Frankreich

Le Kraftmeier

»Wacht auf! Wacht auf!« - wie Nicolas Sarkozy Deutschland und Europa belebt und erschreckt.

Ein Wochenende ganz nach dem Geschmack des französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy: Am Samstag hatte er mit einer Kritik an der europäischen Zinspolitik die beiden wichtigsten EU-Finanzpolitiker gegen sich aufgebracht – Zentralbankchef Trichet und den Vorsitzenden der Euro-Gruppe Juncker. Am Sonntag sprach sein Außenminister Bernard Kouchner erstmals von der Möglichkeit eines »Krieges« mit Iran. Und während am Montag noch wütende Repliken aus Brüssel und Teheran eingingen, eröffnete Sarkozy in Paris das größte Architekturmuseum der Welt, eine Leistungsschau französischer Grandeur von den Kathedralen bis zu Le Corbusier.

Die erst vier Monate alte Präsidentschaft des Nicolas Sarkozy ist ein atemberaubendes Wirbeln auf drei Ebenen: die verunsicherte nationale Identität pflegen, den finanzpolitischen Konsens in Europa angreifen und eine Führungsrolle für Frankreich in allen Weltkonflikten reklamieren. Dies alles simultan, als wäre der »Hyperpräsident« der vielarmige Gott Vishnu. »Ich rufe den Europäern zu«, wurde er zitiert: »Wacht auf! Wacht auf!«

Nicht nötig. In Berlin jedenfalls sind längst alle hellwach. Das deutsche Sarkozy-Bild irrlichtert zwischen Faszination, Befremden und wachsender Gereiztheit. Vergangene Woche erst hatte Sarkozy Angela Merkel bei einem Treffen in Meseberg en passant eine Mitverfügung über die französischen Atomwaffen angeboten. Außenminister Steinmeier musste höflich klarstellen, dass Deutschland keine Atomwaffen anstrebe und darum auch 1975 dem Atomwaffensperrvertrag beigetreten sei. Le Monde sagte Sarkozy nach seiner Rückkehr, Merkel sei leider in eine Koalition eingebunden, er hingegen könne eben »schneller vorangehen«. Er habe Angela Merkel »bei der Atomfrage geholfen«.

Der Sozialdemokrat mahnt den Konservativen zur Sparsamkeit

Auch Finanzminister Peer Steinbrück hat vor einigen Wochen Bekanntschaft mit dem stark entwickelten pädagogischen Trieb des französischen Präsidenten machen dürfen. Bei einer Sitzung der europäischen Finanzminister gab Steinbrück Sarkozy Widerworte und verteidigte die Unabhängigkeit der Europäischen Zentralbank. Eine sprechende Anekdote über die Verwirrung des Links-rechts-Schemas in Europa: ein Sozialdemokrat als Bewahrer der unabhängigen Geldpolitik und als Mahner zur Sparsamkeit gegenüber einem vermeintlichen Konservativen, der im Dienste des Wachstums alles etwas lockerer sehen will.

Die Folgen der Steinbrückschen Frechheit enthalten darüber hinaus eine Lehre über die Stärke Europas. Sarkozy verlangte von Angela Merkel eine öffentliche Rüge Steinbrücks wegen Ehrverletzung. Die Kanzlerin, erfahren im kühlen Auskontern machistischer Bravado-Politiker und ihrer Neigung zur Ehrpusseligkeit, ließ den Wunsch nach Züchtigung Steinbrücks abperlen: Sprich doch einfach mit ihm, soll sie gesagt haben. Sarkozy ist nicht bloß bei der Kanzlerin abgeblitzt. Die Rationalität der europäischen Institutionen, verkörpert durch einen denkbar uncharismatischen deutschen Finanzminister, der störrisch die europäische Solidität verteidigt, ist am Ende stärker als der napoleonische Präsident.

