Noch immer ist Heavy Metal als proletarische Deppenmusik verschrien und hat es in der pophistorischen Kanonbildung nicht leicht. Mit seiner exzessiven Steigerung der Konstanten Lautstärke, Machismo und Theatralität gilt Heavy Metal als bösartiges Schmuddelkind des Rock’n’Roll. Zu den wenigen Bands, die sich dennoch regelmäßig in die ewigen Hitlisten vorwagen, gehört die Thrash-Metal-Formation Slayer. Ihr Album Reign In Blood ist ein Faustschlag, dessen Wucht kurzerhand ein ganzes Genre in Schutt und Asche legte.

Hervorgegangen waren Slayer aus dem Sumpf der umtriebigen Heavy-Metal-Szene der Bay Area. Dort hatte die Band bereits einige Jahre mit satanistischen Symbolen und Kunstblut herumhantiert, bevor sie sich im Jahr 1986 zu einem im erzkonservativen Genre Heavy Metal unerhörten Schritt entschloss: Als Produzent für das dritte Album verpflichtete man Rick Rubin, der zuvor mit schwarzen Rap-Gruppen wie Run DMC gearbeitet hatte. Rubins revolutionäre Taktik, Reign In Blood mit demselben technischen Aufwand einer gewöhnlichen Rockplatte zu produzieren, verhalf der Band zu einem klaren, geschärften Sound. Unter Rubins Regie befreiten Slayer Thrash Metal von seiner bierseligen Schludrigkeit.

Nie zuvor klang eine Heavy-Metal-Platte so konzentriert und unberechenbar. Keine Spur von selbstironischer Übertreibung, Slayer meinten es ernst. Zu ernst, befand die Plattenfirma CBS und schreckte angesichts der expliziten Texte über Todesszenarien und Massenmörder vor einer Veröffentlichung zurück. Dabei offenbarte sich die eigentliche Schockwirkung in der Musik. Ausufernde Verzierungen verbannte Rubin aus den Songs. Reign In Blood bedeutet musikalische Verdichtung auf engstem Raum: Mit nur knapp 28 Minuten Spielzeit ist das Album eines der kürzesten der Rockgeschichte. Epische Großtaten überließ man Bands wie Metallica, die zuvor das Album Master Of Puppets vorgelegt hatten. Dagegen galt es sich abzusetzen. Mit ihrer hochkomprimierten Intensität schlugen Slayer nicht nur die Brücke zwischen Thrash Metal und dem Vorläufer Hardcore Punk, sondern ließen erstmals Free-Jazz-ähnliche Texturen auf einer Metal-Platte hören.

Dieses Spannungsverhältnis zwischen Genauigkeit und atonalem Chaos hinterließ nicht nur im Heavy Metal seine Spuren: John Zorns Noise-Jazz-Meisterwerk Torture Garden hätte ohne Slayer sicher anders geklungen. Vor allem ist Reign In Blood eine große Schlagzeugplatte: Dave Lombardos Schnelligkeit und präziser Groove stehen im Zentrum dieses metallischen Gewitters, das sich am Schluss in einem gespenstischen Finale entlädt. »Raining blood / From a lacerated sky / Bleeding its horror / Creating my structure / Now I shall reign in blood!« , brüllt der Bassist Tom Araya. Dann bricht die Musik unvermittelt ab. Was bleibt, ist das Geräusch von fallendem Regen.

Slayer: Reign In Blood (American/Warner)

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