KapitalismusAkademischer Kapitalismus

Es ist ein Umsturz, aber keiner schaut hin: Universitäten werden in Unternehmen verwandelt und auf Marktfähigkeit getrimmt. Der Preis dafür ist hoch – wir zerstören die Vielfalt des Wissens

Unter dem globalen Regime der Gedankenlosigkeit, das McKinsey & Co. errichtet haben, ist es zur nicht mehr hinterfragten Selbstverständlichkeit geworden, dass alles besser wird, wenn nicht nur Daimler und Siemens, sondern auch Caritas, Goethe-Institut, Schulen und Universitäten nicht als »Behörden«, sondern als Unternehmen geführt werden. Man sieht ja an Fusion und Trennung von DaimlerChrysler unmittelbar, mit welcher Effizienzsteigerung gerechnet werden kann, wenn strategisches Management das Regiment führt.

Nun also sollen Universitäten zu Unternehmen gemacht werden. Rektoren beziehungsweise Präsidenten verwandeln sich in CEOs (Chief Executive Officers) und nehmen ihre Professoren mit Hilfe von LOM (Leistungsorientierter Mittelverteilung) an die Kandare, um im »globalen« Wettbewerb Profite zu erwirtschaften. Um diesem Ziel näher zu kommen, wurden die »Bremsklötze« dieser Bewegung, Fakultätsräte und Senate, per Hochschulgesetz entmachtet. Stattdessen wird dem CEO-Präsidenten ein Hochschulrat zur Seite gestellt, der darüber wacht, dass das Unternehmen genauso großartige Erträge erwirtschaftet wie die jahrzehntelang lahmenden deutschen Unternehmen in der Obhut ihrer Aufsichtsräte.

Forscher und Lehrer werden zu Punktejägern konditioniert

Die akademische Welt ändert sich fundamental, wenn Universitäten als Unternehmen verstanden werden. Es ist nicht nur der »Abschied von einer Lebensform« (Gustav Seibt), sondern eine komplette Veränderung der Rolle von Universitäten in der Gestaltung von Bildung und Wissenschaft, Lehre und Forschung, die hier stattfindet. Euphorisch kann man sagen, dass die Universitäten nun so richtig durchgepustet und alle Hindernisse von professoraler Herrlichkeit, Kollegialität und Fachegoismus zugunsten der unternehmerischen Gestaltungsfreiheit weggeräumt werden. Man muss nicht mehr über Reformunfähigkeit und Erstarrung klagen. Einem CEO, der konsequent das Heft in der Hand hält, stehen jetzt Fachbereiche, Fächer und Personal zu beliebiger Nutzung, Gestaltung, Rekrutierung und Entlassung zur Verfügung.

Nach institutionsökonomischem Modelldenken ist der CEO-Präsident der Prinzipal, die Professoren sind seine Agenten. In dieser neuen akademischen Welt besteht nun das Hauptproblem des Managements darin, den Agenten zwar ihre Freiheitsspielräume ausdrücklich zu belassen, aber zugleich sicherzustellen, dass sie diese nicht zu ihren Gunsten und zulasten des Unternehmens ausnutzen. Dass die Agenten shirking betreiben, das heißt sich um die Arbeit drücken, ist die größte Befürchtung des ökonomisch geschulten Denkens. Um dieses Problem zu lösen, gibt es nun Gott sei Dank die IT-Branche. Sie hilft bereitwillig mit immer besserer Software und immer größerem Umsatz, um das Instrument der Kennziffernsteuerung einsetzen zu können. Die Professoren-Agenten können mit diesem Instrument bis ins kleinste Detail hinein gesteuert werden, um die erwünschten Erträge zu erwirtschaften.

In diesem Detail zeigt sich das ganze Ausmaß des Wandels, der hier stattfindet. Aus Forschern und Lehrern, die in eigener Verantwortung vor der wissenschaftlichen Gemeinschaft handeln und auf dem Fundament des akkumulierten Wissens das Neue und Überraschende suchen, werden durch »Konditionierung« Punktejäger gemacht. Die letzte Stufe dieser nach rückwärts gerichteten Evolution wird man dann erreicht haben, wenn es der Neurowissenschaft gelungen ist, die Gehirne der Forscher und Lehrer so zu kontrollieren, dass sie genau jene Kennziffern erfüllen, die nach zentralverwaltungswirtschaftlichem Plan gewünscht werden. Man müsste dann nur noch die Gehirne der Gehirnforscher richtig steuern, sodass sie zu genau jenen Forschungsergebnissen gelangen, die sich für die Steuerung von Forschergehirnen eignen.

