MusiksoftwareLudwig van Betriebssystem

Eine musikalische Weltneuheit: Das Computerprogramm Ludwig kann auf Knopfdruck komponieren, arrangieren und musizieren von 

Am nordöstlichen Hamburger Stadtrand sitzen diese zwei Tüftler in ihren Einfamilienhäusern. Der eine, Matthias Wüllenweber, im ersten Stock zwischen hundert Musikbüchern unter einem Bildnis Bachs. Der andere, Jan-Peter Klöpfel, im Keller mit Klavier und Trompete. Luftlinie zwischen beiden: ein paar Hundert Meter. Beide sind um die 40, haben Frau und Kinder, und beide haben ein gemeinsames Baby: Ludwig.

Ludwig ist eine Software, die Wüllenweber über die vergangenen drei Jahre in zahllosen Sitzungen geschrieben hat: 400000 Zeilen in der Programmiersprache C++. Wer als Unkundiger einen Blick in den Quelltext wirft, sieht einen unendlichen Zeichensalat. Aber das vermeintliche Konvolut ist ein Konzentrat, hoch verdichtetes Wissen übers Komponieren, Arrangieren und Spielen von Musik. Ludwig ist ein Homunkulus für das Windows-Betriebssystem, den Namen hat er von Beethoven.

Matthias Wüllenweber, ein so spielerischer wie allseits interessierter Zeitgenosse, studierte einst Physik an der Universität Bremen. Schon damals faszinierte ihn computergestütztes Lernen. Er schuf Albert, eine Software für den Physikunterricht, die beim Springer-Verlag erschien, aber nicht groß Furore machte. Die Zeit war vielleicht noch nicht reif, und die Computer waren noch zu langsam.

Zum Erfolgkam er auf einem anderen Gebiet. Als leidenschaftlicher Schachspieler versuchte er sich vor 15 Jahren mit Freunden am Schreiben eines Schachprogramms. Die erste Version wurde noch belächelt. Wie verrückt musste man sein, um zu glauben, dass ein Computer je einen starken Spieler würde schlagen können? Zu kompliziert war dieses Spiel, voller Tücken; wie sollte man tausenderlei Erwägungen auf eine Formel bringen!

Großmeister führten das Programm nach Belieben vor. Manche Partien waren geradezu komisch. Hatte man einen Weg gefunden, den Rechner zu besiegen, was nicht sonderlich schwierig war, konnte man es mit der gleichen Zugfolge immer wieder tun: Das Gerät lernte nichts aus seinen Niederlagen. Manche Meister machten sich einen Spaß daraus, völlig absurde Strategien zu verfolgen, die jeder Mensch sofort durchschaute, die Maschine aber nicht, weil sie hinter ihrem Wahrnehmungshorizont lagen (wenn dieses Wort hier erlaubt ist).

Künstliche Intelligenz – am Schach sollte sie sich zeigen. Daraus wurde zunächst nichts.

Aber die menschliche Intelligenz wurde stimuliert. Die Programmierer lernten. Sie machten ihre Programme immer schneller, und sie ersannen immer feinere mathematische Verfahren, mit denen sich eine Stellungsbeurteilung (Ich stehe schlecht) in eine Ziffer umsetzen ließ (–2) und die Ziffer in eine Gegenmaßnahme auf dem Brett (Matt in fünf Zügen). Bald spielten die Maschinen ihre Stärke aus: Sie machen nie Fehler aus Ängstlichkeit, denn sie kennen keine Angst, und sie ermüden nicht, denn sie sind nicht aus Fleisch und Blut.

Wüllenweber und seine Partner gründeten eine Firma, ChessBase, und ihr Programm nannten sie Fritz, wie den Alten Fritz. Weil das so deutsch klingt, wurde es auf der ganzen Welt verstanden. Eine Million Exemplare der Software haben sie bis heute verkauft; Fritzens zehnte Version kostet 40 Euro. Vor einem Jahr trat sie in der Bonner Bundeskunsthalle unter großem Aufsehen in einem Wettkampf gegen den amtierenden Schachweltmeister Vladimir Kramnik an und schlug ihn souverän mit 4:2.

