Kinderpsychologie
Alles eine Frage der Bindung
Schadet es Kindern, wenn sie früh in den Hort müssen? Die Psychologin Lieselotte ahnert begann in den Krippen der DDR zu forschen. Heute ist sie als Fachfrau für frühkindliche Entwicklung international gefragt.
Oft passiert ihr das nicht, dass sie einen ganzen Tag lang nur über sich reden soll, dass sie die vergangenen Jahre herauskramt wie einen Taschenspiegel, um hineinzusehen und sich zu erinnern. Dabei redet Lieselotte Ahnert eigentlich sehr gern – und es ist eine Lust, ihr zuzuhören. Schauspielerin wollte sie mal werden und nicht Psychologin. Das ist lange her, aber ihr verborgenes Talent blitzt noch auf, wenn sie Menschen und Szenen lebendig werden lässt. Ohne Hilfsmittel. Nur mit ihren braunen Augen, ihrer sympathischen, festen Stimme und ein paar gut gesetzten Gesten.
Seit ein paar Monaten muss Lieselotte Ahnert sehr darauf achten, was sie sagt. Sie wird zitiert, gilt als Expertin. Man befragt sie zum Wohlergehen kleiner Kinder. Ob diese getrennt von Mutter oder Vater ihre Tage verbringen dürfen, ohne lebenslange Schäden davonzutragen. Natürlich kennt sie sich da aus, ein halbes Forscherleben hat sie sich mit ost- und westdeutschen Krippenkindern beschäftigt, aber wer nahm schon Notiz davon in den letzten 17 Jahren und in einem Land, in dem die Krippenbetreuung von unter Dreijährigen in manchen Kreisen beinah als Menschenrechtsverletzung galt? Sie hat sich nie aufgedrängt, auch wenn sie immer von der Bedeutung ihrer Forschung überzeugt war. Jetzt aber kommen die Anfragen aus aller Welt, selbst in Australien diskutiert man Ahnerts Forschungsergebnisse zur Stressbelastung von Krippenkindern. Da musste sie sich fragen lassen: Wissen Sie eigentlich, in welchen Notlagen Frauen sind, die öffentliche Betreuung in Anspruch nehmen müssen? Und wem bringe es überhaupt etwas, wenn sie erkläre, dass Krippenkinder das Stresshormon Cortisol ausschütteten, während ihre Altersgenossen am Rockzipfel der Mutter deutlich entspannter seien? »Da kann ich nur sagen: Wissenschaft ist Wissenschaft. Wenn ich diese Daten so rauskriege, wäre es nicht fair, sie den Menschen vorzuenthalten«, sagt die Entwicklungspsychologin.
Sie kann es wenigen Menschen recht machen im Moment, auch in Deutschland. Es gibt immer welche, denen die Interpretationen ihrer Forschungsergebnisse nicht passen. Wenn sie sagt, dass Kinder auch feste Bindungen zu Personen außerhalb einer Familie aufbauen können, fragen die einen, was denn dann aus der Beziehung zur Mutter würde. Und wenn sie sagt, dass Kinder in öffentlicher Betreuung oft besser intellektuell gefördert werden, als das in manchen Elternhäusern möglich ist, dann ruft man ihr entgegen, dass sie die Mutterrolle diffamiere und Erzieherinnen nicht mal eine akademische Ausbildung besäßen.
Ein wenig wundert sich Lieselotte Ahnert schon über die Aufregung der vergangenen Monate, die durch den geplanten Ausbau der Betreuungsplätze für unter Dreijährige entstanden ist. »Das ist eine Diskussion, die wir in der Wissenschaft international schon vor zwanzig Jahren hatten. Und auch da wurde zunächst mit starken Ausblendungstechniken gearbeitet, die einen sehen nur die Risiken, die anderen nur die Potenziale.« Sie wartet gespannt ab, ob sich die Diskussion letztendlich nicht nur auf die Quantität, sondern auch auf die Qualität der Kinderbetreuung auswirken wird oder nichts als aufgewirbelter Staub bleibt.
