Riekofen - Das Pfarramt sieht verlassen aus. Die Jalousien runtergelassen, der Briefkasten nicht geleert, kein Mensch weit und breit. Am Klingelschild steht noch der Name des Pfarrers, der auf dem Weg in den Urlaub verhaftet wurde und seitdem in Untersuchungshaft sitzt. Und überall hängen Zettel mit dem Hinweis, dass Fotografieren untersagt sei, ebenso wie Interviews. Wer dagegen verstieße oder sich sonstwie verdächtig mache, werde angezeigt. Wenn die 800-Seelen-Gemeinde nur könnte, sie würde sich wohl noch heute zum Sperrgebiet erklären, zumindest solange die Eindrücke noch frisch sind und "die Schande", wie es viele im Dorf empfinden, noch unfassbar ist.

Das Gemeindehaus ist so verwaist wie das Pfarrhaus. Der Bürgermeister, ein besonnener Mann, ist nach dem Gespräch mit dem Bischof erst mal für ein paar Tage auf seinen Feldern verschwunden, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Nach der Medienlawine, die über ihn und den kleinen Ort im Landkreis Regensburg hereingebrochen ist, ist er nicht zu erreichen. Seine Frau, Mitglied im Pfarrgemeinderat, ebenso wenig.

"Es gibt nichts Neues", ruft eine ältere Frau auf der Dorfstraße und schüttelt abwehrend ihre Walking-Stöcke. "Alle waren für ihn, als er bei uns zur Aushilfe war", erzählt sie dann über den Pfarrer Peter K. "Das war ein sehr netter, sympathischer Mann, wir alle mochten ihn." Als herauskam, dass er sich über Jahre hinweg an Kindern vergriffen haben soll, sei das gewesen "als wenn eine Bombe platzt". Mit ihren Enkeln habe er glücklicherweise nichts zu tun gehabt, "Gott sei Dank", sagt die Frau leise, sie, die bei ihm gebeichtet und im Kirchenchor gesungen hat und jeden Sonntag im Gottesdienst war. "Das ist halt der Pfarrermangel, da passiert so was immer wieder, was glauben S’ denn, wie viele pädophile Pfarrer es gibt!"

Am nächsten Sonntag wird Bischof Gerhard Ludwig Müller nach Riekofen kommen und den Nachfolger von Peter K. in sein Amt einführen. Höchste Zeit, dass der Oberhirte aus dem gar nicht so fernen Regensburg endlich den Weg in seine bedrängte Gemeinde findet, denken viele im Ort. Für einige ist der späte Besuch wieder ein Beweis dafür, dass Bischof Müller nicht nur ein miserabler Krisenmanager ist , sondern auch ein schlechter Kommunikator, der im direkten Umgang mit Menschen häufig abgehoben wirkt.

Wenn die Eltern schwiegen, zahlte das Bistum "Schmerzensgeld"

"Dilettantisch" sei Müller vorgegangen, findet Fritz Wallner, einer seiner ärgsten Kritiker und Sprachrohr der "Wir sind Kirche"-Bewegung; tatsächlich könnte die weltabgewandte Unbeweglichkeit, mit der der frühere Münchner Dogmatikprofessor die aktuelle Krise zu meistern versucht, zu einem Karriereknick führen; immerhin ist der 60-Jährige als Nachfolger des Erzbischofs von München-Freising, Kardinal Wetter, im Gespräch. Diesmal jedoch hat der gerne als unbeugsamer Verfechter der reinen Lehre auftretende Bischof sich nicht nur über den Common Sense in seiner Kirche hinweggesetzt, wie bei der Entmachtung der Laien, er hat auch Richtlinien der Bischofskonferenz missachtet. Danach darf, wer einmal als pädophil aufgefallen ist, nicht mehr als Seelsorger arbeiten.