In der Stunde des Triumphs präsentierte Wüllenweber erstmals sein Musikprogramm in einer Vor-Vor-Version. Ludwig komponierte auf Knopfdruck ein Stückchen. Wüllenweber spielte es auf der Querflöte. Die Leute schüttelten den Kopf: Komponieren! Eine Maschine! Lachhaft! Die Schachspieler unter den Zuhörern allerdings hielten sich mit spöttischen Kommentaren zurück. Denn die Firma ChessBase hat mit ihrer Software, ihren Online-Datenbanken und neuerdings mit ihrem Fritz-Server, auf dem täglich mehr als 5000 Spieler gegeneinander antreten, das globale Schachleben komplett verändert. Das jahrtausendealte Spiel der Könige hat durch den Einfallsreichtum eines Hamburger Unternehmens eine unfassbare Beschleunigung erfahren. Wer sich heute eine neue Eröffnung ausdenkt, findet sie morgen bei ChessBase im Internet. Es gibt keine gut gehüteten Geheimnisse mehr. Und der Weltmeister wohnt in einem Apparat, der zu Hause steht.

Wenn sich Ludwig nur halb so gut entwickelt wie Fritz, muss sich auch die Musikwelt auf einiges gefasst machen. Matthias Wüllenweber will darauf aber gar nicht hinaus. Die Erschütterungen, die sein Programm auslösen könnte, sind ihm nur Nebeneffekte.

Ludwig ist konzipiert als raffinierte Übungshilfe für daheim. Wer Klarinette oder Trompete oder ein anderes Soloinstrument lernt, kennt die einsamen Probestunden, in denen man seine Stimme Mal um Mal spielt, ohne seine Mitmusiker zu hören. Viele Schüler geben irgendwann gelangweilt auf.

Nun kommt Ludwig: Der Benutzer wählt Stil, Schwierigkeitsgrad, Besetzung, Tonart und Tempo – und schon komponiert das Programm ein Stückchen, das auf die Fähigkeiten des Lernenden zugeschnitten ist. Wer nur vier Töne auf der Blockflöte beherrscht (wie Anfänger mit der linken Hand), der bekommt ein Stück für vier Töne auf der Blockflöte. Mit Melodie, Exposition, Reprise, Kadenz und mit Begleitmusikern. Egal, ob Swing-Bigband oder Rock-Trio, auf dem Bildschirm erscheint binnen Minutenfrist das komplette Arrangement, das Ludwig nun sogleich vom Blatt spielt. Klavier, Gitarre, Bass, Schlagzeug, Saxofon, Posaune, Streicher, bis zu 16 Instrumente musizieren zusammen. Nur singen kann Ludwig noch nicht.

Der Übende kann seine Stimme im virtuellen Ensemble stumm schalten und live zum Karaoke des Computers proben. Ein optisches Metronom gibt den Takt an, ein grüner Balken durchpflügt Note für Note den Text, sodass man immer sieht, wo man ist. Hat man mit einer Stelle Schwierigkeiten, kann man sie so lange wiederholen lassen, bis fehlerfreies Mitspielen gelingt. Wüllenwebers Kinder waren davon so begeistert, dass sie eine CD mit einer frühen Version des Programms heimlich aus Vaters Papierkorb fischten und auf ihrem Computer installierten.

Fünfzig Euro soll das Programm kosten, das am 15. Oktober in den Handel kommt. Gewöhnungsbedürftig ist der Klang der virtuellen Instrumente, auf denen Ludwig seine Kompositionen vorträgt. Die Tonqualität zu steigern bleibt späteren Versionen vorbehalten. Zunächst einmal ging es dem Erfinder darum, die Sache auf den Markt zu bringen. Denn trotz aller Rechnerunterstützung in Studios, aller Schnittprogramme und Plug-ins: eine Software, die selbst komponiert, gibt es noch nicht. Wüllenweber kommt mit einer Weltneuheit – die er fast im Alleingang erdacht hat.

Erst vor einem halben Jahr holte er sich Hilfe. Er fragte einen Geschäftspartner in Flensburg, von dem er wusste, dass er Flügelhorn spielt, ob er nicht einen guten Arrangeur wüsste. Der Hornist empfahl ihm seinen Lehrer, der – wie sich zur allgemeinen Verblüffung herausstellte – bei Wüllenweber um die Ecke wohnt. Jan-Peter Klöpfel hat Jazztrompete studiert, schreibt Filmmusiken, leitet das Hamburger JazzHaus Orchestra und hilft auch mal Annett Louisan als Gastmusiker aus.

