Bühne"Hat sich alles nicht gelohnt"

Harald Schmidt hat 30 Jahre gebraucht, um dort anzukommen, wo er wirklich hinwollte. Ein Gespräch über die Umwege des Lebens und das Glück des Theaters

DIE ZEIT: Herr Schmidt, Sie haben den »Deutschen Herbst« in Stuttgart erlebt. Nun inszenieren Sie ein Stück über jene Zeit, es heißt Elvis lebt. Und Schmidt kann es beweisen (Premiere ist am 12. Oktober). Es handelt von einem Elvis-Presley-Liederabend im Stuttgarter Schauspiel, den Sie 1977 mehr als ein Dutzend Mal gesehen haben. Haben Sie etwa, indem Sie mit Elvis swingten, die deutsche Geschichte verpasst?

Harald Schmidt: Ich hatte 1975 meine Kriegsdienstverweigererverhandlung im Stuttgarter Kreiswehrersatzamt. Und im Wartezimmer fiel der Satz: Ha, I han mir Tipps vom Schily für die Verhandlung g’holt, Supertipps! Da hörte ich den Namen Schily zum ersten Mal. So funktioniert dieses Stück über die RAF und über Elvis. Der persönliche Bezug – bin ich. Ich habe als Schüler meine ganze Oberstufe hier im Theater verbracht – am frühen Abend fuhr ich immer von Nürtingen nach Stuttgart, und um 23.08 Uhr musste ich wieder am Stuttgarter Bahnhof sein, um den letzten Zug nach Nürtingen zu kriegen.

ZEIT: Zur Zeit der Schleyer-Entführung waren Sie Schauspielschüler in Stuttgart. Wie war da die Stimmung?

Schmidt: Auf der Schauspielschule konnte man sich nicht leisten, nur in Abstufung Sympathisant zu sein. Das galt als bürgerlich. Man musste sagen: Die Mittel der RAF sind ein bisschen unschön, aber: tolle Ziele.

ZEIT: Was haben Sie gemacht? Geschwiegen?

Schmidt: Ich habe geschwiegen bis gegrunzt. Klar, Ausbeutung, Industriebosse… aber es war mir eigentlich vollkommen wurscht, ich wollte Schauspieler des Jahres werden in Theater heute. Dieses ganze Politgeschwurbel hab ich nur mitgemacht. Ich habe Nestroy-Couplets einstudiert, die anderen haben alle Hamletmaschine geprobt… ich konnte mich allerdings nur bis zu einem gewissen Grad verstellen, das liegt wahrscheinlich in meiner DNA. Ich wurde als oberflächlich gesehen, als einer, der ins Showgeschäft will. Das war ein tierischer Kontrast. Die Schüler nebenan probten Heiner Müller: (röchelnd) »Mutter, Fotze…« während ich mit dem Strohhut auf dem Kopf zu steppen versuchte.

ZEIT: Sie haben es über den Umweg des Fernsehens ins Theater geschafft…

Schmidt: Wenn ich mir jetzt überlege, wo ich damals hinwollte, als ich in Nürtingen zum Bahnhof rannte, um den Zug nach Stuttgart zu kriegen – dann wollte ich genau hierhin, genau hier dem Portier zunicken und sagen: (blasiert) »Falls was ist, ich probe gerade.« Es sind ja noch die gleichen Stühle im Zuschauerraum. Ich gehe da drin rum, als hätte ich dort gewohnt. Im Grunde hat genau hier meine Pubertät stattgefunden. Mein Traum war es, hier zu spielen (deutet aufs Stuttgarter Schauspielhaus) und da zu wohnen (deutet aufs Schlossgartenhotel). Hier hat Minetti gewohnt. Hier hat Peymann zu Minetti gesagt: Gut, Bernhard, wir hören früher mit der Probe auf, dann kannst du beim Pförtner Champagner trinken und Fußball gucken.

ZEIT: Heute übertrifft Ihr Ruhm den aller Theaterspieler, die Sie damals bewunderten.

Schmidt: Ich habe 30 Jahre gebraucht, um mich in dieses Theater reinzutrauen. Ich saß ja in Augsburg, dorthin wurde ich nach der Schule engagiert, und habe nichts zu spielen gekriegt. Ich war zwar der Schauspieler mit den meisten Vorstellungen, aber nur in Scheißrollen. Schon im ersten Jahr habe ich mich überall beworben, ich schrieb 50 Theater an und bekam keine einzige Antwort.

