Google Earth
Die neue Heimat
Wo ist der nächste Arzt? Wo lauert die Radarfalle? Mit Google Earth haben die Internetnutzer die Geografie entdeckt. Sie füllen den virtuellen Globus mit Inhalten und stellen neue Landkarten ins Netz
Der wichtigste Kartograf des 21. Jahrhunderts? »Das ist Paul Rademacher«, sagt Jeremy Crampton, Geograf von der Universität Georgia in Atlanta. Crampton hat sich viel mit der sozialen und politischen Funktion von Landkarten beschäftigt. Mit seinem Urteil wird er Widerspruch hervorrufen.
Denn Paul Rademacher hat in seinem Leben keine einzige Karte gezeichnet und keinen Quadratmeter Landschaft vermessen. Seine Leistung bestand vor zwei Jahren darin, zwei elektronische Datensätze zusammenzuführen: die Wohnungs-Kleinanzeigen der Website Craigslist und Karten von Google Maps . Das Ergebnis war eine Internetseite ( housingmaps.com ) mit Stadtplänen amerikanischer Städte, auf denen freie Wohnungen eingezeichnet sind. Simpel, aber revolutionär.
Rademacher musste die Karten von Google noch »hacken« – inzwischen hat das Unternehmen die Datenschnittstelle freigegeben (und den Computergrafiker Rademacher eingestellt). Mit ein paar Mausklicks kann nun jedermann die Karten von Google mit beliebigen Datensätzen zusammenführen, vorausgesetzt, diese sind geografisch markiert, mit Adressen oder Koordinaten. »Mash-ups« nennt man diese hausgemachten Datenmischungen, und etwa vier Millionen Menschen weltweit haben solche angereicherten Karten schon auf ihre Homepage gestellt.
Ein Reiz des Internets war lange Zeit vor allem seine Ortlosigkeit. Kommunizieren mit Menschen auf der anderen Seite des Erdballs, Informationen aus digitalen Bibliotheken irgendwo auf der Welt. Nur selten – etwa bei der Suche nach einer bestimmten Straße – hatten Anfragen überhaupt einen direkten geografischen Bezug.
Aber letztlich ist der Mensch ein ortsgebundenes Wesen, die wenigsten zieht es in die virtuelle Welt Second Life. Irgendwann will man den Onlineflirt in Fleisch und Blut treffen. Und den Gebrauchtwagen kauft man auch nicht in München, wenn man in Berlin wohnt. Man sucht nicht irgendeinen Zahnarzt, sondern den, der seine Praxis um die Ecke hat. Oder vielleicht den besten Zahnarzt im Umkreis von fünf Kilometern. Die Internetnutzer stellen plötzlich fest, dass der Ort doch wichtig ist. Und dass die Verknüpfung von Daten und Orten ein ganz neues Netzgefühl hervorbringt. »Locative Media« nennt sich das, zu Deutsch etwa »ortsgebundene Medien«. Willkommen im Geoweb!
»Ich glaube, wir brauchen eine ›digitale Erde‹. Eine hochauflösende, dreidimensionale Darstellung des Planeten, in die wir riesige Mengen von Geodaten einbetten können.« Das sagte im Januar 1998 der amerikanische Vizepräsident Al Gore. Vor fast zehn Jahren, nach der Internet-Zeitrechnung also in der Steinzeit. Erstaunlich visionär war diese Rede. In einem Punkt aber irrte sich Gore. »Dieses Szenario mag sich nach Science-Fiction anhören«, sagte er seinen Zuhörern. »Es wird eine Weile dauern, bis die meisten von uns zu Hause über die entsprechende Bandbreite verfügen. Deshalb brauchen wir öffentliche Zugangspunkte an öffentlichen Orten wie Kinder- und Wissenschaftsmuseen.«
Die Vision wurde schneller wahr, als Gore zu hoffen wagte, und wir müssen heute nicht in die Bibliothek, um über den digitalen Globus zu surfen. Gore konnte damals nicht ahnen, dass ein halbes Jahr nach seiner Rede zwei Stanford-Studenten die Firma Google gründen und mit ihrer Suchmaschine zu Milliardären würden . Mit einem Teil dieses Profits kaufte Google 2004 die Firma Keyhole, die über große Mengen von Satellitenbildern verfügte. 2005 ging die digitale Erde online, kostenlos für jeden Internetnutzer. Mehr als 250 Millionen Menschen haben das Programm seitdem heruntergeladen, dazu kommen noch diejenigen, die das Konkurrenzprogramm Virtual Earth von Microsoft benutzen (das nur auf Windows-Computern läuft). Die Menschen suchen ihr eigenes Haus auf dem Satellitenbild, fliegen ihre Urlaubsreisen nach. Vor allem aber füttern sie Google Earth mit neuen Daten, die andere dann sehen können. Das können touristische Informationen sein, aber auch die zerstörten Dörfer in der sudanesischen Darfur-Region, eingezeichnet von Mitarbeitern des Holocaust Memorial Museum in Washington.