Auch die jüngste Attacke Sarkozys gegen Trichet und Juncker folgt diesem Muster. Statt sich ausspielen zu lassen, bilden der Zentralbankchef und der Vorsitzende der Gruppe der Euro-Finanzminister nun eine vereinte Front gegen die wiederholten französischen Wünsche, den Stabilitätspakt und die EZB auszuhebeln. In unbekannter Offenheit wurde dem virtuellen Pariser Großökonomen empfohlen, lieber erst einmal daheim zu reformieren und zu sparen. Sarkozys harte Worte über die Beitrittsverhandlungen mit der Türkei, seine Drohungen, jeden weiteren Fortschritt zu blockieren, sehen mittlerweile wie Bluff aus. Wieder hilft ihm Merkel sanft vom Pferd: Freudig hat sie Sarkozys Idee eines »Rats der Weisen« begrüßt, der über Europas Zukunft und über die Erweiterung nachdenken soll. Das Gesicht des Präsidenten ist gewahrt, die Verhandlungen können weitergehen.

Offiziell werden die Irritationen zwischen Paris und Berlin zwar noch weggelächelt. Doch die Bereitschaft, den Aktionismus des französischen Präsidenten nachsichtig seinem Temperament und einem gesunden Geltungsdrang zuzuschreiben, schwindet. Nicht nur in Brüssel, auch in Berlin ist man nachhaltig darüber verärgert, wie er die Befreiung der bulgarischen Krankenschwestern – ein Erfolg vor allem jahrelanger EU-Diplomatie – kurzerhand für sich und seine Frau reklamierte und dann auch noch mit einem Deal über Atomtechnik krönte. Dass man sich diesseits des Rheins so über ihn aufregt, zeigt aber auch, wie die europäische politische Sphäre sich verdichtet – paradoxerweise sogar umso mehr, je nationaler Sarkozy agiert. Seine Rastlosigkeit wirkt womöglich am Ende – absichtslos – integrativer als die rituellen Sonntagsreden über den »deutsch-französischen Motor«.

Selbst bekennende Europäer können solche Phrasen nicht mehr hören. Aber dass gar keine packende Formel in Sicht ist, die an Stelle dieses lästigen Klischees treten könnte, beginnt Veteranen des franko-germanischen Austausches wie den CDU-Politiker Karl Lamers zu beunruhigen. Es ist nicht so sehr die Auseinandersetzung über die Wirtschaftspolitik, die Lamers alarmiert: »Zu Zeiten der Währungsunion hatten wir teils schon genau wortgleiche Debatten.« Die europäische Kraftmeierei des französischen Präsidenten könnte ein Versuch sein, sich als brachialer Durchsetzer französischer Interessen den dringend benötigten Freiraum zu schaffen, den Sarkozy bei der Durchsetzung der innenpolitischen Reformen braucht. »Aber dass ein französischer Präsident die Globalisierung begrüßt und Reformen ankündigt, ist für sich schon etwas Gutes für Europa«, sagt Lamers.

Nicolas Sarkozys weltpolitischer Sturm und Drang ist nicht so leicht wieder einzufangen wie seine finanzpolitischen Eskapaden. Zwar wird in Berlin von allen Seiten begrüßt, dass der Präsident durch die Wiederannäherung an Amerika das transatlantische Verhältnis entspannt und das dumme Spiel mit einem alten und neuen Europa durchkreuzt. (»Der Urlaub bei Bush hätte vielleicht nicht sein müssen«, sagt gleichwohl ein Berliner Diplomat.)

Sarkozy stößt ohne Zaudern in die Lücke vor, die nach dem Abgang Blairs in Europa entstanden ist, und bietet sich als verlässlichster Freund der USA in Europa an. Sein Außenminister Kouchner reiste in den Irak und brachte Frankreich dort und bei der geplanten Nahostkonferenz als »ehrlichen Makler« ins Gespräch. Selbst eine Rückkehr Frankreichs in den militärischen Verbund der Nato – der Bruch mit dem gaullistischen Erbe – wird in Aussicht gestellt. Und nun stellt sich Frankreich in der Iranpolitik an die Seite der Vereinigten Staaten. Man fordert die Europäer auf, schärfere Sanktionen gegen Teheran zu beschließen – außerhalb der UN.

