Wann ist eine Geschichte eine gute Geschichte? »Wenn sie gebaut ist wie das Leben.« Das klingt wie ein Klacks, aber wie erzählt man eine Geschichte so unwiderstehlich, dass der Rest der Welt kaum eine Chance hat? Michael Köhlmeiers Roman Abendland endet mit dem Kuss zweier Männer. Der eine liegt, den Kopf auf einem Turm aus Kissen, im Bett. Er hat ein weißes Nachthemd an und sagt: »Machen wir es kurz.« Der andere kniet neben dem Bett und legt seinen Kopf an seine Brust. Jenseits der neunzig, sagt Carl Jacob Candoris, neige der Mensch und vor allem der Mann, »auf schreckliche Weise zur Sentimentalität«. Der Schriftsteller Sebastian Lukasser, Eckermann des alten Herrn, verlässt das Zimmer, das Haus und Lans in Tirol. Er hat Carls Lebenserzählung angehört und zwischendurch keine Chance vertan, seine eigene loszuwerden. Weil das Leben meistens eine Zumutung und bisweilen eine maximale Zumutung ist, holt Michael Köhlmeier 773 dicht beschriebene Seiten aus, um Carls Biografie und mindestens vier weitere Schicksalsstrecken zu beschreiben.

Abendland ist ein Epochenroman über den modernen Menschen, aufgeklärt und leidend, von Freud, dem Sexus, dem Todestrieb und den Anforderungen der Emanzipation unterwandert und überfordert, den Gefahren der Naturwissenschaft, ihren Möglichkeiten und Folgen ausgesetzt. Michael Köhlmeier berichtet über das vergangene Jahrhundert und über drei Arten zu lieben. Katastrophisch die Liebe der Lukassers, zärtlich verzweifelt die von Carl und der arg- und gewissenlos untreuen Margarida. Für Sebastian und Dagmar ist es unmöglich, Nähe auszuhalten.

Der Roman ist nicht schwerlastig mit Wissen vollgestopft (obgleich er voller Wissen steckt), er ist als Familiengeschichte getarnt und inszeniert. Nicht Jesus sitzt mit seinen guten und einem fiesen Jünger am Tisch, sondern Carl und Margarida sitzen dort mit den drei Mitgliedern der Kleinfamilie Lukasser.

Georg Lukasser ist ein fanatischer Jazzspieler, Gitarrist, Abbild des amerikanischen Folksängers Woody Guthrie, »klein, sehnig, zäh«, Sohn eines Wiener Schrammlermusikanten. Georg Lukasser war das Genie der Nachkriegsjazzclubs Wiens, wo Carl, Professor für Mathematik, den Totalmusiker und haltlosen Künstler kennenlernte und sich morgens mit ihm im Imperial traf. Dort warf das Serviermädchen Agnes ein Auge auf den kleinen Mann mit dem dunklen Lockenkopf und bat den »Herrn Professor«, als Kuppler Talent zu beweisen. Nach Sebastians Geburt waren die Lukassers komplett. Sebastian, der das häusliche Chaos trotz Fußballidolen, Tagebuchschreiben und enormer schulischer Strebsamkeit schlecht überlebt hätte, wenn nicht Carl, sein Patenonkel, unterstützt von Margarida, seine Schutzengelflügel über ihm ausgebreitet hätte. Carl und Margarida waren da, wenn bei Lukassers die Hütte brannte, der Job weg war, das Geld, die Liebe oder alles zusammen.

Historische Fakten und Fiktionen gehen ineinander über

Der Autor misstraut den Männern und will ergründen, wie Georg Lukasser, wie Carl Candoris wirklich gewesen sind. Er bohrt und fragt und akzeptiert die Geheimnisse. Sebastian Lukasser kennt er am besten. Den Jungen, der Einsamkeit aushält, Gespräche der Erwachsenen belauscht, als Student alter Sprachen im Frankfurter Café Laumer die Psychologiestudentin Dagmar kennenlernt und eine für die achtziger Jahre klassisch komplizierte Beziehung beginnt. David wird geboren. Sebastian reißt aus. Köhlmeier stellt mit Sebastian einen typischen Intellektuellen vor, einen auf Rückzug und Selbstbezüglichkeit ausgerichteten Künstler.