Während Al Gore noch davon ausging, dass die Menschen auf professionelle Datenbanken zugriffen, etwa Zahlen zu Klima und Umwelt, produzieren die User heute die Karten und oft auch die Daten selber. »Crowdsourcing« nennt sich das im Web-2.0-Slang – das Wissen der Nutzerschwärme ist die neue Ressource. Das bekannteste Beispiel ist die Online-Enzyklopädie Wikipedia , längst das umfangreichste und meistgenutzte Nachschlagewerk der Welt. Sie kämpft immer noch mit dem Vorurteil, dass da ja jeder ungestraft den größten Unsinn hineinschreiben könne, aber ein Vergleich des Magazins Nature von Wikipedia mit der Encyclopædia Britannica ging im Dezember 2005 unentschieden aus. Die weltweite Wiki-Gemeinschaft bringt auch die Selbstreinigungskräfte hervor, die dafür sorgen, dass fehlerhafte oder tendenziöse Beiträge binnen Minuten korrigiert werden.
Auch die Blogger (deren Seiten immer noch gern als »Internettagebücher« bezeichnet werden) haben gezeigt, dass die Masse zwar viel redundantes Rauschen im Netz produziert, aber auch immer wieder die Nuggets, die dann durch massenhafte Verlinkung im Netz an die Oberfläche gespült werden. Gute Blogs sind schnelle Nachrichtenmedien, oft investigativ, und inzwischen kann es sich vor allem in den USA keine Zeitung und kein Politiker mehr leisten, ohne Blog im Web aufzutreten.
Ein geografisches Wiki gibt es auch schon: Das Projekt OpenStreetMap ist eine wachsende digitale Landkarte, deren Initiatoren sich ganz aus der Abhängigkeit von Google und anderen befreien wollen. Die Website funktioniert wie Wikipedia – jeder kann dort Straßen und andere geografische Details mit den Koordinaten eintragen, die ihm sein GPS-Empfänger liefert. Können Bauern Karten machen? nannte der Geograf Jeremy Crampton seinen Vortrag auf einer Locative-Media-Konferenz, die Anfang September in Siegen stattfand. Und er ist einer der wenigen Geografie-Profis, die die Frage uneingeschränkt mit Ja beantworten.
Andere etablierte Kartografen sehen die neue Geo-Welle mit gemischten Gefühlen. Sie haben in den vergangenen zwei Jahrzehnten mit Akribie die Landkarten der Welt digitalisiert, in sogenannten Geografischen Informationssystemen (GIS) zusammengefasst und standardisiert. Und jetzt kommen Krethi und Plethi und mixen sich im Netz ihre eigenen Pläne zusammen? Jack Dangermond, Chef des GIS-Marktführers Esri, freut sich einerseits über die Graswurzelbewegung im Netz (und über die 20 Prozent Umsatzsteigerung, die seine Firma im vergangenen Jahr verzeichnen konnte). Aber andererseits ist er überzeugt, dass für die grundlegende Arbeit immer noch Profis gebraucht werden. »Ich glaube nicht an Geo-Wikis«, sagte Dangermond auf einer Geoweb-Konferenz im Juli, »wer will schon ein Loch buddeln und dann auf eine Rohrleitung stoßen?« Die Tatsache, dass die Geodaten offen im Netz verfügbar seien, mache nicht die Arbeit derer überflüssig, die sie zusammentragen und in Datenbanken verwalten. »Das ist der Kern unseres Geschäfts«, sagt Dangermond – und dieser Kern müsse in der Hand der Profis bleiben.
Wie so oft bei Internettrends laufen auch beim Geoweb die Akademiker der Realität hinterher. In Siegen traf sich ein übersichtliches Häuflein internationaler Medienwissenschaftler, um über Geomedien zu diskutieren – aber als am Abend der Comedian Bernhard Hoëcker aus seinem Buch Aufzeichnungen eines Schnitzeljägers las, war der Saal mit etwa 100 siegerländischen Geo-Cachern gefüllt. Geo-Caching ist die moderne Form der Schnitzeljagd, bei der es gilt, mit einem GPS-Gerät bewaffnet, »Schätze« zu finden. Der Schatz besteht meist aus einer Tupperdose, in der sich ein Logbuch befindet. Darin trägt sich der Finder ein, zusätzlich vermerkt er seinen Fund auf einer Geo-Caching-Seite im Internet. Manche Schnitzeljäger haben schon weit über 1.000 Caches gefunden, und der Stoff geht ihnen so schnell nicht aus: Allein um das Städtchen Siegen herum sind etwa 200 Schätze versteckt, in Deutschland mehrere tausend.