ZEIT: Es gab ja keine Videoproben Ihres Könnens.

Schmidt: Nein. Ich schrieb also: Sehr geehrter Herr Zadek, kommen Sie doch mal nach Augsburg, ich kann Ihnen auch ein günstiges Hotel nennen, damit es nicht so teuer wird. Kein Wunder, dass der den Brief wegwarf. Also sitzt man in der Kantine und fängt an, über das Theater herzuziehen. Da hat man die Lacher. Und man bekommt sofort Kontakt zu den gefrusteten alten Alkoholikern des Theaters.

ZEIT: Man wird deren Sprecher…

Schmidt: Man sitzt dann da unten, die anderen proben oben, und man selbst gibt die Kantinenvorstellung… ich hatte das Riesenglück, da noch mal herauszukommen. Denn sonst wäre ich wahrscheinlich im Vollsuff an einer Landesbühne geendet. Ich bin heute exakt da, wo ich immer hinwollte. Ich wollte auch nie den Lear spielen, sondern ich wollte vorne stehen und sagen: »Good evening, Ladies und Gentlemen, ich bin Elvis.« Manchmal frage ich mich: Was will mir das Schicksal sagen, dass sich nach exakt 30 Jahren dieser Kreis schließt?

ZEIT: War es für Sie je vorstellbar, in die Richtung Andreas Baaders zu gehen?

Schmidt: Niemals.

ZEIT: Auch wenn Sie Leute getroffen hätten, die Sie nicht durch verbalen Mut hätten beeindrucken wollen, sondern durch Handlungsmut?

Schmidt: Nein. Es ist für mich ausgeschlossen zu schießen. Und zu einer Partisanenexistenz hätte ich keine Lust gehabt. Ich hätte nie Bock gehabt, in einer WG zu wohnen. Die gewisse Schmuddligkeit, die mit so einem RAF-Leben verbunden ist…

ZEIT: Zweimal die gleiche Unterhose tragen müssen…

Schmidt: Ja, und sich verstecken… da war ich keine Sekunde lang gefährdet…

ZEIT: Dennoch strahlen Sie eine gewisse Furchtlosigkeit, eine Systemresistenz aus.

Schmidt: Aber eindeutig im Rahmen des Grundgesetzes. Ich hatte nie den Ehrgeiz, jemanden zu befreien oder ein System zu verändern. Ich wollte genau in dem System an die Spitze kommen.

ZEIT: Warum?

Schmidt: Das hat mit meiner Herkunft zu tun. Ich komme aus einem Angestelltenhaushalt, wo der Staat, die Hierarchie, die Titel unhinterfragbar sind. Mein Vater war Angestellter in Stuttgart, 40 Jahre lang, und wenn ich mit ihm Zug fuhr, raunte er mir manchmal zu: Ah, da sitzt Oberregierungsrat Dr. Müller. Sehr nett, hat A12. Die Welt war in Gehaltsklassen unterteilt. Aus so einer Prägung heraus wäre es unvorstellbar gewesen, meinen Eltern die Schmach anzutun, dass sie mich irgendwann im Amtsgericht Nürtingen besuchen, wo ich wegen Autodiebstahl vernommen werde…

ZEIT: Hat man Sie einen Spießer genannt an der Schauspielschule?

Schmidt: Bürgerlich! Reaktionär! Man sitzt eigentlich da und weiß, man ist Shakespeare, muss aber so tun, als würde man nichts lieber tun, als jetzt in einem vollgesifften VW Bus zu übernachten. Woody Allen hat mal gesagt: Mozart wusste schon mit fünf, dass er Mozart ist. Und das ist so. Ich wusste einfach: Wenn ich warm werde, lacht der Saal.

ZEIT: Sie haben mal gesagt, die größte Pointe sei die ungesagte…

Schmidt: …die Pointe, die vom Zuschauer zu Ende gedacht wird…

ZEIT: Das ist ein dreifacher Gedankenschritt: Man sucht die Pointe, man findet sie, und man beschließt, sie nicht zu bringen…

Schmidt: Genau. Und Sie brauchen jemanden, der kapiert, dass Sie ’ne Pointe gerade nicht sagen.

