Irak Flucht aus dem befreiten Land
Syrien hat 1,5 Millionen irakische Flüchtlinge aufgenommen. Die deutschstämmige Yasmin Abdul Kader ist eine von ihnen. Eine Reportage
Damaskus - Es ist wieder so weit. Ali und Tabarek breiten die Fotoalben auf dem grünen Sofa aus. Die Bilder sollen Licht in das dunkle Durchgangszimmer in Damaskus’ konservativem Vorort Babila bringen, ein wenig heile deutsche Welt in den tristen syrischen Flüchtlingsalltag. Einträchtig blättern Bruder und Schwester in den Erinnerungen des letzten Sommers. »Die schönen Straßen, die vielen Bäume und der tolle Spielplatz hinter dem Haus«, schwärmen der Zehn- und die Siebenjährige. Weit weg von den Bomben im Irak und den Feindseligkeiten in Syrien, sei Deutschland ihren Kindern wie das Paradies vorgekommen, sagt Yasmin Abdul Kader in fließendem Deutsch. Sie selbst habe sich zu Hause gefühlt. Yasmins Tante hatte die drei nach Kiel eingeladen, für die 40-jährige Deutsch-Irakerin der erste Deutschlandbesuch nach 16 harten Jahren im Irak – Jahren des internationalen Embargos gegen das Saddam-Regime, des Krieges und der täglichen Gewalt unter ausländischer Besatzung.
Als Tochter einer Deutschen und eines Irakers litt Yasmin unter den politischen Verhältnissen im Irak besonders. Kinder mit einem ausländischen, womöglich westlichen Elternteil standen zu Saddams Zeiten unter dem Generalverdacht der Spionage. In ihrem Beruf als Telekommunikationstechnikerin blieben Yasmin deshalb viele Türen verschlossen. Nach dem Sturz des Baath-Regimes 2003 verschlechterte sich ihre Lage weiter, denn nun wuchs der religiöse Fanatismus. Yasmin wurde von der Tochter einer Deutschen zur Tochter einer Ungläubigen – und damit ein potenzielles Entführungsopfer. Eine Bekannte habe sie einmal scherzhaft gefragt: »Weißt du, wie viel Geld mir die Al-Qaida-Leute bezahlen würden, wenn ich ihnen verrate, dass hier jemand mit deutscher Mutter wohnt?« Yasmin fasste es nicht als Spaß, sondern als Drohung auf, denn die Brüder ihrer Bekannten hätten mit al-Qaida zusammengearbeitet. »In Bagdad gingen wir schlafen und wussten nicht, ob wir am nächsten Tag aufwachen würden«, erzählt die zweifache Mutter. Jeden Morgen, wenn ihr Mann Ali und Tabarek zur Schule brachte, habe sie der Gedanke durchzuckt, sie könnte ihre Kinder nie wiedersehen. »Im Falle einer Entführung würde die deutsche Botschaft in Bagdad natürlich sagen, das ist eine Irakerin, mit der haben wir nichts zu tun.« Yasmins Stimme klingt verbittert. Für die Radikalen sei sie trotzdem die Tochter einer ungläubigen Deutschen.
1967 wurde Yasmin in Bagdad geboren. Acht Jahre zu früh, denn erst seit 1975 vererben deutsche Frauen die Nationalität an ihre Kinder. Bis dahin galt nur als deutsch, wer einen deutschen Vater hatte, deswegen war Yasmin von Anfang an Irakerin. Mit der Gesetzesänderung trat eine Übergangsfrist in Kraft: Wer vor dem 1. Januar 1975 als Kind einer deutschen Mutter und eines ausländischen Vaters geboren wurde, hatte drei Jahre Zeit, die deutsche Staatsbürgerschaft durch Erklärung zu erwerben. Doch im Irak half diese Frist wenig. »Unter Saddam Hussein war es verboten, neben dem irakischen einen zweiten Pass zu besitzen«, betont Yasmin. Wäre ihr Vater für seine damals achtjährige Tochter zur deutschen Botschaft gegangen, hätte er womöglich mit dem eigenen Leben dafür bezahlt, so die Deutsch-Irakerin. »Er hatte schon genug gewagt, er war kein Mitglied der regierenden Baath-Partei und hatte eine Europäerin geheiratet.« Die dreiköpfige Familie sollte stillhalten und keinerlei Aufmerksamkeit erregen – so die Überlebensstrategie des Vaters. Nur heimlich hätten einige wenige die deutsche Staatsangehörigkeit beantragt, sagt Yasmin. Genaue Zahlen liegen nicht vor, da bei der Plünderung der deutschen Vertretung im Irak viele Dokumente verloren gingen. Das Problem scheint jedoch überschaubar. Laut der Botschaft in Bagdad ist Yasmin eine von weniger als 20 Deutsch-Irakern, die die dreijährige Frist verstreichen ließen und bis heute keine deutsche Staatsangehörigkeit haben.
