KinoZwei Särge und die Liebe

Fatih Akins »Auf der anderen Seite« ist ein heller Film über den Tod. von 

Manchmal ist ein Film zunächst einmal eine Stimmung. Oder auch eine Stille. In Fatih Akins Auf der anderen Seite begegnet man jener seltsamen Stille, die nach dem Tod eines nahen Menschen entsteht. Die Welt dreht sich weiter, die Autos fahren, die Fliegen summen, die Leute gehen zur Arbeit, alles wirkt zugleich bekannt und fern, klar und doch gedämpft. Für eine Weile bewegt sich das Dasein in einem anderen Modus. Es ist der Modus des Verschwindens und der Vergänglichkeit, der alles in ein entrücktes Licht taucht und das Leben plötzlich kostbar und zerbrechlich erscheinen lässt.

Auf der anderen Seite beginnt mit einem Prolog, der auch das Ende des Films sein wird. Tod und Verlust, der Schmerz und seine Überwindung, all das ist also schon vorbei, bevor es für uns erzählt wird. Daher die losgelöste, man möchte fast sagen: weise Haltung dieses Films, der von seinen Geschehnissen nicht mehr überrumpelt wird.

Yeters Tod und Lottes Tod heißen die beiden ersten Kapitel. An ihren Enden gleitet jeweils ein Sarg vom Flugzeug auf ein Rollfeld, einmal in Istanbul, einmal in Hamburg. Zwei Särge, zwei Tote, zwei Geschichten, das ist die Symmetrie von Auf der anderen Seite. Und im Rückblick wirkt Akins Film tatsächlich wie eine Waage, die traurige und leichte, ergreifende und heitere Momente, eben die verschiedenen Gewichte einer Erzählung in schwereloser Balance hält.

Yeters Tod handelt von einem älteren Türken in Bremen, von seinem Sohn, einem Germanistikprofessor, und von einer türkischen Prostituierten namens Yeter. Der Alte »kauft« sich die Frau, bezahlt sie, damit sie bei ihm lebt. In einem Moment betrunkenen Jähzorns schlägt er sie, sodass sie unglücklich fällt und stirbt. In Lottes Tod flieht die türkische Politaktivistin Ayten von Istanbul nach Bremen. Vorübergehend findet sie bei der Studentin Lotte und deren Mutter Unterschlupf. Die jungen Frauen verlieben sich ineinander. Als Ayten in die Türkei abgeschoben wird, folgt Lotte ihr nach Istanbul – und wird dort durch Zufall von einem Straßenjungen erschossen.

Man hört Fatih Akins Drehbuch hin und wieder ächzen, wenn die fatalen Schicksalsmomente in den Fluss der Geschichten gestemmt werden. Auch der Zufall legt sich eifrig ins Zeug. Und doch braucht der Film die beiden Toten, um zu seinem Thema zu gelangen. Denn Auf der anderen Seite fragt, ganz schlicht, was bleibt. Mit seinen Figuren folgt er den Plänen und Empfindungen, den Gedanken und Sehnsüchten, den Lieben und gekappten Schicksalsfäden, die ein Mensch hinterlässt. Eine Frau und ein Mann reisen nach Istanbul, um danach zu suchen.

Hanna Schygulla spielt Lottes Mutter, die ihrer toten Tochter näher kommt, als sie ihr im Leben je war. Eigentlich hat sie sich im Vorortshäuschen auf die Rolle der bildungsbürgerlichen Schnepfe verlegt und könnte ewig weiter mit schnippischem Gesicht Sauerkirschen in den Kuchenteig drücken. Man muss sich anschauen, wie geschickt Akin die natürliche Trägheit dieser Schauspielerin in die Frustration ihrer Filmfigur eingehen lässt. Und wie er aus ihrer somnambulen Selbstbezogenheit eine kleine Generationenstudie macht. In Istanbul wird sich die Post-Hippie-Erstarrung der Mutter langsam lösen, wenn sie im halb bezogenen Zimmerchen der Tochter zu verschütteten Jugendgefühlen und neuer Hoffnung findet.

Auch Nejat Aksu kommt nach Istanbul, auf den Spuren der Frau, die mit seinem Vater lebte. Der Germanistikprofessor, der seinen deutschen Studenten erklärt, warum Goethe keine Rosen im Winter und also keine Revolutionen mochte, wird sein Leben umkrempeln und am Bosporus eine deutsche Buchhandlung übernehmen.

