Das ist sein Klang aus Kindertagen, den er so liebte, fein und dünn wie Perlmutt. Die Tasten des alten Chickering-Flügels gehen so leicht, dass der Wind sie bedienen könnte. Fast ist man geneigt, den ehemaligen Inhaber des Instruments um Inspiration zu bitten, denn der Mann, der dieses Klavier unendlich viel besser gespielt hat, als wir Restpianisten es je könnten, sitzt draußen vor der Tür auf einer Bank. Die Adresse ist 250 Front Street West in Toronto, draußen sitzt Glenn Gould, ein zarter Koloss in Bronze, wie immer mit Mütze, Handschuhen, dickem Mantel und verknoteten Beinen. Man darf sich eingeladen fühlen, neben ihm auf dieser Bank vor dem mächtigen Hauptgebäude der CBC (Canadian Broadcasting Corporation) Platz zu nehmen; im Erdgeschoss hinter uns befindet sich das nach dem Genius benannte Glenn Gould Studio, und der Chickering, der schon in Glenn Goulds Elternhaus stand, ist wie ein Museumsstück mit Seilen gesichert. Vorsicht, ein echter Gould!

Es ist Museumszeit für den berühmtesten Künstler des Landes und den am besten erforschten Pianisten der Neuzeit: Glenn Gould, bodenlos exzentrisch und himmelhoch genial, am 25. September vor 75 Jahren geboren, am 4. Oktober vor 25 Jahren gestorben. Keiner hat wie Glenn Gould die Klassikfans in Anbeter und Verächter geteilt. Wo Gould auftrat, war Sensation im Guten wie im Schlimmen. Er spielte vorzugsweise Stücke, die entweder kaum einer kannte oder bei denen jeder merkte, dass er sie absichtsvoll zerstörte. Auch in seinem Leben steckte der Aberwitz, es fand vorzugsweise nachts statt – in stundenlangen Aufnahmesitzungen, Telefonaten, geistreicher Korrespondenz, Schreibarbeiten, Partiturlektüre.

Kanada befindet sich jetzt, kurz vor Beginn des Glenn-Gould-Jahres, ein bisschen im Ausnahmezustand. Gould kennt dort beinahe jedes Kind, an Gould kommt keiner vorbei, es gibt Konzertserien, Wettbewerbe, Symposien, Ausstellungen, Filmfestivals. Die Glenn Gould Foundation in Toronto kommt auf ihrer Homepage www.glenngould.ca mit dem Vermelden von Neuigkeiten kaum nach. In Berlin etwa gibt es vom 2. bis 8. Oktober eine Filmwoche Being Glenn Gould, bei welcher seine 1955-Version der Goldberg-Variationen von einem digital gefütterten Konzertflügel live aufgeführt wird. Ohne Pianisten. Das hätte dem Publikumshasser Glenn Gould gefallen – bloße Reproduktion ohne eigene Beteiligung.

Schwebt Goulds Geist tatsächlich durch ganz Kanada? Oder ist er auch im Nachruhm ein reines Kind der Metropole Toronto geblieben, der er bis zum Tod treu war und die er für ihre Unaufdringlichkeit lobte? Ist Glenn Gould nicht vor allem in diesen berühmten Sälen der Millionenstadt am Lake Ontario gegenwärtig – der Massey Hall an der Victoria Street, wo er als 13-Jähriger Beethovens 4. Klavierkonzert G-Dur spielte? Dem Eaton Auditorium hoch unterm Dach des Kaufhauses Carlu an der Yonge Street, in das sich Gould selbst nach der Schließung immer wieder zu Aufnahmen verkroch? Dort sind soeben im großen, leicht düsteren Saal die Handwerker zugange, mit Bohrer und Tapeziertisch und man möchte ihnen heute noch zurufen: Psst, Glenn übt gerade! Und ist Glenn Gould nicht auch noch in den Räumen der CBC der geheime Geist über den Bändern, wo er seine multimedialen Experimente vorantrieb, die Idee des kontrapunktischen Radios verfeinerte, Kaffee trank und leidenschaftlich mit Menschen plauderte, die ihn bewunderten und keine Chance sahen, seinen Konversationslaunen zu entkommen? Dieser Tage wird in Toronto ein Platz nach Glenn Gould benannt, ein Glenn-Gould-Tag ist in Planung. Kürzlich kam auch eine Glenn-Gould-Briefmarke heraus.

Glenn Gould liebte den Norden, ihm hat er metaphysische Essays gewidmet. Aber sein Leben war in Richtung Süden ausgerichtet wie bei allen, die im Norden leben. Sein Elternhaus steht am Southwood Drive im Osten Torontos. Die CBC steht nah am Lake Ontario und guckt gen Süden, ebenso das Cottage der Familie Gould in Uptergrove am Lake Simcoe, 120 Kilometer von Toronto entfernt.

Wer die zwei Stunden von Toronto nach Uptergrove fährt, blickt immerzu auf das gleiche grüne, beruhigende, fast ein wenig langweilige Ontario. Im Mietwagen kommt man sich vor wie Gould in seinem Lincoln Continental, diesem motorisierten Mülleimer. Uptergrove war Goulds Sehnsuchtsarbeitsplatz. »Er hat sich gar nicht verschanzt, für jeden stand sein Haus offen«, erzählt der 83-jährige Derek Harrison, der ein paar Häuser weiter wohnt. »War immer nett. Den See liebte er wie ein Kind.« Und was trug Glenn Gould für Kleidung, wenn er mit dem Bötchen auf den See fuhr? »Er war, glaube ich, immer sehr warm angezogen.«

Seine Winterbekleidung selbst bei Hitzeperioden ist Inhalt typischer Gould-Anekdoten: Seht, so rennt ein Sonderling rum, der den Bohemien nicht ablegen will! Vielleicht hatte dicke, dichte Kleidung prosaische Gründe. Gould war radikaler Tierliebhaber, wollte aber nicht gestochen werden von den Mücken, die wie Trauben über dem feuchten Kanada und seinen Seen hängen. Wer je in Uptergrove auf Goulds Grundstück stand, wird das bestätigen. Dort ist Isolierkleidung zu jeder Jahreszeit vernünftig.