ZEIT: Dieses Publikum gibt’s?

Schmidt: Ja, meins. Ich habe ungefähr eine Million Zuschauer, die meine Sachen verfolgen. Und die wissen, was gemeint ist. Aber das ist das Ergebnis einer langjährigen gegenseitigen Schulung.

ZEIT: Eine Schule der Entwöhnung.

Schmidt: Damit die Zuschauer wissen, was ich verschweige, muss ich das Verschwiegene früher schon fünfmal gesagt haben. Wenn man mit Leuten wie Olli Dittrich zusammensitzt, dann kann es sein, dass eine Bemerkung fällt, und dann tut sich so eine Pause auf, wie eine Synkope, es schwebt was in der Luft, und dann wissen beide: Ah, da wäre jetzt die Pointe – wenn wir sie aussprächen.

ZEIT: Sie waren acht Jahre lang bei Sat.1 fast an jedem Werktag auf Sendung. Besitzen Sie noch die Aufzeichnungen Ihrer Sendungen? Sehen Sie manchmal rein, so wie Becketts Krapp aus dem Einakter Krapps Last Tape in seine alten Tonbänder hineinhört und sich in die Vergangenheit versenkt? Gibt es Schmidts Last Tape?

Schmidt: Ich hab diese Bänder, aber ich gucke nie rein. Es ist grauenhaft, das wiederzusehen. Das entstand ja für den Tag, und ich finde es heute schlecht. Es ist so veraltet. Ich habe die ersten 150 Sendungen auf Kassette mit nach Hause genommen, der Rest steht im Archiv. Ich könnte auf jede Sendung sofort Zugriff haben, aber ich käme nie auf die Idee.

ZEIT: Aber viele Künstler machen das: Sie schwelgen im Lebenswerk. Gegen diese Art Sentimentalität sind Sie gefeit?

Schmidt: Warum sollte ich mich mit einem Band beschäftigen, in dem vom Streit zwischen Lothar Matthäus und Mario Basler die Rede ist, wenn gleichzeitig Tom Cruise Stauffenberg spielt?

ZEIT: Und uns von unserer Vergangenheit erlöst?

Schmidt: Genau. War es nicht herrlich, wie die FAZ da durchgedreht ist? Besuch bei den Dreharbeiten. Wir sind dankbar! Tom Cruise hat Stauffenberg in die Reihe seiner großartigen Figuren aufgenommen! Ich hab mich dann gefragt, ob Ron Hubbard bald als Mitherausgeber bei der FAZ genannt wird. Außerdem muss der RAF-Stoff dringend als Musical verfilmt werden. Baader muss singen! Vielleicht hat Tom Cruise Zeit.

ZEIT: Ich habe den Eindruck, dass Provokationskünstler oft aus sehr behüteten Verhältnissen kommen, bei Schlingensief ist es so, bei Ihrem künftigen Showkompagnon Oliver Pocher, bei Ihnen selbst. Können Sie so weit gehen, weil Sie die Erfahrung gemacht haben: Sie werden nicht verstoßen?

Schmidt: Ja. Man hat ein klares Wertesystem im Hintergrund, das man ein bisschen aufwirbelt. Man planscht in der Badewanne, bis das Wasser überschwappt, aber man zündet nicht das Haus an.

ZEIT: Stichwort Wertesystem. Wie empfinden Sie die Hüter der deutschen Sicherheit, den ehemaligen Innenminister Schily und den aktuellen Innenminister Schäuble? Welche Rollen spielen die?

Schmidt: Schily ist für mich immer eine klassische Büchner-Figur gewesen, ein echter Jakobiner. Er trug auch als RAF-Verteidiger Manschettenknöpfe unter der Robe. Heute wird immer gefragt: Wie konnte so einer RAF-Verteidiger sein und später Innenminister werden? Ich finde das gar nicht widersprüchlich. Schily hat immer aufseiten des Systems gekämpft. Auch die Verteidigung der RAF-Leute war eine rechtsstaatliche Funktion – sein Handeln, bis ins Extrem durchgezogen, zeigte immer nur zwei Seiten derselben Münze.

ZEIT: Er setzte das System dem Belastungstest aus?

