Ausstellung Leichen im Keller
In Mannheim begegnen sich beim größten Mumientreffen aller Zeiten gut erhaltene Tote aus der ganzen Welt
Der alte Herr muss sich gedulden, bis er sein Gemach beziehen darf. Aber das Warten macht ihm nichts aus. Die Kiste, in der er liegt, ist klimatisiert, und seine Reise ins Jenseits, auf der er in Mannheim Zwischenstation macht, dauert schon über 2500 Jahre. Da kommt es auf die paar Tage nicht an.
»Alle Kisten hier sind voll mit Mumien«, sagt der Kurator Wilfried Rosendahl von den Reiss-Engelhorn-Museen und deutet auf die Container, in denen sonst Gemälde und Skulpturen durch die Welt befördert werden. »Wir dürfen sie noch nicht auspacken.« Da müssen die Kuriere der Museen dabei sein, um zu gucken, ob ihre Schützlinge die Reise gut überstanden haben. Erst dann darf Herr Nes-pa-kai-schuti, einst Tempelsänger im ägyptischen Achmim, raus aus der Kiste und sein neues Heim beziehen. Genauso wie die Eheleute Orlovits, die nach zweihundert Jahren ihre Budapester Klostergruft mitsamt zweier Kinder verlassen haben. Für die nächsten sechs Monate sind sie Gäste des Mannheimer Museums.
Rund fünfzig Mumien aus der ganzen Welt reisen in diesen Tagen an, um einem feierlichen, nicht alltäglichen Anlass beizuwohnen. Die Reiss-Engelhorn-Museen hatten Leichen bei sich im Keller gefunden: 19 tote Menschen, unverwest. Die waren da nicht gestorben, sondern vor Jahrzehnten aus der Ausstellung verbannt und dann vergessen worden. »Als wir die Mumien vor drei Jahren entdeckten, wusste man fast nichts über sie«, erzählt der Museumskurator Rosendahl. Die Angaben in den Inventaren waren spärlich. Was also tun?
Ein Forschungsprojekt sollte mit modernen Methoden wie DNA-Analyse oder Computertomografie (CT) die Identität der Toten klären und ihnen damit einen Teil ihrer Würde zurückgeben. Weil das so gut klappte, feiert das Museum dies mit der »größten Ausstellung zum Thema Mumien und Mumifizierung, die es je gab«. Am 30. September öffnet die Schau Mumien – Der Traum vom ewigen Leben.
Eine illustre Gesellschaft hat sich versammelt: Neben den Ägyptern, die bei einem solchen Anlass obligatorisch sind, ist auch jene Dame aus der Schweiz dabei, die vor dreihundert Jahren in eine Gletscherspalte fiel. Dann gibt es eine junge Frau mit zwei kleinen Kindern aus Peru und mumifizierte Maori, die ihren Feinden einst Furcht und Schrecken einjagten.
Doch die menschlichen Toten sind nicht allein. Sie teilen sich die Säle mit einer angefressenen Hyäne aus einer jordanischen Lavahöhle, der kleinen Vogelmumie eines Goldhähnchens, das in einen Kraftwerkskamin gestürzt war, und einer ordinären, aber über hundert Jahre alten Hausratte.
Für eine pietätvolle Veranstaltung geht es reichlich hektisch zu. Es wird gehämmert und gezimmert. Viele Vitrinen sind noch leer, andere werden gerade geruchsdicht gemacht. Wilfried Rosendahl hat die Ausstellung konzipiert und gibt nun den Führer durchs Totenreich. »Egal ob Mensch oder Tier: Wir behandeln alle mit großem Respekt.« Ihm ist wichtig, klarzumachen, dass Mumien nicht nur künstlich geschaffene Produkte sind, sondern dass sie auch auf natürlichem Weg entstehen können. Bei extremer Hitze oder Kälte in Verbindung mit Trockenheit und dem Fehlen hungriger Kreaturen aller Art trotzt jeder der Verwesung. Und so gibt es in der Ausstellung einen erst mumifizierten, dann versteinerten Dinosaurierschenkel zu bestaunen. Sowie ein mit Haut und Haar erhaltenes Mammutbein aus dem Permafrost Sibiriens.
