Manchmal erscheint das Wichtige nicht mit drei Ausrufezeichen. Manchmal ist es nicht im Fernsehen zu sehen. Manchmal ist es nicht laut und deutlich und ganz weit vorn. Manchmal sitzt das Wichtige ganz weit hinten in der Ecke eines Pariser Cafés, ist etwas verknittert, versackt fast in einem roten Plüschsessel und nuschelt in die Tasse Tee hinein. Und zwar so leise, dass man die anderen Gäste gerne rausscheuchen würde, um wenigstens einen Satz zu verstehen.

So wie Marc Audibet, der neue Chefdesigner von Vionnet. Sobald er den Namen seines neuen Arbeitgebers ausgesprochen hat, macht er eine Pause, als müsse er abwarten, bis das Echo des großen Wortes im Raum verhallt ist, um weiterreden zu können. Denn Vionnet war einmal neben Chanel das bedeutendste Modehaus in Paris. Vor dem Zweiten Weltkrieg wurde es geschlossen. Für fast 70 Jahre.

Nun gibt es wieder Mode unter dem Namen Vionnet. Und wenn die Dinge so laufen, wie Audibet es möchte, wird er der Marke ihre Bedeutung zurückgeben. Und vielleicht sogar mehr: Wer an Vionnet denkt, raunt er, wolle etwas zurück, das der Mode verloren ging. „Die Leute warten nicht auf etwas Neues.“

Vielleicht ist ein Flüsterton angemessen. Immerhin schrieb die langjährige Chefin der britischen Vogue, Alison Settle, über die Pariser Couture-Manufakturen: „Die Modehäuser waren ehrfurchtgebietend, die Atmosphäre war ein bisschen wie in einer Kirche oder einem hochklassigen Museum. Es herrschte Stille.“ So spricht Marc Audibet: Als wäre um ihn herum heiliges Schweigen.

Eine neue Sehnsucht nach Vergangenheit hat die Modewelt erfasst. Original-Roben von Dior erreichen bei den Auktionshäusern Sotheby’s und Christie’s Preise bis zu 30000 Euro – und immer mehr Frauen haben wieder Interesse daran, Kleider von Marken zu tragen, die schon vor Jahrzehnten verblassten. In Zeiten, in denen globale Unternehmen Kontinent für Kontinent erobern und die Boutiquen in Moskau das Gleiche anbieten wie in Tokyo, entsteht ein neues Bedürfnis nach dem Kleinen, dem Exklusiven. Nach einer Ära, als Namen keine „Labels“ waren. Als Modeentwürfe nicht den allgemeinen Trends, sondern allein der Inspiration eines Genies folgten. Als Schneiderkunst Hochkultur war und Modeschauen keine Events mit Lightshow und Soundteppich, vielmehr stille Defilees, bei denen man sich völlig auf die Modelle konzentrierte, wie auf Ausstellungsstücke.

Es begann mit der Wiederbelebung der Marke Balenciaga. Nachdem Cristóbal Balenciaga, einer der begabtesten Couturiers des vorigen Jahrhunderts, sich 1968 aus seiner Firma zurückzogen hatte, war sein Haus in der Bedeutungslosigkeit versunken. Der Dufthersteller Jacques Bogart erwarb die Namensrechte und nutzte sie vor allem zum Parfumvertrieb. 1995 wurde der junge Designer Nicolas Ghesquière eingestellt, zunächst um Lizenzprodukte zu schneidern, etwa Trauerkleider für japanische Witwen. Schließlich entwarf er eine ganze Kollektion, wenige Jahre später kaufte die Gucci-Gruppe Balenciaga mitsamt dem Kreativchef. Mit seinem Stil, der Nüchternheit und Überfluss, Schlichtheit und Dramatik verbindet, gilt Ghesquière mittlerweile als der einflussreichste französische Modedesigner.

Eine ähnliche Erfolgsgeschichte schrieb Lanvin. Das älteste Modehaus von Paris war lange so gut wie verschwunden und feiert mit dem israelischen Designer Alber Elbaz ein sehr gelobtes Comeback. Selbst die Marke Balmain zeigt wieder eine Kollektion. Nachdem das Haus 2004 Insolvenz angemeldet hatte, wurden nur noch Regenschirme und Maniküresets mit Balmain-Logo verkauft. Und der nächste Neustart kündigt sich schon an. Es wird darüber spekuliert, ob Diego Della Valle, der Chef von Tod’s, die abgewrackte Marke Schiaparelli wieder aufbauen will.