Schmidt: Ja, und er ist eigentlich auch ein bisschen größer als das System. Während Schäuble für mich eher eine Shakespeare-Figur ist, oder Grillparzer: König Ottokars Glück und Ende. Also extrem kalter Verstand mit einem Hauch badischer Gemütlichkeit. Man weiß ja immer, wenn es ihn besonders anwidert, hat er immer so ein verständnisvolles Lächeln drauf. Er ist jemand, der das System spielt: Welche Möglichkeiten bietet der Rechtsstaat: Flugzeugabschuss, Onlinedurchsuchung. Gerade hatte man Luft geholt, da kam die Nummer: Atomschlag. Allerdings mit dem wirklich schönen Satz: Es nützt nichts, wenn wir uns die Zeit bis dahin auch noch verderben. Großartig! Das ist herrliches Lehrmaterial für Schauspieler. Wie spielt man so etwas? Auf keinen Fall polternd. Schäuble sehe ich wahnsinnig gern. Er hat sich als seine eigene Figur erfunden.

ZEIT: Das bringt mich auf einen Satz, den die Politologin Karin Wieland, in Anlehnung an Albert Camus, über Andreas Baader geschrieben hat. »Der Dandy erschafft sich selbst durch die Weigerung und die Verneinung. Sein Leben kann er nicht leben, deshalb spielt er es vor. Dazu braucht er das Publikum, das er in immer neuen Inszenierungen reizt.« Karin Wieland meinte Baader. Aber aus irgendeinem Grund fielen Sie mir ein…

Schmidt: Hahaha… ich fände es toll, ein Dandy zu sein. Aber es ist zu anstrengend. Was ich allerdings tue: Ich lege mir Rollen zurecht für die Öffentlichkeit. Ich habe es gern, wenn ich weiß, welche Vorstellung gleich anfängt. Jetzt hab ich ein Interview mit der ZEIT; dann muss ich vielleicht zum WDR, und dann hol ich die Kinder aus dem Kindergarten ab. Ich hab mal in der taz über mich gelesen, mich selber gäb’s gar nicht, ich würde zu allen Veranstaltungen nur meine Referenten schicken. Das sag ich auch manchmal zu Hause: Da geh ich gar nicht hin, da geht mein Referent hin. Ich bin gern eine Kunstfigur. Das macht den Alltag so leicht.

ZEIT: Sie haben auch schon das Garnichtstun ausprobiert. Käme das langfristig für Sie infrage?

Schmidt: Das habe ich versucht, aber nicht gekonnt. Ich habe aber viel zu lange Arbeit mit Fernsehen gleichgesetzt. Jetzt mach ich nur noch, wozu ich Lust habe. Und das heißt: Bühne. Solange das Fernsehen noch läuft, ist das ganz nett, aber ich möchte nicht mehr 160 Sendungen im Jahr machen. Mir reichen 22. Ich brauche ein halbes Jahr Abstand, um vom Fernsehen zu entgiften. Es ist quälend.

ZEIT: Aber Sie strahlen im TV Leichtigkeit, Mühelosigkeit aus…

Schmidt: Das kommt von diesem Leck-mich-am-Arsch-Gefühl. Aus dem Gefühl: Schmeißt mich doch raus! Es war mir wirklich egal.

ZEIT: Auch wenn eine Million Leute zusehen und denken: Er bringt es nicht mehr!

Schmidt: Das war völlig okay. Ich hab einfach gesagt: Holt euch doch ’nen Besseren. Ich war auch schon so oft gut, und da habt Ihr nicht geguckt…

ZEIT: Sie arbeiten in Stuttgart jetzt mit Bühnenschauspielern. Wie lässt sich das an?

Schmidt: Es ist toll. Es bedeutet, mit Leuten zu arbeiten, die ihren Job können; die von Probe zu Probe Sachen weiterentwickeln. Im Fernsehen gilt ja doch eher: Er kann nichts, könnte aber Kult werden. Es ist erholsamer, in einer Atmosphäre zu arbeiten, wo alle theatermäßig ticken – vom Pförtner über die Bühnenbildnerin zur Regieassistentin. Es gibt da eine Art geheimer Verständigung. Es ist klar, was man macht und was man nicht macht… Beim Fernsehen ist es immer so: Ein paar Leute sitzen um ein leeres Blatt: Was machen wir denn jetzt? Sie erfinden »neue Konzepte«. Sie fragen sich: Ah, ob das die Masse so versteht? Darum hab ich mich nie gekümmert! Und mittlerweile ist es mir vollständig egal. Die Masse hat doch genug, das sie versteht!