Der Kurator deutet auf leere Behältnisse. Moorleichen, als Beispiele natürlicher Mumifizierung, ziehen da ein. Auch das berühmte »Mädchen von Windeby«, das DNA-Analysen nun als Jungen identifiziert haben. »Und das da«, Rosendahl geht auf ein kuscheliges Fellbündel zu, »ist ein Torfhund.« Kein Mensch sieht ihm an, dass er mit seinem Alter von 3200 Jahren fast die Himmelsscheibe von Nebra angebellt haben könnte.
Auch die ersten ägyptischen Mumien waren auf natürlichem Weg entstanden: Man hatte die Toten im heißen Wüstensand vergraben, wo sie nicht verwesten – aber oft Schakalen zur Beute wurden. Deshalb begannen die Ägypter, Särge zu zimmern, und waren bald darauf schockiert, was Mikroorganismen mit den geliebten Toten anstellten. Die Keime torpedierten das Ziel, in körperlich passablem Zustand ins Jenseits zu gelangen. Also fing man an, sich in Mumifizierungskünsten zu üben.
Auch anderswo wussten Bestatter der Verwesung ein Schnippchen zu schlagen. Meist ließen sie das heiße Klima für sich arbeiten. Rosendahl geht an einer großen Vitrine entlang. Darin liegt eine Frau aus dem alten Peru; man möchte ihr über die schönen schwarzen Haare streichen. Doch der Kopf ruht auf einem kleinen Kind, ein zweites liegt in einem Tragenetz auf ihrem Bauch. »Auch die ist aus unserem Besitz«, sagt der Museumskurator. Heißt das, auch diese drei lagen jahrzehntelang im Depot? So etwas vergisst man doch nicht! »Doch«, sagt Rosendahl und schaut auf die Uhr. »Wir haben noch Zeit, bis der Präparator wieder da ist. Kommen Sie mit.«
Er geht hinaus und über die Straße, in ein altes Bankgebäude; dort über Treppen und durch Gänge, bis dahin, wo es düster blau leuchtet. »UV-Schutzlicht«, erklärt Rosendahl und knipst die Lampen an. Eine massive Tresortür steht offen. Links sind Schiebeschränke, rechts stapeln sich große Kartons. »Wenn irgendwo dahinten etwas steht, gerät es schnell in Vergessenheit«, sagt Rosendahl und murmelt: »Besonders wenn man es vergessen will.«
Es ist ja nicht so, dass Mumien immer große Hochachtung erfahren hätten. »Mumia« bezeichnete ursprünglich eine begehrte Heilsubstanz aus Erdpech. Weil das selten war, interessierte man sich bald für die Leichen der Ägypter. »Die bei der Balsamierung verwendeten Harze und Öle hatten sich zu einer teerartigen Substanz verfestigt«, erzählt Rosendahl. Und da die Leichen auch nach all den Jahren, die sie auf dem Buckel hatten, recht frisch aussahen, schien die Heilkraft dieser Mumia bewiesen. Seit den Kreuzzügen wurden Mumien zu Arzneien zerraspelt. »Wir zeigen eine Preisliste der Firma Merck aus dem Jahr 1924. Das Kilo Mumia vera aegyptiaca kostete da 7,50 Goldmark.«
Nach Napoleons Ägyptenfeldzug kam die Begeisterung für Pyramiden und Pharaonen hinzu. Reisende brachten Mumien als Souvenirs nach Europa. Sie auszuwickeln wurde zum Gesellschaftsvergnügen. Der Tote landete dabei nicht selten auf dem Mist (oder beim Apotheker). Die Partygänger interessierten sich viel mehr für die Amulette, den Schmuck, das Gold. Auch Museen fingen an, Mumien zu sammeln.
