Ein Haus geht auf Abstand. Will nicht dazugehören, entrückt allem Weltlichen. Ein Trutzbau, die Mauern dickleibig und schroff, ganz anders, als man es sonst von den Museen der Gegenwart kennt. Meist sind es Stahl- und Glasgebilde mit fulminanten Treppenhäusern, das Leben soll ungehindert hineindrängen. Viele Museen wollen Orte der Offenheit sein; dieses ist ein Ort der Verschlossenheit, eine Welt in der Welt.

Wie kein anderer versteht sich Peter Zumthor auf Häuser mit Geheimnis. Er ist der große Aurator unter den Gegenwartsarchitekten, ein Meister des Bergens und Hütens, und wohl auch deshalb fiel die Wahl auf ihn, als es darum ging, für das traditionsreiche Diözesanmuseum in Köln einen mächtigen Kunst- und Geschichtsspeicher zu errichten. Mehr als zehn Jahre hat er geplant, verhandelt, gerungen und schließlich auch gebaut. Manch anderer Architekt hätte vorzeitig hingeworfen.

Es fing schon mit dem Grundstück an, das eigentlich kein Grundstück war, sondern ein Denkmalparcours, bestückt mit kriegsversehrten Mauerresten einer gotischen Kolumba-Kirche, mit einer beliebten Andachtskapelle aus den 1950er Jahren und unzähligen Kellerwänden und Fundamentstümpfen aus 2000 Jahren Stadtgeschichte. Doch Zumthor gelang, was viele für unvorstellbar hielten: Er stellte das Neue auf das Alte, er ließ die wirren Zeugnisse der Zerstörung aufgehen in einem Museum von weihevoller Erhabenheit.

Zumthors oberster Bauherr, der Erzbischof Joachim Meisner, hätte also zufrieden sein können. Geradezu parabelhaft hat sich der alte Kultus-Ort in einen Ort der Kultur verwandelt, das Kunstmuseum Kolumba wird im wortwörtlichen Sinne getragen von den Fundamenten des Glaubens. Zumthor ist zwar kein Missionar, höchstens in eigener Sache. Dennoch ist sein Neubau auf Transzendenz gestimmt, auf eine recht calvinistische Art.

Zumthor liebt die komplizierte Kunst des Einfachen, des Aushungerns und Abschabens. Seine Architektur soll wahrhaftig sein, schmucklos und unbefleckt, und so fühlt man sich in seinem Museum nicht selten wie in einem Kloster. Über eine karge Himmelsstiege geht es hinauf zu den Ausstellungsräumen mit ihren blanken Wänden und Böden, die ohne Farbe, Tapeten oder gar Holzparkett auskommen. In einigen der Räume ist die Decke so hoch wie in einem Kirchenschiff, das Licht fällt von oben durch mattierte Scheiben herein, es sind Kapellen der Kunst. Allein der Hall ist so gewaltig, dass die Besucher unwillkürlich zu flüstern beginnen.

Das Diözesanmuseum kann Meisner also kaum gemeint haben, als er von einer »entarteten Kultur« sprach, vom Verlust der Mitte. Denn sakraler kann ein Kunstraum kaum sein, selbst den profansten Ausstellungsstücken scheint das Museum noch eine höhere Wahrheit entlocken zu wollen. Die Kunst solle zu einer Art Glaubensköder werden, hieß es auf der Pressekonferenz. Auch wer der Kirche fern stehe, könne hier, in den Schöpfungen des Menschen, etwas vom Schöpfergeist Gottes erfahren.

Damit das gelingt, werden Heute und Gestern bunt gemischt. Die wunderbarsten Kruzifixe und Holzmadonnen des Mittelalters treffen auf die Quadratkunst eines Josef Albers oder die Kreuzbilder von Andy Warhol. Erklärungen gibt es dafür keine, auch sucht man vergeblich nach den üblichen Museumsschildchen. Hier soll, hier muss die Kunst ganz Kunst sein – auf dass sich etwas Höheres offenbare, über Raum und Zeit hinweg.