Häme ist eine besondere Form von Mitgefühl, und der erfolgreichste Investor der Welt hat davon eine Menge. Über Zeitungen sagt Warren Buffet: »Nehmen wir mal an, Gutenberg hätte die Druckerpresse nicht erfunden und das Nachrichtengeschäft hätte sich gleich im Internet entwickelt«, holt er gut gelaunt aus. »Wenn heute jemand käme und sagte: ›Ich habe da eine großartige Idee. Lass uns alle Nachrichten auf Papier drucken. Wir werden Rotationspressen die Nacht über laufen lassen und die fertigen Zeitungen mit einer Lastwagenflotte im Land verteilen, damit die Leute am Morgen lesen können, was am Tag zuvor passiert ist.‹ Würden Sie in die Idee investieren?« Eine Antwort hält Buffett gar nicht für nötig. Auf der jüngsten Hauptversammlung seiner Holding Berkshire-Hathaway war jedem klar, was er sagen wollte: Zeitungen haben es hinter sich!

In den USA reden sie schon vom endgame . Das Wall Street Journal verlor seine Eigenständigkeit und gehört jetzt dem Medientycoon Rupert Murdoch. Unterdessen sinnierte ein Autor im Magazin Business Week , welche Zeitung ihre gedruckte Ausgabe wohl als Erste einstellen werde, um nur noch im Internet zu erscheinen.

Auch in Deutschland sind Zeitungen in die Presse geraten. Ihre Gesamtauflage sinkt seit mehreren Jahren – und vor allem hat die Zahl der jungen Leser abgenommen. Im Gegenzug ist die Zahl der arbeitslosen Journalisten deutlich gestiegen. Verlage wie Axel Springer und Holtzbrinck (dem auch die ZEIT gehört) investieren Hunderte von Millionen Euro in Internetfirmen, die nichts mit klassischem Journalismus zu tun haben. Und von Hamburg ( Financial Times Deutschland ) bis München ( Süddeutsche Zeitung ) stehen Zeitungen zum Verkauf. Eigentumsverhältnisse der großen Verlagshäuser BILD

Der Publizist Paul Sethe konnte in den sechziger Jahren noch ätzen, die Pressefreiheit sei »die Freiheit von zweihundert reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten«. Doch darauf verzichten viele Erben inzwischen aus Angst, die Presse mache sie arm.

Die Befunde zerstören eine alte Gewissheit: Über Jahrzehnte galten Zeitungen vor allen anderen Medien als »Vierte Gewalt«. Das Grundgesetz schützt als Erstes die Pressefreiheit – und erst danach die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film. Den Anspruch, die Mächtigen zu kontrollieren und zur freien Meinungsbildung beizutragen, haben Zeitungsjournalisten seit Gründung der Bundesrepublik hochgehalten. Noch wichtiger sind die Medien geworden, seit sie zunehmend zum einzigen Bindeglied zwischen Wählern und Politikern werden. Es heißt bereits, wir lebten in einer Medienrepublik – und ausgerechnet jetzt gelten Zeitungen als vorgestrig.

Dafür gibt es verschiedene Erklärungen. Die einfachste lautet: Das Internet ist ein Massenmedium geworden und kann aktuelle Nachrichten schneller und billiger verbreiten als gedruckte Zeitungen.

Unbequemer ist eine andere Erklärung: Viel spricht dafür, dass überzogene Renditeerwartungen und strategische Fehler schwer wiegen – oft sogar schwerer als die Konkurrenz durchs Internet. Wer den ökonomischen Tod auf Raten beobachten will, findet in der Zeitungsbranche reichlich Beispiele. Denn wie der Medienökonom Horst Röper nüchtern sagt: »Viele Verleger ziehen zu viel Geld aus den Zeitungen. Sie verlangen eine zu hohe Rendite.«