Er wird nicht, wie Blair, für Bush politischen Selbstmord begehen

Für die Deutschen, die stolz darauf sind, die EU-Troika mit Briten und Franzosen zusammengehalten und auch Russen und Chinesen hinter die ersten beiden Sanktionsrunden gebracht zu haben, bedeutet diese Initiative eine doppelte Provokation. Erstens ist sie wieder nicht abgestimmt. Zweitens, und das ist schmerzhafter, rührt sie an die Schwachstelle der deutschen Iranpolitik. Ist es nicht richtig, den diplomatischen Kurs zu verschärfen, wenn man den Krieg vermeiden will, wie es Sarkozy und Kouchner sagen? Auch unter Berliner Außenpolitikern gibt es Zweifel, ob die Geschlossenheit im Rahmen der UN es wert ist, sich weiter auf Sanktionen zu beschränken, die möglicherweise zu harmlos sind, um Iran zu einem anderen Verhalten zu bewegen. Frankreich will diesen Konsenszwang jetzt durchbrechen. Aber wie weit geht der neue proamerikanische Kurs? Ein französischer Diplomat sagt es so: Der Präsident liebt Amerika, aber er wird für George Bush nicht Selbstmord begehen wie Tony Blair.

Wie lange der Präsident sein atemberaubendes Tempo halten kann, fragen sich nicht nur die Berliner und Brüsseler Politiker, sondern auch seine zugleich erschöpften und euphorisierten Diplomaten: »Wir haben nach vier Monaten immer noch keine Ahnung, was seine normale Betriebsgeschwindigkeit ist.« Wer sagt eigentlich, dass es so etwas bei ihm gibt?

Versucht nicht jeder französische Präsident, sich anfangs zu profilieren? Chiracs Atomtests in der Südsee waren bald gnädig vergessen. Doch wir leben in anderen, gefährlicheren Zeiten. Und da hat die Frage eine andere Dringlichkeit, ob die Kraftmeierei bloß »Sarko-Show« ist oder einen Gezeitenwechsel ankündigt.

Mitarbeit: Petra Pinzler

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

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Leser-Kommentare

  1. Na sowas, also wirklich "très shocking" - ein französischer Präsident, der bereit ist, wieder etwas Leben in die lahme europäische Bude zu bringen! Kein Wunder, dass Brüssel erschreckt ist, wo man sich noch seines jovialen Vorgängers Chirac erinnert, der unter Türenknall eine Sitzung verließ, bloß weil ein Franzose mal englisch sprach. Aber dieser Sarkozy will tatsächlich etwas unternehmen, statt sich wie die Deutschen nur immer über alles zu "entrüsten" ohne etwas zu tun. Ein derart uneuropäisches Verhalten sollte verboten werden, ehe es um sich greift.

    • 22.09.2007 um 15:49 Uhr
    • andrku

    ... na wenigstens macht der Name eingedeutscht was her "Sar-kotz-y" *g* Nur ein Scherz, sorry.

    Ich mochte den Menschen schon vor der Wahl nicht und das hat sich noch nicht geändert. Aufgeblasene Profilneurotiker konnte ich noch nie leiden, wenn diese dann auch noch zuviel Macht haben, machen sie mir Angst.

    Das S positiv für Europa sein könnte, kann auch mal wieder nur die veröffentlichte Meinung behaupten.

    1) Europa mangelt es vor allem an Politik von und für die Bürger. Keine Frage, S wird eher in die entgegengesetzte Richtung marschieren. Mehr Macht für ganz Wenige, Sarkozy's (und Merkels) Verständnis von Demokratie.

    2) Ich will ein friedliches Europa, auch hier tendiert S, genau wie Merkel, in eine andere Richtung. Mehr Rüstung, mehr militärische Kraftmeierei, mehr internationale Interventionen.

    3) Ich will eine Stärkung der Gesellschaft gegenüber global-wirtschaftlichen Erpressungsversuchen, auch hier läuft S in eine andere Richtung. Seine Lobhudelung der Globalisierung könnte direkt vom BDI stammen (oder von J. Joffe).

    Aber na ja, die Franzosen haben sich noch nie allzuviel gefallen lassen, und S ist nicht gerade für seinen diplomatischen Spürsinn bekannt. Wenn er mit seinen neoliberalen Reformen, in Frankreich, zu weit geht, könnte er schnell vom Fenster weg sein... hoffen wir mal.