Die wissenschaftlichen Disziplinen liegen in der unternehmerischen Universität nicht mehr in der Hand der wissenschaftlichen Gemeinschaften, die Neugierde und die Kreativität der Forschung nicht mehr in der Hand der einzelnen Forscher, sondern in der Hand des CEOs. Woher weiß aber der CEO, was wie geforscht oder gelehrt werden soll, welche Kennziffern die richtige Qualität messen?

Man müsste hier die Weisheit in einer Position festmachen, die der Ökonom Friedrich von Hayek gern dem ungesteuerten Markt überlassen hätte. Tatsächlich braucht der CEO diese Weisheit auch gar nicht, denn auch er ist nur ein Agent eines anderen Prinzipals. Er hat auf der einen Seite den Hochschulrat als ratgebenden Prinzipal, auf der anderen Seite den Wissenschaftsminister. Und wer kontrolliert den Wissenschaftsminister? Natürlich das Parlament und damit schlussendlich das Volk, müsste man laut Verfassung sagen. Weiß aber das Volk, ob man Universitäten zu Unternehmen machen muss, um sie auf Vordermann zu bringen? Das Volk weiß das nur, wenn es ihm von den Experten klargemacht wird. Und dafür gibt es schließlich die global agierende Branche der Unternehmensberatung, die das nötige Wissen bereithält. Aus Hierarchien Pseudomärkte zu machen, aus Professionen Interessengruppen, aus Rektoren CEOs, aus Professoren Agenten und aus Universitäten Unternehmen – genau das ist unter der Hegemonie des ökonomischen Denkens das Selbstverständlichste der Welt geworden.

Der Forschungserfolg bemisst sich an der Anhäufung von Kapital

Allerdings: Was in der sozialen Wirklichkeit anschließend bei der Anwendung dieser abstrakten, um den Preis der Wirklichkeitsferne zur exakten Wissenschaft gemachten Modelle tatsächlich passiert, wird für die Urheber dabei genauso irrelevant wie für den Christen die Frage, ob Jesus wirklich gen Himmel gefahren ist oder nicht. Es gibt keinen »wissenschaftlichen« Beweis dafür, dass bei der Einführung ökonomischer Steuerungsmodelle in nichtökonomische Felder tatsächlich offene Märkte erzeugt und gesetzte Ziele besser erreicht werden als vorher.

In aller Regel findet sogar eine Zielverschiebung statt. Es zielen jetzt nicht mehr Forscher auf neue Erkenntnis, sondern Universitätsunternehmen auf Kapitalakkumulation. Die alten Universitäten waren Orte, in der wissenschaftliche Gemeinschaften durch Kollegialität und gegenseitige Kontrolle Forschung und Lehre organisiert haben, und zwar oft zunftartig und weniger als Markt. Die Universität stellte dafür die Infrastruktur bereit, und der Rektor hatte als Primus inter Pares diese zu erhalten. Die Verrechnungseinheit für wissenschaftliche Erfolge war der individuelle Forscher, von dem der Glanz auf die Institution ausstrahlte. Die Träger des Ganzen waren aber immer die individuellen Gelehrten, deren Reputation sich weit über die Grenzen der Universität hinaus niederschlug. Internationalität war ihre eigene Sache und nicht die Sache der Institution. Der Unternehmer war der Gelehrte, nicht die Universität.

Wird die Universität zum Unternehmen gemacht, dann ändern sich die Verantwortung und die Trägerschaft von Forschung und Lehre grundlegend. Die Verrechnungseinheit ist jetzt nicht mehr der individuelle Forscher und Lehrer, sondern das Unternehmen. Es entsteht jetzt ein akademischer Kapitalismus. Der Erfolg der unternehmerischen Universität bemisst sich an der Kapitalakkumulation. Welche Art von Kapital wird dabei akkumuliert? Es handelt sich in der Tat um monetäres Kapital in Gestalt von finanziellen Ressourcen (Grundmittel vom Staat, Drittmittel von Förderern der verschiedensten Art, von der Förderinstitution bis zu Unternehmen und ehemaligen Absolventen), das in Forschung und Lehre eingesetzt wird, um daraus wieder mehr monetäres Kapital zu erzeugen.

Über die Qualität dieser Forschungs- und Lehrleistungen kann es allerdings ganz unterschiedliche Auffassungen geben. Das Urteil hängt von den Kriterien ab, die dabei angelegt werden und die sehr umstritten sein können. Um in einem so wenig berechenbaren Feld erfolgreich operieren zu können, müssen sich Universitäten als Unternehmen in doppelter Hinsicht Wettbewerbsvorteile verschaffen. Sie müssen Einfluss auf die Definition der Erfolgskriterien nehmen und eine dominante, weithin sichtbare Position im Feld einnehmen, sodass sie andere Wettbewerber sowohl in den Wissenschaftsorganisationen, die über Erfolgskriterien »guter« Forschung entscheiden, als auch bei der Einwerbung von monetärem Kapital vom Markt verdrängen können.

