Börsenspekulation Der gezähmte Zufall

Auf der Suche nach dem todsicheren System für den Börsenerfolg.

Edward Thorp ist ein Dompteur des Glücks. Ihm gelang, wovon jeder Glücksspieler und Spekulant träumt: Er zähmte den Zufall. 1962 veröffentlichte er das Buch Beat the Dealer. Darin erklärt der Amerikaner, wie man sich beim Blackjack einen systematischen Vorteil gegenüber dem Kasino erspielen kann. Sein Pech war nur, dass die Kasinos kurz darauf die Spielregeln änderten und sein System fortan nicht mehr funktionierte. Später versuchte sich der Mathematikprofessor auch an der Börse, er gründete einen Hedgefonds und versprach jährliche Gewinne von 15 Prozent.

Die Suche nach dem todsicheren System für die schnelle Million ist so alt wie das Zocken selbst, ob in der Spielbank oder an der Börse. Dabei weiß eigentlich jeder Spieler: Je sicherer das Geschäft, desto geringer der Gewinn. Nur wer große Risiken eingeht, hat die Chance auf die schnelle Million.

Doch wie immer, wenn es um die ganz großen Träume geht, lassen die sich vom gesunden Menschenverstand nichts anhaben. Zumal der gesunde Menschenverstand größte Probleme hat, mit dem Zufall umzugehen – er will nicht wahrhaben, dass er ihn nicht kontrollieren kann. »Die meisten Menschen können sehr schlecht mit Zufällen umgehen, sie haben ein miserables Konzept von Wahrscheinlichkeiten«, sagt die auf Entscheidungsprozesse spezialisierte Psychologieprofessorin Adele Diederich. Wenn Menschen Zufallsgenerator spielten und zufällige Zahlenreihen nennten, sei das Ergebnis »viel zu zufällig«. Selten nennten sie mehrmals hintereinander dieselbe Zahl – wie es der Zufall wollen würde. »Menschen suchen immer nach irgendwelchen Gesetzmäßigkeiten«, sagt Diederich.

Während sich der Glücksspieler komplett dem Zufall überlässt – und das fatalerweise oft nicht wahrhaben will –, agiert der Spekulant an der Börse nicht in einem informationsfreien Raum. Nach welchen Regeln soll er also spielen? Für den Zocker weniger interessant sind die altbekannten Börsentipps und Faustregeln wie »Hin und her macht Taschen leer«. Der Zocker will agieren, nicht abwarten. Er setzt nicht auf vielversprechende Portfolio-, sondern auf todsichere Handelsstrategien. Dumm nur, dass die sich oft diametral widersprechen: Soll er nun »nie in ein fallendes Messer greifen« oder »immer gegen den Strom schwimmen« oder auf »seinen Freund, den Trend« vertrauen?

Systeme und vermeintliche Gesetzmäßigkeiten verschaffen ihm die Illusion von Kontrolle. Klappt die sorgsam ausgetüftelte Strategie mal nicht, dann unterscheidet sich der pathologische Börsenzocker nicht vom pathologischen Glücksspieler. »Erfolge schreibt er sich und seinem System zu, Misserfolge aber den äußeren Umständen«, sagt Professor Gerhard Meyer vom Institut für Psychologie und Kognitionsforschung der Universität Bremen.

Spekulanten wollen genauso wenig wie Spieler einsehen, dass sie sich einem Prozess ausliefern, den sie nicht beeinflussen können. Allerdings: Während Kugel und Würfel kein Gedächtnis haben und daher das vorausgegangene Ergebnis nie auf das nachfolgende einwirkt, agieren an der Börse Menschen. Der menschliche Faktor hebt schon Poker aus anderen Glücksspielen heraus. Beim Poker kann der Spieler seine Vermutungen darüber berücksichtigen, was seine Mitspieler denken. Liegt er richtig, hat er einen strategischen Vorteil – das Blatt in seiner Hand ist dann gar nicht mehr so wichtig.

Gleiches gilt für die Börse: Was die anderen denken, ist entscheidender als die Fakten selbst. Natürlich wäre es schön, in die Glaskugel blicken zu können und früher als die anderen zu wissen, ob die EZB die Zinsen anheben wird. Viel bedeutender aber ist, richtig einzuschätzen, wie die Masse auf die Entscheidung der Zentralbanker reagiert. Eine Zinserhöhung, die die Börsianer entspannt aufnehmen, und eine, auf die sie hektisch reagieren, haben unterschiedliche Folgen. Schätzt man die Stimmung richtig ein, kann man rechtzeitig seine Entscheidungen treffen.

Auch die Chartanalysten leben vom menschlichen Faktor: Sie selbst bezeichnen sich zwar als »Techniker«, weil sie mit vielen mathematischen und geometrischen Formeln die Aktienkurse der Vergangenheit studieren und in ihnen die Zukunft vorauszusehen hoffen. Aber je mehr Menschen daran glauben, desto zutreffender werden ihre Prognosen. Weil sie eben genau diesen Prognosen entsprechend handeln: die klassische sich selbst erfüllende Prophezeiung.

