Psychologie Erinnerungen an die Zukunft

Psychologen erforschen, wie wir uns Verabredungen und Versprechungen merken – und warum ältere Menschen dabei oft erstaunlich gut abschneiden

Ich vergesse oft, den Müll runterzubringen«, sagt Matthias Kliegel. Besonders in Zürich sei das ärgerlich: »Man hat ihn dann nämlich wieder für eine ganze Woche am Hals – weil der Zürisack nur einmal pro Woche abgeholt wird und man ihn nur am Morgen des Abholtages auf die Straße stellen darf.«

Kliegel, 36, ist habilitierter Psychologe. In der Schweiz erforscht der gebürtige Hesse, wie wir uns an Dinge erinnern, die wir uns für die Zukunft vorgenommen haben: den Müll runterbringen. Die Miete überweisen. Bei den Eltern anrufen. »Prospektives Gedächtnis«, also vorausschauendes Gedächtnis, heißt diese Art von Erinnerung in der Fachsprache.

Für den Alltag ist diese Leistung ebenso wichtig wie die »retrospektive« Erinnerung an vergangene Erlebnisse. Umfragen amerikanischer Psychologen ergaben, dass zwischen 50 und 80 Prozent der alltäglichen Gedächtnisprobleme daraus bestehen, dass geplante Vorhaben in Vergessenheit geraten. »Vor allem für Ältere ist das prospektive Gedächtnis wichtig für die Erhaltung ihrer Selbstständigkeit«, sagt Kliegel. Versagt das zurückschauende Gedächtnis, vergessen sie die Geburtstage der Enkel oder frühere Familienurlaube. Für das Zurechtkommen im Alltag ist es jedoch wichtiger, Termine einhalten zu können oder regelmäßig Medikamente einzunehmen.

In der Forschung wird das prospektive Gedächtnis eher stiefmütterlich behandelt. Kliegel, der im Oktober seine erste Professur in Dresden antreten wird, schätzt die internationale Forschergemeinde auf nur etwa 50 aktive Wissenschaftler. Ein Nischenthema also im Vergleich zum retrospektiven Gedächtnis, das schon seit Hermann Ebbinghaus’ Arbeiten zur »Vergessenskurve« von 1885 eines der beliebtesten Forschungsobjekte von Psychologen ist.

Unser vorausschauendes Gedächtnis lässt sich durch Stress leicht ablenken

Wie untersucht man eine flüchtige Geistesleistung? Wie üblich in der modernen Psychologie, indem man die Probanden vor einen Computer setzt. Dort müssen sie meistens eine ablenkende Aufgabe bearbeiten, sich beispielsweise sinnlose Fantasie-Silben einprägen. Eigentlich interessiert die Untersucher aber nur, ob sie daran denken, in einer vorher festgelegten Situation eine Taste zu drücken. Dabei gibt es zwei Arten von Aufgaben: Entweder müssen die Probanden nach einer bestimmten Zeitspanne aktiv werden. Oder aber sie sollen reagieren, sobald ein Hinweisreiz auf dem Monitor erscheint. Im ersten Fall fällt das prospektive Erinnern schwerer – die ganze Zeit die Uhr im Auge zu behalten ist kniffliger, als nur auf einen Reiz anspringen zu müssen. Vergessliche können sich also damit behelfen, »zeitbasierte« Aufgaben in »ereignisbasierte« umzuwandeln. Die meisten Menschen tun das instinktiv bei einer Gedächtnisaufgabe, bei der das Vergessen lästige Folgen haben kann: etwa beim Kuchenbacken mit Hilfe einer Eieruhr.

Das prospektive Gedächtnis ist umso schlechter, je anspruchsvoller die ablenkende Aufgabe ist. Anders gesagt, sogar die Probanden am Computer »verschwitzen« ihre Pflichten, wenn sie viel um die Ohren haben. Als besonders wichtig für die Erinnerungsleistung hat sich die Motivation herausgestellt: Schon durch die bloße Behauptung, die prospektive Aufgabe sei mehr oder weniger wichtig, lässt sich die Leistung der Versuchspersonen beeinflussen. Das gilt auch für den Alltag, wie Judi Ellis von der britischen University of Reading schon 1988 zeigte. Sie ließ ihre Probanden ein Tagebuch über ihre Termine führen und fand heraus, dass sie sich vor allem an jene Verabredungen und Vorhaben erinnerten, die sie am Abend zuvor als persönlich wichtig eingeschätzt hatten.

Gute Planung entlastet den Kopf. Das hilft besonders im Alter

Wie zutiefst menschlich das ist, zeigen Studien, die Psychologen der Arizona State University mit zwei- bis dreijährigen Kindern durchführten. In diesem Alter beginnt sich das Gedächtnis für geplante Handlungen zu entwickeln. Und zwar zuerst für Sachen, die den Kleinen wichtig sind. So schaffen es Dreijährige schon ziemlich gut, ihre Mutter daran zu erinnern, dass sie ihnen »später aus dem Supermarkt noch Süßigkeiten mitbringen« wollte. Dagegen vergaßen sie es schnell wieder, wenn sie Mama daran erinnern sollten, dass die Wäsche noch aufgehängt werden muss.