Es mag nicht jedermanns Sache sein, nachts bei Regen durch einen Wald zu stapfen, um eine Plastikdose zu bergen, aber das Beispiel zeigt, dass die neuen Geomedien dann ihre Stärken zeigen, wenn sie mit mobilen Geräten verknüpft werden. Noch sind nur wenige Handys mit einem GPS-Empfänger ausgestattet, der die Position per Satellitenortung bestimmt. Dabei wäre ein solcher Empfänger nicht einmal nötig zur exakten Positionsbestimmung, zumal er in geschlossenen Räumen nicht funktioniert. Allein aufgrund der Signal-Laufzeiten zu den nächsten Mobilfunkmasten könnte ein Handy sich präzise verorten – wenn die Mobilfunkbetreiber einen entsprechenden Dienst einrichten würden. Die haben offenbar das Potenzial noch nicht erkannt, das die Verknüpfung von Mobilfunk und Geodiensten birgt. Oder sie sind zufrieden mit dem, was sie mit dem Verkauf von Klingeltönen und durch überhöhte SMS-Gebühren einnehmen.
Mobile Geodienste könnten nicht nur die stereotype Frage beantworten, wo denn die nächste Pizzeria ist. Auch hier sind es die sozialen Netzwerke, die den meisten Nutzen versprechen: Wie wäre es, wenn ich auf dem Handy sehen könnte, dass ein Freund, den ich seit zehn Jahren nicht gesehen habe, sich gerade zwei Straßen weiter befindet? Bei jeder dieser Anwendungen stellt sich allerdings gleichzeitig die Frage ob man denn auch von anderen gefunden werden will.
An der Queensland University of Technology im australischen Brisbane wird CityFlocks erprobt, eine Art touristischer Empfehlungsdienst: Einheimische versehen ihre Stadt mit Annotationen über Clubs, Restaurants und Freizeitaktivitäten, und Besucher der Stadt können diese Informationen abrufen und sogar die Verfasser kontaktieren. Schon bei diesem Beispiel zeigt sich das doppelte Gesicht der neuen Technik. Will ich wirklich von einem Touristen angerufen werden, der sich für das Nachtleben meiner Heimatstadt interessiert?
Wo ich mich wann aufhalte, ist ein intimes Detail, das sensibler ist als meine Telefonnummer oder meine Gehaltsabrechnung. Wer darf meine Geodaten sehen, und wer schützt mich vor Missbrauch? Viele Nutzer wissen gar nicht, wie gut sich ihre Bewegungen in Raum und Zeit nachverfolgen lassen. In einem britischen Kunstprojekt mit dem Namen Loca wurde die Bluetooth-Schnittstelle des Handys genutzt – sie ist oft ohne Wissen des Besitzers auf »sichtbar« gestellt. Verblüffte Passanten bekamen dann plötzlich eine Nachricht auf ihr Handy, etwa: »Sie waren in einem Blumenladen und dann 30 Minuten im Park – sind Sie verliebt?« Oder auch: »Wir haben momentane Probleme, Ihre Position zu bestimmen; bitte halten Sie Ihr Gerät hoch!« Einige der überwachungsgewohnten Engländer schwenkten tatsächlich ihr Handy in der Luft.
Eine andere Kehrseite der neuen Geomedien ist profaner. Werber wüssten nur zu gerne, wo sich Mitglieder ihrer Zielgruppe aufhalten. Die Sache hat schon einen Namen: Geo-Spam.
Weiterführende Links zum Stöbern:
Wohnungsangebote USA:
www.housingmaps.com
Wohnungsangebote Schweiz:
immo.search.ch
Flüge in Realtime verfolgen:
flightaware.com
flightview.com
flightstats.com
Placeopedia
verbindet Wikipedia-Artikel mit Landkarten
Pennsylvania Turnout Mapper
: Verschiedene Karten zur Wahlbeteiligung
Eine etwas unübersichtliche Fundgrube:
del.icio.us
Radarfallen:
scdb.info
Fon Maps
:
Freie WLAN-Hotspots
Geocaching
:
Versteckte Caches im Hamburger Raum
Karten, von Usern ins Netz gestellt:
geocommons.com
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- Datum 25.9.2007 - 10:03 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 20.09.2007 Nr. 39
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