Klassik : Ich bin eine deutsche Seele

Ingo Metzmacher, der neue Chefdirigent des Deutschen Symphonieorchesters Berlin, will am Tag der Deutschen Einheit den Antisemiten Hans Pfitzner aufführen. Ein Gespräch über das Deutsche in deutscher Musik

DIE ZEIT: Herr Metzmacher, in Ihrer ersten Spielzeit als Chefdirigent des Deutschen Symphonieorchesters in Berlin begeben Sie sich auf die Suche nach der "deutschen Seele". Warum?

Ingo Metzmacher: Weil ich selbst eine bin.

ZEIT: Woran merken Sie das?

Metzmacher: Ich bin auf der Suche nach dem, was das Deutsche ausmacht. Wo komme ich her? Worin wurzele ich als Musiker? Das sind Fragen, denen ich schon lange nachgehe. Ich habe sehr viel von meinem Vater gelernt, der ja auch Musiker war. Er hat in den zwanziger Jahren in Leipzig studiert, noch bei Julius Klengel. Da war Max Reger gerade tot, und es wurde, als mein Vater dort war, von ihm erzählt, als würde er noch leben. Es ist eine sehr deutsche Tradition, in der ich groß geworden bin. Als sich jetzt abzeichnete, dass ich nach Berlin gehen würde, war es ein spontaner Impuls, das Deutsche in der Musik in einer Konzertserie zu erforschen. Wir werden Hans Pfitzner und Kurt Weill aufführen, Schumann, Liszt, Eisler, Beethoven, Mendelssohn, Henze.

ZEIT: Ist denn die Frage nach dem Deutschen in der Musik im Moment besonders aktuell?

Metzmacher: Klar. Spätestens die Fußballweltmeisterschaft im vergangenen Jahr hat doch gezeigt, dass man an solche Fragen offener und unbefangener herangehen kann.

ZEIT: Sie glauben also daran, was viele behaupten: Die Fußball-WM hat den Deutschen die Selbstversöhnung gebracht?

Metzmacher: Ich glaube nicht, dass sich durch die WM alles geändert hat. Das war schon vorher anders, aber die WM war der Moment, wo das ganz natürlich herauskam.

ZEIT: Und deshalb führen Sie nun am Tag der deutschen Einheit Hans Pfitzners romantische Kantate Von deutscher Seele auf. Was interessiert Sie plötzlich an Pfitzner?

Metzmacher: Ich habe um Pfitzner immer einen großen Bogen gemacht. Ein Freund hat dann mal eine CD mit Orchesterliedern aufgelegt. Ich war ganz beeindruckt und hab gefragt: Was ist das? Es war Pfitzner. Ich dachte mir, aha, siehst du, man muss halt erst mal die Musik hören, bevor man urteilt. Es gibt auch eine Geschichte mit meinem Vater, der Pfitzner kannte und mit ihm in den zwanziger Jahren musiziert hat.

ZEIT: Und was hat Ihr Vater über Pfitzner erzählt?

Metzmacher: Dass er immer grantig war, wenn man zu spät kam.

ZEIT: Hat er ihn als positive oder negative Figur geschildert?

Metzmacher: Mein Vater hat ihn sehr geschätzt, mir gegenüber aber nicht so viel von ihm erzählt. Von meiner Mutter weiß ich, dass er immer sehr gerührt war von Pfitzners Musik.

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