Chapeau vor den Redeschreibern dieses Kardinals – oder sollte er gar keine haben? Auch wenn wir uns gegen die Erkenntnis sträuben, Meisner hat eigentlich alles richtig gemacht, als er zur Eröffnung des Diözesanmuseums auf eine Kultur schimpfte, die »entartet« und »ihre Mitte verliert«, weil sie »von der Gottesverehrung abgekoppelt« ist. Natürlich hätte er auch auf die nationalsozialistisch belastete Formel der Entartung verzichten können – aber dann wäre jetzt nicht die ganze Republik mit seiner Rede beschäftigt. Für den Kardinal ist es gleichgültig, wie über ihn geredet wird – viel wichtiger ist, dass seine Aussagen überhaupt thematisiert werden. Erst das stellt sicher, dass die, die hören wollen und sollen, auch wirklich hören.

Meisners Polemik muss man vor den Hintergrund der islamkritischen Regensburger Rede des Papstes rücken, um die neue Doppelstrategie der katholischen Kirche zu verstehen und wie sie in Köln zur Anwendung kommt. Schon der Streit um Gerhard Richters abstraktes Kirchenfenster im Dom ist unerklärlich ohne die erregte Debatte um den Kölner Moscheenbau . Hatte Meisner nicht, wie im Kölner Express zu lesen stand, erst vor zwei Wochen behauptet, das Richter-Fenster passe besser in eine Moschee? Ist der Kardinal vorher nie nach seiner Meinung gefragt worden? Freilich doch, aber das war lange bevor die Kölner Muslime es wagten, dem Dom mit einer repräsentativen Moschee eine Art, sagen wir, Konkurrenzchen zu machen. Und lange bevor den katholischen Seelenfischern mit Hilfe des Islams aufgegangen war, dass sie auf der falschen Seite des Sees ihre Netze auswarfen, unter denen, die mit dem modernen Leben ganz gut zurechtkommen und für die Kirche nichts Lebendiges, sondern Kunstgeschichte ist.

Die neue Strategie besteht darin, zwei Angeln auszuwerfen, jede nach einer Seite: Die säkularisierten Christen werden mit dem Richter-Fenster für die Modernität der katholischen Kirche eingenommen, die Antimodernisten und Reaktionäre mit der Moderne-Schelte einer angeblichen Kunst ohne Mitte. Alle, die nun auf Meisner eindreschen, tun dem Prügelknaben einen doppelten Gefallen: Einerseits verteidigen sie die Kirche, ja das ganze Christentum vor seinen reaktionären Anwandlungen: Nicht Kirche und Christ sind schlecht, nur der Meisner. Andererseits lassen sie ihn als reaktionären Leuchtturm erst erstrahlen. So beißen auf beiden Seiten des Kölner Deiches die Fische an.

Der Kies aber, aus dem dieser Deich so unverhofft aufgeschüttet werden konnte, ist der heruntergewirtschaftete Islam. Erst die Furcht vor dem Islam bietet der katholischen Kirche eine Möglichkeit, sich beiden weltanschaulichen Lagern anzudienen. Denn anders als weltanschauliche Probleme sonst sind die mit dem Islam konkret und verlangen, dass jeder seine Position dazu klärt. Die billigste Klärung besteht aber darin, sich in der Auseinandersetzung mit dem Islam als Christ zu fühlen. Was der Papst in Regensburg vorgemacht hat, wird in Köln gegenwärtig durchexerziert. Wohin das führt, zeigen die Demütigungen, die die moscheebauwilligen Kölner Muslime bei dem Kampf um eine Baugenehmigung hinnehmen mussten. Die Verkleinerung der Minarette ist nur die symbolische. Erbarmen!, möchte man rufen. Dieser Islam in diesem Christenumfeld kann einem leid tun. Stefan Weidner

Der Autor ist Kölner Katholik und Islamwissenschaftler