ZEIT: Verfolgen Sie das aktuelle Theater?

Schmidt: Kürzlich habe ich einen René-Pollesch-Abend gesehen. Den fand ich toll, aber ich habe gemerkt, dass ich die letzten 30 Jahre im Theater verpennt habe. Für mich war bis vor Kurzem die wichtigste Jungschauspielerin Therese Affolter…

ZEIT: Peymanns Gretchen aus dem Faust der siebziger Jahre…

Schmidt: Ja, das nackte Gretchen – mittlerweile geht sie auf die 60 zu.

ZEIT: Herr Schmidt, wie geht es eigentlich Ihren Eltern mit Ihrem Ruhm?

Schmidt: Völlig normal. Sie wohnen immer noch in Nürtingen. Dort ist es absolut unangestrengt, weil mich jeder kennt: Servus, bisch mol wieder do? Komischerweise fall ich dort sofort in die Zeit zurück, als wär ich 15: Die Leute duzen mich, und ich sieze die natürlich. Mir hen di fei gseha! Bring amol a Foto vom Beckenbauer mit. Jeder wohnt noch da, wo er früher gewohnt hat, und ich kenn über meine Mutter auch die ganzen Krankheitsgeschichten…

ZEIT: Man hätte eigentlich gar nicht weggehen müssen? Man könnte sich vorstellen, die ganze Karriere sei nur ein Traum gewesen?

Schmidt: Im Grunde ja. Im Grunde ist es so, als wäre ich nie weggewesen. Und oft denke ich auch: Ich hätte nicht weggehen müssen. Vor einiger Zeit lag ich in der Badewanne bei meinen Eltern, es war Samstagabend, 18 Uhr, die Glocken läuteten wie vor 40 Jahren, und das hat mich in meine Vergangenheit zurückkatapultiert. Und ich dachte mir: Hat sich eigentlich alles nicht gelohnt. Das fand ich total entspannend. Man kennt jetzt Franz Beckenbauer, und Horst Köhler gibt einem die Hand, irgendwie schön. Aber: dafür dieser ganze Aufwand?

ZEIT: Aber was hätten Sie anders gemacht, wenn Sie dieses Wissen, dass es sich nicht lohnt, schon als junger Mann gehabt hätten? Hätte es Sie ruhiger gemacht?

Schmidt: Nee, weil man ja glaubt, man hätte Irrsinniges versäumt, wahrscheinlich.

ZEIT: Aber was man zu versäumen glaubt, ist Sex, oder? Der Sex, den die Berühmten angeblich haben.

Schmidt: Im Grunde ja. Das ist eigentlich die absolut einzige Motivation, auf eine Bühne zu gehen. Die wirklich interessanten Leute geben das auch zu. Ich wollte Texte überprüfen? Ach Quatsch, ich wollte an Weiber ran. (lacht) Und deswegen nimmt man den ganzen Stress auf sich … und sagt dann: eigentlich (lange Pause, dann lachend), eigentlich hat sich auch das nicht gelohnt.

Das Gespräch führte Peter Kümmel

»Ich traue mich jetzt erst ins Theater«, sagt harald Schmidt. Am 12. Oktober wird er seinen Lieder- und Erinnerungsabend »Elvis lebt…« in Stuttgart uraufführen

»Ich brauche ein halbes Jahr Abstand, um vom Fernsehen zu entgiften. Es ist quälend«»Oft denke ich: Ich hätte gar nicht weggehen müssen aus Nürtingen«