Seit Monaten lässt Wüllenweber Ludwig komponieren und schickt Klöpfel die Arrangements. Der prüft sie auf handwerkliche Fehler, und was er beanstandet, versucht Wüllenweber im Quelltext zu ändern. Anfangs hat Klöpfel den Kopf geschüttelt, inzwischen tut er es nicht mehr. So manches Mal ist er verblüfft über die, ja, Einfälle des Programms. So wie die Kiste komponiere, könne er das nicht: so einfach.

Die Stücke sind sehr motivorientiert, erzählend, gelegentlich kindlich, Chromatisches liegt ihnen fern. Manche Stücke erinnern an jenen Russen-Pop, den man früher in Ostblockhotels abends an der Bar hörte. Das mag damit zu tun haben, dass es sich um seiner Natur nach populäres Material handelt, das man aber nicht kennt, weil es gerade eben aus dem Nichts entstanden ist.

Klöpfel arbeitet an den Feinheiten der Interpretation: Saxofone in der Bigband sollen aus dem linken Lautsprecher zu hören sein, denn sie stehen auch auf der Bühne links. Ein Salsa-Stück braucht ein Intro und auch einen Schluss. Es müssen nicht immer alle Instrumente spielen. Und dann die Phrasierung! Ludwig, findet Klöpfel, spiele bei Weitem nicht so gut, wie er komponiere.

Wüllenweber, der Physiker mit Nebenfach Musik, scheute bei der Vorbereitung seiner Kompositionsalgorithmen keine Lektüre. Weil ihm zeitgenössische Werke der Harmonielehre zu oberflächlich erschienen, ersteigerte er sich bei eBay vergriffene Klassiker, so den dreibändigen Hugo Riemann von 1902, gesetzt in Fraktur, aber in der Analyse Beethovens unübertroffen. Was ist ein Motiv? Wie lässt es sich variieren? Was sind die Gesetzmäßigkeiten des Wohlklangs? Vom Wagner-Hasser und Brahms-Freund Eduard Hanslick (1825 bis 1904) übernahm er das Motto: »Musik ist tönend bewegte Form.«

Bei der Programmierung des Kompositionsprozesses half ihm die Schacherfahrung. Denn Ludwig funktioniert im Kern wie Fritz. Was dem Schachcomputer Raum, Zeit und Entwicklung sind, sind dem Musikprogramm Melodie, Harmonie und Rhythmus. Ludwig geht von der ersten Note aus und setzt dann die zweite; nicht eine zweite, sondern etliche, die nach gewissen Grundkriterien ausgewählt werden. Für jede Kombination aus der ersten und zweiten Note sucht er dritte Noten – so wächst binnen Kurzem ein weitverzweigter Variantenbaum. Der wuchert ähnlich üppig wie die Zahl der Reiskörner in der berühmten Anekdote vom Brahmanen, der dem indischen König das Schachspiel erfand. Gefragt, was er sich zur Belohnung wünsche, sagte er: ein Reiskorn auf dem ersten Feld, zwei auf dem zweiten, vier auf dem dritten, acht auf dem vierten und so weiter, immer das Doppelte! Der König lachte über den bescheidenen Wunsch, wusste beim 64. Feld aber nicht, wo er die 500 Milliarden Tonnen Reis hernehmen sollte.

Ganz so weit treibt Ludwig es nicht. Nach einigen Takten bricht das Programm die Synthese ab und bewertet die gefundenen Notenfolgen mit Hilfe von Klangalgorithmen. Was klingt gut, gemessen an den Erkenntnissen der Harmonielehre? So macht Ludwig, was auch ein Komponist macht: Er probiert aus. Was ihm an Gehör und Intuition fehlt, gleicht er mit Rechenleistung aus.

Allerlei Fragen knüpfen sich an sein Schaffen. Wem gehören Ludwigs Werke? Dem Programmierer? Dem Käufer? Wüllenweber will eine Klausel ins Kleingedruckte schreiben, dass die Rechte bei ihm liegen. Aber wie ließe sich das kontrollieren? Komponiert Ludwig zufällig ein bekanntes Stück nach, wäre dies ein Plagiat – klarer Fall. Schafft er aber etwas Neues, kann es der Benutzer zum eigenen Werk erklären, und niemand kann ihm das Gegenteil beweisen. Noch ist das eine theoretische Überlegung, aber sie wird dringlicher, wenn Ludwig einmal so professionell wird wie Fritz. Allerdings gibt es zwischen der Notation einer Schachpartie und der eines Musikstücks einen wesentlichen Unterschied: Die Partie gilt als Sportergebnis und fällt nicht unters Urheberrecht.