Yasmin blieb also formal Irakerin, während ihr Alltag von deutschen Traditionen geprägt war. Sie erzählt, wie sie jedes Jahr an Heiligabend den Weihnachtsmann persönlich treffen wollte, um ihn dann – abgelenkt vom Vater – abermals zu verpassen und nur noch die Geschenke vorzufinden. Die Adventskalender, die ihre Tante aus Deutschland schickte, bewahrte sie auch in leer gegessenem Zustand auf. Und an Ostern »wanderte« sie durch das Haus auf der Suche nach Schokoladeneiern. Yasmin lächelt, zum ersten Mal hellt sich ihr schmales ernstes Gesicht auf. Äußerlich ähnelt die sportliche schlanke Frau eher dem Vater, aber ihre direkte, ernsthafte Art habe sie von der Hamburger Mutter, erklärt sie. »Es muss an meinem Verhalten liegen, dass die Leute mich stets als Deutsche behandeln, obwohl ich nicht so aussehe.«
Mehrfach erkundigte sich Yasmin, ob sie die deutsche Staatsbürgerschaft nachträglich erwerben könne, 1989 in Bagdad, 1990 bei einem Besuch in Deutschland, 1999 bei der deutschen Botschaft in Jordanien, die damals für den Irak zuständig war, weil die Vertretung in Bagdad nach dem Golfkrieg 1990 geschlossen wurde. Allerdings stellte sie keine schriftlichen Anträge, da sie auf ihre mündlichen Anfragen immer die gleiche Antwort erhielt: Die Erklärungsfrist sei abgelaufen. Über die Möglichkeit einer Nachfrist habe sie niemand belehrt, sagt Yasmin. Eine letzte Chance bot sich den Deutsch-Irakern, die vor 1975 geboren wurden und bis dahin keinen deutschen Pass beantragt hatten, als die deutsche Botschaft im Irak am 24. August 2004 wiedereröffnete. Denn juristisch gesehen, steht jemandem, der ohne eigenes Verschulden außerstande war, die dreijährige Erklärungsfrist einzuhalten, eine sechsmonatige Nacherklärungsfrist zu, sobald das Hindernis nicht mehr besteht. Erst 2004 waren sowohl das Baath-Regime beseitigt als auch eine deutsche diplomatische Vertretung im Irak vorhanden, sodass Leute wie Yasmin ungehindert ihre deutsche Abstammung erklären konnten. Yasmin stellte in dieser Zeit einen Antrag auf Einbürgerung, den das Bundesverwaltungsamt in Köln jedoch im Frühjahr 2006 ablehnte. Begründung: Es bestünden keine ausreichenden Bindungen an Deutschland, und der Unterhalt der Familie wäre im Falle eine Übersiedlung nicht gesichert.
So blieb Yasmin, ihrem Mann Mohammed und den zwei Kindern nur die Flucht nach Syrien – das einzige Nachbarland, das bis zum vergangenen Montag unbegrenzt Iraker aufnahm. Mehr als 1,5 Millionen Flüchtlinge haben dort inzwischen Unterschlupf gefunden, bei einer Gesamtbevölkerung von 18 Millionen eine enorme Belastung. Umso beeindruckender ist die Solidarität der Syrer: Der Schulbesuch ist für irakische Kinder gratis, Ärzte behandeln kriegsversehrte Iraker teilweise zum halben Preis, wohlhabende Privatleute spenden Kleidung, Medikamente und Nahrungsmittel. Doch selbst Organisationen wie das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR), das Internationale Rote Kreuz und der Syrische Rote Halbmond sind angesichts der nur zögerlich fließenden internationalen Finanzhilfe dem Ansturm nicht gewachsen. Von insgesamt zugesagten 39 Millionen Dollar für Syrien sind bislang nur 14 Millionen ausbezahlt.