    MfG
    AKu

    • 23.09.2007 um 1:45 Uhr
    • iDog

    ja was will er denn bloss, der kleine ? blosser aktionismuss bringt uns auch nicht weiter, profilneurotisches vordraengeln schon lange nicht. wann werden die europaeer bzw die europaeischen poloitiker endlich begreifen, dass nur in ausgewogener zusammenarbeit eine staerke schlummert , die bis jetzt noch nicht ausgelotet geschweige den ausgeschoepft wurde. diese art der wohlwollenden, gleichberechtigten und daher effektiven zusammenarbeit kann natuerlich nicht die macht- und profilgelueste einzelner befriedigen - diese dinge sollte man heutzutage schon zu hause erledigen - sondern muss im gegenteil elemente , die sich aufgrund ihrer neigungen zum stoerer degradieren, aussortieren, isolieren bzw in ihre schranken weisen und auf ihre eigentlichen kompetenzen hinweisen.
    fruher haette man gesagt : grosse schnauze - nichts dahinter. meist wird der so betitelte dann agressiv und schlaegt wohlmoeglich um sich. von goesse kann dann nicht mehr die rede sein. schaut euch bush heute an.
    die franzosen haben s. sicher mit der hoffnung gewaehlt, wieder etwas wohlhabender zu werden und endlich ihre soziallistischen altlasten loszuwerden. dass sie sich damit auch einen giftzwerg mit ausgepreagtem groessenwahn eingehandelt haben, war im ersten moment vielleicht nicht bewust, aber sie wollten sicher nicht , dass er die EU aufmischt und sich mit bush in zweifelhafte abenteuer stuerzt.
    Schade das Jospin im politischen kleinkrieg vor den letzten wahlen untergebuttert wurde - er war der besonnenere und sachlichere, der probleme behandelte anstatt sie zu negieren oder durch neue zu ersetzen.
    vive la France, mais sans sarkozy s.v.p.

  2. Woher nehmen atomar hochgerüstete Staaten
    das Selbstverständnis ,
    anderen Staaten Atomtechnologie zu verbieten ?

    Warum ist die Vorstellung von internationaler Abrüstung
    völlig in Vergessenheit ?

  3. Guter und aufschlussreicher Artikel! Dass Sarkozy ein dicker Macho ist, wusste man schon vor den Wahlen. Dass er allerdings auch derart machtbesessen ist, wie dies nun zum Ausdruck kommt, hat man so nicht wirklich geglaubt oder erwartet. Vielleicht strebt er ja mit Herrn Bush die Weltmacht an. Und Frau Merkel blickt wohl voll durch. Mein Respekt vor ihr wächst von Jahr zu Jahr.

    • 23.09.2007 um 19:01 Uhr
    • iDog

    ausser einem sind alle kommentare anti sarkotzy und nur dieser eine hat eine gute bewertung der leser = die konservativen leser sind anscheinend in der ueberzahl haben aber keine zeit selber kommentare zu schreiben oder keine eigene meinung . um so merkwuerdigen als dass der artikel selber ja auch nicht gerade pro sackrosy ist.

    • 23.09.2007 um 22:36 Uhr
    • gerddim

    Das verschreckt vor allen Dingen die Deutschen, die sich so an's Dampfplaudern gewoehnt haben, dass jeder, der was tun will, automatisch ein uebler Bursche ist, weil er den schoenen "konsensus" (nennt man auch Nichtstun-Gemuetlichkeit) durcheinanderbringt.

    Weiter so S. Vielleicht kommt doch noch Leben aus dem alten Europa. Nicht nur Gemecker, Hasstiraden und Bremsen gegen alles Tun, wie man das aus Deutschland inzwischen routinemaessig gewoehnt ist.

    • 23.09.2007 um 22:49 Uhr
    • gerddim

    Herr Bush verlaesst die Buehne am 20. Januar 2009.
    Nicht genug Zeit um die Weltmacht anzustreben.

    Ist Ihnen das noch nicht aufgefallen?

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  • Von Jörg Lau
  • Datum 28.1.2008 - 02:48 Uhr
  • Quelle DIE ZEIT, 20.09.2007 Nr. 39
  • Kommentare 10
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