In der Zwischenzeit konzentriert sie sich aufs Wesentliche, auf ihre Forschung. Das hat sie immer getan. Auf diese Weise hat sie einiges überstanden, die DDR, die Wendezeit. Bis sie es schließlich auf diesen Lehrstuhl schaffte, den Lehrstuhl für Entwicklungsförderung und Diagnostik an der Universität Köln. Im Oktober 2006 war das, mit 55 Jahren. Lieselotte Ahnert hatte spät beschlossen, sich dem Regelwerk des deutschen Wissenschaftsbetriebes zu fügen. Mit Ende 40 war sie eine international beachtete Wissenschaftlerin, aber wenn sie sich auf die wirklich interessanten Stellen bewarb, scheiterte sie stets an der fehlenden Habilitation. Also habilitierte sie sich mit 49 innerhalb eines Jahres bei Rainer Silbereisen an der Universität Jena.
Ist Köln nun der Ort hinter der Ziellinie? Zwei zusammengelegte Zellen, ganz hinten links am Ende eines langen Flures, im dritten Stock eines ehemaligen Klosters, das heute eher den Charme einer Hauptschule mit schwierigem Einzugsgebiet ausstrahlt als den einer Universität. »Vielleicht ziehen wir ja noch mal um«, murmelt Lieselotte Ahnert in das kleine Büro hinein. Ein wenig fremd steht sie noch hinter ihrem Schreibtisch. Ihr fehlt das Vertraute. Doch plötzlich schaut es zur Tür herein. »Lilo, wir wären so weit«, sagt lächelnd eine Studentin. Neun weitere warten vor der Tür, um mit der Professorin in der Mitte zur Projektsitzung zu schreiten. Eine bunte Truppe aus alten und neuen Anhängern. Die Wege, die manche von ihnen an diesem Tag auf sich genommen haben – von Berlin und Stendal oder Leipzig – erzählen einiges über die Etappen der Wissenschaftlerin. Wenn sie sich immer wieder an neue Orte zu neuen Aufgaben rufen ließ, hat sie ihre Studenten nicht zurückgelassen. Gerade vereint sie sie in einem Projekt, das auch für Ahnert Neuland ist.
Es geht um die Frage, wie sich Beziehungserfahrungen in der Kindergarten- und Schulzeit auf die kognitiven Leistungen der Kinder auswirken. Dazu werden 100 Kölner Kinder in ihren letzten Wochen im Kindergarten, zu Hause und später in der Schule beobachtet. Eine Langzeitbeobachtung, die es in dieser Größenordnung noch nicht gab. Während nach Pisa alle von Didaktik und neuen Unterrichtsmethoden reden, macht sich Ahnert Gedanken um die Beziehungen der Schüler zu ihren Lehrern. »Im Leben eines Kindes sind die Bindungen, die es mit anderen Menschen eingeht, der Angelpunkt seiner Entwicklung«, sagt sie.
In der DDR war sie eine der wenigen, die sich mit der Bindungstheorie des Briten John Bowlby beschäftigten und diese für ihre Untersuchungen adaptierten. Bowlby sah die sichere Bindung des Kindes an die Mutter als einzig entscheidende Basis für eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung an. Im sozialistischen Staat allerdings wollte zum damaligen Zeitpunkt niemand etwas von Bowlbys Bindungskonzept wissen, »weil man es als reaktionäre Theorie ansah, die gegen die Emanzipation der Frau gerichtet war und den Müttern suggerierte: Bleibt zu Hause bei Herd und Kind«, erinnert sich Ahnert. Paradoxerweise wird die Bindungstheorie vor dem Hintergrund der Krippendebatte auch heute wieder oder, besser gesagt, immer noch politisch ausgeschlachtet.
Soll man Eltern dafür bezahlen, dass sie Eltern sind?
