Stand der Wind ungünstig, hieß es in dem kleinen Küstenort: „Es stinkt nach…“ In diesem Namen klang das Gold an, das die Familie nun schon seit Generationen mit Dünger gemacht hatte. Die Familie selbst lebte in einem von den Ausdünstungen ihres Reichtums verschonten großen Haus am Meer. Mit seinem verwunschenen Garten war dies das Paradies des Knaben, der den berüchtigten Namen auf ganz andere Weise in der Welt berühmt machen sollte.

Seine Kindheit beschrieb er als Zeit voller Glück, Überschwang und Frieden, in der alles das Leben zum Kunstwerk machen sollte. Die Leidenschaft seiner eleganten Mutter, das Grundstück in einen Park zu verwandeln, färbte auf ihn ab; sein größtes Vergnügen war, die Namen und Beschreibungen der Blumen in den Gartenkatalogen auswendig zu lernen. Gesellschaften, Maskenbälle, Picknicks – an diesem Lebensstil hielt er sein Leben lang fest. Auch als die Familie in die Hauptstadt übersiedelte, holte ihn der Ernst des Lebens nicht ein: „Offiziell sollte ich für meinen Schulabschluss büffeln, aber mit meinen Freunden verfiel ich Musik, Literatur, Malerei und all den neuen Trends in den Künsten.“ Durchgefeierte Nächte, wilde Musik, Trinkgelage, Liebeleien und Freundschaften machten nun sein Leben aus. Die Eltern waren verzweifelt. Er schrieb sich für Politik an der Universität ein, mit dem vagen Ziel, Diplomat zu werden. Kurze Zeit später verlegte er sich auf die Architektur. Er dilettierte in sämtlichen Künsten, je nachdem, welchen Künstler er gerade besonders aufs Podest stellte. Ohne eigenen Ehrgeiz, wurde er von Beruf Freund: Er bewunderte, applaudierte und unterstützte. Und als einer der Freunde einen Partner für eine Galerie suchte, wurde er Kunsthändler. Trotz aller Bedenken gaben ihm die Eltern Startkapital, unter der Bedingung, dass sein Name nie über dem Geschäft erscheinen dürfe – für sie ein Zeichen sozialen Abstiegs.

Doch dann brach das Unglück über die Familie herein: Der jüngste Bruder wurde für den Rest seines Lebens in eine Nervenheilanstalt eingewiesen, die Mutter starb „aus Gram“ an einer Sepsis, der Vater machte Bankrott, und die Galerie ging pleite. Jetzt waren Freunde lebensnotwendig: Einer nach dem anderen nahmen sie ihn bei sich auf, fütterten ihn durch, und als er an Tuberkulose erkrankte, finanzierten sie ihm ein Jahr in einem freundlicherem Klima. Zurückgekehrt, ging er Morgen für Morgen zum Kiosk, um die Kleinanzeigen in den Zeitungen auswendig zu lernen, und klapperte den ganzen Tag über Büros ab auf der Suche nach irgendeiner Arbeit. Wieder war es ein Freund, der ihn schließlich seine Berufung erkennen ließ. Zunächst imitierte er ihn, dann machte er sich mit nie gekannter Beharrlichkeit daran, das Handwerk zu lernen, das ihm recht spät im Leben ungeahnten Erfolg bringen sollte. So wurde der äußerlich unattraktive Mann zum Maßstab des Schönen – und wie eine Hellseherin ihm prophezeit hatte, verdankte er seinen Reichtum den Frauen.

„Ich sehe meinen Beruf als Kampf gegen die mittelmäßigen und demoralisierenden Elemente unserer Zeit. Alles, was über Wärme, Essen und ein Dach über dem Kopf hinausgeht, ist Luxus. Unsere Zivilisation ist Luxus. Meine Pflicht ist, nicht aufzugeben, ein Beispiel zu setzen, zu schöpfen, trotz allem.“

Wer wars?

Wolfgang Müller

Lösung aus Nr. 38:
Golda Meïr (1898–1978) gehört zur Gründergeneration des Staates Israel. Sie kam in Kiew zur Welt, wuchs in Milwaukee und Denver/Colorado auf und heiratete 1917 den Zionisten Morris Myerson (daraus wurde der Name Meïr). 1921 zog das Paar nach Palästina. Golda Meïr war die erste Gesandte Israels in Moskau, danach Ministerin für Arbeit und soziale Sicherheit, Außenministerin, Generalsekretärin der sozialdemokratischen Partei und schließlich Regierungschefin (1969–1974). Legendär wurde „Israels Mutter Courage“ zu Lebzeiten, als sie 1948, um den Krieg zu verhindern, als Araberin verkleidet nachts zu geheimen Verhandlungen mit König Abdullah von Jordanien fuhr