»Hier, den habe ich vor Kurzem in einer Kiste mit der Aufschrift ›Vermischtes‹ gefunden«, sagt Rosendahl und nimmt vorsichtig einen Schädel aus einer Archivschachtel. Kopfhaut und Haare sind noch dran. »Aus Südamerika. Er lag neben Steinen und Werkzeug.« Auch das Mannheimer Museum kaufte 1917 eine Mumienkollektion. Aber nach dem Krieg und all dem, was die Nazis mit Menschen angestellt hatten, waren Mumien nicht mehr geheuer. »Einige sollen im Heizungsofen gelandet sein.« Die anderen dämmerten im Magazin vor sich hin. »Erst durch eine Depotzusammenlegung im Jahr 2004 stießen wir auf diesen Schatz.« Das war der richtige Zeitpunkt.
Mumienforschung war nämlich früher Sache von Außenseitern. Manche machten sich mit dem Taschenmesser ans Werk. Heute aber hat sich eine international vernetzte Forschung etabliert. »Mit Ötzi kam der Durchbruch«, sagt Rosendahl. Was konnte man der Gletschermumie nicht alles entlocken! Seither geht man sehr sensibel mit Mumien um. »Wir starteten das Forschungsprogramm, an dem viele Institutionen partizipierten«, erzählt Rosendahl. Hightech half, die Identitäten in Umrissen zu enthüllen. So konnten Geschlecht, Größe und ungefähres Alter bestimmt werden. Die Isotopenanalyse der Haare verriet Essgewohnheiten, die CT körperliche Gebrechen. »Oben liegt ein junger Mann, der als Ägypter galt«, sagt Rosendahl. Die DNA-Analyse ergab: Er stammt aus Nordostasien. »Damit ist er eine absolute Rarität!« Rosendahls Handy klingelt. »Wir müssen zurück.«
Nur bei einem Drittel der Mumien ist eine DNA-Analyse möglich
Eine Mumie aus Peru soll in die Vitrine. Behutsam nehmen Rosendahl und der Präparator Matthias Feuersenger die Mumie namens M2 aus der Kiste. Eine maßgefertigte Schale verhindert, dass sie Schaden nimmt. Ein seltsamer Geruch verbreitet sich. Mumien riechen oft nach Raubtierkäfig, doch diese, nun ja… »Würzig«, lacht Feuersenger. Aber sie ist gesund. »Kein Schimmelbefall«, sagt der Präparator. Heute wird penibel auf das Raumklima geachtet. »Es ist leider vorgekommen, dass Mumien es über die Jahrtausende schafften, im Museum aber innerhalb weniger Jahre zu Staub zerfielen.«
M2 liegt nun in der grauen Vitrine. Nach alten Unterlagen sollte es sich um einen Mann handeln, erzählt Rosendahl. Untersuchungen zeigten aber: Es ist eine Frau, 30 bis 50 Jahre alt. Am rechten Unterschenkel trägt sie eine Kupferspange. Ihre Beine sind seltsam gekreuzt. »Normalerweise werden sie hockend mit gekreuzten Beinen bestattet – diese Mumie liegt aber.« Die Erklärung dafür liefert die CT, bei der aus allen Richtungen geröntgt wird und die Daten zu einer 3-D-Simulation verdichtet werden können.
Im Falle von Lady M2 heißt die Diagnose: Tuberkulose. »Ein Wirbel ist fast völlig zerstört«, sagt Rosendahl. »Sie war querschnittsgelähmt.« Daran dürfte sie gestorben sein, und es ist wohl auch der Grund, warum sie liegend bestattet wurde. Die CT hat ein weiteres Geheimnis enthüllt. »Sie hält etwas in ihren Händen, sechshundert Jahre schon.« Tatsächlich hat sie in jeder Hand einen kleinen Gegenstand. »Aus weichem Metall. Vielleicht Gold«, sagt Rosendahl. Es sind Talismane. »Wir werden ihre Hände nie öffnen.«
Nicht immer lassen sich alle Rätsel lösen. Zwei Vitrinen weiter liegt die Frau mit den beiden Kindern. Sind es ihre? Vom Alter könnte es hinkommen. Auch stellten die Anthropologen fest, dass sie noch stillte. Aber die DNA-Untersuchung lieferte keine Ergebnisse. Das ist ein generelles Problem bei Mumien. »Nur in drei von neun Fällen fanden wir genügend Erbsubstanz«, erklärt Rosendahl. Die Frau hat ein gesprengtes Becken – das kann bei einer Geburt passiert sein, ist aber nicht unbedingt die Todesursache. Wenn alle zum selben Zeitpunkt starben: Wurden sie getötet? »Wir haben nichts gefunden.« Ein Drogentest ergab keine Hinweise auf Kokain, dafür auf Nikotin.
