Welten unserer Flughäfen, unserer Politiker, unserer Nachrichten. In diesen durchstrukturierten Universen, die von CNN und dem monotonen Beat der Schlagzeilen regiert werden, hat das Emotionale seinen eigenen Reiz, ist seine eigene Botschaft. Hosseini fängt die Weltgeschichte ein im Kampf zweier Frauen für ihr Glück, für ein Kind, für die Zukunft. Eine Träne ist immer eine Träne. Diese Sprache, so einfach ist das, versteht nun wirklich jeder.

 
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    • Von Georg Diez
    • Datum 26.9.2007 - 03:20 Uhr
    • Quelle DIE ZEIT, 20.09.2007 Nr. 39
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    • Schlagworte Kultur | Literatur | Schriftsteller |
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