Wie ihre Studien am Ende interpretiert werden, welche politischen Lager die Erkenntnisse für ihre Argumentation nutzen – darauf hat Ahnert wenig Einfluss. In der Diskussion um die Krippenbetreuung wird die Wissenschaftlerin inzwischen von Gegnern wie Befürwortern gleichermaßen instrumentalisiert. Für sie sei das logisch, weil sie sich neutral und ideologiefrei als Anwalt des Kindes sehe und mit ihren Forschungsergebnissen keine Politik machen wolle, sagt sie.
Aber es ärgert sie, wenn ihre Einschätzungen für tendenziöse Schlagzeilen benutzt werden. Einer Journalistin hatte sie gesagt, dass Studien gezeigt hätten, dass der Einfluss der Eltern der dominierende bleibe, auch wenn das Kind von fremden Personen betreut würde. »Elterliche Erziehung ist besser als die Tagesstätte«, las sie später in der Zeitung. »Das habe ich nie gesagt, weil schlechte Eltern ziemlich schlimm für das Kind sein können.« Die Familie, so sagt sie, sei nicht der idealisierte Raum, als der sie oft hingestellt werde. »Familie kann völlig fehlschlagen in der Bedürfnisbefriedigung der Kinder. Wir sind dann darauf angewiesen, dass öffentliche Betreuung diese Probleme auffängt.« Das ist ein Thema, das sie so aufregt, dass sie sich auch zu politischen Stellungnahmen hinreißen lässt. Ahnert ist gegen ein Betreuungsgeld für Eltern, weil es »überhaupt nicht klar ist, ob das dem Kind zugute kommt. Und sollte man Eltern bezahlen, nur weil sie Eltern sind?«
Aber nicht immer diskutieren Gesellschaft und Politik gerade die Themen, die die Bindungsforscherin mit ihren Studien vorantreiben möchte. Lieselotte Ahnert ist sich sicher, dass ihre neueste Forschung zeigen wird, dass eine gute Beziehung zum Lehrer die Leistungen und Fähigkeiten der Kinder steigert. Bei einem solchen Ergebnis müssten sich die Schulen schon Gedanken machen, was das für sie bedeutet, sagt sie. »Wie groß darf eine Klasse sein, damit die Beziehungsgestaltung zwischen Lehrer und Schüler überhaupt noch Sinn hat? Braucht man vielleicht Zweitlehrer?« Solche Schlussfolgerungen in die Praxis zu tragen, mit ihren Forschungsergebnissen nicht nur relevante Themen zu treffen, sondern auch öffentliche Aufmerksamkeit zu erregen – das alles gehört zur Kunst einer Wissenschaftlerin, der es darauf ankommt, über die reinen Expertenkreise hinaus gehört zu werden.
»Ich lass euch dann mal allein«, sagt sie zu ihren Studentinnen, die sich inzwischen derart in ihre Projektsitzung vertieft haben, dass die Professorin seit einer Weile nur noch beobachtend am Tisch sitzt. Sie duzt ihre Studenten, und die nennen sie Lilo. Das ist der Name, mit dem sie an vielen Orten der Welt ihre Spuren hinterlassen hat. Sie gibt sich keine Mühe, die Freude zu verbergen, die in ihr aufsteigt, wenn sie daran denkt, wie groß der Jubel jedes Mal ist, wenn sie in Amerika auftaucht, wie herzlich die Kollegen sie aufnehmen. Lieselotte Ahnert ist eine zierliche Person, aber hinter Bescheidenheit versteckt sie sich nicht. Sie hat es als Ostmädchen aus Gräfenroda in Thüringen in die Riege international bekannter Entwicklungspsychologen und Bindungsforscher geschafft, und den Stolz darüber will sie auf keinen Fall verheimlichen.
