BelletristikOhne ein Fitzelchen Fiktion

Thomas Glavinic hat einen Roman über den Literaturbetrieb geschrieben und treibt sich und seine Leser in einen lakonischen Irrwitz. von Ursula März

So ein Buch gehört sich eigentlich nicht. Erstens schreibt man als Romancier nicht über den Literaturbetrieb, als gäbe es sonst nichts Interessantes auf der Welt. Zweitens ist es unhöflich gegen die Minimalvereinbarungen der Literatur, nicht das kleinste Fitzelchen Fiktion zu bemühen. Nicht einmal die Namen lebender Personen zu ändern, die Berliner Literaturagentin Karin Graf nicht wenigstens als Doris Fürst und den Kritiker Denis Scheck aus Köln als Dieter Schnell aus Hamburg auftreten zu lassen. Nein, in Thomas Glavinic’ neuem Roman mit dem (scheinbar) programmatischen Titel Das bin doch ich heißen sie Karin Graf und Denis Scheck. Das nennt man dann wohl einen 1:1-Roman. Der lässige, achselzuckende Nachfolger des klassischen Schlüsselromans. Kinder, sagt der 1:1-Roman, wir aus dem Literaturbetrieb wissen doch sowieso, wer gemeint ist. Michael Krüger ist Michael Krüger. Er ist der Chef des Hanser Verlages, in dem unter anderem die Bücher von Thomas Glavinic erscheinen. Also, was soll das literarische Drumherum.

Die Hauptfigur des neuen Romans von Thomas Glavinic ist Schriftsteller, lebt in Wien, neigt schwer dem Alkohol, der Hypochondrie, der Misanthropie sowie dem Selbstzweifel zu und übt starke Anziehungskraft auf die mittleren Formen des Alltagsdebakels aus. Wenn irgendwo eine Wespe herumfliegt, ist er es, den sich sticht. Wenn eine ältere Dame meint, einen Poeten anschwärmen zu müssen, fasst sie ihn ins Auge. Wenn ein Sessellift eine technische Panne hat und stehen bleibt, sitzt niemand anders als unser Mann in eisiger Kälte und großer Höhe fest und natürlich mit niemand anderem als seinem peinlichen Schwiegervater. Dieser Held heißt übrigens: Thomas Glavinic. Sein liebster Freund, Autor des realen Megasellers Die Vermessung der Welt, heißt Daniel Kehlmann . Alle paar Tage schickt er Thomas Glavinic eine SMS mit dem neuesten Stand der Verkaufszahlen seines Buches. Schön für ihn. Thomas Glavinic, der jeden Tag beim gleichen Inder am Naschmarkt essen geht, sich jeden Tag vornimmt, mit diesem Gewohnheitsreflex endlich zu brechen und im Übrigen darauf wartet, dass die Agentin Karin Graf seinen Roman Die Arbeit der Nacht (tatsächlich erschienen bei Hanser 2006) an den von Michael Krüger geleiteten Hanser Verlag verkauft, kann sich ausrechnen, in Zukunft mit einem schwerreichen Typ namens Daniel Kehlmann befreundet zu sein.

Dass die Schriftstellerfreundschaft (im Roman!) darüber nicht zerbricht, freut den Leser von Herzen. Dass beide, Kehlmann und Glavinic (in der Realität!), Nabokovianer sind, Liebhaber schlitzohriger Täuschungsmanöver der Erzählerschaft also, sollte man als Leser im Auge behalten, bevor man auf dem Glatteis der vermeintlichen Nonfiction ausrutscht. Denn was sich, streng genommen, wirklich nicht gehört, das ist, ein Buch, auf dem vorne unübersehbar »Roman« steht, so zu lesen, als wäre es keiner. Als wäre Das bin doch ich eine höchstpersönliche Auskunft des Herrn Glavinic über seine höchstpersönliche Fegefeuerzeit in den Jahren 2005 und 2006. Zwischen der Beendigung des Romanmanuskripts Die Arbeit der Nacht und dessen Veröffentlichung. Sozusagen zwischen Abflug und Landung seines Romans, was für jeden Autor wohl die schwierigste Phase seines Berufslebens ist, weil er nichts tun kann als warten, hoffen, bangen, trinken, auch nichts Neues schreiben. Kein Wunder, dass der Romanheld unter schwerer Flugangst leidet, die er gegen Ende der Erzählung mit der Teilnahme an einem Antiflugangstseminar bekämpft.