 
Leserkommentare
    • Devin
    • 29.09.2007 um 15:14 Uhr

    Der Harald Schmidt ist so genial – so ein genial verschrobener Phlegmatiker: „Hat sich alles nicht gelohnt“, und doch dabei - phlegmatisch wie er ist - übersehen, dass er nur durch diesen Umweg (diese Anstrengung – wider Willen) seinen einzigartig unartigen Blick für die alltäglichen Wahrheiten bekommen hat, die er sonst wohl am liebsten verpennt hätte. Und er rächt sich so an der Gesellschaft, die ihn zu dieser Anstrengung gezwungen hat, dass er - eigentlich kein Revolutionär - nur revolutionäres sagt. So auch das, was er da über den Schäuble loslässt, dass der sich nämlich selbst inszeniert. Ich habe ähnliches an anderer Stelle gesagt, aber nicht nur auf den Schäuble allein bezogen: nämlich, dass diese Herrschaften auf des Volkes Meinung einen Sch… geben, ja diese als solche gar nicht wahrnehmen, und zwar erstens, weil wir ehe schon verschiedene Sprachen sprechen, zweitens aber, weil sie sich in ihrem Schauspiel von der Kritik nicht beirren lassen. Das (Anti-)Terroristen-Spektakel wird durchgezogen – in allen Akten -, egal ob das Volk („die Kritik“) das glaubt oder nicht! Die Hauptsache die Inszenierung ist glaubhaft. Das ist ihr einziger Ehrgeiz, den sie da, angetrieben von der „Kritik“ – wofür bezieht man sein Politikergehalt?- noch haben. Ihre virtuelle Welt erscheint ihnen längst realer, als die wirkliche – die vom Volk bewohnte.

  1. Bringen wir es doch auf den Punkt: es kommt in der Politik niemals drauf, was man sagt, sondern wie man es sagt.

  2. Bin geneigt zu glauben, dass die Entgiftung tatsächlich stattgefunden hat. Irgendwie scheint es mir fast, als hätte die Zeit diesmal ein Gespräch mit einem Menschen geführt, keins, in dem eine Kunstfigur einen fremden Text spricht. Vielleicht war es ja wirklich das Theater, das Harald Schmidt immer gewollt hat, und die TV-Bühne war nur ein Ersatz. Wäre schön für ihn, würde Theater wieder populär werden. Es gibt schließlich noch andere Gefühle neben der Schadenfreude und die Themen des Theaters sind zumindest länger haltbar, als die der Tagespolitik. Mag sein, die Theaterbühne ist in seinem speziellen Fall gut gegen Berufsmüdigkeit. Und wenn nicht - zum Säufer kann er immer noch werden.

    • Devin
    • 29.09.2007 um 21:20 Uhr

    @DerFeuerbach: Wenn Sie es so zuspitzen, würde ich eher sagen:
    W e r es sagt!

    • Mus
    • 29.09.2007 um 23:56 Uhr
    5. schade

    Schade- ich fand das Interview eigentlich prima... aber dann kam die letzte Frage/Antwort. Inakzeptabel. Wenn Herr Schmidt das denkt- bitte schoen. Aber so eine Frage, die eben mal die Haelfte der Menschen als Objekt hinstellt, moechte ich in einer grossen deutschen Zeitung nicht lesen.

  3. Schmidt hat unfraglich schauspielerisches Talent und viel Humor. Aber noch bemerkenswerter ist sein Talent als Unternehmer. Er hat fruehzeitig erkannt, dass man in Deutschland mit einer guten Mischung von Johnny Carson und David Letterman und einer Dosis Oprah Winfrey eine Menge Geld verdienen kann. Und das hat er dann ja auch getan. Jetzt kann er sich gelassen dem Theater widmen.

    Auch von meiner Seite herzlichen Glueckwunsch.

    • Devin
    • 30.09.2007 um 13:59 Uhr

    @mus: Ich bin mir fast sicher, dass Sie das falsch verstanden haben. Wenn ein Harald Schmidt so über seine erotischen Erlebnisse urteilt, dann sollte man sich nicht an dem Gesagten reiben, und dies als männlich chauvinistisch, also dies womöglich fehlinterpretieren. Denn – und das hat er uns ja auch verraten. Die Pointe liegt im Nichtgesagten! Und die wäre dann wohl die weibliche Perspektive hierüber und über ihn: „Hat sich alles nicht gelohnt“ – nämlich.

  4. Bin zwar immer noch kein Schmidt-Fan, aber da hat meine Zustimmung:
    "War es nicht herrlich, wie die FAZ da durchgedreht ist? Besuch bei den Dreharbeiten. Wir sind dankbar! Tom Cruise hat Stauffenberg in die Reihe seiner großartigen Figuren aufgenommen! Ich hab mich dann gefragt, ob Ron Hubbard bald als Mitherausgeber bei der FAZ genannt wird. Außerdem muss der RAF-Stoff dringend als Musical verfilmt werden. Baader muss singen! "

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  • Quelle DIE ZEIT, 27.09.2007 Nr. 40
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