Von den Begegnungen dieser buchstäblich erschütterten Menschen erzählt Akin mit großer Behutsamkeit und Vorsicht. In seinen hell fotografierten Einstellungen kommt man den Figuren nahe, weil das Objektiv einen Raum eröffnet, für ihre Trauer oder auch Verlorenheit. Einmal, wenn Schygulla allein im Hotelzimmer weint, verzieht sich die Kamera in die oberste Ecke des Zimmers, als wollte sie Platz machen für den Schmerz. Immer wieder begegnet man in Auf der anderen Seite dieser Ästhetik der stillen Einfühlung. Etwa wenn Fatih Akin den Figuren den Überhang der Szene überlässt. Es sind die Sekunden, in denen der Dialog zu Ende, aber noch längst nicht alles gesagt ist. In einem dieser Momente sitzt Nejat abends in Bremen im Garten, neben der Frau, die sein Vater als Lebensgefährtin bezahlt. Eigentlich sagt sie nicht viel mehr, als dass sie ihre Tochter in der Türkei vermisse. Aber aus der Art, wie die beiden in Gesellschaft der Kamera einfach noch eine Weile stumm beieinander sitzen, lässt sich manches erahnen, was später nicht mehr erzählt werden muss.

Und natürlich ist Auf der anderen Seite, wie fast alle Filme von Fatih Akin, eine Abhandlung über die Formen, Gesten und Temperamente der Liebe. Man erinnere sich nur an die schier endlosen Serien von Küssen und Umarmungen, die in seinem Regiedebüt kurz und schmerzlos zwischen seinen Helden, drei Kleinkriminellen aus Hamburg-Altona, ausgetauscht werden. Aus der Zärtlichkeit, mit der Akin hier die Freundschaft zwischen einem Griechen, einem Serben und einem Türken filmt, entsteht das Panorama einer bis zu den ersten Kinderraufereien reichenden brüderlichen Liebe. In seinem Roadmovie Im Juli erkundete er die Liebe als große romantische Idee und in Gegen die Wand als melodramatischen Exzess und Achterbahn der Gefühle. In Auf der anderen Seite erzählt er zurück genommener, auch von der Liebe. Hier reicht ihm ein Tanz in der Disco für die Zuneigung zwischen der Türkin Ayten und der Deutschen Lotte. Auch fasst er das Gefühl diesmal weiter. Als Liebe zwischen Eltern und Kindern, zwischen Lebenden und Verstorbenen oder als überraschende Vertrautheit zwischen eigentlich Fremden. Und, nicht zuletzt, auch als kritische Heimatliebe.

Zu dieser Liebe gehört Istanbul als reale Stadt und als Sehnsuchtsort. Als Schauplatz von Tod und Katharsis, als Scharnier der Kulturen, aber auch als ganz normaler Alltagsraum, in dem man die Einwohner spielen und klauen, demonstrieren, lesen und arbeiten sieht. Es spricht für Fatih Akin, dass er bereit ist, diese Heimatliebe an nicht immer schmeichelhaften Einblicken zu brechen. In Istanbul filmt er die vielen Fahnen des neu erblühten Nationalismus und den rabiaten Umgang mit Oppositionellen. Er wirft einen Blick in überfüllte Frauengefängnisse und auf eine kafkaeske Justizpraxis, die mit Rechtsstaatlichkeit nur wenig gemein hat. In Deutschland beschreibt er die Scheinheiligkeit konservativer Landsleute, die eine türkische Prostituierte schikanieren, aber nicht ihre türkischen Freier. Zugleich liefert Auf der anderen Seite der Integrationsdebatte eine hübsche Pointe, wenn Nejat, der als Germanistikprofessor sozusagen den Superjoker der sozialen Migrantenskala gezogen hat, plötzlich Heimatgefühle entdeckt und in Istanbul bleiben will.

Erstaunlich ist, wie all diese gewichtigen Themen den Film in keiner Weise beschweren. Im Gegenteil, während er im langsamen Rhythmus fortschreitet, weitere Figuren, Orte und Schicksale in sich aufnimmt, scheint er immer leichter zu werden. Man könnte auch von einem lichten Requiem sprechen. Einem Requiem, das nach vorne weist und voller kleiner Utopien steckt.