Es ist so herrlich komisch wie das ganze Buch. Wer es liest, hat über Stunden hin zu lachen und merkt allmählich: Thomas Glavinic ist nicht nur ein Meister des lakonischen Irrwitzes. Er ist auch der Erfinder einer bestimmten Komikdialektik. Denn der Roman Das bin doch ich lacht zurück: über den Leser und dessen verdorbene, gierig ans Authentische geklammerte Rezeption. Thomas Glavinic ist und bleibt Schachspieler, Konstrukteur raffinierter Züge. In der Arbeit der Nacht trieb er die Fiktion an den äußersten Punkt empirischer Unwahrscheinlichkeit. Jedes Kind weiß, dass es in der Realität nicht geben kann, wovon dieser Roman erzählte: Ein Mann wacht eines Morgens auf und merkt, dass außer ihm europaweit niemand mehr existiert.

In seinem neuen Roman nun, der vom Veröffentlichungsschicksals der Arbeit der Nacht berichtet, macht Glavinic das Gegenteil, treibt die Erzählung an den äußersten Rand empirischer Wahrscheinlichkeit. Das klingt erstens komplizierter, als es sich liest. Ist zweitens verflixt intelligent. Und enthält drittens eine Stellungnahme zum aktuellen Stand der Literatur. Die Ermüdungserscheinungen an der Naht zwischen fiktionaler Wahrheit und empirischer Wahrheit bezeichnen die Sollbruchstelle literarischer Ästhetik in der Gegenwart. Daraus einen amüsanten Roman zu machen, der sich nebenbei über die Typologie des idiosynkratischen Schriftstellers belustigt, ist keine geringe Leistung. Sie hat eine Schwäche, die dummerweise auch ihre Stärke ist: die Lakonie. Sie kleidet die Erzählung in den Duktus des Undramatischen, Alltäglichen, Unerheblichen. Das kommt der episodischen Komik zugute, aber auch einem gewissen Spannungsverlust. Dass der vom Helden verfasste Roman Die Arbeit der Nacht es nicht auf die Longlist des Deutschen Buchpreises 2006 schaffen wird, ahnt man spätestens auf Seite 200 voraus. Es entspricht einfach der Lebenshaltung des Lakonikers: Was schiefgehen kann, geht schief.

PS: Wie vor Kurzem bekannt wurde, hat der Roman Das bin doch ich von Thomas Glavinic es auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2007 geschafft !

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. @Joseph Gerschom: Sagen Sie, Herr Gerschom, Ihr Text ist nicht womöglich ganz knapp daran gescheitert, eines von jenen modernen Gedichten zu werden, bei denen ich mich immer frage, was, außer einem gewissen Wohlklang, ich da eigentlich durch Ohr und Auge in meinen Kopf eingelassen habe? Also ehrlich: Da kann ich doch bloß das kahle Haupt meines in diesem Fall besonders hoch sich gebenden Unverständnisses schütteln!

  2. "...Die Hauptfigur des neuen Romans von Thomas Glavinic ist Schriftsteller, lebt in Wien, neigt schwer dem Alkohol, der Hypochondrie, der Misanthropie sowie dem Selbstzweifel zu und übt starke Anziehungskraft auf die mittleren Formen des Alltagsdebakels aus..."

    Ich habe den Roman bisher nicht gelesen, aber das vorstehende Zitat aus der Rezension erweckt in mir den Eindruck, vor einer Hauptperson zu stehen, die aus verschiedenen (leicht zu dramatisierenden) Klisches zusammengesetzt wurde:
    1. Alkoholiker
    2. Hypochonder
    3. Mysanthrop

    Man rühre das genügend um und ein Romanheld entsteht - nicht sehr originell.

    Abgesehen davon muß ich mich gegen die Behauptung wehren, Lakonie sei der Vermittlung von Spannung abträglich. Zu guter letzt, was die Idiosynkrasien betrifft, hat mir ein Bekannter, der Lektor an einem österreichischen Verlag ist, gesagt: Wir haben alle unsere Idiosynkrasien (womit er zweifellos recht hat, auch wenn ihm diese Aussage als Begründung für die Ablehnung eines Manuskripts diente) und mir vielleicht, um den Roman nicht zu lesen.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Schlagworte Literatur | Roman
Service