Contenance, das ist Contenance, hätte meine Großmutter gesagt, und James Sallis, der in sei-nem überbordenden Werkverzeichnis auch Über-setzungen aus dem Französischen ins Englische aufführt, hätte diesen Kommentar der alten Dame verstanden, aber nicht gebilligt.

Es ist mehr als das »Haltung bewahren« einer auf Manieren getrimmten Upperclass, das Driver zeigt. Er sitzt in Phoenix, Arizona, auf dem Boden, den Rücken an der Zimmerwand, und beobachtet: »Das Blut sickerte aus der Frau, die sich Blanche nannte und behauptet hatte, aus New Orleans zu stammen.« Während das Blut der Frau weiter auf dem Boden verläuft, schweift der Blick Drivers über das Schlachtfeld. Ein Toter im Bad, von Drivers Rasierklinge erwischt, ein Toter an der Tür, in die Ladung der Schrotflinte gelaufen, mit der zuvor Blanche erwischt worden war. Und dann bemerkt er das scharrende Geräusch: »Es dauerte eine Weile, bis er begriff, dass es sein eigener Arm war, der zuckte, seine Knöchel, die auf den Fußboden klopften, seine Finger, die scharrten, wenn die Hand sich zusammenzog.«

Gerade einmal 160 Seiten umfasst James Sallis’ Thriller Driver (aus dem Englischen von Jürgen Bürger; Liebeskind, München 2007; 160 S., 16,90 €), es ist ein Roman in Pillenform. Der amerikanische Originaltitel Drive gibt in seiner vieldeutig präzisen Unbestimmtheit genau wieder, worum es geht: um die Lebenshaltung und die Lebensbahn eines Mannes, der immer in Bewegung ist, damit ihn das Leben nicht überrollen kann. Driver ist Stuntman in Hollywood, einer der besten Fahrer. Beobachten, sich selbst und die ebenso seltsam wie gewalttätig erscheinende Welt, hat Driver fast unerschütterlich gemacht. Er hat gelernt: »Das Leben schickt uns ständig Botschaften – und sieht dann gemütlich zu und lacht sich einen darüber ab, dass wir unfähig sind, aus ihnen schlau zu werden.«

Die Geschichte, die Sallis erzählt, ist mit weni-gen Worten wiedergegeben: Ein Mann gerät in ein amateurhaftes Komplott, entkommt dem Desaster und rächt sich an den Hintermännern, weil diese nicht fähig sind, mit der Gewalt aufzuhören. Es ist der alte amerikanische Mythos vom lonesome rider, der sein eigenes Gesetz und Maß in sich trägt. Aber wie Sallis die Geschichte erzählt, ist absolut meisterhaft. Verwoben in die mit Vor- und Rückblenden, gleichsam mit ruckender Kamera erzählte Geschichte des gescheiterten Raubüberfalls auf einen Laden sind Bruchstücke aus Drivers Biografie. Shots auf das familiäre Ursprungschaos: die verrückte Mutter, die dem Vater beim Abendbrot das Ohr absäbelt. Wie Driver lernt, aus der Beobachtung zu leben: nie etwas sagen, nie voreilig handeln. Bis er seinen eigenen Weg gehen kann. Exakte Beobachtungen vom Set konstituieren die Figur als Handwerker der Perfektion: Driver liest Drehbü-cher nur aus Langeweile, zur gedanklichen Anre-gung, seine Arbeit ist pure Technik: Gas-Bremse-Kombinationen, Rockford-Wende.

Und der Bruch mit dem Mythos. Driver, der seine Einsamkeit mit dem superangesagten Drehbuchautor Manny teilt, in bizarren, verworrenen Gesprächen über Paul Celan, Borges und Virginia Woolf. Driver, der am Ende seines aufgezwungenen Krieges um den letzten Feind trauert. Driver, der nie verstanden hat, was in seiner Familie los war.

Wäre in diesem Roman nicht alles in Bewe-gung, könnte man sagen: Sallis meißelt ein letztes Mal, und diesmal in Vollkommenheit, an einer Wiederbelebung des perfekten einsamen amerikanischen Helden. Doch die Splitter, die bei dieser Bildhauerei in Bewegung abfallen, sind Fragmente aus längst schon gesehenen Bildern. Die Botschaft dieses grandiosen Thrillers ist sein Medium: Driver überlebt als Movie.