Klassiker der Moderne (79)Blutiger Regen

Die Schwermetaller von Slayer wandten sich 1986 an den Popproduzenten Rick Rubin. Der befreite ihr Album "Reign in Blood" von bierseliger Schludrigkeit und schuf einen Rockschocker auf 28 Minuten Länge. von Matthias Schönebäumer

Noch immer ist Heavy Metal als proletarische Deppenmusik verschrien und hat es in der pophistorischen Kanonbildung nicht leicht. Mit seiner exzessiven Steigerung der Konstanten Lautstärke, Machismo und Theatralität gilt Heavy Metal als bösartiges Schmuddelkind des Rock’n’Roll. Zu den wenigen Bands, die sich dennoch regelmäßig in die ewigen Hitlisten vorwagen, gehört die Thrash-Metal-Formation Slayer. Ihr Album Reign In Blood ist ein Faustschlag, dessen Wucht kurzerhand ein ganzes Genre in Schutt und Asche legte.

Hervorgegangen waren Slayer aus dem Sumpf der umtriebigen Heavy-Metal-Szene der Bay Area. Dort hatte die Band bereits einige Jahre mit satanistischen Symbolen und Kunstblut herumhantiert, bevor sie sich im Jahr 1986 zu einem im erzkonservativen Genre Heavy Metal unerhörten Schritt entschloss: Als Produzent für das dritte Album verpflichtete man Rick Rubin, der zuvor mit schwarzen Rap-Gruppen wie Run DMC gearbeitet hatte. Rubins revolutionäre Taktik, Reign In Blood mit demselben technischen Aufwand einer gewöhnlichen Rockplatte zu produzieren, verhalf der Band zu einem klaren, geschärften Sound. Unter Rubins Regie befreiten Slayer Thrash Metal von seiner bierseligen Schludrigkeit.

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Nie zuvor klang eine Heavy-Metal-Platte so konzentriert und unberechenbar. Keine Spur von selbstironischer Übertreibung, Slayer meinten es ernst. Zu ernst, befand die Plattenfirma CBS und schreckte angesichts der expliziten Texte über Todesszenarien und Massenmörder vor einer Veröffentlichung zurück. Dabei offenbarte sich die eigentliche Schockwirkung in der Musik. Ausufernde Verzierungen verbannte Rubin aus den Songs. Reign In Blood bedeutet musikalische Verdichtung auf engstem Raum: Mit nur knapp 28 Minuten Spielzeit ist das Album eines der kürzesten der Rockgeschichte. Epische Großtaten überließ man Bands wie Metallica, die zuvor das Album Master Of Puppets vorgelegt hatten. Dagegen galt es sich abzusetzen. Mit ihrer hochkomprimierten Intensität schlugen Slayer nicht nur die Brücke zwischen Thrash Metal und dem Vorläufer Hardcore Punk, sondern ließen erstmals Free-Jazz-ähnliche Texturen auf einer Metal-Platte hören.

Dieses Spannungsverhältnis zwischen Genauigkeit und atonalem Chaos hinterließ nicht nur im Heavy Metal seine Spuren: John Zorns Noise-Jazz-Meisterwerk Torture Garden hätte ohne Slayer sicher anders geklungen. Vor allem ist Reign In Blood eine große Schlagzeugplatte: Dave Lombardos Schnelligkeit und präziser Groove stehen im Zentrum dieses metallischen Gewitters, das sich am Schluss in einem gespenstischen Finale entlädt. »Raining blood / From a lacerated sky / Bleeding its horror / Creating my structure / Now I shall reign in blood!« , brüllt der Bassist Tom Araya. Dann bricht die Musik unvermittelt ab. Was bleibt, ist das Geräusch von fallendem Regen.

