Der Konsens ist vollkommen. Politiker jeglicher Couleur, Verbandsfunktionäre, Heimbetreiber und Experten beteuern derzeit unisono, dass schlechte Pflege selbstverständlich inakzeptabel und jeder Einzelfall ein Fall zu viel sei.

Wie aber kann es dann sein, dass Zehntausende alte Menschen in bundesdeutschen Heimen vor sich hin vegetieren – mit Psychopharmaka vollgedröhnt, bis auf die Knochen wund gelegen, halb verhungert, ihrer Würde beraubt? Die Antwort ist so einfach wie erschreckend: In der seit Jahren geführten Debatte über Qualität in der Pflege geht es nicht um eine optimale Versorgung. Es geht in erster Linie um Geld.

Den Grundstein für das fortdauernde Pflegedesaster in Deutschland hat die christliberale Regierung mit der Einführung der Pflegeversicherung gelegt. Die hatte fast im Alleingang der damalige Bundesgesundheitsminister Norbert Blüm mit dem Argument durchgedrückt, damit sollten »die Pflegebedürftigen vom Rand in die Mitte der Gesellschaft zurückgeholt werden«.

Doch das war nur Marketing. Vornehmlich sollten nicht die Hilfsbedürftigen dadurch besser versorgt, sondern in erster Linie die Kommunen und Krankenkassen von steigenden Pflegekosten entlastet werden. Allein Städte und Gemeinden mussten 1994 für die Unterbringung Pflegebedürftiger alter Menschen in Heimen rund 20 Milliarden Mark aufbringen. Und Krankenkassen waren verpflichtet, die häusliche Pflege aus ihrem Beitragsaufkommen zu finanzieren.

Vor allem die Vertreter der Kommunen klagten mit Nachdruck über die permanent steigenden Heimkosten – doch wofür sie das viele Geld ausgaben, interessierte eigenartigerweise nicht. Die Heime waren eine » Blackbox«, Prüfungen, wie gut die Pflege war, gab es nicht. Nur so viel war schon damals klar: Freiwillig ins Heim wollte niemand.

Daran hat sich nach der Einführung der Pflegeversicherung kaum etwas geändert. Alle Umfragen belegen den Wunsch der überwältigenden Mehrheit der Bundesbürger, möglichst auch als Pflegefall in den eigenen vier Wänden bleiben zu dürfen.

Statt die Pflegeversicherung dazu zu nutzen, eine moderne, den Bedürfnissen der Beitragszahler angepasste Infrastruktur aufzubauen und damit das Pflegemonopol der Wohlfahrtsverbände aufzubrechen, ließ die Politik die Pfründe der Heimbetreiber nicht nur unangetastet. Sie sattelte noch drauf. Die fatale Folge: Für die Finanzierung der häuslichen Pflege blieb nur ein Restbetrag. Schließlich durfte der Beitragssatz des neuen Versicherungszweiges nicht zu hoch werden, sonst hätte der Koalitionspartner der Christdemokraten, die FDP, das ganze Projekt torpediert. So kommt es, dass die Pflegeversicherung für die häusliche Pflege bis heute mit Abstand das wenigste Geld zahlt.