Den Erfolg hat sie ihrer Zähigkeit zu verdanken, ihrem Glauben an die Relevanz dessen, was sie tut. Von Anfang an hat sie die Bindungstheorie nicht allein auf die Mutter-Kind-Beziehung beschränkt, sondern danach gefragt, wie sich Kinder zu fremden Personen verhalten und was diese Beziehungen wiederum für die Bindung zur Mutter bedeuten. Das macht einen beachtlichen Teil ihrer internationalen Anerkennung aus.
Andererseits wäre sie mit einem rein auf Mutter und Kind bezogenen Bindungsmodell nicht besonders weit gekommen – damals in der DDR der achtziger Jahre, als man sie beauftragte, die Ursachen für die häufige Infektanfälligkeit der ostdeutschen Krippenkinder zu finden. Ahnert beobachtete die Kinder zu Hause, in den Tagen, bevor sie in die Krippe kamen, und erlebte sie quietschvergnügt und gesund. Wenige Wochen nach Beginn der Fremdbetreuung aber wurden die gleichen Kinder wieder und wieder krank. Als Ahnert am Ende psychosomatische Gründe für die häufigen Erkrankungen verantwortlich machte, gehörte nicht wenig Mut dazu, diese Ergebnisse auch öffentlich zu verkünden. Die Kinder wurden nicht wegen ungenügender Hygiene in den Einrichtungen krank, sondern weil sie sich nicht wohlfühlten, keine sicheren Bindungen zu den fremden Betreuern aufbauen konnten, so das Fazit der Psychologin.
Kleinkindforscher rissen sich um die Daten aus den Ostkrippen
Immerhin dachte man daraufhin in der DDR erstmals über Eingewöhnungsprogramme für Krippenkinder nach. Dem Reformeifer aber kam der Fall der Mauer zuvor.
Durch die Wende sah sich Lieselotte Ahnert mit ihrem Forschungsfeld plötzlich im Niemandsland. Die Betreuung von unter Dreijährigen galt in Westdeutschland als Angelegenheit von Rabenmüttern und hatte keinerlei wissenschaftliche Relevanz. Trotzdem rissen ihr die westdeutschen Kleinkindforscher die Datensammlungen aus den Ostkrippen voller Neugier aus der Hand. Als das Interesse aber nachließ, das Geld für ihr neu gegründetes Forschungsinstitut in Berlin immer mühsamer zu bekommen war, folgte sie dem Ruf der renommierten National Institutes of Health in Washington.
Sie nahm ihre Tochter mit in die USA. Mann und Sohn blieben in Berlin. Als sie leise und zum ersten Mal an diesem Nachmittag unsicher erzählt, dass ihre Tochter mit 16 Jahren starb, hört sich das Wort Bindung gar nicht mehr wissenschaftlich an. »Wir hatten so eine enge Beziehung«, sagt sie. Erzählt dann aber schnell von ihrem Sohn, der seine Mutter jeden Tag anruft, egal, wo die gerade steckt.
Die Familie hat sich daran gewöhnt, dass Lieselotte Ahnert auf dem Sprung ist – nach Köln, nach Berlin, nach Amerika. Gerade geht die Professorin für ein Forschungssemester nach Cambridge. »Die nehmen dort auch nicht jeden. Richtig bewerben musste ich mich dafür«, erzählt sie und freut sich wie eine junge Erasmus-Studentin. Ein paar Spuren möchte sie in dieser Welt schon noch hinterlassen.
- Datum 22.9.2007 - 10:16 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 20.09.2007 Nr. 39
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Schade, hier wird praktisch nichts über die Forschung berichtet. Auch sollte es nichts Neues sein, dass Betreuung sinnvoll sein kann, aber eben nur mit den richtigen Voraussetzungen.
Genau da hapert es aber. Die Motive und Sachzwänge in der Politik machen alle bisherigen Versuche Betreuung im positiven Sinne zu realisieren zu politischen Feigenblättern bzw. Alibis ganz andere Interessen zu verfolgen.