Wer will, kann Ludwig auch auf 24-Stunden-Dauerkomponieren stellen und zum Beispiel seine Gaststätte mit nie Gehörtem beschallen – abgabenfrei. Was der Herr von der Urheber-Gesellschaft Gema wohl dazu sagt, wenn er vorbeischaut, um die Tantiemen einzutreiben?

Weitere Informationen über das Kompositionsprogramm Ludwig gibt es hier »

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Leserkommentare
    • taurus
    • 27. September 2007 12:42 Uhr

    ...entwickelt er ein Programm, das automatisch Artikel für die ZEIT schreibt.

    Für wissenschaftliche Arbeiten gibt's sowas schon:
    http://pdos.csail.mit.edu...

    taurus

  1. Man ist leider gewöhnt, dass die redaktionellen Maßstäbe der ZEIT beim Thema Schach nicht gelten. Herr Helmut P. darf in seiner Spalte ja regelmäßig Veranstaltungen und Publikationen bewerben, an denen er mitverdient - ohne dass mögliche Interessenskonflikte dem arglosen Leser aufgezeigt werden.

    Die Hofberichterstattung über ein kommerzielles Programm, zielgenau plaziert kurz vor dem Verkaufsstart und ohne substanzielle Distanz verfasst (dafür mit kuscheligen Homestories über den Programmierer und zielgenau plazierten Schlagworten wie "Weltneuheit etc.) fügt sich nahtlos in diese anrüchige Tradition ein.

    Von dem bequemen Zufall, dass man nicht weit reisen musste, um diese Geschichte zu verfassen, ganz abgesehen - man kennt sich halt in Hamburg. Ob die ZEIT auch solche Artikel über neuentwicklete Programme aus Bangalore verfasst?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ich bin 42, arbeite in der IT-Abteilung eines deutschen Grossunternehmens und werde in wenigen Monaten meinen Arbeitsplatz an deine leuchtenden Vorbilder aus Bangalore verlieren. Es tut gut, dass in Deutschland noch Software stattfindet die man nicht auf irgendeiner Vorstandsebene ratzfatz outsourcen kann.
    Vom Schach habe ich keine Ahnung aber Musikprogramme benutze ich. Wenn das Ding mehr ist als nudelige Begleitpatterns (die gibts schon lange), dann haben die Jungs was geschafft. Lesenswert!

    • ben_
    • 27. September 2007 16:43 Uhr

    Das ist bei allerliebe alles nicht neu.

  2. Ich bin 42, arbeite in der IT-Abteilung eines deutschen Grossunternehmens und werde in wenigen Monaten meinen Arbeitsplatz an deine leuchtenden Vorbilder aus Bangalore verlieren. Es tut gut, dass in Deutschland noch Software stattfindet die man nicht auf irgendeiner Vorstandsebene ratzfatz outsourcen kann.
    Vom Schach habe ich keine Ahnung aber Musikprogramme benutze ich. Wenn das Ding mehr ist als nudelige Begleitpatterns (die gibts schon lange), dann haben die Jungs was geschafft. Lesenswert!

    • iDog
    • 28. September 2007 12:10 Uhr

    war die musik nich , die da als beispiel zu hoeren war.ich wuerd eine "gaststaette", in der solche noch so urheberfreie musak laeuft , sofort wieder verlassen. Der faktor "emotionen kreativ umgesetzt" wird wohl bis auf weitere nicht programmatisch erzeugbar sein . programierbar ist er allemal, aber nur vom menschen/musiker direkt an einer kompositionssoftware.
    nun denn, alles machbare muss nun mal gemacht werden. nur weil es machbar ist , ist es noch nicht gut. bisweilen ist es sogar voellig unnuetzer bloedsinn.
    beim schach scheint es sinniger zu sein, da ein kompetitives element vorhanden ist , aber bei der musik bezweifele ich stark, dass da bei aller weiterentwicklung eines tages , wenn man auf den button" beethoven" drueckt, auch ein neuer beethoven - vielleicht die 10. - rauskommt .
    sollte ich mich taeuschen , koennen wir uns freuen , weil dann bald alle unsere probleme von computerprogrammen geloest werden koenne.
    im moment werden allerdings noch sehr viele probleme diese welt von genau diesen erzeugt.