Slayer: Reign In Blood (American/Warner)

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Leserkommentare
  1. Es ist schon seltsam, Slayer in der "Zeit" als (wenn auch moderne) Klassiker bezeichnet zu lesen - das hätten die Redakteure des ehrwürdigen Wochenblattes 1986 sicher für undenkbar gehalten. Für ebenso undenkbar hätte ich es damals wohl gehalten, einmal "Zeit"-Abonnent zu sein, wobei ich sagen muss, dass ich das grandiose Slayer-Album immer mit einem etwas bildungsbürgerlich schlechten Gewissen gehört habe, weil es so alles sprengte, was erlaubt war (Auschwitz-Profanisierung... Folterfantasien... Satanskult... uuuuh, böse!). Ich hatte auch immer ein bisschen echte Furcht und Gänsehaut bei dem, was da in der Tat völlig ohne eine  "Spur von selbstironischer Übertreibung" bürgerschrecklich aus den Boxen brach, aber irgendwann fand ich die bierernste (wenn nicht doch "bierselige", vgl. Rückseite des Covers) Evil-Pose auch ziemlich lächerlich... . Ein Aufrührer war ich sicher nicht, aber konnte mich doch kurz - waren es wiklich nur 28 Minuten? - so fühlen und mein Vokuhila-Haupt (zu einer echten Matte hat's nie gereicht) dazu schütteln. So nehmt mir doch bitte nicht die letzte Rebell-Illusion, indem ihr Slayer in die salonfähige Musik einreiht, die bestenfalls noch ein abgeklärtes Kenner-Nicken hervorruft... Bin ich wirklich schon so alt? (Rhetorische Frage.)Eines noch: Schöner und treffender Artikel, aber es ist mir bisher nicht gelungen, "Free-Jazz-ähnliche Texturen" oder einen "Groove" in einer der Nummern zu entdecken...

  2. Die Charakterisierung des Heavy oder Trash Metal bzw. ihrer Hörerschaft, die Rolle von Produzenten für das Ergebnis des Albums, Einflüsse auf wen auch immer, die Beschreibung der Musik: zeigt, wie sehr sich Kritiker auf dünnes Eis begeben, wenn sie ihr spezielles Terrain verlassen (wobei sicherlich jeder Kritiker auch ein Terrain hat, auf dem er felsenfest steht). Wahrscheinlich schlittern sie auch nicht selten, wenn sie ein philharmonisches Werk kritisieren, nur merken das dann die Leute, die davon was verstehen.
    Ein schöner Kniff: Vergleiche mit einem hippen Jazzmusiker, den wohl die wenigsten proletarischen Deppen kennen, beweisen Expertentum (könnte mir gut vorstellen, daß sich der Kritiker hier richtig gut auskennt).
    Ich finde diesen Artikel ein klassisches Beispiel dafür, was regelmäßig passiert in den Feuilletons und Fernsehkultursendungen, wenns um die Unterhaltungsmusik der etwas jüngeren Generation geht: daß ernsthafte Kritiker sich ernster nehmen als die kritisierten Musiker, und wahrscheinlich auch als die meisten ihrer Hörer.

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    Dass John Zorn manchmal Ähnlichkeiten mit Slayer hat, liegt unter anderem daran, dass Dave Lombardo (Slayer) mit ihm Schlagzeug gespielt hat. Ist also nicht ganz so an den Haaren herbeigezogen, wie es scheinen mag.

    • Umrath
    • 03. Mai 2013 11:15 Uhr

    Reign heißt regieren. Warum der Author auf Regen kommt, ist mir schleierhaft.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Das Album heißt "Reign in Blood", die letzte Nummer heißt "Raining Blood". Vielleicht kommt's daher?

  3. Dass John Zorn manchmal Ähnlichkeiten mit Slayer hat, liegt unter anderem daran, dass Dave Lombardo (Slayer) mit ihm Schlagzeug gespielt hat. Ist also nicht ganz so an den Haaren herbeigezogen, wie es scheinen mag.

  4. Das Album heißt "Reign in Blood", die letzte Nummer heißt "Raining Blood". Vielleicht kommt's daher?

    Antwort auf "Reign != Regen"

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