»Der Junge hier starb etwa vierjährig. Auch er hat Nikotin konsumiert«, sagt Rosendahl. Der Kleine sitzt in einer Vitrine. Vermutlich hatte er Tabakblätter gekaut. »Als wir ihn mit UV-Licht untersuchten, fielen orange leuchtende Flecken auf.« Die Untersuchung ergab, dass der Körper mit Kopal, einem Baumharz, eingestrichen wurde. Für Rosendahl eine Sensation: »Der erste Nachweis für die Balsamierung einer altamerikanischen Mumie.«
Auf dem Monitor daneben sieht man die 3D-Simulation seines Körpers. Da hat der Junge keinen Kopf. Kleine Horrorshow zwischendurch? »Nein, den hatte er verloren. Wir haben ihn wieder aufgesetzt.« Mittels Rapid Prototyping wurde der Schädel in Kunststoff kopiert. Damit konnte eine Prothese gefertigt werden, mit der der Kopf wieder fest auf dem Hals verankert wurde. Eine postmortale Operation.
Früher erlitten Mumien schon beim Transport oder beim Auswickeln Knochenbrüche. Die moderne Mumienforschung hingegen geht behutsam ans Werk. Paläopathologen wie der Schweizer Frank Rühli, der Ötzi und Tutanchamun untersuchte, sprechen von »Patienten« und versuchen, möglichst nur mit nichtinvasiven, also verletzungsfreien Methoden zu arbeiten. Jens Klocke, Restaurator aus Hildesheim, der dem jungen Mann aus Nordostasien zu neuen Beinen verhalf, schreibt im Katalog, damit habe er sicher dessen »Lebensqualität im Jenseits« enorm verbessert.
Jeder Tote hat ein Schicksal. »Kommen Sie mit.« Rosendahl schreitet zum Schädel einer ägyptischen Mumie. »Bei der CT sahen wir, dass in ihrem Kopf drei Zähne liegen.« Sie sind durch das Loch hineingesteckt worden, durch das man zuvor das Gehirn entfernt hatte. »Die Ägypter wollten vollständig im Jenseits ankommen.«
Nachts kontrollieren Kameras, ob sich auch ja keine Mumie bewegt
Aber für die Forscher ist jede Mumie mehr als ein Einzelfall. »Sie sind die einzigen direkten Archive, die wir von Menschen haben«, sagt Rosendahl. Sie berichten von Lebensbedingungen vergangener Zeiten und verraten viel über die Verbreitung von Karies, Arteriosklerose oder Mangelernährung. Deshalb richtet man nun in Mannheim ein Mumienforschungszentrum mit eigenem Computertomografen ein.
Am Ausgang stapeln sich noch immer die Kisten. Weiß und steril, verraten sie nichts über ihren unheimlichen Inhalt. Schon mal Klopfgeräusche vernommen? »Nur nach Mitternacht«, scherzt Rosendahl. »Nein, keine Bange«, fügt er an, gefährlich seien seine Schützlinge in keiner Weise. »All unsere Mumien sind clean. Sie haben weder Parasiten noch Bakterien und sind nicht chemisch belastet.« Dann erklärt er kategorisch: »Die Ausstellung ist für Besucher ein Erlebnis und keine Gefahr.«
Und überhaupt: »Nachts laufen die Videokameras. Da sieht man schon, wenn sich was bewegt.«
»Mumien – Der Traum vom ewigen Leben«, Reiss-Engelhorn- Museen Mannheim , bis 24. März 2008.
Der Katalog erscheint im Verlag Philipp von Zabern und kostet 29,90 Euro
- Datum 26.09.2007 - 02:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 27.09.2007 Nr. 40
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