Solch blanker Eigennutz ist nicht das Einzige, was uns motiviert. In einer anderen amerikanischen Studie wurden die Probanden gebeten, nach dem Versuch noch schnell den Raum wieder für den nächsten Teilnehmer herzurichten, bevor sie nach Hause gingen. Vor einigen Probanden tat der Versuchsleiter dabei so, als müsse er an Krücken gehen, und rührte so unterschwellig an ihre Hilfsbereitschaft. Mit Erfolg: Sie vergaßen das Aufräumen seltener als Teilnehmer, die von demselben, aber gesund aussehenden Wissenschaftler instruiert worden waren.

Doch was können wir tun, um unser Gedächtnis für unliebsame und unmotivierende Vorhaben anzukurbeln, zum Beispiel für das rechtzeitige Anfertigen der Steuererklärung? »Implementierungsintentionen« heiße das Zauberwort, sagt Peter Gollwitzer. Der Sozialpsychologe, der an der Universität Konstanz und an der New York University lehrt, meint damit, vage Zielsetzungen durch konkrete Wenn-dann-Pläne zu ersetzen: Anstatt sich mit der Absicht zu begnügen, »mehr Gemüse zu essen«, müsse man sich selbst auf eine konkrete Situation festnageln, wie »wenn ich das nächste Mal in meinem Lieblingsrestaurant in die Speisekarte schaue, bestelle ich etwas Vegetarisches«.

Das heißt also für die Steuererklärung, sie nicht einfach »am Wochenende« erledigen zu wollen, sondern sich zu sagen: »Wenn ich am Sonntag das Frühstücksgeschirr in die Spülmaschine geräumt habe, setze ich mich an den Schreibtisch und mache die Steuer.« Die Idee dahinter ist, dass die Verbindung zwischen Marmelade-verklebten Tellern und dem Steuerformular in der entsprechenden Situation die Aufgabe ins Gedächtnis ruft.

Im Mai stellte Gollwitzer auf der Jahrestagung der amerikanischen Psychologenvereinigung APS neue Ergebnisse vor, die belegen, dass diese Wenn-dann-Planung das prospektive Gedächtnis tatsächlich erheblich verbessert. Ein möglicher Grund dafür, der auch durch neuropsychologische Studien gestützt wird: Das prospektive Gedächtnis beansprucht die »exekutiven Funktionen« – anspruchsvolle kognitive Leistungen wie die Steuerung der Aufmerksamkeit oder die Überwachung von Handlungsabläufen. Mit Gollwitzers Methode werden die dafür zuständigen Hirnregionen weniger stark in Anspruch genommen, Planen spart geistige Ressourcen.

Besagte Exekutivfunktionen leiden im Alter besonders stark. Die Konzentrationsfähigkeit lässt nach, störende Hintergrundreize können schlechter ausgeblendet werden. Das könnte ein Grund dafür sein, dass sich Ältere oft darüber beklagen, geplante Handlungen und Termine zu vergessen. Beim Versuch, den Abbau des prospektiven Gedächtnisses im Alter zu ergründen, sind die Forscher auf ein merkwürdiges Phänomen gestoßen. Setzt man alte Probanden und Studenten an den PC, schneiden die Jüngeren erwartungsgemäß besser ab. Anders sieht die Sache allerdings bei Feldstudien aus, bei denen echte Aufgaben erfüllt werden müssen. Denken die Probanden daran, nach fünf Tagen eine Postkarte an den Versuchsleiter zu schicken? Oder eine Woche lang jeden Tag zu einer bestimmten Uhrzeit anzurufen? Hier überraschen die älteren Versuchsteilnehmer, denn sie erzielen oft sogar die besseren Ergebnisse. Und zwar sowohl darin, überhaupt an die Aufgabe zu denken, wie auch darin, möglichst nah an den zeitlichen Vorgaben zu liegen.

Warum die Jungen im echten Leben schlechter abschneiden, will Matthias Kliegel in einer internationalen Forschungskooperation klären, zusammen mit Peter Rendell von der Australian Catholic University und Mark McDaniel von der Washington University. Bisherige Erklärungsversuche sind zum Beispiel, dass der Alltag der Rentner beschaulicher abläuft und es daher weniger Ablenkungen gibt, die sie ihre Aufgabe vergessen lassen könnten. Oder dass der Tagesablauf im Alter vorhersehbarer ist und sie daher zuverlässiger einen bestimmten Termin einplanen können.

Erste empirische Ergebnisse deuten darauf hin, dass es wieder einmal eine Frage der Motivation ist. In Zürich mussten die Probanden jüngst eine Woche lang zwei SMS pro Tag an ihren Versuchsleiter schicken, zu festgelegten Uhrzeiten. Ohne finanziellen Anreiz vergaßen die jüngeren Teilnehmer oft, rechtzeitig zum Handy zu greifen. Verlosten die Forscher unter den Teilnehmern jedoch 100 Franken, stellte ihr prospektives Gedächtnis das der Alten in den Schatten. Doch auch deren Ergebnisse konnten sich sehen lassen: Sie gingen die Sache selbst ohne die Aussicht auf ein Taschengeld ernsthaft und motiviert an. Ingo Aberle, Doktorand aus Kliegels Arbeitsgruppe, findet diese Ergebnisse erfreulich: »Im Gegensatz zu Experimenten am Computer stehen die Alten im echten Leben nicht so schlecht da, wie sie oft dargestellt werden – und wie sich selbst darstellen.«

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 20.09.2007 Nr. 39
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    • Schlagworte Wissenschaft | Psychologie | Gedächtnis
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