    • ueckert
    • 29. September 2007 10:42 Uhr

    … so viel Kitsch auf einer Seite – der Homepage von LUDWIG – versammelt zu finden. Aber es passt ja zusammen: Werbesprüche und Vermarktung, selbst in einer ansonsten seriösen Zeitung: LUDWIG ab Oktober lieferbar (keine Demo-Version angeboten!), lanciert mit einem ganzseitigen Artikel in der ZEIT, der von Unkenntnis strotzt. Von wegen Weltneuheit! Schon mal was von David Cope gehört? Hat Anfang der 80-er Jahre mit "Experiments in Musical Intelligence" das Komponieren mit dem Computer begonnen und kaum einen prominenten Namen der Musikgeschichte ausgelassen. (Man mache ruhig eine Google-Suche oder gehe gleich zu der Homepage http://arts.ucsc.edu/facu...). Musikalische Intelligenz hat jedenfalls mit mehr zu tun als der Lektüre von Riemanns Harmonielehre.

    ue

  3. Leserbrief zu Zeit 40 2007 "Ludwig van Betriebssystem"

    Sehr geehrter Herr Stock,

    Sie schreiben: "..eine Software, die selbst komponiert, gibt es noch nicht.
    Wüllenweber kommt mit einer Weltneuheit ..."

    Wenn Herr Wüllenweber viel Glück hat, wird es eine Weltneuheit werden, daß jemand eine solche Software gewinnbringend vermarktet.
    Darüber hinaus wird ihm aber nichts anderes übrig bleiben, als seine Software in die lange Geschichte der
    komponierenden Computerprogramme einzureihen, die 1958 mit dem Programm von Lejaren Hiller beginnt, mit dem
    dieser die "Illiac Suite" für Streichquartett generiert hat.
    Einer der erfolgreichsten heutigen Vertreter, die an der Entwicklung von Kompositionsprogrammen arbeiten,
    die Musik-Stile imitieren, ist David Cope. Neben Büchern wie "Experiments in Musical Intelligence" gibt
    es von ihm Musik-CDs auf dem Markt, wie "Classical Music Composed By Computer", "Virtual Bach", "Virtual Mozart Experiment" etc.
    Sehr viele Vertreter der Algorithmischen Kunst, wie Gottfried Michael Koenig oder Karlheinz Essl, verwenden das Medium Computer aber nicht dazu um Stile zu kopieren, sondern
    um neuartige Strukturen z.B. über mathematische Formeln und Mustergeneratoren in die Musik hineinzubringen,
    die in dieser inneren Konsistenz und Komplexität von Hand nicht erzeugt werden könnten.
    Was die in Ihrem Artikel angeklungene Frage des Urheberrechts betrifft: Sie schreiben selber, dass Herr Wüllenweber
    den Musiker Peter Klöpfel als "Stilberater" für die Softwaregestaltung beschäftigt. Daran wird eine
    Sache deutlich: Eine neutrale Kunst produzierende Maschine gibt es nicht. Immer fließt das Kunstverständnis
    der Macher in die realisierten Algorithmen mit ein. Das "Kunst machen" einer bestimmten Personengruppe
    wird hier verobjektiviert. Das Produkt dieser Maschinen bleibt immer erkennbar ein Kind seines Schöpfers.
    Dieser Effekt wird beispielsweise auch an einer anderen Software sichtbar:
    Die sehr verbreitete Software Macromedia Flash zur Generierung interaktiver animierter Vektorgrafiken
    prägt allen damit erstellten Produkten einen bestimmten Stil auf, der in den darin vorhandenen Softwarewerkzeugen
    eingeprägt ist. Anfangs war die Webdesignerwelt von den damit erstellten Produkten beeindruckt. Mit Fortschreiten
    seiner Verbreitung, wird das Gemeinsame in den Flash-Produkten immer offensichtlicher und diese Animationen
    geraten immer mehr in Verruf. Mein persönlicher Standpunkt hierzu:
    Kunst generierende Software bildet den Schaffensprozeß ihrer Schöpfer ab. Beim Erzeugen der Software werden
    ihr schon eine bestimmte Varianz an möglichen Strukturen eingeprägt. Es handelt sich um eine Art Metakomposition.
    Die Software produziert immer nur Varianten einer bestimmten Gestaltungsidee. Auch wenn die möglichen Varianten
    schier unendlich sind, tritt deren Ähnlichkeit im Verlauf der Produktionen immer mehr zutage.
    Nur die Erzeugung von Kompositionsprogrammen, bei denen sich die Art und Weise, wie sie ihre Kompositionen
    realisieren auf radikale Weise unterscheidet, generieren Werke, die sich in interessanter Weise voneinander unterscheiden.