Im Grunde ist Auf der anderen Seite also ein hoffnungsfroher Film. Weil er vorführt, dass das Leben ein großes Aneinandervorbei ist, bei dem sich manchmal eben doch genau die Richtigen treffen. Oder dass Heimat ein Gefühl der Zugehörigkeit sein kann, das weniger mit Flaggen als mit einem Ort zu tun hat, an dem ein alter Mann am Ende des Lebens noch einmal fischen geht. Und weil er zeigt, dass der Tod nicht die letzte Grenze ist. Jedenfalls nicht in einem Film, in dem die Toten den Lebenden auf so schöne Weise helfen, wieder lebendig zu werden.

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Leserkommentare
  1. Der Film "Auf der anderen Seite" bietet sehr viel Stimmung, erschöpft sich in Andeutungen und Aufzählungen sich kreuzender Erzählstränge und Handlungsmotive, bleibt aber gar zu viel schuldig.
    Der politische Hintergrund der Geschichte zum Beispiel bleibt ganz im Unklaren. So erzählt der Film nicht mehr als die bedauernswerte Geschichte naive Personen, die unter die Räder geraten. Das ist schade, aber berührt mich nicht besonders tief. Menschen werden durch Dummheit und Fanatismus zu Terroristen, am Ende fließen Tränen, ach Gott.
    Aber was sind die Hintergründe? Aus welchem politisch- ethnischen Milieu stammt Ayten, die ihre deutsche Freundin in kriminelle Handlungen verstrickt, durch die diese umkommt? Das bleibt alles ziemlich unklar, ihre Handlungsweise deshalb unverständlich. Solche Geschichten geschehen, wie jeder weiß, aber durch ein Drama möchte ich gerne mehr über die Seelenlandschaft von Menschen erfahren, die in kriminellen Karrieren ihre Hoffnung sehen, sonst bleibt es nur eine ach so rührselige Tränennummer.
    Hanna Schygulla, die Mutter des Mädchens, das ums Leben kommt, zu sehen ist sicher auch in diesem Film ein Genuss. Wunderschön, diese Szene im Hotel, in der sich in mir der Schalk regte: Endlich die Türkei, wie man sie sich wünscht, dieses orientalisch- plüschige Luxusambiente inmitten der heruntergekommenen (dritte Welt-?) Stadt, in der sie ihren alkoholisierten Nervenzusammenbruch mimt. Das ist Schauspielerhandwerk at it’s best, seh ich mir gerne an, gut geschnitten. Der Kühlschrank, der achtlos offen stehenbleibt. Schön auch, die Szene wie mit der Überwachungskamera starr aus der Zimmerecke zu filmen.
    Aber in einer der Schlüsselszenen des Films, in der sie die Schuldige des Dramas im Gefängnis besucht und in der Tränenreich von Schuld und Vergebung die Rede ist, fordert sie da Aufklärung um die Umstände, unter denen ihre junge Tochter sterben musste? Das geht mir zu glatt, ihre Trauer weckt nicht Wut und Wissenwollen, sondern den sozialen Fimmel. Nun will sie also den Unfug ihrer Tochter weitertreiben und ihre eigene Existenz aufs Spiel setzen, der Schuldigen am Tod der Tochter aus der Patsche helfen? Tut mir leid, das erschließt sich mir nicht.
    Solche Geschichten geschehen, ich weiß, aber ist es nicht zu dumm? Das weckt nicht meine Achtung oder mein Mitgefühl, sondern meine Empörung oder – meinen Spott. Auch die Abschlusszene, der Sohn vergibt seinem Vater nach Bibelexegesen, das ist doch so abgegriffen, blick hinaus aufs Meer! Ohgottogott jetzt auch noch Caspar David Friedrich.
    Endgültig abgedroschen und etwas vulgär diese Lesboszenen. Was bedeutet das eigentlich in der türkischen Kultur, wenn ein Mädchen diese Leidenschaften auslebt? Schon lecker, jaja, sieht man sich gerne an. Weg damit.
     

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    • lef
    • 08. Oktober 2008 16:45 Uhr

    leider kaum beachtet - von mir jeden Falls ein "Sehr gut"!! (Oktober 2008)

    • lef
    • 08. Oktober 2008 16:45 Uhr

    leider kaum beachtet - von mir jeden Falls ein "Sehr gut"!! (Oktober 2008)

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