So können auf längere Sicht Forschungserfolge in Gestalt von Großprojekten, Beschäftigung von erfolgreichen Forschern, Kooperation – »Allianzen« – mit international sichtbaren Partnern in herausragende Reputation umgesetzt werden. Diese Reputation ist das »symbolische Kapital«, das in Gestalt von gefragten Gutachtern in Definitionsmacht verwandelt wird und genutzt werden kann, um monetäres Kapital anzulocken. Im Erfolgsfall ergibt sich ein zirkulärer Prozess der Anhäufung von symbolischem und monetärem Kapital. Dieser Akkumulationsprozess führt international zur Herausbildung von »Elite-Universitäten«, die ihr symbolisches Kapital dadurch vermehren, dass sie ihr monetäres Kapital einsetzen, um Spitzenwissenschaftler einzukaufen.

Stößt ein Unternehmen bei dieser Rekrutierungspolitik an Grenzen der Zuwanderungswilligkeit, dann muss es seine Institute dorthin verlagern, wo die Hürden dafür am niedrigsten sind: am besten in die USA. Die Max-Planck-Gesellschaft will mit dieser Strategie eine Vorreiterrolle für die Universitätsunternehmen spielen. Oder man schließt sich mit international sichtbaren europäischen Universitäten zusammen, um in dieser Allianz den US-Spitzenuniversitäten Paroli bieten zu können. Wenn es München und die bayerischen Berge nicht allein schaffen, dann vielleicht München und Zürich mit den Schweizer Bergen und der Schweizer Finanzwelt im Rücken, also eine Allianz von TU München und ETH Zürich.

Für das gleiche Bildungsprodukt, das es an einer weniger kapitalkräftigen Einrichtung kostenlos oder zu einem wesentlich niedrigeren Preis gibt, können dann exorbitant hohe Studiengebühren verlangt werden. Ein Bachelorabsolvent einer solchen Elite-Institution weiß zwar nicht mehr als ein Absolvent einer gewöhnlichen Institution. Er bezahlt ausschließlich für den Prestigewert eines exklusiven Klubgutes den hohen Preis – ohne dass ihm anschließend ein höheres berufliches Einkommen sicher ist, wie sich in den Vereinigten Staaten zeigt.

Die Global Players der Wissenschaft vollziehen einen Marktschließungsprozess, dem ein Prozess der Schließung der Wissensevolution auf dem Fuße folgt. Was das bedeutet? Weil die weltweit führenden Universitätsunternehmen symbolisches und monetäres Kapital auf sich konzentrieren und durch »Allianzen« unter sich halten, hat es Wissen, das außerhalb dieser Institutionen entsteht, schwer, überhaupt wahrgenommen, anerkannt und weiterverfolgt zu werden. Den erfolgreichen Unternehmen gelingt es, sich Monopolrenten zu verschaffen, indem sie ihr symbolisches und monetäres Kapital durch die Verdrängung von Konkurrenten weiter steigern. Da jedoch der Erkenntnisfortschritt gerade davon lebt, dass er ohne Vorurteile aus einem sehr breiten Potenzial an Ideen schöpfen kann, wirkt sich ein solches globales Oligopol lähmend auf die Evolution des Wissens aus. Die Vielfalt fällt einer wissenschaftlichen Monokultur zum Opfer, innerhalb der es nur noch mehr oder weniger gute Produkte ein und derselben Sorte, aber nicht mehr verschiedene Produkte gibt.

Jeder Fortschritt hat seinen Preis, auch der Fortschritt zur unternehmerischen Universität, und wer an einer »Entschleunigung« der Wissensevolution interessiert ist, könnte daran sogar Gefallen finden. Denn die unternehmerische Universität wird nicht der Wissenschaft Nutzen bringen, sondern nur jenen Universitätsunternehmen, die sich durch ihre marktbeherrschende Stellung Monopolrenten sichern.

