Aus dem Städtchen Uxbridge, das von Uptergrove auf halber Strecke zurück nach Toronto liegt, stammt die Familie Gould. Sie war fromm und streng puritanisch, mit Bibelklässlern in allen Ahnenrängen, aber nicht sektiererisch. Onkel Bruce leitete ein Tanzorchester; im Uxbridge-Scott-Museum hängt noch heute das Banjo von Glenns Vater Russell Herbert. Uxbridge war ein Ort jener Geselligkeit, in der Glenn gern den Alleinunterhalter gab. Die überraschend vitale 91-jährige Eileen Gould, seine Tante, erzählt in hell erwachender Erinnerung, dass »sonntags bei Glenns Großmutter immer alle am Tisch saßen«.

Das Mittagessen dort war offenbar ein Ritual mit vielen Gästen, etwa George McGuire, der in Uxbridge mehrere Orchester dirigierte und ein Klaviergeschäft leitete – ein hilfreicher Gast für die Goulds, denn sie transportierten damals für ihren anspruchsvollen Sohn regelmäßig die Klaviere über den Highway. Gleich um die Ecke ragt in Uxbridge die Trinity United Church auf, deren seit damals wenig veränderter, leicht amphitheatralischer Innenraum für Konzerte gut taugt. Dort war der fünfjährige Glenn erstmals öffentlich aufgetreten. Tante Eileen weiß noch: »Zwei Stücke hat er selber komponiert.«

In Uptergrove und Uxbridge hört man Joviales aus dem Munde ehrlicher Menschen. Zurück in Toronto, beginnt man deren Offenheit zu schätzen, denn in Toronto wird die Glenn-Gould-Biografie streng verwaltet und jede neue Nuance gewogen, bevor sie in Umlauf gerät. Zudem sind viele Leute schon tausend Mal interviewt worden. Aber nicht alle. So berichtet Terry Holowach mit der wachsenden Euphorie des endlich in seinem Rang erkannten Konzertmeisters des Toronto Symphony Orchestra, wie er unter dem Dirigenten Glenn Gould zweieinhalb Wochen vor dessen Tod Wagners Siegfried-Idyll aufnahm. »Die Tempi kamen uns gar nicht so wahnsinnig langsam vor. Die Bläser jammerten etwas, aber uns Streichern gefiel das ruhige Fließen.« Alles sei sehr professionell gewesen: »Es war ja Mister Gould. Er sah auch schon sehr krank aus.« Ob er, Holowach, vom ersten Geigerpult aus alles koordiniert habe? »Nein, Gould war zwar kein gelernter Dirigent, aber er wusste genau, was er wollte.«

Auch die CBC-Redakteurin Margaret Pacsu ist noch voller sprudelnder Gedanken an die Arbeit mit Gould. »Wir waren ja sehr vorsichtig mit ihm. Wir kannten seine Launen. Ich hatte fünf Jahre lang mit ihm zu tun. Er mochte mich, ich war damals eine sehr gut aussehende Frau.« Jedes Bonmot bestätigt die Gewissheit: Glenn Gould war wirklich überall der Chef. Und noch heute tropft sein Ruhm auf jeden herab, der als sein Mitarbeiter identifiziert wird.

Ray Roberts war Goulds letzter Tontechniker. Vom Mädchen für alles im Aufnahmestudio hatte er sich zum finalen Vertrauten hochgearbeitet und seinem Boss noch beim Sterben assistiert. Roberts hatte Gould nach dessen Schlaganfall ins Toronto General Hospital gefahren und schon auf der Fahrt »schlimme Gedanken« gehabt, dass »Glenn jetzt wieder zu viele Tabletten auf einmal genommen hat«. Vor allem ohne Diagnose: »Glenn hat seine vielen Ärzte nie synchronisiert.« Vielleicht hatte Gould Angst, dass sie ihm, dem Hypochonder, auf die Schliche kämen. Ray Roberts arbeitet jetzt laut Visitenkarte als »Independent Broker« bei Simon L. Jackson. Seine Zeit mit Gould ist seit 25 Jahren vorbei, aber das Gedächtnis eine warme südliche Zone. Dort reifen immer noch einige Anekdoten über seinen großen Freund.

Nur bei Wikipedia ist er noch nicht als berühmter Künstler aus Ontario angekommen. Dort kennt man nur Bryan Adams, Avril Lavigne oder Alanis Morissette. Wir werden Glenn Gould dieser Tage nachtragen, so viel Lexikon muss sein für ein Genie.

Plattenrezensionen, Künstlerportraits, Bildergalerien und unser Festivalblog gibt's auf zeit.de/musik »

Sie wollen auf dem Laufenden bleiben? Klicken Sie hier , und unser RSS-Newsletter bringt Ihnen die Musik direkt auf den Schirm.