Dauerhaft funktioniert nur die Wette auf das menschliche Fehlverhalten

An der Börse ist die einzig wirklich todsichere Methode, die Insiderinformation, illegal. Und die frei verfügbaren Informationen spiegelt der Preis längst wider, spätestens dann, wenn auch der Privatanleger davon gehört hat. »Das elementare Gesetz des Investierens ist die Unsicherheit der Zukunft.« Dieser Grundsatz, vom amerikanischen Ökonomen Peter Bernstein ironisch formuliert, lässt sich nun mal nicht überwinden, ohne kriminell zu werden. Zwei Elemente enthalte jede Börsenvorhersage, sagt Thomas Heidorn, Professor für Investmentbanking an der Frankfurt School of Finance & Management: »Zum Ersten: Geht der Kurs nach oben oder nach unten? Da liegen noch viele richtig.« Aber: Beim zweiten Punkt, der Stärke der prognostizierten Bewegung, verschätzen sie sich häufig.

Ist das Geheimnis also die Methode der Day-Trader, die in Sekundenschnelle auf die Kursentwicklung reagieren, kaufen und verkaufen? »Als Day-Trader kann man nur erfolgreich sein, wenn man immer der Schnellste ist«, sagt Heidorn. »Und es ist sehr schwer, diesen Geschwindigkeitsvorsprung dauerhaft zu halten.« Sein Ergebnis: Das Einzige, was dauerhaft funktioniert, ist die Wette auf das menschliche Fehlverhalten.

Die Analyse menschlichen Fehlverhaltens hat dem israelisch-amerikanischen Psychologen Daniel Kahneman im Jahr 2002 den Wirtschaftsnobelpreis eingebracht. In dem gemeinsam mit Amos Tversky veröffentlichten Aufsatz Prospect Theory: An Analysis of Decision under Risk lieferte er einen entscheidenden Beitrag zur Entwicklung der sogenannten Behavioral Finance.

Verluste schmerzen stärker, als Gewinne Freude machen

Die Grundidee: An der Börse interagieren Menschen, und die machen systematisch Fehler, gerade unter den Bedingungen von Risiko und Unsicherheit. Sie sind weit entfernt vom Verhalten des Homo oeconomicus. So neigen sie dazu, ihren Gewinn nicht absolut zu sehen, sondern relativ zum Einstand. Verluste schmerzen sie etwa zweieinhalbmal so stark, wie Gewinne sie erfreuen. Sie realisieren Gewinne zu früh und lassen Verluste in der Hoffnung auf eine Kurserholung zu lange laufen. Deswegen verbuchen sie häufig viele kleine Gewinne und wenige große Verluste. Die Strategie der Behavioral Finance zielt nicht darauf ab, den Markt auszutricksen, auch nicht darauf, schneller und mehr richtige Entscheidungen zu treffen, sondern schlicht darauf, weniger falsche Entscheidungen zu treffen. Ihr Ziel ist die Disziplinierung des Anlegers. Er soll nicht auf seinen Bauch hören, stattdessen will sie ihn dazu zwingen, Fehler zu vermeiden.

Vielen ist das einfach zu langweilig – abgesehen davon, dass es schwieriger ist, die eigene Intuition auszuschalten, als es klingt. Abenteuerlicher und vielversprechender klingen Geschäfte, bei denen man Aktien, Optionen und Futures derart todsicher kombiniert, dass eigentlich nichts schiefgehen kann. So gewinnt der Anleger beispielsweise sowohl bei steigenden als auch bei fallenden Kursen, wenn er zugleich eine Kauf- und eine Verkaufsoption erwirbt. Wenn der Kurs sich dann deutlich in die eine oder andere Richtung bewegt, übersteigt der Gewinn schnell die Kosten beider Optionen. Pech ist nur, dass der Kurs sich nicht immer deutlich bewegt. Dann verfallen beide Optionen, und der todsichere Gewinn verwandelt sich in einen Verlust.

Doch es gibt den sicheren Gewinn, Bei Arbitrage-Geschäften werden Preisunterscheide zwischen Märkten genutzt, praktisch risikofrei Gewinne zu erzielen: hier billig eingekauft, dort zeitgleich etwas teurer verkauft. Arbitrage ist auch das Geheimnis hinter dem erfolgreichen Hedgefonds des Blackjack spielenden Mathematikprofessors Thorp. Aber: Auch die Wirkung der Arbitrage hebelt sich selbst aus. Wenn günstig erworbene Papiere woanders zu einem höheren Preis abgestoßen werden, passen sich die Preise auf den Märkten gerade deshalb einander an. Zumal sich in einer Welt, in der Informationen praktisch überall zeitgleich verfügbar sind, auch die Arbitrage-Möglichkeiten verringern. Um hier Millionär zu werden, muss der Investor schon sehr große Summen anlegen. Das todsichere System ist das also auch nicht. Und falls es das System doch geben sollte, dann bleibt es eines der bestgehüteten Geheimnisse der Welt.

 
Leser-Kommentare
    • DaGaMs
    • 09.10.2007 um 11:36 Uhr
    1. Bild

    Aehem, also, ich bin mir ziemlich sicher, dass da auf dem Bild Roulette und nicht Black Jack gespielt wird...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Das stimmt, das ist ein Roulette-Tisch.

    ja, ja, DIE ZEIT ist nicht mehr das, was sie war als die Gräfin noch lebte.
    Eigentlich Schade, das Niveau sinkt rapide.

    Das stimmt, das ist ein Roulette-Tisch.

    ja, ja, DIE ZEIT ist nicht mehr das, was sie war als die Gräfin noch lebte.
    Eigentlich Schade, das Niveau sinkt rapide.

  1. Das stimmt, das ist ein Roulette-Tisch.

    ja, ja, DIE ZEIT ist nicht mehr das, was sie war als die Gräfin noch lebte.
    Eigentlich Schade, das Niveau sinkt rapide.

    Antwort auf "Bild"

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  • Quelle DIE ZEIT, 27.09.2007 Nr. 40
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