Der Überlebenskampf der Iraker wirkt sich zwangsläufig auf den Alltag der Syrer aus. Da die Flüchtlinge offiziell nicht arbeiten dürfen, nehmen Familienväter illegale Jobs an, Kinder gehen betteln, Frauen sehen sich zur Prostitution gezwungen. In der Hauptstadt haben sich die Wohnungspreise mehr als verdoppelt, die Straßen sind verstopft, Krankenhäuser, Schulen und Behörden überfordert. In manchen inzwischen mehrheitlich von Irakern bewohnten Vororten von Damaskus fühlen sich Syrer wie Fremde im eigenen Land, Feindseligkeiten nehmen zu. Kürzlich hätten syrische Kinder ihren Sohn und seine irakischen Spielkameraden verprügelt, erzählt Yasmin. Ihr Mann Mohammed, ein Ingenieur, berichtet, wie zwölfjährige Jungen ihm auf der Straße hinterherrufen: »Hey, Iraker, warum haust du nicht ab?!« Aus Angst, die Anfeindungen könnten irgendwann in offene Aggression und gesellschaftliche Unruhen umschlagen, hat die syrische Regierung deshalb die Notbremse gezogen. Seit 10. September dürfen nur noch irakische Geschäftsleute und Akademiker einreisen, die ein Visum der syrischen Botschaft in Bagdad vorweisen können. Alle anderen werden zurückgeschickt.
Die eineinhalb Millionen Iraker, die bereits in Syrien sind, sitzen fest, angewiesen auf Hilfe von außen. Ihre Lage ist vor allem deshalb aussichtslos, weil sie sich mittelfristig nicht ändern wird. Eine Rückkehr in den von Gewalt zerrütteten Irak scheint bis auf Weiteres unmöglich, sich in Syrien ein würdiges Dasein aufzubauen ist angesichts der dort herrschenden hohen Arbeitslosigkeit schwierig. Und die Hoffnung, von Damaskus aus in die USA, nach Kanada, Australien oder Europa weiterzuziehen, erweist sich als naives Wunschdenken. Laut UNHCR ist kaum ein westliches Land bereit, Iraker aufzunehmen.
In dem kleinen Durchgangszimmer am Stadtrand von Damaskus schweift Yasmins Blick über die Fotos ihrer Kinder in Kiel. Sie ist verzweifelt. Für einen Neubeginn in Deutschland hätten sie genug gespart, sagt sie, zusätzlich könnten sie ihr Haus in Bagdad verkaufen. Und als Ingenieur könnte ihr Mann vielleicht irgendwann eine Anstellung finden, fügt sie hinzu. Doch statt mit den Ersparnissen eine neue Existenz in der Bundesrepublik zu gründen, verbraucht die Familie das Geld nun für ihr tägliches Überleben in Syrien. Wenn der Frust zu groß wird und selbst die Fotoalben aus Deutschland die Stimmung nicht mehr heben, spielen Yasmin, Mohammed und ihre beiden Kinder auf dem Steinboden vor dem grünen Sofa eine Runde Mensch ärgere Dich nicht. Zumindest Ali und Tabarek vergessen dabei für einen Moment, dass die syrischen Nachbarkinder sie nicht vor dem Haus spielen lassen. Yasmins Ärger jedoch bleibt. Sie fühlt sich von der Bundesrepublik im Stich gelassen. »Wir Deutsch-Iraker sind doch halb deutsch. Wir wissen, wie die Deutschen denken und wie sie sich fühlen.« Wenn sie zu Besuch bei ihrer Tante sei, habe sie wirklich das Gefühl, dazuzugehören, sagt Yasmin, »zum Wetter, zu den Straßen, zu den Menschen«.
- Datum 28.09.2007 - 02:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 27.09.2007 Nr. 40
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:





Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren