Wattig wie der Morgennebel legt sich Jodie Fosters Stimme tagtäglich über Manhattan. Street Walk heißt die Sendung, in der sie sich als Radiojournalistin Erica Bain auf Exkursionen durch die Stadt begibt und kritisch jeden Wandel registriert. Ihr Pessimismus wird auf grausamste Weise recht bekommen: Bei einem abendlichen Spaziergang mit dem Verlobten wird Bain von einer Gang überfallen. Im Sucher der digitalen Kamera, mit der einer der Schläger stolz die Szene festhält, sehen wir, wie die Kerle auf die beiden eintreten und Erica mit dem Kopf gegen die Wand rammen. Das dumpfe Geräusch des Aufpralls ist kaum auszuhalten. Einmal, zweimal, dreimal.

Neil Jordans Film Die Fremde in dir wird diese Szene später wiederholen, damit bloß niemand das Ausgangsleid vergisst. Doch da ist die aus dem Koma erwachte Erica längst eine andere geworden. Als kruzifixbehängter Todesengel übt sie Rache für alle, die in New York Opfer dunkler Gestalten wurden. »Wir können nichts gegen diese Gewalt unternehmen«, sagt der Inspektor, der nach den Totschlägern fahndet. »Nichts, was legal wäre.« Das ist der Marschbefehl.

Erica ist die Stimme einer traumatisierten Stadt, deren verweichlichte Exekutive vor der Gewalt in die Knie gegangen ist. Und Jodie Foster, die schon seit etlichen Filmen als One-Woman-Kampfeinheit den Besitz und die Brut des Mittelstandes verteidigt, erweitert als Erica nun den Panic Room auf ganz New York. Dieses Mal hat man gar den Eindruck, als wolle sie sich rückwirkend selbst retten. Als wolle sie die abgeklärte 14-jährige Hure Iris, die sie in Taxi Driver war, nun aus dem Großstadtdschungel führen und auch den Amoklauf gegen den sogenannten Abschaum selbst absolvieren. Wenn sie mit verkniffenem Gesicht und heiligem Zorn perversen Kinder- und Frauenschändern das Licht auspustet, wird sie zu einer Art Reinigungsfrau der Nation.

Man fragt sich, was den irischen Regisseur Neil Jordan geritten hat, diese Auftragsarbeit anzunehmen. Vor zwei Jahren erzählte er in Breakfast on Pluto liebevoll die bizarre Geschichte eines muttersuchenden Transvestiten im London der Siebziger. Und anders als sonst bei Jordan geht es auch nicht um politisch motivierte Verirrungen in die Barbarei oder um Gewalt als bitteres Beiwerk eines großen Coups. Eher um eine Art verqueres Genesungsprogramm.

Wenn rund um den Jahrestag von 9/11 auch noch Kevin Bacon als braver Familienvater in James Wans Death Sentence – Todesurteil (seit 13. September im Kino) rot sieht und Vergeltung für den Tod seines ermordeten Sohnes sucht, setzt sich damit jene kleine Welle von Vergeltungsfilmen fort, die seit The Punisher oder auch Man on Fire seit zwei Jahren unauffällig, aber hartnäckig weiterrollt. All diese Filme suchen den gerechten Krieg – und sind dabei Äonen weit entfernt von den großartig kaputten Rotsehern und zynischen Rächern der siebziger Jahre. Mit Jodie Foster hat der Rächerfilm nun aber ganz offensichtlich seinen Tiefpunkt erreicht: als moralisch fragwürdige urbane Konfrontationstherapie.