Genau aus diesem Grunde lehne ich die aktuellen Umsetzungsversuche ab. Weil es nicht um Betreuung sondern im besten Falle um Verwahrung geht, was mit Sicherheit auch Liselotte Ahnert ablehnen dürfte.
Der Streit um Betreuung hat deshalb zweierlei Dimensionen, die Ideologische ,welche von der Politik ausgiebig instrumentalisiert wird und die Praktische, welche von der Politik bewußt ignoriert wird.
Warum Zeit-Leser diese Forschungsergebnisse in Kleinstdosen und in der Verpackung einer Cinderella-Geschichte vom Ostmaedchen, das es in die USA und sogar nach Cambridge schafft, serviert kriegen muessen, ist mir voellig unklar. DIE FRAU IST WISSENSCHAFTLERIN, sie weiss was, kann was. Warum kann man das nicht referieren, anstatt es den Lesern vorzuenthalten?
Wuerde mich mal interessieren, ob man mit einem WissenschaftLER aus den alten Bundeslaendern aehnlich umgesprungen waere.
Hi @ll
"Bindungsforschung" hin oder her, kleine Wichte können am besten mit ihresgleichen.
Ein afrikanisches Sprichwort lautet *Um ein kind zu erziehen, braucht man ein ganzes Dorf*, sprich alle kümmern sich.
Das Misstrauen vieler Eltern gegen staatlich organisierte Betreung dürfte auch darin zu suchen sein
www.dissens.de
Diesen "Experten", würde ich meine Kinder niemals anvertrauen.
Im Bereich Erziehung wird mir eindeutig zu viel "geforscht" und zu wenig getan.
Gruss
Rene
Als erstes kann ich mich meinem Vorredner nur anschliessen, wenn der "märchenhafte" Stil des Artikels gerügt wird. Irgendwie hat man das Gefühl aus dem Thüringer Wald entspringen nicht so viele Wissenschaftler?? Ich selbst bin eine "Hinterwäldlerin" aus der Nähe von Gräfenroda und studiere Japanwissenschaften im schönen Marburg. Werde ich irgendwann mal irgendwo lesen "Und sie schaffte es aus dem verschlaffenen 6000 Seelen-Dorf am Rande des Thüringer Waldes in die größte Stadt der Welt Tokyo!"?? (Schon passiert...)
Egal woher man kommt, jeder ist doch stolz darauf sein Ziel erreicht zu haben!
Und auch der Hinweis darauf als Wissenschaftler in der DDR-Zeit dennoch seine Ergebnisse veröffentlicht zu haben ist etwas anmassend. Ich denke das viele Wissenschaftler ihre Ergebnisse wahrheitsgetreu veröffentlicht haben, das Problem war die Zensur durch die Partei bzw. die veröffentlichenden Organe.
Was die frühkindliche Betreuung in Krippen anbelangt, so hatte diese mitunter in der DDR auch keinen so guten Ruf. Meine Mutter (ich selbst bin Jahrgang 1983) hat mich nicht in die Krippe gegeben. Sie hatte ihre Werkstatt zu Hause und konnte sich (wenn auch nicht die ganze Zeit) doch recht gut um mich kümmern. Gerade deswegen galt sie aber als Rabenmutter: Sie gab mich nicht in die Krippe UND arbeitet aber nebenher.
Dafür konnte ich den Start in den Kindergarten gar nicht abwarten. Ich wollte als erste da sein und als letzte gehen.
Ich studiere im Nebenfach Pädagogik und bin der Meinung, dass neben der Bindung zur Mutter auch für Kinder die Bindung zu anderen Menschen und zu peer groups für die Entwicklung sehr entscheidend ist.
Allerdings hängt auch viel von dem Charakter des Kindes ab. Bei der Disskussion wird viel verallgemeinert, so gibt es aber Kinder die kontaktfreudiger sind als andere. Zum Aufbau der Mutter-Kind Bindung ist das erste Jahr entscheidend und wenn dort etwas schief läuft, wird das Kind sowohl in der Krippe als auch im Kindergarten, sowie in der Grundschule ängstliches bzw. unruhiges Verhalten zeigen.