    Mit freundlichen Grüßen,
    Guido Kramann

    Links zum Thema:
    http://www.music.psu.edu/...
    http://arts.ucsc.edu/facu...
    http://www.koenigproject.nl/
    http://www.essl.at/biblio...
    http://www.nmz.de/info/ko...
    http://www.zkm.de/algorit...

    eigene Links:
    http://www.kramann.info/9...
    http://www.kramann.info/9...
    http://www.8ung.at/algoart/
    http://www.plapperfisch.d...

  4. Redaktion
    • stock
    • 29. September 2007 14:26 Uhr

    @kramannguido:

    Vielen Dank für den anregenden Kommentar, der sich wohltuend von allerlei Mißmut hier unterscheidet, bei dem ich mich als Autor verwundert frage, warum so giftig?
    Aber auch Ihnen, lieber Herr Kramann, kann ich nicht ganz zustimmen. Die von Ihnen zitierte Stelle meines Textes lautet in voller Länge:
    Zunächst einmal ging es dem Erfinder darum, die Sache auf den Markt zu bringen. Denn trotz aller Rechnerunterstützung in Studios, aller Schnittprogramme und Plug-ins: eine Software, die selbst komponiert, gibt es noch nicht. Wüllenweber kommt mit einer Weltneuheit – die er fast im Alleingang erdacht hat.
    Es geht also ausdrücklich um den Markt, um ein 50-Euro-Programm, das sich jeder kaufen kann, um die praktische Anwendung. Bitte, wo gibt es ein solches Programm im Handel trotz aller Experimente seit 1958? Wenn ich da etwas übersehen habe, korrigiere ich mich gern.

    Mit den besten Grüßen
    Ulrich Stock

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Wüllenweber kommt mit einer Weltneuheit
    ist eine absolute behauptung.

    Es geht also ausdrücklich um den Markt, um ein 50-Euro-Programm, das sich jeder kaufen kann, um die praktische Anwendung.
    das erscheint mir denn doch arg haarspalterisch -- ihre obige behauptung ist in dieser hinsicht gerade in keiner weise eingeschränkt worden! hätten sie geschrieben Wüllenweber kommt mit einer Weltneuheit: eine bezahlbare, für den endanwender geeignete kompositionssoftware könnte ich ihre indignation nachvollziehen.
    da sie das aber ganz absolut als weltneuheit bezeichnet haben, müssen sie sich die kritik me schon gefallen lassen.

    und der eindruck von schleichwerbung drängt sich in der tat ganz erheblich auf ...

    • ueckert
    • 29. September 2007 15:16 Uhr

    Schön, Herr Stock, dass Sie sich auch persönlich einschalten. Wie Sie aber im Ernst auf Ihre Überschrift kommen nach dem mehr als ausführlichen Beitrag von Herrn Kramann, ist mir schleierhaft: Solche Programme gibt es doch längst! Um nur ein weiteres Beispiel zu nennen: WolframTones von Stephen Wolfram (http://tones.wolfram.com/)

    Mit nicht-giftigem, sondern freundlichem Gruß
    – ueckert –

    • thn
    • 07. Oktober 2007 14:54 Uhr

    Sehr geehrter Herr Stock,
    Sollte es in Ihrem Artikel wirklich um den Markt gegangen sein, wäre er besser in der Zeitrubrik "Wirtschaft" denn "Wissen" aufgetaucht. Zu Ihrer Frage, wo es Kompositionsprogramme im Handel gibt, sei (neben Band-in-a-Box u.a.) erwähnt, dass die meisten von Herrn Kramann erwähnten Komponisten (neben vielen anderen) Ihre Programme größtenteils frei verfügbar im Internet veröffentlichen, da es ihnen eben nicht um den Markt geht. Daher gibt es diese Programme nicht im Handel, sondern auf Websites. Das schmälert ihre Leistungsfäigkeiten jedoch keineswegs. Darüberhinaus würde sich eine Diskussion evtl lohnen, die den Begriff Komposition etwas mehr problematisiert, als es Ihr Artikel , und möglicherweise auch die Software "Ludwig" tut.

    mit freundlichen Grüßen,

    Thomas Neuhaus

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