Es stellt sich schließlich die Frage, ob Universitäten und außeruniversitäre Forschungseinrichtungen, die sich als Unternehmen begreifen, überhaupt noch mit Steuergeldern finanziert werden müssen. Ein öffentliches Interesse daran kann kaum noch reklamiert werden. Im Zuge der Privatisierungswelle wäre es nur konsequent, dieses »Tafelsilber« an Investoren zu verkaufen und den Privatisierungserlös in die breite Förderung von Bildung und Wissenschaft der verbleibenden öffentlichen Universitäten zu investieren. Es wäre auch ein konsequenter Schritt der weiteren Annäherung an die USA. Ein öffentlich finanziertes Universitätsunternehmen oder außeruniversitäres Institut zur Akkumulation von Kapital ist dagegen ein Hybride, der beiden Seiten nicht gerecht werden kann, weder der Seite des Gemeinwohls noch der Seite der Kapitalakkumulation.

Man könnte sagen, dass die Exzellenzinitiative den auserwählten »Elite-Universitäten« genügend Startkapital aus den öffentlichen Kassen mitgegeben hat, um den Schritt in die Privatisierung zu wagen. Allerdings setzt die komplette Privatisierung von akademischen Elite-Institutionen voraus, dass genug überflüssiges Kapital vorhanden ist und Spenden ohne Grenzen von der Steuer abgezogen werden können. Das heißt, der Staat muss die Einkommenssteuersätze kräftig senken und die Gesellschaftspolitik weitgehend dem privaten Engagement der Bürger überlassen. Dass die reicher gemachten Bürger dann ihr überflüssiges Geld lieber in prestigereiche Elite-Institutionen investieren als in Suppenküchen, muss so hingenommen werden, wie es ist. Wie eine solche auf öffentlicher Armut und privatem Reichtum aufgebaute Gesellschaft aussieht, lässt sich anschaulich in Amerika besichtigen.

Richard Münch ist Professor für Soziologie an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg.
Zuletzt erschien von ihm: »Die akademische Elite. Zur sozialen Konstruktion wissenschaftlicher Exzellenz«, Edition Suhrkamp

 
Leserkommentare
  1. Ich sehe ja ein das die Universitäten heute an großer Geldknappheit leiden , jedoch kann ich diese last doch nicht den Menschen in die Schuhe schieben die unter den selben Problemen leiden!
    Es trifft doch niemand anderen als die Studenten die keinerlei oder nur sehr wenig Unterstützung vom Staat und/oder Elternhaus erhalten!
    Wenn die Bildungselite in Zukunft ihre Prüfungsvorbereitung in McDonalds , Subway oder ähnl. Einrichtungen betreiben muss. Wird es mich nicht wundern wenn die Frage nach dem Gründer Hamburgs in Zukunft mit McDonald beantwortet wird! Ich sehe so viele sinnlose Investitionen in Bundeswehr , Terrorschutz , staatl. subventionierten Großunternehmen , ...
    , dass es mich schockiert , dass Menschen wirklich glauben eine Privatisierung der Bildung sei von Nöten!!
    Deshalb frage ich mich auch wer steckt dahinter?
    Ich glaube nicht , dass ein gebildeter Bürger ernsthaft diese Idee teilt!
    Ich weis ja nicht wie man der breiten Masse endlich mal richtige Bildung verkaufen kann , aber ich schätze die Bild"zeitung" ist nicht umsonst das billigste Blatt auf dem Markt und somit am beliebtesten!!
    Ich finde es fatal das Bildungsniveau durch hohe kosten in Deutschland noch weiter zu senken und bin davon Überzeugt das genau dies die Absicht der politischen Lobby ist!!
    Darum bitte ich alle die noch nicht von den "bestochenen Dummschwätzern" ( Politikern ) Manipuliert wurden:
    Wacht endlich auf! Es ist mal wieder Zeit für einen Umschwung!! Man hatt uns lange genug auf der Nase herumgetanzt!! Kämpft für eine freie Welt in der unsere Kinder noch eine Zukunft haben!!??

  2. Welche Folgen der "Akademische Kapitalismus" besonders für die Ärmsten der Armen, nämlich die Studierenden aus weniger entwickelten und aus Schwellenländern hat, kann man am Lehrbuchbeipiel der geplanten Schließung der Studienkollegs in NRW erkennen, die diese Studierendengruppe faktisch vom Studium in NRW ausschließt.
    Lest hierzu mal die Diskussion zum Interview mit Herrn Pinkwart unter: http://www.zeit.de/2007/3...

  3. 2005 habe ich angefangen BWL an einer durchschnittlichen deutschen Universität auf Diplom zu studieren und obwohl mein Jahrgang von keiner großen Reform betroffen war, wurden wir schon sehr strikt darauf getrimmt zu "funktionieren" in der Wirtschaftswelt. Das heißt, uns wird nicht das Berufsbild eines verantwortungsvollen, fähigen, menschlichen Unternehmers vermittelt, sondern das eines übermenschlichen mit allen nur denkbaren Fähigkeiten ausgestatteten, effizienzorientierten Managers, welches sowieso nur von einem winzigen Bruchteil der Studenten zu erreichen ist und dies auch nur, wenn sie sich an die Wirtschaftswelt anpassen (nicht überlegen, nicht zögern, keine Fragen stellen) und alles für dieses Ziel tun (Praktikum in jeder vorlesungsfreien Zeit, mehrere Sprachen und Auslandsaufenthalte, universitäres sowie soziales Engagement und natürlich glänzende Noten). Wenn ich aber jetzt schon das Gefühl habe eher ausgebildet, um nicht zu sagen "gezüchtet" zu
    werden, als freie universitäre Bildung zu genießen, die es mir
    ermöglicht, Sachverhalte zu verstehen und zu hinterfragen, dann kann
    ich mir lebhaft vorstellen wie sich ein Bachelorstudent fühlen muss,
    dessen Stundenplan noch voller, kompakter und viel weniger
    selbstbestimmt ist. Zwischen deren und meinem Studium liegen Welten.
    Ich weiss das aus Gesprächen mit verschiedenen Bachelorstudenten, die
    mir ihren Studienalltag ausführlich geschildert haben. Die meisen sind von
    früh bis nachts mit der Universität beschäftigt und sind sowohl
    durch ihr kompaktes Studium, in dem man kaum eine Chance hat Prüfungen
    erfolgreich zu wiederholen, als auch durch den allgemeinen
    Konkurrenzkampf, der von Professoren und der Wirtschaft vermittelt
    wird, einem wahnsinnig hohen Druck ausgesetzt. Und obwohl sie doch das
    Gefühl haben, sich selbst zu verwirklichen (da ihnen dies in jede
    Werbebroschüre für Universitäten, Studiengänge, Auslandsaufenthalte, Sprachkurse, etc.
    suggeriert), kommen sie mir (so wie ich mir selber auch oft) eher wie
    Hamster im Laufrad vor, die mit ihrer Leistung die Wirtschaft ankurbeln
    sollen.  Freies Denken und Menschlichkeit waren noch nie die integralen
    Bestandteile eines Wirtschaftsstudiengangs, sind wir ehrlich. Und die Wirtschaft wird immer profitorientierter, die Konkurrenz härter, auch das sehe ich ein. Die Frage ist, ob sich die Universitäten dieser Entwicklung fügen und sie damit fördern sollen oder nicht doch lieber versuchen sollten Leute auszubilden, die dem kritisch gegenüber stehen können. Dies zumindest wäre wirklich im Interesse der Allgemeinheit. Die Hochschulwelt, so wie sie jetzt nach den Reformen aussieht, macht mir Angst vor der Zukunft, denn ich frage mich wer noch einen Gegenpol zur Wirtschaft bilden soll, wenn nicht die Universitäten. Die Bachelorstudiengänge machen aus der Studentenschaft funktionierende Räder im Getriebe anstelle von unabhängig denkenden Menschen. (Ein sehr drastisches und recht abgenutztes Bild aber es entspricht doch meinem Gefühl.) Es ist für mich beispielsweise unverständlich wie man aus den geisteswissenschaftlichen Studiengängen, deren integraler Bestandteil sehr wohl das freie, unabhängige Denken ist, Bachelorstudiengänge machen kann, in denen jeder nach 3 Jahren stressiger Ausbildung mehr oder weniger dasselbe Wissen und dieselben Referenzen hat und sozusagen überall einsatzfähig ist. Was soll denn da rauskommen? Wo sollen die freien Geister herkommen die unsere Gesellschaft reflektieren? Und was machen wir ohne sie?Mit diesem Kommentar möchte ich den Artikeln "Akademischer Kapitalismus" in ZEIT Nr.40 (2007) von Prof. Richard Münch und "Der große Feldversuch" in ZEIT Nr.4 (2008) von Manuel J.Hartung und Jan-Martin Wiarda beipflichten, die in ihren Artikeln meine Sorgen als deutsche Studentin bestätigen. Dafür bin ich sehr dankbar da ich in verschiedenen Diskussionen festgestellt hab, dass diese Reformen bei vielen Leuten, Studenten wie arbeitender Bevölkerung und Auszubildenden, aufgrund ihrer vermeintlichen Effizienz gut ankommt und ich ihnen leider nur in seltenen Fällen den Wert des Humboldtschen Bildungsideal verständlich machen konnte.   . 

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  • Quelle DIE ZEIT, 27.09.2007 Nr. 40
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