Die Eltern haben viel Verantwortung. Aber es gibt auch eine Überbewertung von Verantwortung. Dann wenn das Kind überbeschützt wird, wenn es einfach nur verhätschelt wird, wenn es kaum mehr ohne Aufsicht vor die Tür gelassen wird, wie es ja heute leider allzu häufig passiert, dann ist eine Erziehung allein im Elternhaus nicht mehr zu verantworten. Man zieht sich Kaiser und Kaiserinnen heran, die ihren zukünftigen Lehrern das Leben zur Hölle machen und zu zwischenmenschlichen Bindungen auf gesundem Niveau kaum mehr fähig sind.
Wissentschaftlich ist es doch kein Problem, dass frühkindliche Erziehung auch von anderen Personen als der Mutter qualitativ hochwertig und/oder ergänzend wahrgenommen wird. Wozu die Debatte?
Damit wir Argumentationsstoff haben, das was alle Menschen und alle Völker am Nötigsten haben, nämlich gesunde und zufriedene Kinder NICHT zu finanzieren. Dabei ist es das Einzige was sich lohnt.
Menschen in Armut zu helfen ist nötig, aber lohnt sich nicht. Die tollsten Autobahnen der Welt zu haben ist Prestige, aber lohnt sich nicht, genau wie ein Porsche und andere Rennommierprojekte. Aber Kinder! ...sie lohnen sich.
Wieso fuchsen wir bei Kindererziehung um den Cent? Kinder sind das einzige was sich wirklich lohnt. Sozial, wirtschaftlich und zukunftsträchtig. Lasst uns endlich aufhören mit den Grabenkämpfen um Zuhauseerzogen oder Inderkrippe. Keine Mutter wäre ideologisch so versteift einer wirklich guten Krippe - zwölf Kinder, zwei Erzieherinnen, ansprechende Räumlichkeiten und ein Spielplatz im Garten - Vorzug zu geben vor ihrem Höraufdamitichmusskochen.
Und niemand würde das Engagement einer Mutter zuhause abwerten. Nur in einer sozialen Gesellschaft, in der sich nicht alles ums Geld dreht, können Kinder gedeihen.
Genau daran krankt es beim Staat in der Pädagogik. Es geht nämlich nur um Geld
Das Ganze ist ein Scheinkrieg, nur dazu gemacht, damit alle sich Gedanken machen, auf eine Frage, auf die es nur eine Antwort gibt, in der Hoffnung kein Geld zahlen zu müssen, falls es verschiedene Meinungen gibt.
Ich kann es nicht mehr hören... die Hauptschüler und die Krippenplätze und die fersehschauenden Hartz IV Empfängerinnen. Der Staat ist nicht so dumm, dass er nicht wüsste was zu tun ist. Er hat nur keine Lust dazu.
Ich fand den Artikel nicht so schlecht, wie einige andere hier. Ich sehe es durchaus auch als eine Stärke der ZEIT, dass sie die Personen und Experten näher beleuchtet und menschlich zugänglich macht. Dadurch entsteht ein interessantes Bild und Vorurteile können abgebaut werden.
Klar würde ich mir auch einiges mehr an wissenschaftlichen Fakten wünschen. Ich hoffe das wird bei Gelegenheit noch nachgeschoben.
Ein interessantes Detail: die Frau musste (obwohl schon anerkannte Forscherin) extra noch habilitieren, damit sie eine wissenschaftliche Stelle bekommen konnte! Nicht zu fassen. Ich wünschte wir würden zur Abwechslung mal die positive angelsächsische Lockerheit übernehmen, statt immer nur die negativen Sachen, wie etwa Studiengebühren.
MfG
AKu
Wie mein Vorredner finde ich den Artikel nicht schlecht. Diese Wissenschaftlerin hat sicher viel in Fachzeitschriften veröffentlich, doch wer liest die schon. Man darf ja nicht vergessen, dass die ZEIT einen größeren Leserkreis ansprechen will, nicht nur Fachleute, und gerade bei dem wichtigen Thema Krippenunterbringung oder nicht haben alle Betroffenen das Recht, den Forschungsstand zu erfahren. Genauere Forschungsergebnisse wünschte ich mir ebenfalls. Allerdings können die nur empirisch sein, in der Pädagogik muß auf die individuelle Behandlung von Kindern Rücksicht genommen werden (wozu sich die Psychologin bekennt), da ist es bekanntlich schwierig, bis ins Letzte gesicherte Ergebnisse vorzulegen.
Viel Neues lese ich in dem Artikel nicht. Es wird auch gesagt, dass diese Fragen schon vor Jahrzehnten aufkamen. Sinnvoll ist, einem Kind ab dem dritten Lebensjahr das soziale Umfeld von Gleichaltrigen zu bieten, was z. B. Kindergärten erfüllen. Bieten heißt nicht aufzwingen, wenn ich an eine Bekannte denke, deren Tochter Tag für Tag nur mit bestem Zureden in den Kindergarten gebracht werden konnte (Berufstätigkeit beider Elternteile) und oft genug vorzeitig wieder abgeholt werden mußte, weil es das Kind dort einfach nicht aushielt. So etwas kann aber auch noch im ersten Schuljahr passieren..
Ich kenne Krippenarbeit aus der DDR und auch ganz aktuelle, und es muss nicht so sein, dass dort nur verwahrt wurde oder wird. In den mir bekannten Einrichtungen sind die meisten BetreuerInnen engagiert und qualifiziert. Ausnahmen gibt es wie überall.
Bis zum dritten Lebensjahr ist ein Kind meist noch zu egozentrisch, um sinnvoll mit anderen Kindern kommunizieren zu können. Es braucht auf jeden Fall – das wurde hier ja auch herausgestellt – eine starke Bindung an eine Bezugsperson, die nicht unbedingt ein Elternteil sein muß. Auch eine Tagesmutter kann geeignet sein. Schlimm, wenn in der Krippe ständig Betreuerwechsel stattfindet. Kontinuität ist ein wichtiger Eckpfeiler in der Erziehung, auch später in der Schule. Eigentlich wird diese banale Erkenntnis durch Forschungsergebnisse nur bestätigt.
Zum nötigen und auch vorhandenen, nur nicht bereitgestellten Geld für Krippen und überhaupt dem Erziehungswesen wurde hier bereits alles deutlich und richtig gesagt.
Ich habe den Artikel "Alles eine Frage der Bindung" von J. Otto mit Interesse gelesen und bin mir dabei bewusst, dass Leute vom Fach manches nicht neu finden. Aber in der Diskussion mit den gebetsmühlenartig wiederholten Argumenten pro und contra Krippe ist die dargestellte Position erfrischend. Sie entspricht vor allem der täglichen Erfahrung, und offenbar ist das schon viel, wenn das, was man als unbefangener Zeitgenosse mit etwas gesundem Menschenverstand und Herz auf dem rechten Fleck beobachtet und weiß, nun auch wissenschaftlich "zugelassen" ist...
Erheblich störend ist für mich ein Detail: das "Ostmädchen aus Gräfenroda in Thüringen". ich fühlte mich daran erinnert, dass Helmut Kohl Angela Merkel noch lange "das Mädchen" betitelte, da war sie, soweit ich mich erinnere, schon Ministerin. Ob der Autorin im Analogen Fall ein "Westmädchen aus Bayern" in die Feder geflossen wäre? - Wohl kaum. Ein solcher Mangel an Selbstreflexion sollte bei einer ausgebildeten Journalistin eigentlich nicht vorkommen.
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